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Wer hat nicht irgendwann auch schon einmal abgeschrieben? / Auf der Suche nach Plagiatsgeständnissen

Weit mehr als kopierte Doktorarbeiten

Ja, ich habe plagiiert. Es ist fast genauso lange her wie das Plagiat unserer zurückgetretenen Wissenschaftsministerin, es war sogar ebenfalls in einer Arbeit zur Moralphilosophie. Ich musste eine bestimmte Verwendung des Begriffs „essenziell“ erklären, und ich konnte es nicht.

veröffentlicht am 16.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:15 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

In meiner Not schnappte ich mir die sehr gut bewertete Examensarbeit eines anderen und schrieb drei von mir dringend benötigte Sätze ab. Ich formulierte sie nicht mal um, so unsicher war ich, ob ich dann vielleicht den Sinn verfälschen würde. Als Zitat wollte ich den Absatz nicht übernehmen, da es lächerlich erschienen wäre, die Sache nicht mit eigenen Worten zu erklären.

Dieser Diebstahl wurde niemals bemerkt. Meine Strafe aber: Ich habe es bis heute nicht vergessen und ich konnte niemals rückhaltlos stolz auf meine Arbeit sein.

So – dieses Geständnis schickte ich den kleinen Interviews mit meinen Gesprächspartnern voraus. Meistens wurde gelacht. Doch zur erhofften spontanen Beichte meiner Gegenüber kam es nur in einem Fall.

André Sawade etwa, Französisch- und Politiklehrer und stellvertretender Schulleiter am Rintelner Gymnasium Ernestinum, kann zwar nicht von eigenen Verfehlungen sprechen, hat aber im Schulalltag regelmäßig mit Fällen wie dem meinen zu tun. „Schon immer haben Schüler sich aus Texten anderer bedient, und das Internet macht es jetzt noch leichter“, sagt er. „Meistens sind es dann einzelne Absätze, die ungekennzeichnet und wortwörtlich übernommen werden.“ Dass jemand ein Referat oder eine Facharbeit, wie sie in den 11. Klassen zu Hause geschrieben werden, größtenteils kopiert, das komme aber so gut wie nie vor. „Von hundert Schülern macht das vielleicht einer.“

Man merkt ihm an, dass er mein kleines Plagiat nicht ganz auf die leichte Schulter nimmt. „Man lernt ja bereits in der 10. Klasse, wie man korrekt mit dem Gedankengut anderer umgeht“, meint er. „Würde ich so einen kopierten Absatz in einer Schülerarbeit bemerken, auf jeden Fall spräche ich denjenigen darauf an und würde hoffen, dass er zumindest beschämt sein wird.“

Grundsätzlich allerdings achte er vor allem auf die Einleitung und das Resümee einer Schülerarbeit. „Jemand, der wie Annette Schavan sogar seine Schlussfolgerungen als Plagiat abliefert, dessen Arbeit kann auf keinen Fall akzeptiert werden.“

Schulleiter Andreas Jungnitz vom Schillergymnasium in Hameln sieht das ähnlich. „Schon aus Prinzip unterstellen wir den Schülern, dass sie nach Ehre und Gewissen arbeiten“, sagt er. „Natürlich tun sie das nicht immer, und wo es rauskommt, wird das auch diskutiert, als Anlass für ein ,Fürs-Leben-Lernen‘.“

Er kann von einem lustigen Plagiatsfall erzählen, als nämlich ein Oberstufenschüler sein Deutschreferat mit etwa folgenden Worten beendete: „Man muss sich Schiller als einen großen idealistischen Dichter vorstellen.“ Diesen Satz erkannte Jungnitz sofort als einen des bekannten Literaturwissenschaftlers Benno von Wiese. „Der Schüler meinte eben: Wenn es da so steht, wird es schon richtig sein, und ich schreibe es ab.“ Großen Ärger bekam der Junge nicht, nur für einen gewissen Spott hatte er natürlich selber gesorgt.

Wie steht es denn mit einem Künstler wie etwa dem Rintelner Musiker Robert Pflug, der komponiert und in seinem Studio für Kunden Musikaufnahmen arrangiert? „Nun“, sagt er, „wir Musiker laufen immer Gefahr, unabsichtliche Plagiate zu produzieren.“ Anders als Autoren übe man seine Kunst in den Anfangsjahren, indem man Vorbilder oft bis ins Letzte hinein kopiert, „hammerhart, Note für Note und Geste für Geste, bis wir uns wie ein Abbild von Jimi Hendrix oder Glenn Gould oder wem auch immer fühlten. Da kann es dann schon vorkommen, dass man in eigenen Songs Melodienteile übernimmt, die man gar nicht selber erfunden hat.“

Wo oft absichtlich geklaut werde, da seien es aber weniger Melodien, sondern besondere Rhythmen. „Eigentlich muss man sich an den entsprechenden Verlag wenden und fragen, ob man bestimmte rhythmische Phrasen übernehmen darf. Die ,Erfinder‘ waren dafür schließlich ewig im Studio, haben experimentiert, bis alles so gut stimmt – und dann soll man es sich klauen lassen?“

Auch Pflug sei das natürlich schon passiert, aber viel machen könne man nicht. „Die Rhythmen werden durch neue Klänge im Studio so verfremdet, dass es schwer sein dürfte, den Nachweis eines Plagiats zu bringen.“

Tatsächlich kann man geistigen Diebstahl beim geschriebenen Kunst-Wort wohl eindeutiger nachweisen, mit all’ den harten Konsequenzen, die das manchmal hat. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das mit mir und anderen Mitglied eines Literaturkreises war, wo wir uns gegenseitig unsere selbstgeschriebenen Gedichte vorlegten. Wir bewunderten sie für ihre kurzen, treffenden Gedichttexte, waren durchaus neidisch auf ihr Können, das wir ihr kaum zugetraut hätten, und dann fand eines Tages jemand das Buch, aus dem die Texte eigentlich stammten. Der Ruf des Mädchens war so entschieden ruiniert, dass sie nie wieder am Literaturkreis teilnahm. Im Nachhinein schmerzt es mich durchaus, wie mitleidslos wir mit ihr, deren Wunsch nach Anerkennung zu groß geworden war, umgingen.

Der evangelisch-reformierte Pastor Heiko Buitkamp aus Rinteln kam da lockerer davon. Freimütig erzählt er, wie er in seiner Anfangszeit eine besonders gute Predigt seiner Frau Barbara einfach als eigene ausgab und sie mit großem Erfolg von der Kanzel herab verbreitete. „Natürlich gab ich das Lob weiter, meine Frau hatte mir ja die Erlaubnis gegeben. Die Gemeinde aber wusste nichts davon.“

Man könnte die Sache auch als Ghostwriting interpretieren, aber so oder so lächelt der Pastor bei der Erinnerung an das Geschehen. „Heute wäre ich sicherlich selbstbewusst genug, einfach zu sagen, dass ich jetzt die wunderbare Predigt eines anderen halten will“, meint er. „Aber alles in allem stimme ich dem zu, was mein Predigtlehrer an uns weitergab, nämlich dass es im Reich Gottes kein Plagiat gäbe und wir ruhig die guten Gedanken anderer übernehmen könnten, wenn wir dadurch die Menschen erreichen.“

Dankbar für dieses einzige echte Geständnis, das mich mit meiner Sünde nicht ganz allein dastehen lässt, wende ich mich an eine weitere Person mit künstlerischem Beruf, die Hamelner Tanzlehrerin und Choreografin Anke Rettkowski, bekannt durch ihre Produktion des Hameln-Musicals „Rats“. Sie nun sagt etwas, das viele wohl erstaunen wird: Es gibt kein Urheberrecht in Bezug auf Choreografien. Jeder darf sich nehmen und sogar vermarkten, was ihm passt, egal, ob die Tanzschritte von einem YouTube-Video stammen oder von berühmten Choreografen.

„Die Bewegungen vom Rats-Musical darf jeder nutzen, wie es ihm gefällt, ganz genau so, wie es ja grad bei den Schritten für den ,Gangnam‘-Style des südkoreanischen Rappers Psy der Fall ist, von denen es ja schon Hunderte Kopien gibt“, so die Choreografin. „Geschützt werden können nur Markennamen, wie zum Beispiel der vom ,Zumba‘-Tanz. Doch niemand hindert einen daran, diesen Stil mit seinen Schritten unter einem Namen wie ,Zulanga‘ zu unterrichten.“ Sie selber kopiere keine Choreografien von anderen – schließlich gehe es doch um den persönlichen Ausdruck. Aber natürlich suche man sich Anregungen: „Es ist eben ein ständiges Geben und Nehmen.“

Fotograf Markus Struck aus Rinteln würde das wohl auch so sehen, die Sache mit dem Geben und Nehmen: „Es soll auch beim Fotografieren was Eigenes sein, doch nimmt man tolle Ideen von anderen natürlich wahr.“ Seinem Vater sei vor vielen Jahren mal ein ganz großartiges Foto vom Rintelner Marktplatz gelungen, auf dem alles stimmte: der Ausschnitt, die Art, wie sich die Menschen dort bewegten, das Licht, die Farben. „Viele haben mir erzählt, dass sie versucht hätten, es ganz genau so hinzubekommen, aber keinem ist es gelungen, und schließlich kauften die Leute doch das Motiv meines Vaters.“

Ja – alles in allem fühle ich mich mit meinem Plagiatsgeständnis ziemlich einsam, zumal da ich keinen Grund habe anzunehmen, dass meine Gesprächspartner mir etwas verschweigen. Einerseits ist das tröstlich, denn kein großer Plagiator kann sich einfach mit der Behauptung „Das machen sie doch alle“ herausreden. Andererseits erinnert meine kleine Beichte vielleicht den einen oder anderen an ein ähnliches eigenes Vergehen, und er wird dann gegebenenfalls gnädig sein, falls ihm ein nicht zu dreister Plagiator unterkommt.

Die beiden Lehrer jedenfalls, mit denen ich sprach, sie zeigten erstaunlich viel Verständnis für ihre Schüler, die sich mal der Texte anderer bedienen, wenn sie selber sich nicht genug zutrauen. „Es ist keine Schwäche, seine Quellen anzugeben, sondern eine Frage der Ehre“, so Schulleiter Andreas Jungnitz.

„Genau das ist es, was wir vermitteln wollen, eher selten durch eine Strafe, meistens, indem wir auf Einsicht setzen.“

Als entdeckt wurde, dass Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit zu einem

Großteil aus fremden Texten zusammengesetzt war, ebenso wie die Arbeit von Annette Schavan und die anderer

Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wurde immer wieder beschwichtigend

eingebracht: „Wer von uns hätte nicht auch schon mal plagiiert?“ Doch wer ist wirklich bereit zu einem Plagiatsgeständnis? Mit „gutem Beispiel“ vorangehen: Wenn ich als Erste gestehe, vielleicht gestehen andere dann auch…



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