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„Wasser kochte, Dampfwolken stiegen auf“

Am großen Rintelner Doktorsee wacht die DLRG über die Badegäste. Bei aufziehendem Gewitter schallen die Stimmen aus den Megafonen über das Wasser und vorsichtshalber saust ein Boot los, damit auch nicht einer der Gäste etwa an versteckteren Buchten nahe der Wohnwagen leichtsinnig meint, ihm werde schon nichts passieren. „Die meisten Leute wissen ja, dass sie jetzt schnell einen sicheren Unterschlupf suchen sollten“, so Doktorsee-Betreiber Uwe Deppe. „Nur Jugendliche auf den Badeinseln, die immerhin 30 Meter vom Ufer entfernt verankert sind, die muss man manchmal persönlich auffordern oder sogar mit dem Boot abholen.“

veröffentlicht am 16.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

Es wäre nämlich höchst unklug, zu spät von so einer Badeinsel aus ans Ufer schwimmen zu wollen. Auf der glatten Wasserfläche ragt ein Schwimmerkopf als einzige Erhöhung heraus und bietet sich damit für einen Blitz geradezu an als Ableitung und Verkürzung auf seinem Weg zur Erde. Egal, wo der Schwimmer sich aufhält, ein Blitz, der in der Nähe herunterkommt, wird ihn finden. Selbst wer taucht, bleibt nicht verschont, da sich der Blitz auch unter Wasser ausbreitet. „Zum Glück schlägt der Blitz so gut wie nie im Doktorsee ein“, meint Uwe Deppe. „Ich kann mich nicht erinnern, so was hier schon mal gesehen zu haben, obwohl der See doch etwa 80 Hektar groß ist.“

Auch in die Freibäder der Landkreise Schaumburg und Hameln-Pyrmont hat wohl noch nie ein Blitz ins Wasser eingeschlagen, weder im Hamelner Südbad noch im Weserangerbad von Rinteln, auch nicht ins Obernkirchener Sonnenbrinkbad oder ins „Tropicana“ von Stadthagen, dessen Dach über dem Hallenbad sich öffnen lässt (und bei Gewitter sofort geschlossen wird). Nur in Bad Münder, im Rohmelbad, soll es vor vielen Jahren mal einen Blitzeinschlag gegeben haben. Schwimmmeister Frank Haake kennt die Geschichte noch vom Hörensagen und spricht von einer Mutter mit zwei Kindern, die unter Bäumen Schutz suchten – ein tragisch schlecht gewählter Ort.

„Der Blitz schlägt ja selten ins Wasser ein, weil rundherum viel bessere Blitzableiter stehen, Gebäude oder eben Bäume“, so Frank Haake. „Damals überlebte die Familie nicht, und es war natürlich Wahnsinn, kein festes Gebäude aufzusuchen.“

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  • Die Badezonenkennzeichnung gilt europaweit an allen überwachten Gewässern: Wenn die rote Fahne (Mitte) gehisst wird, herrscht Badeverbot.

Im Rohmelbad ist man bei Gewitter vielleicht sogar noch vorsichtiger als anderswo, weil sich dicht unter der Grasnarbe auf dem Gelände überall Quellen befinden, die den Blitz weiterleiten und damit eventuell Menschen gefährden könnten. Immer bestehen die Angestellten darauf, dass alle Badegäste auch wirklich die Wiesen verlassen und unterm Gebäudedach Schutz suchen.

Der Schwimmmeister war als Kind mal Zeuge eines Blitzeinschlages ins Wasser, und wenn er heute davon erzählt, spürt man immer noch, wie sehr ihn dieses Naturereignis beeindruckt hatte. Es geschah am Blauen See von Garbsen, von allen vier Seiten her zog sich rasend schnell ein Gewitter zusammen, alle Menschen flohen in ihre sicheren Autos und dann kam der Blitz. „Es war dicht vor uns“, sagt er. „Das Wasser kochte auf und Dampfwolken stiegen auf. Noch Minuten später dampfte es an der Einschlagstelle.“ Kein Wunder, die Temperatur im Blitzkanal beträgt etwa 40 000 Grad Celsius.

Auch im baumumstandenen Waldbad Sünteltal ist es eine Selbstverständlichkeit, dass alle Gäste von den Wiesen gerufen werden, wenn ein Gewitter droht. Sina Meissner, Fachangestellte für Bäderbetriebe, betont, dass es zur Ausbildung gehört, geeignete Schutzmaßnahmen durchzusetzen. „Außerdem wissen die allermeisten Menschen ja auch, dass Bäume eine große Gefahr bei Gewitter darstellen“, meint sie. „Im Fall des Falles wäre ja sogar das Wasser noch sicherer.“

Ähnlich sieht es Michael Möhle vom Sonnenbrinkbad in Obernkirchen: „Oft stehen um ein Freibad herum auch hohe Lampen, die der Blitz bevorzugen würde. Bei Baggerseen sieht das anders aus. Liegen die frei in der Landschaft, schlägt dort eher auch mal ein Blitz ins Wasser.“ Freibäder besitzen keine speziellen Blitzableiter.

Würde tatsächlich mal ein Blitz direkt ins Becken einschlagen, er könnte durchaus großen Schaden an der Anlage anrichten. „Die Pumpen sind geerdet, die Leitungen bei uns aus Kunststoff und damit unzerstörbar“, so Markus Burmester aus dem Rintelner Weserangerbad. „Trotzdem wäre die Elektronik danach natürlich reparaturbedürftig. Der Stromschlag wäre so hoch, dem ist kein Fehlstromschutzschalter gewachsen.“ Michael Möhle berichtet von Störungen, wenn ein Blitz im Umkreis von 500 Metern vom Sonnenbrinkbadbecken einschlägt. „Meistens schaltet die Anlage schon automatisch ab, wenn sich ein Gewitter nähert.“

Auch Kanufahrer sollten immer gut über die Wetterentwicklung informiert sein, vor allem wenn sie, wie es der ehemalige Vorsitzende des Rintelner Kanuclubs Peter Specht erlebt hat, eine Tour auf Wildwasserflüssen machen, wo rechts und links Felsen das Anlanden mit dem Boot unmöglich machen. „Damals in Jugoslawien blieb uns bei einem Gewitter nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich vorwärts zu kommen, bis endlich das Ufer flach wurde. Und dann nichts wie raus!“ Auf der Weser aber habe er noch niemals eine wirklich gefährliche Situation erlebt. „Es stehen ja überall Gebäude und Bäume, und außerdem gibt es kaum eine Stelle, wo man nicht problemlos das Wasser verlassen kann und eine feste Unterkunft in der Nähe findet.“

Anders sei es bei Wandertouren über große Seen. „Da macht man sich umsichtig kundig über das Wetter und bleibt schön an Land, wenn auch nur eine Ahnung von Gewitter in der Luft liegt.“ Klar – Hunderte Meter vom Ufer entfernt auf dem Wasser und dann bricht ein Gewitter aus, da könne man nur noch beten. Es sei jedenfalls besser, sich im Boot ganz klein zu machen, statt ins Wasser zu springen, weil das Kunststoffmaterial des Kanus immerhin vor der sich im Wasser ausbreitenden Elektrizität schütze. „Auf jeden Fall sorgen wir durch die Schulung unserer Mitglieder dafür, dass alle gut Bescheid wissen, wie man sich bei einem Gewitter verhält.“

Das Angeln bei Gewitter ist auf eine noch ganz andere Weise ein gewagtes Spiel. „Die langen Karbon-Angeln sind der beste Blitzableiter“, so Jürgen Gemoll, Vorsitzender des Sportfischervereins Hameln. „Es ist ein Muss, sofort die Angel aus dem Wasser zu nehmen, den Teleskopstab einzuziehen und das Ding ins Futteral zu packen.“ Liefe man mit der Angel in der Hand oder auf dem Rücken los, lüde man den Blitz geradezu ein, sich diesen bequemen Weg auszusuchen.

Auch unter Starkstromleitungen sollte man sich mit der Angel nicht begeben, weil dann der Strom sogar ohne direkte Berührung überspringen kann. „In unseren Lehrgängen erklären wir jedem, dass der Anglerschirm ebenfalls keinen Schutz bietet. Der besitzt zwar einen Erdungsspieß, doch bei einem direkten Einschlag nützt das gar nichts. Darunter ist es zwar trocken, aber es könnte sehr, sehr warm werden…“

Alles in allem passieren nur selten Gewitter-Unglücke rund um die Freizeitmöglichkeiten am Wasser. Sieht man sich die Juli-Statistik des Verbandes für Elektrotechnik (VDE) an, so wird deutlich, dass die größte Gefahr, durch einen Blitz verletzt oder gar getötet zu werden, im flachen Gelände besteht, auf einem Flugplatzgelände während eines Musikfestivals in Sachsen etwa, auf einem Golfplatz in Nordhessen, wo die Schutzhütte der Gewalt des Blitzes nicht gewachsen war, oder, wie im Fall eines kleinen Mädchens, unter einem Baum auf dem weitläufigen Gelände eines sächsischen Freibades.

Während vor 50 Jahren in Deutschland etwa 50 bis 100 Menschen im Jahr durch einen Blitzschlag starben, gehe die Zahl der tödlich Verunglückten seitdem auf drei bis sieben Fälle im Jahr zurück, heißt es auf den Internetseiten des Verbandes. Genaue Zahlen über „Blitzpatienten“ gebe es aber nicht.

Zieht im Sommer ein Gewitter auf, dann wird es hektisch im Freibad, an Badeseen und überall dort, wo Menschen sich im, am oder auf dem Wasser befinden. Die Schwimmmeister treiben Badegäste aus dem Schwimmbecken, Kanuten paddeln schnell an Land und wer angelt, sollte sofort sein Gerät zusammenpacken, wenn er nicht zum menschlichen Blitzableiter werden will. Wasser ist ein hervorragender Stromleiter. Träfe ein Blitz in einen Badesee, wären auch vom Einschlag entfernt Schwimmende in Gefahr.

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