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Wohnprojekt der Dankwerths in Wölpinghausen besteht seit 45 Jahren

Was wurde aus der Weltrevolution?

Wölpinghausen hat auf den ersten Blick nix, was man nicht aus anderen Dörfern des Weserberglandes kennt. Das Dorf schmiegt sich an die Ausläufer der Rehburger Berge, verstreut liegen die Ortsteile Schmalenbruch, Bergkirchen und Wiedenbrügge. Gut 1500 Menschen wohnen hier heute. Und doch gab es eine Zeit, in der brave Bürger leicht erschauerten, wenn sie über Wölpinghausen sprachen. Gemeint ist die Ära nach 1973, als mitten im Ort, in der Dorfstraße, eine „Kommune“ zu Hause war.

veröffentlicht am 23.03.2018 um 16:05 Uhr

Der Hof der Dankwerths steht im Herzen des Dorfs. Foto: ab
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Arne Boecker Reporter
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Dass die Landwirtschaft mal wichtig war, belegen weite Felder und wuchtige Höfe. Das Dorf schmiegt sich an die Ausläufer der Rehburger Berge, verstreut liegen die Ortsteile Schmalenbruch, Bergkirchen und Wiedenbrügge. Gut 1500 Menschen wohnen hier heute.

Und doch gab es eine Zeit, in der brave Bürger leicht erschauerten, wenn sie über Wölpinghausen sprachen. Gemeint ist die Ära nach 1973, als mitten im Ort, in der Dorfstraße, eine „Kommune“ zu Hause war. Dieser Begriff umfasste damals alles, was über das Lebensmodell „Geburt, Schule, Arbeit, Tod“ hinausging. Gefährliche Ideen, freie Liebe, schlimme Drogen, eingeschleppt von langhaarigen Hippies in speckigen Parkas und gebatikten T-Shirts – so war es doch, oder etwa nicht?

Lu Seegers, Geschäftsführerin der „Schaumburger Landschaft“, interessiert sich für das Phänomen der Kommunen, weil sie es als wichtigen Bestandteil der Geschehnisse ansieht, die man in Deutschland mit dem schillernden Begriff „1968“ verbindet. Die Unruhen und Umwälzungen, die in den Städten losbrachen, sind wissenschaftlich erforscht. Aber was haben die Achtundsechziger eigentlich auf dem platten Land bewirkt? 50 Jahre danach hat die „Schaumburger Landschaft“ zu diesem Thema kürzlich eine Tagung abgehalten. Seegers selbst beleuchtete in ihrem Vortrag die Wölpinghäuser Kommune. Dazu sprach sie mit deren Gründern Hartwig und Ulrich Dankwerth, 1944 geboren der eine, 1946 der andere, beide wohnen heute noch in Wölpinghausen. Dort hat unsere Zeitung Hartwig Dankwerth besucht. (Alle kursiv gesetzten Zitate stammen aus dem Vortrag von Lu Seegers.)

Hartwig Dankwerth – vor 45 Jahren kaufte er gemeinsam mit seinem Bruder Ulrich den Hof in Wölpinghausen. Foto: ab
  • Hartwig Dankwerth – vor 45 Jahren kaufte er gemeinsam mit seinem Bruder Ulrich den Hof in Wölpinghausen. Foto: ab

Wir haben hier nie am Rand der Gesellschaft gelebt, wie es bei anderen Wohnprojekten der Fall gewesen sein mag.

Hartwig Dankwerth

Der Hof der Dankwerths steht im Herzen des Dorfs. Die Fassade krönt eine prächtige „Schaumburger Mütze“, also ein vorgewölbter Giebel. „Wir haben hier nie am Rand der Gesellschaft gelebt, wie es bei anderen Wohnprojekten der Fall gewesen sein mag“, sagt Hartwig Dankwerth, der gerade Feuerholz aus dem Schuppen ins Haupthaus karrt. „Wir waren immer mittendrin.“ Misstrauen gegen das wilde Volk, das hier früher wohnte, konnte so schnell abgebaut werden.

Neben der Jugendzentrumsbewegung waren sicherlich die Landkommunen eine der sichtbarsten gesellschaftlichen Nachwirkungen von „1968“ auf dem Lande, auch wenn sie in Westdeutschland insgesamt deutlich weniger verbreitet waren als in den USA, England, der Schweiz und Südfrankreich. Die Zeitschrift „konkret“ sprach im Jahr 1973 von rund 10 000 Personen, die in Westdeutschland in Landkommunen lebten.

Im Wohnzimmer bullert und knackt der Ofen vor sich hin. Die Räume sind gutbürgerlich eingerichtet, mit einem Schuss Ikea. Auf dem Tisch liegen „taz“ und „Titanic“ einträchtig nebeneinander. An die alten Zeiten erinnern vor allem die pickepackevollen Regale, in denen sich linke und anarchistische Autoren drängeln, die man in den 60er und 70er Jahren in diesen Kreisen las. Hartwig Dankwerth, einer der beiden Hausherren, ist in Stettin geboren und bei Hannover aufgewachsen.

1966 zog Hartwig Dankwerth nach Berlin, um zu studieren. „Ich bin am 2. Juni 1967 zur Demonstration gegen den Schah gegangen. Abends war dann vor der Deutschen Oper die Demonstration, und da ist dann mein Weltbild, was ich bis dahin hatte – ich habe immer an das Gute geglaubt und dass alles soweit in Ordnung ist – ziemlich zusammengebrochen. 1973 beendete Hartwig Dankwerth sein Studium und beschloss gemeinsam mit seinem Bruder Ulrich, der ebenfalls in Berlin lebte, aufs Land in die Nähe von Hannover zu ziehen. In den folgenden Monaten suchte er in der Region ein altes Bauernhaus mit großem Grundstück, das er schließlich in Wölpinghausen fand. Anders als andere Objekte war das heruntergekommene Bauernhaus mit einer Wohnfläche von zirka 250 Quadratmetern und einem 6000 Quadratmeter großen Grundstück mit einem Kaufpreis von 50 000 Mark recht günstig.

Hartwig Dankwerth hatte zunächst Jura, dann aber Pädagogik studiert. Zeit seines Lebens ist er ein engagierter Lehrer. Selbst heute, mit 74 Jahren, hilft er in der Grundschule Lindhorst als Vertretungslehrer aus, wenn er gebraucht wird. „Ich habe immer das Glück gehabt, in Lindhorst in einem aufgeschlossenen Kollegium arbeiten zu dürfen“, sagt er.

Das Leben auf dem Bauernhof in den 70er Jahren umschreibt Hartwig Dankwert lieber mit dem Begriff der „Wohngemeinschaft“ als mit dem der „Kommune“. Der Grund: „Bei uns ist vieles nicht so dogmatisch abgelaufen wie in typischen Kommunen. Die meisten von uns kamen aus dem anarchistischen Lager, man könnte auch ‚Spaß-Guerilla‘ sagen.“

Man muss bedenken, dass dies immer ein konservatives Dorf war, mit einem rigiden CDU-Bürgermeister.

Hartwig Dankwerth

Die Stabilität des Wölpinghäuser Wohnprojekts, das inzwischen stolze 45 Jahre auf dem Buckel hat, wurde maßgeblich dadurch geprägt, dass die Eigentümerschaft immer klar war: Haus und Hof gehören Hartwig und Ulrich Dankwerth. Immer haben jedoch Frauen und Männer für kurz oder für länger mit zu der Land-WG gehört, ihre Zahl lässt sich über die Jahre kaum noch bestimmen.

Die Bewohner, die jeweils ein Zimmer hatten, mussten keine Miete zahlen, und die Gebrüder Dankwerth übernahmen als Eigentümer die Kosten für Baumaterial, Sanierungen und Reparaturen, die nicht durch Eigenleistungen aufgebracht werden konnten. Nahrungsmittel kaufte, wer gerade Geld hatte. Reihum hatte jede Person Küchendienst. Ein regelmäßiges Plenum mit basisdemokratischen Entscheidungen gab es nicht, so Hartwig Dankwerth. Organisatorisches habe man abends in lockerer Runde geklärt.

Das Zusammenleben mit den Wölpinghäusern, in deren Mitte sich das alternative Wohnprojekt gedrängt hatte, erlitt den erwarteten Stolperstart. „Man muss bedenken, dass dies immer ein konservatives Dorf war, mit einem rigiden CDU-Bürgermeister namens Heinrich Brandes“, erinnert sich Hartwig Dankwerth. Nicht nur Brandes habe gemutmaßt, dass „diese Dankwerths das Dorf unregierbar machen“ würden. Dass die „Bunten“ dann aber doch akzeptiert wurden, geht vor allem auf die Ernsthaftigkeit zurück, mit der sie den maroden Hof wieder in Ordnung brachten. Außerdem belebten die Dankwerths und ihre Mitbewohner das Dorfleben, indem sie Musikfestivals aufzogen, zu denen mehrere Tausend Besucher nach Wölpinghausen kamen. Vor allem diese Festivals waren dafür verantwortlich, dass das Dorf zu einer Zeit als cool galt, als es das Wort cool noch gar nicht gab. Dazu beigetragen haben legendäre Musikkneipen in der Nachbarschaft, wie das „Kanbach“ in Münchehagen und die „Loc“ in Loccum.

In der WG war die Umwelt- und Antiatomkraftbewegung ein wichtiges Thema. Ende 1979 war Hartwig Dankwerth Gründungsmitglied der Grünen in Schaumburg und kandidierte 1981 erfolgreich für den Kreistag. In den 1980er und 1990er Jahren avancierte Wölpinghausen zu der Hochburg der Grünen in Schaumburg mit Wahlergebnissen um die 20 Prozent.

Das politische Engagement für die Grünen ist geblieben, den Kreistag hat Hartwig Dankwerth endgültig erst vor sechs Jahren verlassen. Wölpinghausen ist durch die Dankwerths zwar nicht unregierbar geworden, wie Heinrich Brandes befürchtet hatte, aber seine CDU hat doch dauerhaft die Macht verloren: Seit Jahren wird Wölpinghausen rot-grün regiert, wobei die Parteizugehörigkeit – wie in den meisten Dörfern – ohnehin keine überragende Rolle spielt.

Wenn man Hartwig Dankwerth nach den größten Erfolgen fragt, die er mit angestoßen hat, nennt er die Baum- und Heckenschutzverordnung und die „Grüne Mitte“, einen Park gleich neben dem Hof. Fazit: Die Weltrevolution ist von Wölpinghausen nicht ausgegangen, aber die Dankwerths und ihre Mitbewohner haben über die Jahre eine Menge Schwung ins Dorf gebracht.



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