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Geplante Umflutung: Naturschützer schauen sorgenvoll auf Kanu-Tourismus und geplantes Pumpspeicherwerk

Was wird aus dem Schieder-Stausee?

Könnte der Schiedersee sprechen, er würde uns viel über seine wechselvolle Geschichte erzählen. Seit der ersten Entwicklungsplanung, dem ersten Spatenstich zur Errichtung der Staumauer, der bestimmungsgemäßen Übergabe im Mai 1983 bis zur heute noch unvollendeten Emmerumflutung begleiteten Hoffnung und Enttäuschung, Euphorie und Sorgen, aber auch zauberhafte Momente die Ufer des künstlich geschaffenen Sees.

veröffentlicht am 16.04.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

von Klaus Titze

Von Beginn an gab es Bedenken zu dem Vorhaben, die Emmer aufzustauen. Keinesfalls deutlich ließen sich die Folgen für das Fließgewässer selbst und eine mögliche dauerhafte Veränderung der Seebeschaffenheit vorausschauend prognostizieren. Würde sich die Absicht verwirklichen lassen, Hochwassergefährdungen der Emmerniederungen und der unterhalb des Stausees befindlichen Orte langfristig in den Griff zu bekommen? Zumindest befragte Fachleute waren sich der Sache sicher. Jedoch die Meinung, die Aufstauung werde sich kaum auf die Kleinstlebewesen, den Fischbestand und die Wasserqualität in der Emmer auswirken, teilten Experten aus den Fischerei- und Umweltverbänden nicht.

Dagegen stand allerdings eine regelrechte Aufbruchstimmung. Politik, angrenzende Gemeinden, private Eigentümer und Unternehmer erhofften sich eine touristische Belebung. Der See bevölkerte sich mit Segelbooten und einem Ausflugsschiff, das Gäste beschaulich träge über den See schipperte. Ein Freizeitpark entstand und zog mit Aktivitäten für Kinder, einem Planschbecken und einem Strand ebenso an wie die Restauration und Kuchenbuffets. Reichlich Parkplätze für Tagesgäste wie auch für Camper und Wohnmobile luden zum Verweilen ein. Unzählige umrundeten alltäglich auf gut angelegten Wegen zu Fuß oder per Rad den See, konnten die Ruhe und Beschaulichkeit der Natur, die Lebendigkeit und Vielzahl der Tiere ebenso genießen wie den morgendlichen Nebel oder abendliche Sonnenuntergänge.

Schiffe blieben im Schlick stecken

Trotz dieser Idylle und positiver Fakten entwickelte sich das Seeleben keinesfalls problemfrei. Sedimentablagerungen ließen den See zunehmend verschlicken, sodass der Ausflugsdampfer sich oftmals selbst mit eingeübter Schaukelbewegung nur schwerlich seinen Weg bahnen oder vom Festsitzen im Schlamm befreien konnte. Erst ein modernes Schiff mit einem Jet-Antrieb ermöglichte wieder das Befahren sogar bis an die Staumauer. Eine am westlichen Ufer geplante Ferienhaussiedlung scheiterte unter anderem am vertrauenswürdigen Investment. Umweltverbände und Fischereivereine beklagten zunehmend deutliche Veränderungen der Fischbestände und Kleinstlebewesen durch das unüberwindliche Hindernis der Staumauer. Durch landwirtschaftliche Nutzung der Anrainer überdüngtes Emmerwasser begünstigte das ungebremste Wuchern von Wasserpflanzen.

In scheinbar endlosen Beratungen und Abwägungen versuchten zahlreiche Fachleute und einbezogene Betroffene, Lösungen zu finden. Auch stellten sich Probleme mit der Entsorgung des Schlamms, da auf die Errichtung eines zunächst geplanten Vor- und Absetzbeckens verzichtet worden war. Ein „Ausbaggern“ des Sees verschlang wiederholt hohe Kosten und brachte Auswirkungen auf Natur und Tierwelt.

Zweimalig spülte eingebrachte Technik die eingelagerten Sedimente auf angrenzende Freiflächen, was pro Aktion nahezu 1,5 Millionen Euro verschlang. Stets verringerte sich die Rückhaltekapazität durch die fortschreitenden Ablagerungen, sodass auch der Hochwasserschutz immer wieder infrage gestellt wurde. Sorgenvolle Blicke richteten sich derweil auch auf die sich verändernde Wasserqualität, ein wesentlicher touristischer Faktor auch für den Freizeitpark. Als Ergebnis schlussendlich blieb die Entscheidung, mit einer auch an anderen Seen ausprobierten Umflutung eine ganze Reihe von erkannten Problemen beseitigen zu können. Seitdem verändert sich das Seebild dramatisch: Durch einen Damm von der verbleibenden Seefläche getrennt, wird der Flusslauf an der Emmer vorbeigeführt und deren Wasser ohne Staumauerhindernis seinen neuen Verlauf nehmen.

„Wir sind mit dieser Lösung sehr zufrieden, da sich nun das Flussleben emmeraufwärts wieder wie früher ungehindert entwickeln kann“, sagt Wolfgang Friese als Angehöriger des Fischereiverbandes Lippe und fügt hinzu: „Naturschutzbelange wegen der Umflutung spielen in unseren Sorgenfalten derzeit nicht die Hauptrolle. Uns bedrückt eher ein zunehmender Kanutourismus auf der Emmer, insbesondere während der Schonzeiten, sowie eine zukünftige Wasserentnahme im Zusammenhang mit dem geplanten Bau und Betrieb eines Pumpspeicherwerks (PSW).“

Diese zuletzt genannte Vorahnung ist laut Aussage des Landkreises Lippe planerisch noch nicht endgültig entschieden. Auch das Bauvorhaben des PSW insgesamt befinde sich selbst noch im Planungs- und Abstimmungsprozess. „Was die mögliche Wasserentnahme für ein gebautes PSW betrifft, so sehe ich darin ein geringes Problem für den gesamten Bereich Emmer und Schiedersee,“ macht Bertold Lockstedt aus dem Fachbereich Umwelt und Energie des Landkreises Lippe deutlich. „Selbst wenn das Bauvorhaben verwirklicht wird, stellt es meines Erachtens kein Problem für die Emmer dar. Zunächst würde das untere Auffangbecken gebaut werden, dann erst die Rohrleitungen zu dem oberen Bassin, bevor dann das obere erstellt wird. Damit sind ungefähr drei Jahre Zeit verbunden, um das untere Auffangbecken insbesondere unter Ausnutzung von Hochwasserphasen füllen zu können. Es erfolgt also gar keine extreme Wasserentnahme aus der Emmer“, führt er als Fachmann für den Gewässerschutz weiter aus. Und im weiteren Betrieb regelt sich eine Wasserentnahme aus dem See über allgemeine Regelungen von Entnahmen aus Gewässern. Da müsse auch ein PSW wie andere Anrainer auch damit leben, mal unterhalb des Limits zu fahren.

Emmerumflutung

schreitet wegen milden Winters zügig voran

Lockstedt rechnet fest damit, dass die Emmerumflutung Ende 2014 fertiggestellt ist. Die Arbeiten würden durch den milden Winter und das früh einsetzende Frühjahr zügig voran schreiten. Bis zum Spätherbst soll das Profil des neuen Flussbettes fertig sein. Nach derzeitigem Planungsstand wird parallel im Juni der Durchstich am Damm erfolgen. Dazu müsse die Straße über den Damm Richtung Glashütte gesperrt werden. Im Bereich des Dammdurchstichs erfolgt der Aufbau einer Steuereinheit, mit der durch Absenken einer Klappe der Durchfluss der Emmer verengt oder erweitert werden kann. „Der Hochwasserschutz der unterhalb liegenden Kommunen wird sich durch die Baumaßnahme sogar verbessern. Wir haben sogar mehr Kapazität und Steuerungsmöglichkeiten zur Verfügung“, prophezeit Lockstedt. Im südwestlichen Bereich des Sees sei der Damm niedriger errichtet als in Richtung jetziger Staumauer, sodass im Hochwasserfall bei Sperrung des Durchflusses das Wasser über den Damm in den See geleitet werde. „Ansonsten soll der See von der Niese gespeist werden, die mit ihrem klaren, von keinerlei Abwasser belasteten Wasser für eine dauerhafte Qualitätsverbesserung des Sees sorgen wird. Notfalls kann über eine Pumpe Emmerwasser zusätzlich zugeführt werden“, erläutert Lockstedt.

Der Damm selbst werde sich nach aufgebrachtem Erdreich begrünen und so einen natürlichen Flusslauf zeigen. Möglicherweise breite sich Gastronomie bis direkt an den Flusslauf aus. Befischung könne, geregelt durch die jeweiligen Fischereivereine, sowohl im See als auch in dem neuen Flusslauf erfolgen. Segelbootvereine erhielten einen direkten Zugang über den Damm zum See mit entsprechendem Anleger. Und die zurzeit durch die Baumaßnahmen erheblich beeinträchtigte Umrundung des Sees sei dann in einem Teilstück entlang eines natürlichen Flusslaufes wieder ungehindert möglich und einladend. Ruhe und Beschaulichkeit ließen dann ebenso wieder genießen wie morgendlicher Nebel oder abendlicher Sonnenuntergang. Und der See könnte über eine weitere spannende Episode erzählen.

Für Touristen ist das Gebiet um den Schieder-Stausee ein Idyll. Doch die Geschichte des künstlich geschaffenen Sees war und ist nicht ohne Sorgen. Die Umflutung des Sees mit einem neuen Flussbett für die Emmer sowie ein geplantes Pumpspeicherwerk sorgen für Diskussionen.



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