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1994, 2004, 2014

Was West-Unternehmer im Osten erlebten

"Unternehmer, die etwas unternehmen" - unter diesem Titel lief 1994 eine Dewezet-Serie, in der es um West-Unternehmer und ihre Erfahrungen im Osten des Landes ging. Zehn Jahre später - 2004 - hakten wir nach: Was war aus dem Unternehmen geworden? Nun folgt der dritte Teil. Mit Erfolgsgeschichten - und Geschichten des Scheiterns.

veröffentlicht am 09.11.2019 um 12:00 Uhr

Thomas Thimm

Autor

Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Unsere Redaktion wollte fünf Jahre nach dem Mauerfall wissen, was hinter jener Aufbruchstimmung steckte, die damals überall und täglich in Deutschland spürbar war. Viele Menschen gingen in den Osten. Unternehmen kauften, übernahmen, gründeten Firmen. Es war eine Gründerstimmung erlebbar wie selten zuvor. Wir wollten wissen: Was sind das für Unternehmer? Was machen die im Osten genau? Sind sie dort willkommen? Werden sie Erfolg haben - oder vielleicht auch scheitern? Der Journalist Thomas Thimm hat 1994 die Serie "Unternehmer, die etwas unternehmen" geschrieben. Zehn Jahre später fasste er nach und schaute, was aus den Unternehmungen im Osten geworden war. Und jetzt, nach 25 Jahren, schließt er seine Langzeit-Recherche ab: Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls erscheint hier nun der Abschluss seiner Serie.

Wir. Und die. Eine besondere Geschichte über uns alle.

Zugegeben, unsere Recherchen zu der Nachwende-Serie „Unternehmer, die etwas unternehmen – engagiert im Osten“ umspannen nicht jene Zeiträume, die so manche Firmengeschichte zu erzählen hat. Aber stolze 25 Jahre haben wir uns dann doch damit beschäftigt. Fünf Jahre nach dem Mauerfall interessierte sich Thomas Thimm für Unternehmer, die vom Weserbergland aus in den Osten gingen. 1994 schrieb er darüber. 2004 nochmals – mit zehn Jahren Abstand. Heute bringt er diese ungewöhnliche, 25 Jahre andauernde Recherche zum Abschluss. Als Geschichte zur Historie.

Die Familie Kolle-König verkörpert die deutsche Wiedervereinigung quasi par excellence. 1890 hatte Jakob Kolle in Wernigerode im Harz ein Bekleidungshaus gegründet. Einer seiner drei Söhne ging dann 1935 vom Osten in den Westen nach Hameln, um dort ein Kolle-Haus zu eröffnen. 1989, nur kurze Zeit nach dem Mauerfall, standen Enkel Manfred Kolle und dessen Schwiegersohn Thomas König auf dem Marktplatz in Wernigerode und fragten sich „Wollen wir wieder zurück in den Osten?“ Sie wollten. Heute haben die Kolles vier Modehäuser in Hameln, Wernigerode, Alfeld und Northeim. Geschäftsführer Thomas König sagt: „Das waren spannende Zeiten, das waren aufregende Jahre, und natürlich musste das alles erst mal zusammenfinden. Wir sind damals ohne West-Importe gestartet, wir haben nur Mitarbeiter aus Wernigerode beschäftigt. Am Anfang war das eine andere Kultur. Doch heute spüren wir keine Unterschiede mehr.“ Die Familie habe damals natürlich viel diskutiert, ob man in den Osten zurückkehren solle, welche Risiken das bergen könne, ob das Für oder das Wider überwiege. Über die Jahre sei für die Familie klar gewesen: „Wir haben das niemals bereut, mit diesem Schritt haben wir auf keinen Fall einen Fehler gemacht.“ Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, 26 Jahre nach der Wiedereröffnung in Wernigerode, stehe das mittelständische Familienunternehmen mit vier Häusern, 165 Mitarbeitern und der fünften Generation am Start besser da denn je.

Ohne das unternehmerische Engagement im Osten wäre auch der Rintelner Getränkehersteller Riha WeserGold nicht das, was er heute ist. Werner Gerdes, Geschäftsführer Verkauf und Marketing, sagt: „Das Engagement in Dodow war eine sehr bedeutende Weichenstellung für die nationale und internationale Weiterentwicklung der Riha-WeserGold-Gruppe. Riha wäre ohne Dodow nicht dort, wo es heute ist.“ Schon ein Jahr nach dem Mauerfall wurde der Fruchtsaftbetrieb Fruchtquell im mecklenburgischen Dodow integriert. 250 Millionen Euro wurden investiert, einer der größten und modernsten Fruchtsaftbetriebe Europas entstand. In Dodow stehen mittlerweile 15 000 Quadratmeter Produktionsfläche und 22 000 Quadratmeter überdachte Lagerfläche zur Verfügung. Produziert werden bis zu zwei Millionen Einheiten – täglich. Im Mostobstanbau sowie im Produktionsbetrieb sind bei Riha Dodow 463 Mitarbeiter beschäftigt, wie Gerdes erzählt. Unterschiede zwischen Ost und West 30 Jahre nach dem Mauerfall? Gerdes verneint: „Da die Mitarbeiter in Dodow und in Rinteln alle im ländlichen Raum leben, gibt es nicht mehr Unterschiede als zu den Mitarbeitern in unserem süddeutschen Werk in Waibstadt. Es gibt regionale Unterschiede – aber keine spezifischen Ost-West-Unterschiede.“

Information

Wessi, Ossi, Schweizer

„Wir wollen alle gutes Geld verdienen.“ Der, der das 1994 sagte, war Reiner Thomas, der damalige Chef der Emmerthaler Fußbodenheizungsfirma Athe-Therm und des damals gerade neu gebauten Polysterol-Werkes Dankoform im sachsen-anhaltinischen Dankerode. Thomas gehörte zu jenen Unternehmerpersönlichkeiten, die mit ihren Ideen, ihrem Geschäftssinn und auch mit ihrem Geld in den Osten gingen, um dort etwas zu unternehmen. Und selbstredend war es bisweilen ein gewöhnungsbedürftiges Bild, wenn ein Mann seines Schlages mit einem dicken Mercedes-Benz im damals noch sehr armen, platten DDR-Lande auftauchte. Aber: Was zählte, war der Wille, im Osten etwas aufzubauen. Zu helfen, dass Menschen und Regionen eine Perspektive bekamen. Die damalige Bürgermeisterin von Dankerode, Irmtraud Doberstau, sagte vor 25 Jahren: „Für mich ist wichtig, dass hier jemand ist, der den Dankeröder Familien Arbeit und Brot gibt.“ Und das tat Reiner Thomas. Sein Engagement trägt bis heute Früchte, wenn auch nicht mehr mit ihm: 1998 hat ein Schweizer Unternehmen das Werk übernommen. Die Swisspor AG kaufte das Werk, trat in den deutschen Dämmstoffmarkt ein und stellt bis heute in Dankerode Dämmmaterialien für den Bau her. Dankerodes Ortsbürgermeister Mario Arnold sagt heute: „Dieses Unternehmen ist Dankerodes größter Arbeitgeber – und hat große Bedeutung für die gesamte Region.“

Eine gute menschliche Bindung hat das Unternehmer-Ehepaar Monika und Otto Lithardt in den Osten: „Das ist wie Familie.“ Die Hessisch Oldendorfer haben 1996 die Grabower Süßwarenfabrik gekauft, als diese kurz vor der Pleite stand. Die Lithardts investierten – und machten die Marke rund um die Grabower Schokoküsse groß. 2010 verkauften die Lithardts das Unternehmen an den holländischen Bäckereikonzern Continental Bakeries, hinter dem damals die Investmentgruppe NPM Capital stand. Die Grabower-Süßwarengruppe erwirtschaftete 2010 mit 650 Mitarbeitern einen Umsatz von 100 Millionen Euro – heute ist das Unternehmen noch größer und gehört mittlerweile der Investmentbank Goldman Sachs und Investorengruppe Silverfern. Continental Bakeries möchte sich trotz mehrfacher Anfragen nicht zu ihrem Engagement in Grabow äußern. Dafür sagen aber Monika und Otto Lithardt rückblickend: „Die Grabower sind für uns durchs Feuer gegangen, weil wir nicht als Besserwessis kamen, sondern ihre Erfahrungen ernst genommen und mit ihnen zusammengearbeitet haben.“ Die Lithardts lassen es sich nicht nehmen, einmal im Jahr ihre Mitarbeiter von damals zu besuchen und eine schöne Feier zu veranstalten. Monika Lithardt: „Das ist wie ein großes Familientreffen.“

Scheitern gehört zur Geschichte dazu

Im Jahr 1994 haben wir als Zeitungsredaktion Unternehmen aus unserer Region besucht, die nach dem Mauerfall vom Westen in den Osten gingen, um dort Firmen zu übernehmen, Betriebe zu eröffnen und Geschäfte zu machen. Zehn Jahre später, im Jahr 2004, haben wir das erste Mal nachgehakt – und geschaut, was aus den Unternehmen Ost geworden war. Manche gab es damals schon nicht mehr. Scheitern gehört zum Leben dazu.

Schon 1988, also im Jahr vor dem Mauerfall, hatte das Hamelner Unternehmen „Ha-Be Baustoffprüftechnik“ mit der „concept GmbH“ eine Schwestergesellschaft gegründet. Und die ging dann 1992 nach Dessau. Ihr damaliger Auftrag, der eigentlich zum einträglichen Geschäft werden sollte: Historische und technische Bauwerke sanieren. Denn, so der Grundgedanke damals: Zerfallene oder vom Zerfall bedrohte Gebäude gab es in der Erbmasse der DDR ja schließlich reichlich. Und zu Beginn ließ sich das Geschäft auch gut an, so lauteten jedenfalls die damaligen Lageberichte. Und dennoch kam schon im Jahr 1995 das Aus für die „concept GmbH“ in Dessau. Ulrich Meyer, damals wie heute Geschäftsführer der mittlerweile umbenannten Hamelner Ha-Be Betonchemie GmbH, sagte 2004 mit einem gewissen Abstand: „Der Wettbewerb war riesengroß. Dafür waren wir mit der Hamelner Firmenzentrale zu weit weg vom Geschehen.“ Zudem habe sich das Gesamtunternehmen damals dann doch erst mal wieder gesundschrumpfen müssen, nachdem nach Wende, Mauerfall und Einheit gleich mehrere Standorte im Osten eröffnet worden waren – neben Dessau auch in Wernsdorf bei Chemnitz, in Erfurt sowie in Brandenburg. Als sich herausstellte, „dass das mit den vielen Betriebsgründungen nicht funktionierte“, man aber nicht wollte, dass man sich ganz verzettelte – wurden Betriebe geschlossen oder verkauft. Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, kann man auf der Internet-Seite der Ha-Be Betonchemie nachlesen, dass es erstens den ostdeutschen Standort Wernsdorf noch heute gibt, und dass das Unternehmen zweitens mittlerweile international aufgestellt ist – mit Niederlassungen und Partnern in den Niederlanden, Bulgarien, Zypern, Estland, Finnland, Georgien, Polen, Rumänien, Israel, Ägypten, Oman, in den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Nigeria. Die Niederlassung in Dessau, die hat es jedoch nicht ins neue Jahrtausend geschafft. Sie gab es nur für kurze Zeit.

Ähnlich erging es seinerzeit dem Büroausstatter „Pro Office“ in Leipzig, jener Stadt, die den Beinamen „Boomtown des Ostens“ quasi über Nacht verpasst bekommen hatte. Was dort nach der Wende und der Einheit alles aus dem Boden gestampft wurde, was dort alles gebaut und investiert wurde, ließ Banker und Geschäftsleute damals geradezu in eine permanente Jubelstimmung verfallen. Wie sich dann aber nach und nach herausstellte, galt sogar für und in Leipzig, dass eben doch nicht alles Gold ist, was glänzt. Michael Kahl, einer von drei Unternehmensgründern von „Pro Office“, zog es im Oktober 1993 nach Leipzig, wo Verwaltungen, Dienstleister, Banken und Versicherungen gerade um die Wette bauten und Bürotürme en masse entstanden. Eigentlich hätte dies zum Schlaraffenland für „Pro Office“ werden sollen und können. Doch dann kam das große Aber. Bauherren, Banken, Investmentfonds und Abschreibungskünstler überhitzten den Markt, es gab zu viel Fläche, aber zu wenige Mieter. Hinzu kam, dass die Konjunktur arg schwächelte, und dann auch noch die Handelsmargen schrumpften. Kahl im Rückblick: „Wir hatten einfach zu wenig zu vermöbeln.“ Nach sieben Jahren zogen Kahl und seine Mitstreiter die Bremse, im Jahr 2000 zog sich „Pro Office“ aus Leipzig zurück. Kahl: „Wir sind damals mit einem blauen Auge davongekommen.“ Aber man habe auch viel gelernt: „Ohne die Erfahrung in Leipzig wären wir heute nicht das, was wir sind.“ Heute ist „Pro Office“ mit elf Niederlassungen im Westen Deutschlands aufgestellt: Neben dem Stammhaus in Lemgo und der ersten Filiale in Hameln gibt es heutzutage noch weitere Standorte in Bielefeld, Braunschweig, Bremen, Düsseldorf, Göttingen, Hamburg, Hannover, Mönchengladbach und Osnabrück.

30 Jahre Mauerfall - Zahlen und Fakten



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