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Was tun, wenn die Eltern schwach werden?

Kann die alte Mutter noch den Haushalt führen? Kommt der alleinstehende, schon etwas vergesslich gewordene Vater wirklich weiter alleine klar? Was ist, wenn ein altes Elternteil krank wird: Ist das andere dann der Situation gewachsen?

veröffentlicht am 27.05.2011 um 00:00 Uhr

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Wie ein Damoklesschwert droht eine mögliche Pflegebedürftigkeit über dem Leben alter Menschen. Auch die Angehörigen blicken mit leicht besorgtem Blick auf Anzeichen im Alltag der Eltern, die das bisherige Leben radikal verändern könnten. Was tun, wenn die starken Eltern richtig schwach werden? Oft verhindert gerade die Angst vor dieser Situation, dass man sich ihr stellt und rechtzeitig Unterstützung sucht. Dabei spricht so vieles dafür, dem Alter mit seinen Gefährdungen gut vorbereitet entgegenzugehen.

Silke Priebe und Claudia Kuhlmann vom Fachdienst Altenpflege des Landkreises Schaumburg wissen Bescheid über all die Probleme, die scheinbar aus heiterem Himmel auf Familien herabstürzen, wo alte Menschen plötzlich Hilfe brauchen.

Ihr Beratungszimmer im Sozialamt Stadthagen liegt ganz am Ende verwinkelter Gänge, was aber nicht heißt, dass sie nicht beinahe täglich Besuch bekommen in ihren Sprechstunden.

Claudia Kuhlmann (l.) und Silke Priebe vom Fachdienst Altenpflege des Landkreises Schaumburg.

„Viele suchen uns allerdings erst auf, wenn ihnen eine akute Situation über den Kopf zu wachsen droht“, sagen sie. „Den heute über 70-Jährigen fällt es häufig sehr schwer, Hilfe von außen anzunehmen. Schon Arztbesuche zögern manche ja möglichst lange hinaus. Und wie viel Überredungskunst ist manchmal nötig, damit zum Beispiel eine Haushaltshilfe engagiert wird. ,Das schaffen wir alleine‘ – doch die Grundhaltung ist nicht immer die beste für alte Menschen.“

Der Fachdienst Altenpflege ist die zentrale und vor allem auch neutrale Anlaufstelle des Landkreises Schaumburg, wenn es um Beratung, Betreuung und Unterstützung für pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen geht. Er ist eingebunden in ein umfangreiches Netzwerk, zu dem eine Kartei mit Haushaltshilfen und ehrenamtlichen Seniorenbegleitern ebenso gehört, wie Kontakte zu Ärzten, Pflegediensten, Seniorenheimen und die Zusammenarbeit mit Institutionen wie den Kirchen, Sozialämtern, der Wohnberatung für Senioren oder dem Medizinischen Dienst.

Alle Gespräche mit den Betroffenen sind streng vertraulich. Und das ist auch wichtig, denn pflegedürftig zu werden, bedeutet, andere, auch fremde Menschen so nah an sich heranzulassen, wie in kaum einer Lebensphase zuvor.

Oft sind es die Angehörigen, die sich einen Termin im Fachdienst Altenpflege geben lassen.

So manche Senioren, um die es geht, wollen nicht mitkommen, nicht darüber sprechen, dass ihr Haushalt langsam verwahrlost, dass der Weg zum Einkauf schrecklich mühselig ist oder dass sie ihre Gedanken oft gar nicht mehr ordnen können.

Dass Kinder, Verwandte oder freundliche Nachbarn ihnen helfen, mag noch in Ordnung gehen, aber einzusehen, dass sie sich selbst und ihre Umgebung überfordern, wenn keine professionelle Unterstützung gesucht wird – davon scheint für viele eine Welt unterzugehen.

In solchen Fällen, aber auch, wenn alte Menschen nicht mehr gern nach draußen gehen, kann es sich anbieten, das Angebot eines Hausbesuches durch die Fachdienstmitarbeiter anzunehmen. Überall in den Städten und in mehreren Dörfern des Landkreises besitzt der Fachdienst Außenstellen mit geschulten Kräften, die sich dann ein Bild von der Lage vor Ort machen.

„Sich einmal von einer außen stehenden Person anzuhören, was es für Möglichkeiten gibt, der gesamten Familie das Leben zu erleichtern, wird von den alten Leuten meistens sehr viel besser angenommen, als wenn ihre Verwandten ihnen Vorschläge machen“, so Claudia Priebe. „Nehmen wir nur das Beispiel Haushaltshilfe. Wenn die Tochter erklärt, dass eine Verletzung beim Putzen harte Konsequenzen haben kann, geht das oft zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Erklären wir aber die Sache, ist die Einsicht oft viel größer – die Emotionen kochen nicht gleich hoch.“

Hilfe im Alter zu suchen, bedeutet nicht, seine Selbstständigkeit aufzugeben, eher im Gegenteil: Die Selbstständigkeit wird dadurch so lange wie möglich bewahrt. Oft komme es vor, so Claudia Kuhlmann, dass alte Menschen ihre Verwandten nicht belasten wollen und sich dafür lieber mühsam durch den Alltag bewegen, bis dann ein Unfall im Haushalt oder auch im Badezimmer mit einem Schlag zum Krankenhausaufenthalt führt, der die alten Menschen nicht selten noch geschwächter zurücklässt. „Da ist es doch besser, einen Pflegedienst zu beauftragen, der auch beim Waschen und Ankleiden hilft und ein Auge darauf hat, ob gesundheitlich alles in Ordnung ist.“

Nach einem ersten Gespräch in der Beratungsstelle des Fachdienstes wird abgeklärt, ob und in wie weit eine Pflegebedürftigkeit besteht und in welchem Ausmaß die Pflegeversicherung in Anspruch genommen werden kann. Auch bei den entsprechenden Anträgen steht der Fachdienst hilfreich zur Seite.

Manchmal entspannen sich komplizierte Situationen schon dadurch, dass pflegende Angehörige sich einfach mal eine Auszeit gönnen, während derer die Senioren eine Tagespflegeeinrichtung besuchen oder Tagespflege engagieren.

„Wir bestärken die Angehörigen darin, sich kein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie ihrerseits mal Hilfe brauchen“, so Silke Priebe. „Auch hier gilt ja: Lieber früh gewisse Grenzen wahrnehmen und akzeptieren, als später ganz zusammenzubrechen und dann gar keinen Spielraum mehr zu haben.“

Viele Senioren fürchten den ersten Schritt in Richtung Pflege, weil sie meinen, das bedeute, sie kämen quasi von heute auf morgen in ein Heim. „Es ist aber so, dass wir alle in unserem Netzwerk bestrebt sind, genau das zu verhindern“, so Silke Priebe weiter. „Wir kommen den alten Menschen mit ihren Bedürfnissen und Wünschen so weit wir möglich entgegen.“

Natürlich geht es in vielen Gesprächen auch darum, ob der Einzug in ein Seniorenheim angebracht wäre. Wenn ein alter Mensch auch nachts regelmäßig Hilfe braucht, dann lässt sich das nicht mehr mit einem Pflegedienst organisieren. Wenn Menschen richtig altersschwach werden und die Verwandten entfernt wohnen oder berufstätig sind, führt um das Heim kaum ein Weg herum. Auch Krankheiten wie Alzheimer oder geistige Verwirrung durch Demenz lassen sich oft nicht außerhalb einer Rundum-Betreuung bewältigen.

„Wir haben oft Grund, die Angehörigen darin zu bestärken, ihre sehr betreuungsbedürftigen Verwandten in ein Pflegeheim zu geben“, sagt Claudia Kuhlmann. „Eine intensive Betreuung lässt sich meistens einfach nicht mit dem modernen Familienalltag vereinbaren und belastet dann die Beziehungen untereinander so sehr, dass gut gemeinte Hilfe eher zum Schrecken wird.“

Sinnvoller sei es da, stark und ausgeruht die Eltern im Seniorenheim zu besuchen und kleine Unternehmungen mit ihnen zu machen, als sich in der täglichen Pflege aufzureiben. „Wenn wir in Ruhe über alles reden, zeigen, wie man die Kosten in den Griff bekommt, bei der Auswahl eines geeigneten Heimes helfen und insgesamt miteinander Vor- und Nachteile abwägen, dann stimmen die alten Menschen ja meistens auch zu“, meint sie. „Wie oft bekommen wir von allen Seiten wirklich positive Rückmeldungen.“

Fast 2000 Beratungsgespräche führten die Mitarbeiter des Fachdienstes Altenpflege im Jahr 2010 überall im Landkreis. Durch umfassende Öffentlichkeitsarbeit, informative Flyer und Vorträge macht sich dieser Dienst immer bekannter.

Fast ununterbrochen klingelt den ganzen Tag das Telefon, sei es, weil Ärzte sich für ihre Patienten melden, weil Angehörige erzählen, dass ihre Eltern nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr alleine leben können oder manchmal auch, weil ein junger Mensch ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und nun ohne intensive Pflege nicht mehr leben kann.

„Ich bin neugierig, wie es wohl die heutige Generation der erwachsenen Kinder halten wird, wenn sie ins Alter kommen“, sagt Silke Priebe. „Es gibt ja noch ganz andere Möglichkeiten, mit einer Hilfsbedürftigkeit umzugehen, als es jetzt den meisten naheliegt: Senioren-WGs zum Beispiel, in denen man sich gemeinsam Pflegekräfte engagiert, oder ganze Wohnsiedlungen, die auf Nachbarschaftshilfe basieren.“

Eines jedenfalls ist für die beiden Koordinatorinnen klar: „Beratung suchen. So früh wie möglich! Keine Angst haben, sondern sich informieren. Wichtig ist: Beratung, Beratung, Beratung!“

Vom demografischen Wandel ist die Altenpflege gleich doppelt betroffen: Es herrscht Fachkräftemangel und es kommen immer mehr Menschen ins pflegebedürftige Alter. Wie erleben die Pflegebedürftigen, deren Angehörige, das Pflegepersonal sowie Führungskräfte den Alltag, in dem immer häufiger vom drohenden „Pflegenotstand“ die Rede ist? Hier der erste Teil unserer Serie zum Thema „Leben im Alter“.



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