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Was taugt ein Facebook-Verbot für Lehrer?

Dass Lehrer nicht mit ihren Schülern in die Sauna gehen sollten, sie beim Sportunterricht nicht auf anzügliche Weise berühren dürfen und dass es auch nicht angebracht ist, mit ihnen private Gespräche über sexuelle Erfahrungen zu führen, das ist wohl eine Selbstverständlichkeit. Nun aber erwägt der Regierungsbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, weitergehende Verbote: Kein Lehrer soll einen einzelnen Schüler im Auto mitnehmen oder in seine Privatwohnung lassen; auf Klassenfahrten dürfen Schülerschlafräume nur auf Einladung hin betreten werden, und vor allem: Kontakte über soziale Netzwerke im Internet, speziell über die Kommunikationsplattform Facebook, sollen, so wünscht es die Regierung, gänzlich unterbunden werden.

veröffentlicht am 04.06.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:23 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

„Ich halte so einen von oben verordneten Verhaltenskodex nicht für besonders hilfreich“, sagt dazu Wolfgang Weber, Schulleiter am Hamelner Albert-Einstein-Gymnasium. „Das wirkt wie die präventive Kriminalisierung eines ganzen Berufsstandes.“ Gerade mal vier Prozent aller Missbrauchsfälle in Deutschland spielten sich zwischen Lehrern und Schülern öffentlicher Schulen ab. „Das zeigt doch: An den Schulen scheint das Lehrer-Schüler-Verhältnis recht gesund zu sein.“ Sollten Lehrer also unbesorgt die „Freundschaftsanfragen“ von Schülern annehmen und mit ihnen via Facebook über Alltagsdinge plaudern, ihnen auch Zutritt auf ihre eigenen privaten Facebook-Seiten geben? „Nein“, sagt er. „Davon würde ich trotzdem entschieden abraten.“

Mit dieser Ansicht steht der Hamelner Schulleiter nicht alleine da. Auch andere Schulleiter, etwa Reinhold Lüthen vom Gymnasium Ernestinum in Rinteln, oder Rotraud Becker von der „Schule am Schlosspark“ in Stadthagen, wo Schüler bis zur 10. Klasse unterrichtet werden, empfehlen ihren Kollegen, keine Facebook-Freundschaften mit ihren Schülern einzugehen. Dabei geht es ihnen nicht darum, auf diese Weise sexuellen Missbrauch an ihren Schulen verhindern zu wollen. „Dieser Punkt steht überhaupt nicht zur Debatte“, so Reinhold Lüthen im Einklang mit seinen Kollegen. „Es geht eher darum, ob es sinnvoll sein kann, dass Lehrer und Schüler sich über Facebook auf eine Weise privat begegnen, wie wir es ja auch sonst nicht gutheißen können.“

Rotraud Becker spricht ganz eindeutige Worte: „Es gibt keinen Grund, warum Lehrer mit Schülern befreundet sein sollten“, sagt sie. „Lehrer sind Autoritätspersonen, die Zensuren geben und über die berufliche Zukunft der Schüler mitentscheiden. Distanz muss sein, ob nun im Internet oder im Alltag außerhalb des Internets. Die Schüler sind von uns abhängig, das darf man niemals vergessen.“

Was Facebook-Freundschaften zwischen Lehrern und Schülern und überhaupt zwischen Autoritätspersonen und von ihnen Abhängigen problematisch machen kann, sei nicht eine mögliche Anbahnung von unerlaubten Liebesbeziehungen, so Lehrer Christian Zikeli vom Rintelner Ernestinum. „Wenn es danach ginge, müsste man jedes Lächeln, einen kleinen Wortwechsel auf der Straße und erst recht Kurstreffen oder Klassenfahrten verbieten, also alle Situationen ausschließen, in denen man persönlich miteinander redet, was ja unmöglich ist.“

Das Problem mit Facebook sei ein anderes, nämlich wie Lehrer mit ihrer Rolle in der Öffentlichkeit umgehen. „Ich gehe auch nicht mit Schülern ins Kino oder in die Kneipe, genauso wenig stelle ich mich mitten auf den Marktplatz und erzähle, was ich gestern so unternommen habe. Und ich will auch nicht wissen, ob ein Sechstklässler etwas getan hat, das ihm seine Eltern vielleicht verboten hätten, auch nicht, was er über die Schule und andere Lehrer an seine Pinnwand schreibt.“

Sein Kollege Daniel Ellermann, der, wie viele andere Lehrer auch, bei Facebook registriert ist und das Kommunizieren dort eine zeitlang sehr spannend fand, er habe nach einer Phase intensiven Nachdenkens alle Freundschaftsanfragen seiner Schüler konsequent abgelehnt. „Das war und ist so ein Hype vor allem bei den Jüngeren“, sagt er. „Anfangs bekam ich manchmal an einem Tag zehn und mehr Freundschaftsanfragen. Die Kleinen finden es ,cool‘, Lehrer in ihrer Freundesliste zu haben. Den wenigstens war dabei klar, dass sie mir damit den Zutritt geben würden, zu allem, was sie auf Facebook hinterlassen: Fotos, Streitigkeiten, Liebeskummer, persönliche Befindlichkeiten.“

Er erzählt von einem Lehrerkollegen, der in seinem Unterricht ein Laptop an einen Beamer anschloss, ins Internet ging, Facebook aufrief und dann die Profile von Schülern aus seiner Klasse auf die Leinwand projizierte, samt ihren Eintragungen und was andere dazu geäußert hatten. Der Protest, die Empörung war groß, und dann auch die Nachdenklichkeit, als der Lehrer ihnen deutlich machte, dass jeder beliebige Mensch an jedem beliebigen Ort genau dasselbe tun könnte. Alle diese Profile waren als öffentlich zugänglich eingestellt gewesen.

„Auch an diesem Beispiel zeigt sich, dass viele Kinder und Jugendliche zwischen privat und öffentlich oft gar nicht wirklich unterscheiden können“, so Daniel Ellermann. „Und genau deshalb ist es nicht nur wichtig, die Schüler aufzuklären, sondern sich auch als Lehrer darüber Gedanken zu machen, wie scheinbar unbefangene Bemerkungen auf einem Schülerprofil bei anderen Mitlesern ankommen und was für Schlüsse daraus gezogen werden.“ All zu leicht könnte es zu Eifersüchteleien kommen, wenn es so aussähe, als stünde ein Lehrer einzelnen Schülern näher als anderen, würde sie vielleicht bevorzugen, weil er ein „Gefällt mir“ unter einem Foto hinterließ, oder würde es begrüßen, wenn die Äußerungen auf seiner eigenen Profilseite zum Gesprächsthema in der Schule werden.

Sowohl in Rinteln, als auch in Hameln, Stadthagen (und weiteren Schulen der Landkreise) werden regelmäßig Informationsveranstaltungen über eine verantwortungsvolle Art des Kommunizierens im Internet angeboten, für Schüler und Eltern ebenso wie für die Lehrer. Schulleiter Wolfgang Weber weist bei solchen Gelegenheiten immer auch auf den „Verein zur Förderung der Medienkompetenz“ hin, der unter dem Namen „Smiley“ kompetente Ratschläge zur Internetnutzung bereithält (www.smiley-ev.de). „Von direkten Verboten halte ich gar nichts“, betont Weber. „Kontakte über Facebook zu stigmatisieren, das würde nur dazu führen, dass Lehrer plötzlich angreifbar wären, nur weil sie auf harmlose Weise dieses Instrument zur Kontaktpflege nutzen.“

Denn es ist ja nicht so, dass Lehrer Facebook-Kommunikation mit Schülern grundsätzlich ausschließen. Daniel Ellermann zum Beispiel hat für seine Ernestinum-Bigband eine eigene Facebook-Seite eingerichtet, auf der nicht nur Fotos gezeigt werden, sondern auch fleißig hin und her kommuniziert wird, wobei es da viel um Terminabsprachen geht. „Überhaupt ist es in vieler Hinsicht praktisch, dass fast alle Schüler bei Facebook angemeldet sind“, sagt er. „Eine private Nachricht, wenn es etwa um schulische Termine geht, kann man ihnen nämlich auch zukommen lassen, wenn man nicht mit ihnen ,befreundet‘, also ansonsten keinen Zugang zu ihrem Profil hat.“

Schulleiter Reinhold Lüthen kann ebenfalls gewisse Vorteile darin sehen, wenn einzelne Kollegen auf Facebook präsent sind: „Soziale Netzwerke führen immer auch zur Gefahr des Mobbings“, sagt er. „Davon bekommen wir Lehrer oft gar nichts mit, es sei denn, man bemerkt das direkt vor Ort.“ Daniel Ellermann stimmt da zu und erinnert sich an einen Fall, wo ein Schüler einen anderen auf Facebook beleidigte und zehn weitere ihr „Gefällt mir“ darunter setzten. „Das wurde in der Klasse heiß diskutiert. Die beiden Schüler sagten, sie hätten sich längst wieder vertragen. Nachlesen konnte man alles aber trotzdem noch auf ihren Profilen.“

Immerhin: Die vielen Gespräche über Facebook und Internetkommunikation hätten bereits deutliche Änderungen im Schülerverhalten bewirkt. Dass man als Außenstehender oder auch nur als „Freund von Freunden“ Zugang zu ihren Facebook-Seiten erhalte, käme inzwischen deutlich seltener vor. Die allermeisten wüssten zu schätzen, dass man die Einstellungen differenziert ausrichten kann und so dafür sorgt, dass nur jeweils ausgewählte Personen bestimmte Informationen zu sehen bekämen.

Was nun ein vom Regierungsbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ausgesprochenes Verbot von Facebook-Freundschaften zwischen Schülern und Lehrern betrifft, so hat Johannes-Wilhelm Rörig seine ursprünglich in den Medien zitierten Äußerungen etwas relativiert und nun von einer bloßen Empfehlung gesprochen, solche Kontakte zu vermeiden. „Das ist gut so“, meint Schulleiter Wolfgang Weber. „Sollten sich unerlaubte Beziehungen von Lehrer zu Schüler anbahnen – und natürlich ist das von jeher in Einzelfällen geschehen – dann muss man konkret und mit Bedacht reagieren, statt alle Lehrer unter Generalverdacht zu stellen.“

Immer mehr Lehrer kommunizieren mit ihren Schülern über das soziale Netzwerk Facebook. Das hat Vorteile, birgt aber auch Gefahren. Ein jüngster Vorstoß der Bundesregierung, Lehrern Facebook-„Freundschaften“ gänzlich zu verbieten, sorgt für Ärger. Das sei „präventive Kriminalisierung“. Wie wird das Thema an Schulen in der Region gesehen?

Nur wenige trennen Privates von Öffentlichem



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