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„Was soll denn da noch rein?“

Sie fasst 240 Liter, hat einen orangefarbenen Deckel und wird zurzeit alle zwei Wochen geleert. Seit Oktober kann ein kleiner Teil der Schaumburger Einwohner die Vorteile einer orangen Wertstofftonne testen. In einigen Stadthäger Straßenzügen führt die kommunale Abfallwirtschaftsgesellschaft Schaumburg (AWS) ein Pilotprojekt zur Nutzung der Orange-Tonne durch. Die Teilnahme daran ist freiwillig und soll nach Angaben von AWS-Geschäftsführer Bernd Insinger für einen Zeitraum von einem Jahr laufen.

veröffentlicht am 02.01.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

Lars Lindhorst

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Ressortleiter zur Autorenseite

Konkrete Ergebnisse aus dem Versuch gebe es noch nicht, so Insinger. Dafür sei der Zeitraum der Wertstoffsammlung bislang zu kurz. Bahnbrechende Erkenntnisse erwarten Insinger und sein Geschäftsführungskollege Peter Kühn ohnehin nicht. Gleichwohl könnten die Erfahrungen mit der Orange-Tonne zu einem optimierten System führen, das ökologische und wirtschaftliche Vorteile mit sich bringe.

Ab 2013 soll im gesamten Bundesgebiet die neue einheitliche Tonne eingeführt werden. Im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung dazu das Kreislaufwirtschaftsgesetz novelliert. Eine endgültige Entscheidung zu dem Gesetzentwurf steht aber noch aus, der Vermittlungsausschuss wird nach Ablehnung durch den Bundesrat erst in den kommenden Wochen erneut darüber beraten. Im Kern will die Bundesregierung erreichen, dass mit der Orange-Tonne künftig mehr Wertstoffe pro Einwohner wiederverwertet werden können – von sieben zusätzlichen Kilo pro Bundesbürger ist die Rede, die zusätzlich dem Recycling zugeführt statt in der Müllverbrennung landen sollen. Zum Vergleich: Was Bioabfälle betrifft, so liegt das Abfallaufkommen je Einwohner bei durchschnittlich 144 Kilo jährlich. Im Rahmen der dualen Systeme, der Sammlung des „gelben Sacks“, wurden im Durchschnitt 62 Kilo je Einwohner gesammelt. Das geht aus der Abfallbilanz aus 2010 hervor, die Ende vergangenen Jahres vorgestellt wurde.

Dass mit dem neuen Kreislaufwirtschaftsgesetz auch die derzeit vorgegebene Recyclingquote des bundesweit vorkommenden Abfalls von 65 Prozent weiter gesteigert werden solle, ist laut Kühn für den Landkreis Schaumburg schon längst geschehen. „2010 lagen wir bei einer Quote von 77 Prozent. Die gesetzlichen Vorgaben werden in Schaumburg seit Jahren erreicht“, so Kühn. Die Tendenz sei steigend.

Bernd Insinger blickt auf den Inhalt der Orange-Tonne für Wertstoffe, die seit Oktober in Schaumburg getestet wird. Fotos: ll

Mit der Einführung der Orange-Tonne werde auch gesetzlich der Markt für die gewerblichen Sammler geöffnet. „Für die Privaten ist natürlich der lukrative Abfall entscheidend“, sagt Bernd Insinger. In Schaumburg werden jährlich durchschnittlich 12 000 Tonnen Papier, 5000 Tonnen Glas, 25 000 Tonnen Biomüll und rund 20 000 Tonnen Restmüll durch die Tonnen der AWS erfasst. Die Entsorgung des gelben Sacks obliegt ohnehin schon privaten Müllentsorgern. Es sind bloß rund 5000 Tonnen Verpackungsmüll im Kreis Schaumburg, wie Insinger berechnet, aber um diese relativ kleine Menge wertvollen Abfalls streiten sich viele Anbieter. „Die Entsorgung von Verpackungsmüll ist ein lohnendes Geschäft“, so Insinger.

Der „Kampf um die Erfassungssysteme“ ist nach Ansicht der beiden AWS-Geschäftsführer vollends entbrannt. Die Orange-Tonne verschärfe die Konkurrenz zwischen kommunalen und privaten Anbietern. Gerade weil die Orange-Tonne wertvolle Recyclingstoffe beinhaltet, solle durch das Pilotprojekt überhaupt geklärt werden, wie viele Wertstoffe zusätzlich erfassbar sind. „Es kann aber nicht viel sein“, meint Kühn. Er schätzt die Jahresmenge auf rund 800 Tonnen – im Vergleich zum übrigen Müllvorkommen im Landkreis eine eher kleine Zahl. Bernd Insinger erklärt die geringe Menge mit dem ohnehin schon geringen Aufkommen an Restmüll: „60 Prozent der Grundstücke in Schaumburg haben sowieso schon nur noch eine 40-Liter-Restmülltonne.“ Auch das, was in der grauen Restmülltonne landet, werde weiter bearbeitet, sortiert und verarbeitet. Oft ließen sich auch in diesen Tonnen verwertbare Materialien wie Metall, Papier oder Holz herausfiltern. Stoffe, die nicht mehr verwertbar sind, gingen als Ersatzbrennstoff in ein Blockheizkraftwerk und erzeugten Energie durch Strom und Wärme. Angesichts der schon zum Großteil wiederverwerteten Abfälle fragt Insinger im Hinblick auf die orange Wertstofftonne: „Was soll denn da noch rein?“

Nichtsdestotrotz testet die AWS die Orange-Tonne auch, um gegenüber potenziellen Privatunternehmen bei der Sammlung konkurrenzfähig sein zu können. Denn sammelten ausschließlich Private den „lukrativen Müll“, so blieben die kommunalen Unternehmen auf den mehr oder weniger unwirtschaftlicheren Teilen des Abfalls sitzen. „Im Rahmen der Daseinsvorsorge machen die kommunalen Entsorgungsunternehmen auch Dinge, die nicht lukrativ sind“, so Kühn. Generell würden alle Erträge die Finanzierung des Gesamten unterstützen. Der Ertrag aus Wertstoffen sei als Einnahme in den Gebührenhaushalt zu betrachten. Wenn die wertvollen Stoffe nun von privaten Anbietern verwertet würden, „dann können durchaus Gebührensteigerungen kommen“, so der Geschäftsführer.

Die Länder haben den Vermittlungsausschuss angerufen, weil sie die kommunalen Entsorger durch das neue Gesetz benachteiligt sehen. Insbesondere die sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung von privaten und öffentlichen Versorgern könnte privaten Sammlern den Zuschlag geben, wenn sie denn ein für die Verbraucher günstigeres Wertstoffsystem anböten. Diesem Grundsatz halten die beiden Geschäftsführer des kommunalen Schaumburger Abfallbetriebs entgegen, dass damit zu geringe kleine Hürden für gewerbliche Sammler aufgestellt werden. „Die sind absolut zu niedrig aufgehängt“, sagt Insinger. Denn: Problem sei, dass der öffentliche Entsorger stets „in die Bresche“ springen müsste, wenn gewerbliche Anbieter ausfielen. „Bislang können sich Private relativ kurz zurückziehen“, sagt Kühn. Das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz sieht nun eine Bindung der privaten Unternehmen an die Entsorgung von drei Jahren vor. Aber: „Wir müssen Fahrzeuge, Personal und Behälter für diese Möglichkeiten vorhalten“, so Kühn. „Wer soll das bezahlen?“

Spätestens im Jahr 2015 soll eine gesonderte Wertstofftonne für Plastik und Metall vor jeder Haustür stehen. Eine entsprechende Reform hat der Bundestag auf den Weg gebracht. In Schaumburg wird seit Oktober diese „Orange-Tonne“ getestet. Teurer soll es für die Verbraucher eigentlich nicht werden, aber genau das wird bezweifelt.



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