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Druckersprech und seine besonderen begriffe

Was sind Hurenkind und Schusterjunge?

Es war schon eine eigenwillige Sprache, die die Drucker früher für sich verwendet haben. Fachchinesisch der besonderen Art, eigenwillig und etwas verschroben. Aber auch wunderschön.

veröffentlicht am 26.03.2018 um 11:18 Uhr

Das waren Zeiten: Rotationsgeschwindigkeiten von heute kannte man damals noch nicht. Foto: Archiv

Autor:

Fiffi Voss
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Die stolzen Jünger der Schwarzen Kunst hatten durch ihre enge Bindung an Geist und Schrift zuerst ihr Ohr am Nabel der Welt. Hierdurch standes- und selbstbewusst geworden, schufen sie sich ihre eigene berufsbezogene Umgangssprache, für viele heute nicht mehr verständlich, für Kenner eine Fundgrube derber, lustiger Sprachschöpfungen.

Der Typenfänger (Setzer) mit seinem Arschgespan (Hintermann) in der gleichen Schriftregalgasse war meistens kein Schuster (nicht besonders leistungsfähiger Geselle), vielmehr ein Satzarchitekt (Akzidenzsetzer), der seinem Stift (Lehrling) beibrachte, wie man beim glatten Furz (Mengen- oder Werksatz) zum Schnellhasen (flinken Setzer) wurde.

Der Setzerdompteur (Metteur, der die Zeitungsseiten in Blei zusammenstellte) verteilte die Manuskripte an seine Pachulken (untergeordnete Überschriften- oder Anzeigensetzer). Die Kunst (Arbeit) in der Bude (Drukkerei, auch Stampfe, Tretmühle, Quetsche, Kunsttempel, Schmiere, Zwiebelfischbude und Taubenschlag genannt) wurde durch den Alten (Principal, Meister oder Faktor) hochgehalten.

Zwiebelfische (in verkehrte Fächer des Setzkastens abgelegte Buchstaben), Eierkuchen (gequirlter Satz) und das Fuchsen (bei leerem Setzkasten Buchstaben suchen) führten zum Überstich (Überstunden) und brachten den Alten auf die Palme. Beim Umbruch (glatten Satz zu Seiten zusammenstellen) musste besonders auf Hurenkinder (letzte, nicht volle Zeile am Anfang einer Seite oder Spalte) und auf Schusterjungen (erste Zeile eines neuen Absatzes am Ende einer Seite oder Spalte) geachtet werden. Peinlich waren auch Leichen (ausgelassene Wörter oder Satzteile) und Hochzeiten (doppelt gesetzte Wörter oder Satzteile). „Kollege“ Computer ist noch weniger in der Lage, solche Unebenheiten zu erkennen. Jedenfalls scheint es noch schwieriger als früher zu sein, eine Jungfrau oder Jungfer (fehlerlosen Satz) herauszubekommen.

Die Kornuten (noch nicht freigesprochene Lehrlinge) hatten früher manche Kelle (Winkelhaken zum Zusammenstellen der Buchstaben und Zeilen) zu setzen und mussten tüchtig draufstechen (schnell setzen), Männchen auf Männchen (Zeile auf Zeile), um mit gutem Griff (zielgerechtem, schnellem Setzen) ihr Soll zu erfüllen (1500 Buchstaben in der Stunde)! Waren die Zeilen zum Handtuch (lange Satzspalte) angewachsen, trug der Stift die Spalte auf dem Schiff (Zinktafel mit Randerhöhung) zur Nudel (Abziehpresse) und machte einen Abklatsch (Handabdruck). Die Fahnen (Abzüge) kamen zum Korrektor in den Kasten (Glasabtrennung). In Feuerzeugen (kleineren Buden) gab es den Schweizerdegen (Fachmann, der setzen und drucken konnte).

Im Druckersaal warteten schon die Mühlen (Schnellpressen) auf das Maschinenfutter (Druckarbeiten). Hatte der Auftraggeber die Korrekturabzüge imprimiert (für druckfertig erklärt), wurden die Kolumnen (Satzseiten) ausgeschossen (in eine für das Falten bestimmte Reihenfolge gebracht). Beim Schmorkohl (einfache Druckarbeiten) kam es auf einen Lausedarm (geringe Differenz) nicht an. Nach der Zurichtung (Ausgleichen der Druckteile) wurde der erste Maschinenabzug zur Revision (letzte Kontrolle vor dem Druck) an das Korrektorat gegeben. Die Mühle mit den verschiedenen Reitern, Tänzern und Läufern (Färb- und Verreibwalzen) setzte sich in Bewegung. Fiel ein Bogen zwischen die Farbwalzen, gab es einen Neger (einen tiefschwarzen Druckbogen). Maschinenmeister und Bogenvize (Anleger oder Hilfsarbeiter) passten auf, dass keine Schimmel (unbedruckte Bogen) durchliefen, die Bogen keine Mönche (blaßgedruckte Stellen) und keine Spieße (mitdruckende Wortzwischenräume) zeigten. Nach dem Druck wurde die Form ausgeschlachtet (Schrift und Blindmaterial auseinandersortiert, der Satz abgelegt).

Viele dieser Ausdrücke gehören schon, obwohl noch täglich in den 70er Jahren verwendet, heute einer scheinbar weit entfernten Vergangenheit an. Die computergesteuerten Techniken vereinfachten viele Arbeitsgänge, damit ging aber auch die alte deutsche, eigenwillige Buchdruckersprache verloren.



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