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Mit der Abholung ist es nicht getan: Der weitere Weg unseres Verpackungsmülls

Was passiert mit den Gelben Säcken?

WESERBERGLAND. Gelbe Säcke am Straßenrand. Tagelang, wochenlang. Aufgetürmt oder aufgerissen, der Inhalt in der Landschaft verteilt. Der Fehlstart des Entsorgers Remondis in Hameln-Pyrmont, aber auch des Konkurrenten Veolia im Kreis Lippe haben die Gelben Säcke zum großen Ärgerthema gemacht. Inzwischen hilft in Hameln-Pyrmont die eigentlich gar nicht mehr zuständige Kreisabfallwirtschaft aus. Doch wenn nun der Müll endlich vom Bürgersteig verschwunden ist – was passiert dann mit ihm? Wir haben nachgefragt.

veröffentlicht am 20.01.2019 um 07:30 Uhr
aktualisiert am 21.01.2019 um 10:21 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Von „Leichtverpackungen“ – kurz LVP – sprechen die Entsorgungsfirmen, wenn es um den Abfall im Gelben Sack geht: Metalle, Kunst- und Verbundstoffe, also ein Mix aus mindestens zwei Materialien. Im Jahr 2017 wurden im Landkreis 4169 Tonnen Abfall in den Gelben Säcken eingesammelt. Das entspricht gut 28 Kilo pro Einwohner – ein etwas niedrigerer Wert als der Bundesdurchschnitt von 30 Kilo. Auch ansonsten gilt: Ein Leichtes ist es mit den Leichtverpackungen nicht:


Wer holt ab? Wurde in den Haushalten der Müll artig getrennt, werden sie vom Entsorger eingesammelt. In Hameln-Pyrmont war das lange der Job der Kreisabfallwirtschaft, die wiederum das Unternehmen Tönsmeier aus Porta Westfalica damit beauftragte. Seit Jahresbeginn ist der große Abfallkonzern Remondis zuständig. Die Remondis & Co. KG ist Branchenführer in der Abfallwirtschaft und hat ihren Hauptsitz im westfälischen Lünen. Mit gut 33 000 Mitarbeitern macht sie einen Jahresumsatz von 6 Milliarden Euro (2016). In Hameln-Pyrmont hat die norddeutsche Remondis Kiel GmbH die Ausschreibung von „Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH“ gewonnen. Im September des vergangenen Jahres wurde übrigens auch das Duale System Deutschland vom Remondis-Konzern übernommen. Das Bundeskartellamt prüft die Übernahme derzeit noch.

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Wer sortiert? Wurden die Gelben Säcke eingesammelt, muss ihr Inhalt sortiert werden. Dazu sind moderne Sortieranlagen erforderlich. Aus Hameln-Pyrmonter Sicht kommt nun ein alter Bekannter ins Spiel. Der Großteil des hiesigen Gelbe-Säcke-Abfalls landet in der Anlage der Tönsmeier GmbH & Co. KG in Porta Westfalica. Ungefähr 80 Prozent der Gelben Säcke aus Hameln-Pyrmont werden dort aufgerissen und – mittels Siebtrommeln, Magneten und Infrarot – automatisch sortiert. Warum „nur“ 80 Prozent? Weil der Auftraggeber, das Duale System, nicht allein auf dem Markt ist. Noch acht weitere duale Systeme existieren inzwischen, die im Auftrag des Handels und der Hersteller die Entsorgung von Verpackungsabfall organisieren. Die gesetzliche Vorgabe ist, dass der anfallende Müll in jedem Gebiet aufgeteilt werden muss – je nach Marktanteil der Unternehmen. Als Ausschreibungsführer in Hameln-Pyrmont darf sich DSD schon mal um die Hälfte des Abfalls kümmern, rund 30 Prozent kommen, gemäß dem Marktanteil noch oben drauf. Die restlichen gut 20 Prozent teilen die acht Konkurrenten unter sich auf. Vergleichsweise nahe Sortieranlagen für die Leichtverpackungen stehen außer der in Porta Westfalica beispielsweise noch in Braunschweig und Bremen.






Was wird recycelt? Etwa die Hälfte des allgemeinen – nicht nur aus Hameln-Pyrmont – in Gelben Säcken in Porta Westfalica angelieferten Mülls gehe ins Recycling, erklärt DSD-Sprecher Norbert Völl. Das sei „ein guter Wert“ und entspreche dem seit Jahresbeginn geltenden Verpackungsgesetz. Heraus kommen aus den Sortieranlagen fast sortenreine Ballen von verschiedenen Kunststoffen. Diese werden an diverse Unternehmen verkauft: Dort wird dann das Polyethylenterephthalat (besser bekannt als PET) zu Fasern für Outdoorjacken, Polypropylen zu Pflanzentöpfen, Polyethylen zu Abfalleimern, Polystyrol zu Spielzeug. Der Aludeckel vom Joghurtbecher darf wieder zur Getränkedose werden, die alte Konservendose zur neuen, bei den Kunststoffen sind Lebensmittelverpackungen aus Recyclingmaterial hingegen nicht erlaubt.



Information

Was gehört in den Gelben Sack?

Diese Frage bietet immer wieder Konfliktstoff. Also – in den Gelben Sack gehören:

Verpackungen aus Kunststoff:

  • Flaschen (von Shampoo, Putzmitteln etc.),
  • Becher (von Joghurt, Margarine etc.),
  • Entleerte Farbeimer, Kunststofffolien, -flaschen, -tüten.

Verpackungen aus Metall:

  • Deckel vom Joghurt- oder Sahnebecher, Konservendosen, Tuben (Senf etc.), sonstige Dosen aus Weißblech oder Aluminium, Schraubdeckel oder Kronkorken.

Verpackungen aus Verbundstoff:

Getränkekartons (für Saft, Milch etc.)

Verpackungsmaterial aus Styropor kann ebenfalls in den Gelben Säcken entsorgt werden. Nicht hinein dürfen hingegen Verpackungen aus Glas, Karton oder Papier und natürlich sämtlicher Restmüll. Wie gesagt: Es geht um Verpackungen.

Obwohl die Kreisabfallwirtschaft Hameln-Pyrmont seit Jahresanfang nicht mehr für die Abholung der Säcke zuständig ist, hilft die KAW-Abfallberatung auch bei solchen Fragen weiter: 05151/9561-36 und -30.



Was geschieht mit dem Rest? Zu rund 25 bis 30 Prozent landen beispielsweise sogenannte Mischkunststoffe in den Gelben Säcken. Also vor allem Verpackungen, die aus verschiedenen Kunststoffarten zusammengesetzt sind, die sich nicht – oder zumindest nicht wirtschaftlich – voneinander trennen lassen. Daraus lässt sich jedoch ein Ersatzbrennstoff vor allem für Zementwerke herstellen. Da diese so auf fossile Brennstoffe wie etwa Braunkohlenstaub verzichten können, eine ökologisch gute Sache, da CO2 gespart werde, betont DSD-Sprecher Völl wie auch sein Kollege bei Tönsmeier, Boris Ziegler. Für die Zementhersteller zudem ein attraktives Geschäft, da sie sich das Verfeuern bezahlen lassen. Allerdings wird die Verfeuerung in Zementwerken seit Jahren immer wieder von Umweltverbänden und Anwohnern kritisiert. Der Grund: Zementwerke müssen sich bei den Abgasen an weniger strenge Grenzwerte halten als Müllverbrennungsanlagen. Ein bestimmtes Zementwerk, in dem Hameln-Pyrmonter Müll lande, könner er nicht angeben, erklärt Völl. „Wir beliefern die Zementwerke auch nicht selbst, sondern Unternehmen, die den Kunststoff aufbereiten und dann ihrerseits an Zementhersteller verkaufen.“



Und der Rest vom Rest? Übrig bleiben 25 bis 30 Prozent „Sortierreste“. Dazu zählen sogenannte Fehlwürfe, die gar nicht in den Gelben Sack gehören: Windeln, Speisereste, Gummistiefel oder Gartenschläuche, aber auch Kunststoffverpackungen, die von der Anlage nicht richtig sortiert wurden, weil sie etwa zu stark verschmutzt sind. „Sortierreste haben einen geringeren Heizwert und einen höheren Schadstoffgehalt, daher eignen sie sich nicht für die Verwertung im Zementwerk“, erklärt Völl. Tönsmeier verwertet sie deshalb im firmeneigenen Ersatzbrennstoffkraftwerk. Die Anlage am Solvay-Sodawerk in Bernburg (Sachsen-Anhalt) ist seit 2010 in Betrieb. Der erzeugte Dampf werde entweder im Sodawerk genutzt oder mit einer Turbine in elektrische Energie umgewandelt, heißt es auf der Tönsmeier-Internetseite. Die Anlage in Bernburg verfüge über eine „deutlich aufwendigere Filtertechnik als ein Zementwerk“, so Völl, deshalb könnten dort auch die Gummistiefel aus PVC verbrannt werden. Dieser Anteil der Müllverwertung verursache die höchsten Kosten.


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Ist das ökologisch sinnvoll?

Wirklich glücklich sind Umweltverbände nicht mit der Mülltrennung und -verwertung in Deutschland. Etwa die Hälfte der Kunststoffverpackungen, die im Gelben Sack oder in der Gelben Tonne landen, wird recycelt, der Rest geht in die Verbrennung. Die Reycling-Quoten stagnierten seit Jahren auf niedrigem Niveau, bemängelt der Nabu. „Es gilt, recycelt wird, was wirtschaftlich ist.“ Ob das seit Jahresbeginn gültige neue Verpackungsgesetz, das höhere Recyclingquoten fordert, Abhilfe schafft, bleibe abzuwarten.

Der Appell des Nabu ist dennoch eindeutig: „Auch wenn die aktuelle Verwertungspraxis von Abfällen aus dem Gelben Sack noch weit hinter dem Möglichen zurückbleibt, gilt: trotzdem trennen!“, heißt es auf der Internetseite des Naturschutzbundes Deutschland. Dabei solle darauf geachtet werden, dass die Verpackungen „löffelrein“ entleert sind (also nicht in die Spülmaschine).

Nur wenn getrennt wird, kann überhaupt recycelt werden. Recycling spare Energie und Rohstoffe, die dann nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen. „Und weniger Rohstoffabbau bedeutet immer auch mehr Natur- und Umweltschutz, weil Ökosysteme erhalten bleiben und weniger Schadstoffe freigesetzt werden.“ In jedem Fall gilt: Müllvermeidung ist besser als jedes Recycling. fh/red



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