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Was ist eigentlich ein Ackerbürgerhaus?

Ein Bauernhaus mitten in der Stadt? Ja und nein. Es handelt sich dabei um „Ackerbürgerhäuser“, um die Häuser von Bürgern, die mehr oder weniger intensiv mit Landwirtschaft und Viehhaltung verbunden waren. In Vorträgen und später einer Führung vor Ort informieren Fachleute am Beispiel Rintelns, was es mit diesem Haustyp auf sich hat und wie man ihn in Zeiten des modernen Wohnens weiter sinnvoll nutzen kann.

veröffentlicht am 07.05.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:39 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Beinahe alle Häuser der Stadt waren im Mittelalter gewissermaßen „Ackerbürgerhäuser“. Kaum ein Bewohner, der nicht auf die Selbstversorgung durch eine kleine Landwirtschaft und Viehhaltung angewiesen war, angefangen bei Hühnern, Kaninchen und Zicklein, bis hin zu Schaf, Schwein und Rind. Die einen hatten dafür viel Land in der städtischen Feldmark zur Verfügung, die anderen erhielten Weiderechte auf städtischen Wiesen oder an Wegrändern, um ihr Vieh versorgen zu können. Wie und wo auch immer die Menschen in der Stadt lebten, ihre Häuser mussten auf das Zusammenleben mit Tieren und eine entsprechende Vorratshaltung eingestellt sein.

„Definitiv festschreiben, was genau das typische Ackerbürgerhaus charakterisiert, das kann man so nicht“, sagt Manfred Röver, Vorsitzender der Schaumburger „Interessengemeinschaft Bauernhaus“ (IGB), der zusammen mit dem in Rinteln wohlbekannten Architekten Ulrich von Damaros aus Quedlinburg und Reinhold Koch, Leiter des Rintelner Stadtbauamts, am 8. Mai über die alten Wohnhäuser in Rinteln referieren wird. „Besonders auffällig aber sind die großen, mehrgeschossigen Fachwerkbauten, die nicht nur Stadtbauern, also den eigentlichen ,Ackerbürgern‘ gehörten, sondern zum Beispiel auch Kaufleuten, die nebenbei eine größere Landwirtschaft unterhielten und außerdem Platz zur Lagerung ihrer Waren benötigten.“ Auch in Adelskreisen besaß man Häuser, die große Verwandtschaft mit Bauernhäusern auf dem Dorfe besaßen.

Als es in der Stadt noch nicht so eng und gedrängt zuging, verfügten die Ackerbürgerhäuser neben dem Eingangstor, durch das ein Einspänner problemlos durchfahren können musste, oft auch über einen Seiteneingang für die Bewohner und einen direkten Weg zum Hof. Je mehr Häuser sich aber den Platz innerhalb der Stadtmauern teilen mussten, desto dichter rückten sie aufeinander, und was man in der Breite nicht haben konnte, holte man durch weitere Stockwerke wieder auf. Über der Diele gab es oft regelrechte Heuböden oder Dachböden zur Warenlagerung, mit Luken, durch die das zu lagernde Gut von der Diele aus über Kräne nach oben gezogen werden konnte. Die Ställe lagen meistens hinten im Anschluss an die große Diele, die Menschen wohnten vorne, zur Straße raus, nahe am städtischen Leben.

„Diese Häuser, die oft schon 400 Jahre alt sind, haben sich im Laufe der Zeit ständig verwandelt“, so Manfred Röver. „Sie wurden immer wieder umgebaut und neuen Bedürfnissen angepasst.“ Dabei verfolgten die Bewohner meisten keinen bestimmten Plan. Sie bauten an, zogen Decken und Galerien ein, aus Ställen wurden Stuben, aus Dachgeschossen zusätzliche Wohneinheiten. „Da dachte niemand daran, eine Unverfälschtheit zu bewahren. Oft erkennt man im Inneren gar nicht mehr, wie es ursprünglich mal ausgesehen hatte.“

Was man aber am Wandel der Häuser ablesen kann, ist der Wandel in der Wohnkultur einer kleinen Stadt, die niemals im eigentlichen Sinne eine Ackerbürger-Stadt war. Zwar gehörten zu den ersten Bürgern überwiegend Bauern, die aus den dörflichen Siedlungen ringsum ins Stadtgebiet zogen und von Stadthäusern aus ihre Felder versorgten, doch entwickelte sich durch die günstige Lage direkt an der Weser schnell ein Bürgertum mit den unterschiedlichsten Berufen, mit Händlern und mit Handwerkern, die ihre Waren auch verschifften. In sehr vielen Häusern war Platz für eine kleine oder größere Werkstatt.

Sehr schön sieht man das an dem Ackerbürgerhaus der Familie Eckel in der Schulstraße Nummer 5, in dem am Sonntag, 13. Mai, auch eine Besichtigung gemacht wird. 1583 errichtet vereint es Ackerbürgertum und Handwerksbedürfnisse, mit einer Diele wie aus einem alten Dorfbauernhaus, von der Ställe, Wohn- und Schlafräume, Holz- und Futterlager und ein Werkstattraum abgehen. Bewohnt ist das bis in die 1970er Jahre noch landwirtschaftlich genutzte Haus nicht. Kein Wunder: Damit es den heutigen Wohnansprüchen genügen könnte, müsste dieses Museumshaus von Grund auf umgestaltet werden.

Genau um mögliche Umnutzungen und Sanierungsideen von Häusern mit vergleichbarer Geschichte wird es im Vortrag von Manfred Röver gehen. „Wir wollen ja unbedingt, dass die stadtprägenden Fachwerkbauten erhalten bleiben“, so Röver. „Zugleich kann man nicht als Denkmalschutz-Missionar oder Moralapostel auftreten und verlangen, es dürfe nichts Entscheidendes im Inneren verändert werden. Wäre dem so, es würde sich niemand auf den Kauf einlassen und die Häuser würden unbewohnt verfallen.“

Eines der typischen Probleme der Ackerbürgerhäuser besteht in dem unendlich hohen Dielenraum, ein anderes in der Organisation eines vernünftigen Schallschutzes, und neben der Überlegung, wie man die oft chaotisch angeordneten, oft auch sehr dunklen kleinen Nebenräume harmonisch umbaut, spielt vor allem die Wärmedämmung eine entscheidende Rolle. „Patentrezepte gibt es da nicht“, sagt Röver. „Jedes Haus ist so individuell, dass viel Kreativität und clevere Ideen gefragt sind.“

Das fordert nicht nur fachliche Kompetenz und viel Energie, sondern ebenso Finanzkraft. Das weiß man auch in der Stadtverwaltung, die Hausbesitzer und Kaufinteressenten nicht nur dazu aufruft, eine Sanierung zum langfristigen Erhalt der Häuser in Angriff zu nehmen, sondern auch im Rahmen des „Förderprogramms „Städtebaulicher Denkmalschutz“ bereit ist, solche Vorhaben finanziell zu unterstützen. Stadtbauamtsleiter Reinhold Koch wird die Fördermöglichkeiten erläutern, die es übrigens nicht nur für ausgewiesene Ackerbürgerhäuser gibt, sondern überhaupt für denkmalwerte Altbauten in der Innenstadt. Wo es da um Instandsetzung, Modernisierung oder energetische Sanierung geht, ist eine Förderung drin, die im allerbesten Fall bis zu fast ein Drittel der entstehenden Kosten abfangen kann.

Architekt Ulrich von Damaros, der aktuell mit dem Umbau des „Alten Museums“ am Kirchplatz beschäftigt ist - auch so ein Ackerbürger- und Kaufmannshaus, das nun zu einer Gastronomie wird, da es für Wohnzwecke ein zu verzwicktes Inneres besitzt – er will durch ein Referat über die spannende Geschichte der Rintelner Ackerbürgerhäuser noch mehr Bürger dazu bringen, sich mit Liebe und Leidenschaft dem Erhalt der Fachwerkbauten zu widmen. Bei der Führung am 13. Mai kann neben dem Schulstraßenhaus und dem zweiten noch fast original erhaltenen Ackerbürgerhaus der ehemaligen Bäckerfamilie Ewald in der Bäckerstraße 15 auch das „Alte Museum“ von innen angesehen werden. Fachmann Dr. Michael Sprenger, Detmolder Bauforscher und Autor des Buches „Bürgerhäuser und Adelshöfe in Rinteln“, wird diese Besichtigungen begleiten.

Die beiden Veranstaltungen dürften besonders für Besitzer von Altbauten in der Innenstadt interessant sein, so Manfred Röver. Doch betont er, dass jeder eingeladen ist, der sein Wissen über die mit den Ackerbürgern untrennbar verbundene Stadtgeschichte erweitern möchte.

Termin: Am Dienstag, 8. Mai, gibt es um 19 Uhr einen Vortragsabend im Sitzungssaal der Stadt Rinteln, Klosterstraße 20, Raum 535. Die Referenten sind Dipl.-Ing. Ulrich von Damaros („Zur Baugeschichte der Ackerbürgerhäuser“), Dipl.-Ing. Manfred Röver („Umnutzungs- und Sanierungsprobleme“) und Stadtbaurat Reinhold Koch („Fördermöglichkeiten bei Sanierungsmaßnahmen“).

Termin: Am Sonntag, 13. Mai, gibt es um 14 Uhr eine Führung durch zwei der letzten noch nahezu original erhaltenen Fachwerkhäuser in Rinteln. Als Fachleute stehen Bauforscher Dr. Michael Sprenger sowie Manfred Röver und Ulrich von Damaros zur Verfügung. Treffpunkt: Schulstraße 5. Der Eintritt ist frei.

Keine Stadtführung durch Rintelns historische Altstadt und die anderen Schaumburger Städte, bei der man nicht haltmachen würde vor einem besonderen Haustyp, bei dem vor allem das hohe, rundgebogene Eingangstor auffällt. Viele Touristen rätseln, warum so ein Tor damals vier, manchmal an die fünf Meter hoch sein musste, und sind erstaunt, wenn sie dann hören: Hier sind einst Erntewagen eingefahren.

Das Ackerbürgerhaus Schulstraße 5 in Rinteln. Es kann am 13. Mai auch von innen besichtigt werden



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