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Was bedeuten Künstler-Nachlässe für die Erben?

Von Josef Apportin, einem der prägendsten Künstler Hamelns und weit über das Regionale hinaus bekannt – wenn auch „Liebesimport“ aus München – ist bekannt, dass er immer sein Werk katalogisieren, auch digitalisieren wollte. Nach seinem Tod – ernüchternd: Sooft er auch angefangen hatte, ein Werkeverzeichnis zu erstellen – es blieb allemal Stückwerk. Und jeder neue Anlauf wieder auf null gestellt und in bester Absicht von vorne begonnen. Sein Sohn Udo hat mittlerweile 299 „fertige Bilder“ registriert.

veröffentlicht am 19.01.2017 um 16:12 Uhr
aktualisiert am 20.01.2017 um 17:11 Uhr

Da ist er: Josef Apportin und seine „Gest. Kalligr. lll“. Foto: Dana
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Autor

Richard Peter Reporter
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Bei Irene Apportin-Kropp sind es laut Sohn Udo über 644. Nicht gezählt Hunderte von Skizzen auf Zetteln, Briefumschlägen, alten Bücherseiten, die sie übermalte. Irene wurde schlicht alles Material, was ihr unter die Finger kam, zu Kunst. Eine notorisch Kreative, unendlich verspielt und schöpferisch. Heute lagern die Blätter in speziellen Kästen mit schmalen Schubladen, wie sie auch in Galerien üblich sind.

Dort, wo die beiden „Appos“ – weil Josef seine Arbeiten mit diesem Kürzel schwungvoll signierte, wenn er nicht, von apportare abgeleitet, „Bringer“ schrieb, wenn er wieder einmal verkäuflichere Blätter unters Volk bringen wollte. Was der Qualität keinen Abbruch tat – nur die Sujets waren andere. Auch Kunst geht nach Brot – auch wenn Appo als Kunsterzieher finanziell abgesichert war.

So sehr er immer wieder versuchte, sein eigener „Köchel“ (siehe Mozart) zu werden, bei aller künstlerischen Freiheit war er immer auch Theoretiker, der ein Faible für Systeme hatte. Irene hat erst gar nicht versucht, irgendwas zu sichten, einzuordnen oder zu nummerieren. Sie zeichnete einfach, malte, schuf Batiken, geniale wie gezeichnete Klöppelbilder, Porträts, Landschaften, fantasierte griechische Mythologie und deutsche Sprichwörter ergänzt um Balken-Inschriften. Eine Allrounderin der Kunst, sozusagen. Und auch Appo, der zuletzt mit seinen Kalligrafien ein konsequenter Vertreter des Abstrakten war und vorzugsweise Bilder schuf, die nichts Konkretes mehr darstellten, vielmehr aus nichts als Rhythmus bestanden – einer Art gemalte Musik.

6 Bilder
Hans Herzberg hat der Welt „Schwimmendes“ geschenkt. Foto: Dana

Das Haus, in dem das so einzigartige Künstlerpaar jahrzehntelang lebte und arbeitete, wird auch jetzt von Familienmitgliedern als Wohnraum genutzt. Allerdings ist Appos Atelier erhalten geblieben. Die Nachkommen des Künstlerpaares – Irene als Urhamelnerin der so weit verzweigten Familie Kropp und Josef, der aus München stammt, die beiden haben sich in der Kunstakademie der Bayern-Metropole kennen- und lieben gelernt – drei Söhne, wollten alles erhalten, auch Ausstellungen organisieren. Und die Arbeiten der beiden Künstler – beide übrigens „arche“-Mitbegründer – wie es zuletzt in der Künstlergruppe hieß, werden immer noch nachgefragt und erworben. Und damit auch gerne gezeigt. In der großen, so verdienstvollen Retrospektive Hamelner Künstler, das Weserbergland eingeschlossen, die jetzt im Kunstkreis gezeigt wird, weil der Saisonstart traditionell immer wieder heimischen Künstlern reserviert ist – werden zwei voluminöse Kalligrafien im Zwei-mal-zwei-Meter-Format von Appo gezeigt und von Irene zwei große Batiken – darunter „Einer muss den Takt angeben“.

Eine Ausnahme unter allen Erb-Kalamitäten – was soll nur aus den Bildern und plastischen Werken werden? – hat Ernst Duttmann, 1950 und 1963 in Einzelausstellungen im Kunstkreis gezeigt, sozusagen das große Los gezogen. Nicht nur – aber vor allem der Bezug zu Aerzen, der Bürgermeister Peter Bartels seinerzeit inspirierte, zusammen mit der Kreissparkasse Weserbergland, wie sie damals noch hieß, den Nachlass des Künstlers aufzukaufen. Rund 4000 Arbeiten wurden so von einer sogenannten ABM-Stelle ein Jahr lang katalogisiert. So sehr in den Anfangsjahren noch Bilder verkauft werden konnten – die Sparkasse dekorierte mit ihrem Anteil vor allem ihre Zweigstellen und Büros – das Interesse an Duttmann-Bildern hat spürbar nachgelassen. So fand seit fast vier Jahren auch keine Verkaufsausstellung mehr statt. Allerdings, so Heiko Bossig, der sich für das Duttmann-Konvolut engagiert, ist für 2019 wieder eine umfassende Schau – vermutlich in der Domänenburg – geplant.

Nachlass-Verhandlungen bei den ganz großen Namen, wo es um Millionen-Beträge geht – so sehr auch gefeilscht und intrigiert werden mag – enden meist in tragfähigen Kompromissen. Als Picasso starb, erhielt der Staat einen Großteil des Kunst-Erbes – erließ dafür aber die fälligen Steuern und schuf in den Marais in Paris ein eigenes Museum für den Jahrhundertkünstler. Der Rest wurde auf staatliche Institutionen und Museen verteilt. Ein Deal, mit dem beide Seiten einigermaßen leben konnten. In den Bezirks- und Landesligen, um es sportlich zu sehen, sieht es natürlich ganz anders aus. Hier gelten andere Regeln – und als Maßstab: ein Bild ist allemal so viel wert, als jemand bereit ist, dafür zu zahlen. Das ist die Crux. Die Erben bleiben zumeist auf dem Nachlass sitzen. Und wissen oft nicht wohin damit – und die Städte werden einen Teufel tun, sich hier Verantwortung und bei notorisch leeren Kassen Kosten aufzuhalsen.

Ausstellung: Der Kunstkreis zeigt die Ausstellung „Retro-spektive“. Sie wird am Samstag, 21. Januar, um 17 Uhr eröffnet. Die Ausstellung dauert bis zum 5. März.



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