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Auf den Barrikaden

Warum Zeitungen für die Revolution so wichtig waren

Die hungernde Landbevölkerung will nicht länger Scheunen und Kassen der Feudalherren füllen. Viele Stadtbewohner sind unter die Räder der Industrialisierung gekommen und suchen verzweifelt einen Weg aus dem Elend. Wie soll, wie muss es weitergehen in Deutschland? 1848 wird zum Schicksalsjahr der Deutschen und der Europäer.

veröffentlicht am 19.03.2018 um 15:57 Uhr

18. März 1848: Demokraten mit schwarz-rot-goldener Fahne kämpfen am Berliner Alexanderplatz gegen die Soldaten des preußischen Königs. Hunderte Menschen sterben. Litographie: Archiv
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Das monarchische Herrschaftssystem abschaffen? Es reformieren? Es verteidigen? Die Meinungen gehen Mitte des 19. Jahrhunderts weit auseinander, weisen unzählige Schattierungen und Vermischungen auf. Es ist ein Chaos aus Forderungen und Vorschlägen, von Interessen unterschiedlichster Akteure. Nicht von ungefähr wird 1848 zur Geburtsstunde vieler freier Zeitungen. Als die Deister- und Weserzeitung am 4. Juli erstmals erscheint, bildet die Dachzeile „Einheit, Freiheit, Ordnung und Recht!“ einen Bogen um zwei ineinandergreifende Hände. Es symbolisiert die Hoffnung, dass Deutschland zusammenfinde und zusammenhalte – und die drohende Anarchie abwende.

Spätestens seit der Französischen Revolution kursiert die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in den Köpfen. Berichte aus den USA zeigen, dass ein Leben weitgehend nach diesen Idealen möglich ist. Tausende Verzweifelte machen sich auf den gefährlichen Weg um die halbe Welt. Die Unzufriedenheit und Wut der Massen in fast ganz Europa ist so groß, dass die Monarchen und die Mitarbeiter ihres Apparats befürchten, ihre Pfründe zu verlieren, vom Volk hinweggefegt zu werden. Unter dem Druck der Straße, nach blutigen Barrikadenkämpfen unter anderem in Berlin, sind sie in Deutschland zu Zugeständnissen bereit. Eines der ersten ist die Abschaffung der staatlichen Pressezensur. Die Herrschenden akzeptieren auch die Einberufung einer Nationalversammlung – auch in der berechtigten Hoffnung, Einfluss auf den Prozess zu behalten.

Die neue Zeitung in Hameln möchte derweil „alle Volksfreunde“ mit „den Gegenständen des Tages“ bekannt machen und „nützliche Sachen“ verbreiten helfen. So wird bereits im ersten Artikel aufgeklärt, was „die wahre Freiheit“ sei: „Frei ist der Mensch, welcher die ihm von Gott angewiesene Stellung für sich und in der menschlichen Gesellschaft begreift und nach seinem Gewissen mit Mut handelt.“ Gott wolle nicht, „dass ein Despot herrsche, welcher die Menschenrechte schmälert und verletzt“. Zwar entspreche die Verschiedenheit der Stände der göttlichen Ordnung – wie in der Natur –, aber alle Kräfte müssten zur „Wohlfahrt aller“ eingesetzt werden. Die Dewezet warnt: „Hüten wir uns, den Kommunismus oder Gleichheit mit der Freiheit zu verwechseln.“ Während in der Frankfurter Paulskirche und den Gasthäusern der Stadt darum gerungen wird, „welches System für die provisorische, vollziehende Gewalt für Deutschland“ gelten soll, kommt aus dem Weserbergland eine gereimte Empfehlung: „Gib einem jeden, was jedem gebühret, nicht durch die Leidenschaft irre geführet. Ordnung und Recht stets im deutschen Gebäu’, Deutschland sei glücklich, mein Deutschland sei frei.“

Zehn ereignisreiche Wochen vergehen bis zur zweiten Ausgabe der Dewezet. Weil sich „die Anzahl der geehrten Abonnenten noch sehr vermehrt hat“, könne diese Zeitung nun jeden Mittwoch erscheinen, teilt die Redaktion am 13. September mit. Beim Blick auf die politische Lage stellt das Blatt fest: „Es gibt der Schlafenden noch zu viele; auch überlässt der eine zu gern dem anderen den Kampf – und ohne Kampf, Mühe und Opfer geht es einmal nicht.“ Nein, es ist kein Aufruf zum Umsturz: „Viele meinen, es müsse ein Kampf der Gewalt und Zerstörung sein, aber – sie irren; denn dies ist nicht der Weg, der zum Ziele führt.“ Die Zeitung rät zu einem „gemäßigten Fortgehen, inniges, stetes Zusammenhalten, Brüderlichkeit der ganzen Menschheit, alte deutsche Treue und Redlichkeit, mutige Entschlossenheit und vor allem Aufklärung unter dem Volke“. Noch deutlicher: „Gesetzlosigkeit, Zerstörungswut und Dummheit müssen in die Rumpelkammer.“

Doch weil sich die verschiedenen politischen Strömungen nicht zu einer starken Macht bündeln, gewinnen die Fürsten ab Ende 1848 mit Waffengewalt die Oberhand zurück. Die Chance, in Europa ein System demokratisch organisierter Nationalstaaten zu schaffen, in denen die Menschen frei und gut leben können und sich nicht mehr wegen monarchischen Machtstrebens bekriegen, wurde vertan. Es folgen 100 Jahre mit immer verheerenderen Konflikten. Erst 1989/90, mit dem Fall der Mauer und Vollzug der Einheit, ist Deutschland dort angelangt, wo 1848 viele hinwollten. Ein sehr langer Weg. Von fast Beginn an dabei: die Deister- und Weserzeitung.



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