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Warum uns Sex glücklich macht

Sex ist das Elixier der Leidenschaft, behaupten Romantiker. Guter Sex ist der Schlüssel zum Glück, glauben viele Paare. Sex macht glücklich und ist gesund, sagt Prof. Dr. Tillmann Krüger, Leiter der sexualmedizinischen Sprechstunde an der Medizinischen Hochschule Hannover. Ein Gespräch über Sex und Glück.

veröffentlicht am 27.03.2012 um 15:22 Uhr
aktualisiert am 27.03.2012 um 16:07 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann

Herr Professor Krüger, warum macht uns Sex glücklich?

Sexualität ist – biologisch betrachtet – einer der essentiellsten Mechanismen in einem Lebewesen, weil wir uns darüber fortpflanzen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass Sexualität im hohen Maße mit Belohnungserleben gekoppelt ist, damit wir uns eben auch vermehren, damit das Projekt Mensch oder Tier auch funktioniert. Bei keinen anderen physiologischen Vorgängen im Körper ist das Erleben von Belohnung, Freude oder auch Ekstase derart stark verknüpft wie bei der Sexualität, insbesondere auch bei dem Erleben eines Orgasmus’. Dabei findet eine Vielzahl von psychischen und biochemischen Prozessen im Körper, vor allem aber im Gehirn, statt. Das kann ein hohes Maß an Glück oder Freude bewirken.

Was genau spielt sich in unserem Körper ab?

Das haben wir an der Medizinischen Hochschule Hannover vor Jahren intensiv untersucht. Wir haben uns gefragt, ob beim Sex nicht ganz viel Endorphine ausgeschüttet werden. Im Blut sehen wir, dass aktivierende Hormone ausgeschüttet werden – zum Beispiel das Adrenalin und das Noradrenalin. Das sind anregende Hormone, die dafür sorgen, dass unser Herz ein bisschen schneller schlägt und unser Blutdruck steigt. Das Stresshormon Cortisol wird nicht vermehrt ausgeschüttet. Es sei denn, jemand hat während des Sexes Stress. Was wir auch festgestellt haben: Nach einem Orgasmus wird viel Prolaktin ausgeschüttet. Das ist vor allem als milchförderndes Hormon bekannt.

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  • Prof. Dr. Tillman Krüger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Verstehen wir Sie richtig: Männer schütten beim Sex ein milchförderndes Hormon aus?

Ja, in der Tat. Aber Hormone haben ja nicht nur eine einzige Funktion. Bei einer stillenden Frau wird das Prolaktin chronisch dauerhaft ausgeschüttet und ist bei Frauen vor allem für die Milchproduktion in den Brustdrüsen verantwortlich. Wenn dieser Stoff bei einem Mann oder bei einer Frau akut nach dem Sex ausgeschüttet wird, hat das eine andere Funktion. Bei Hormonen kommt es immer darauf an, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Situation diese ausgeschüttet werden.

Welche Funktion hat das Prolaktin denn – insbesondere beim Mann?

Das wissen wir bei der Sexualität nicht ganz genau. In Hannover haben wir das lange untersucht und diskutiert. Es könnte sein, dass dieses Hormon das Gefühl von sexueller Sättigung und Entspannung auslöst. Man weiß ja bei stillenden Frauen auch, dass einige von ihnen keine große Lust auf sexuelle Aktivitäten haben – und da spielt das Prolaktin eine große Rolle.

Und was spielt sich beim Sex in unserem Kopf ab?

Es gibt bildgebende Methoden, durch die wir beobachten können, welche Gehirnareale aufleuchten, wenn ein Mensch sexuell erregt ist oder einen Orgasmus hat. Beim Orgasmus gehen im Gehirn gewissermaßen für ein paar Sekunden die Lichter aus, das macht das orgastische Erleben wahrscheinlich so ekstatisch – und uns glücklich. Während sexueller Erregung sind insbesondere die Hirnareale vermehrt aktiviert, die etwas mit Motivation zu tun haben. Das macht ja auch Sinn, denn wenn wir sexuell erregt sind, wollen wir uns dem Menschen ja auch annähern und sexuell aktiv werden. Bei sexueller Erregung werden aber auch Belohnungsareale aktiviert. Das ist nachvollziehbar, weil Sex Freude machen und für intensive Begegnungen mit dem Partner sorgen soll. Wir sehen aber auch, dass auch Teile unserer Hirnrinde aktiviert sind, also jüngere Strukturen unseres Gehirns, die insbesondere die sogenannten kognitiven Leistungen des Menschen so besonders machen. Damit sind vor allem Denkprozesse und intellektuelle Leistungen gemeint. Wenn wir sexuell erregt sind, sind Wahrnehmungsprozesse oder auch Denkprozesse noch relativ aktiv. Und das ist auch etwas, was wir in der Sprechstunde sehen: In der Erregungsphase denken die Leute noch relativ viel. Sie denken zum Beispiel über die Sorgen des Tages nach, sie befürchten, dass es gleich mit der Erektion nicht mehr klappen könnte, haben vielleicht Versagensgedanken oder auch Versagensängste. Manche rekapitulieren beim Sex den Stress des Tages. Die Erregungsphase ist insofern eine vulnerable, also eine verletzliche Phase – da kann die Erektion beim Mann oder die Erregung bei einer Frau auch schon mal abfallen.

Wie wirken die unterschiedlichen Hormone?

Im Gehirn spielt das Dopamin eine besondere Rolle, möglicherweise auch das Endorphin. Bei dem letzteren Hormon handelt es sich um ein körpereigenes Opiat, das für das ekstatische Erleben beim Orgasmus mitverantwortlich ist. Von Bedeutung ist sicher auch eine temporäre Oxytocin-Ausschüttung. Es fördert Vertrauen und Nähe, hilft, uns, sich dem anderen Menschen zu nähern und ihm zu vertrauen.

Ändert sich das Glücksempfinden mit zunehmendem Alter?

Ich glaube schon. Wir haben in der Sprechstunde Personen mit Ende 40, die sagen: Herr Doktor, das fühlt sich nicht mehr so an wie mit Ende 20. Und der Orgasmus ist überhaupt nicht mehr so intensiv wie früher. Ich bin überhaupt nicht mehr so befriedigt danach. Es scheint so, als würden sich bei manchen Menschen biologische Mechanismen im Laufe der Zeit verändern. Bei dem einen ist das ausgeprägter als bei dem anderen. Es gibt aber auch Menschen, die im Alter Sexualität etwas befreiter ausleben. Man könnte sagen: Durch Erfahrung wird sexuelles Erleben bei diesen Menschen intensiver. Aber insgesamt ist es sicherlich so, dass sich das Thema Neugier und Neuheit mit zunehmendem Alter verändert.

Als Sexualtherapeut werden Sie sicher häufig gefragt, wie oft man Sex haben sollte. Was raten Sie Paaren?

Von einmal im Quartal bis dreimal die Woche ist alles möglich. Es kommt darauf an, was für das Paar gut ist. Manche Paare sind vielleicht auch ohne Sexualität total glücklich, streicheln sich nur und sind zärtlich miteinander. Studien deuten darauf hin, dass Sexualität sehr gesundheitsfördernd sein kann. Sex birgt ja auch eine gewisse körperliche Betätigung. Wenn man nicht gerade schwer herzkrank ist, ist Sex daher durchaus gesundheitsfördernd. Hinzu kommt der wahrscheinlich noch wichtigere Aspekt der intensiven körperlichen und emotionalen Nähe. Sie ist für sexuelle und psychische Gesundheit und Glück immens wichtig.

Sex macht also glücklich und ist auch noch gesund?

Genau, es lohnt sich, in Sexualität zu investieren. Sexualität will aber auch gepflegt werden. Dass alles so einfach geht, wie in den ersten Monaten oder Jahren des Verliebtseins, ist auf Dauer sicher nicht so. Man muss schauen, wie man Sexualität auffrischt und erneuert, sodass es Spaß macht mit dem Partner oder der Partnerin. Es gibt einige Paare, die uns sagen: „Wir lieben uns, aber der Sex ist eingeschlafen.“ Sex muss immer wieder neu belebt werden, zum Beispiel, indem man anfängt, darüber zu sprechen. Auch über Fantasien und Wünsche zu sprechen, lohnt sich. Das kann sehr belebend sein und kann einen erotisierenden Effekt haben. Da kommt etwas Neues in eine Beziehung, eine neue Idee oder ein neuer Aspekt, den man von seiner Partnerin oder seinem Partner noch nicht gekannt hat. Das kann sehr belebend sein.



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