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Warum und wie Millionen Vögel in den Süden ziehen

Es ist still geworden in Gärten und Wäldern. Der knarzende Gesang vom Hausrotschwanz ist ebenso verstummt wie das gequetschte Geplapper der Dorngrasmücken. Die Zugvögel haben sich Richtung Süden verabschiedet. So hat der Grauschnäpper sein Jagdgebiet in Nachbars Garten mit dem in der zentralafrikanischen Savannen getauscht. Jährlich sind weltweit geschätzte 50 Milliarden Zugvögel unterwegs.

veröffentlicht am 29.10.2016 um 10:00 Uhr
aktualisiert am 30.12.2016 um 13:55 Uhr

Frank Neitz

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Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Ein Zehntel von ihnen pendelt zweimal im Jahr zwischen Europa und Afrika oder Asien. Es ist ungeheuerlich, was sie auf ihren langen Flügen leisten. Und es ist eine gefährliche Reise – für viele bedeutet der Vogelzug den Flug in den Tod. Präzise Zahlen von Verlusten auf dem Zug gibt allerdings nicht, sagt Prof. Franz Bairlein, Direktor des Instituts für Vogelforschung der Vogelwarte Helgoland in Wilhelmshaven.

Gerade einmal jeder dritte Vogel der kleineren Arten überlebt das erste Lebensjahr. In den Folgejahren liegt die Sterberate bei 50 Prozent. Ein Großteil verendet in der Zeit, wenn sie auf Reisen sind. Wie viele das sind, können auch Forscher nicht sagen. Dennoch steigen die Zugvögel zu ihren langen Flügen in die Lüfte. „Wir glauben fälschlicherweise, dass Ziehen kostspieliger ist als Hierbleiben. Wenn das so wäre, würde es in der Evolution keinen Vogelzug gegeben haben“, ist sich der Wissenschaftler sicher.

Was Teichrohrsänger und Co. beim Start nicht wissen: Mit dem Menschen wartet unterwegs einer ihrer gefährlichsten Feinde. Millionen Vögel verenden – vorrangig im östlichen Mittelmeerraum – in Fangnetzen, Fallen oder auf Leimruten. Zahlenmäßige Rückgänge heimischer Brutvogelarten sind darauf aber nicht zurückzuführen.

Die meisten Zugvögel – etwa drei Viertel – ziehen auf einer südwestlichen Route. Dort spielt die Massenverfolgung heute nicht mehr die Rolle wie noch vor 40 Jahren. Doch auch hier landen Wiesenpieper oder Rotkehlchen als lukullische Leckerbissen auf Tellern. So gilt „Polenta uccelli“ – Maisbrei mit Singvögeln – in Teilen Italiens immer noch als Delikatesse. Und für ein Gericht mit zubereiteten Ortolanen soll man in Frankreich bis zu 500 Euro auf den Tisch legen müssen.

Der Großteil der Ausfälle basiere jedoch auf dem Lebensraumverlust und auftretender Erschöpfung, erklärt Bairlein. „Im Mittelmeerraum werden im großen Stil natürliche Landschaften umgewandelt. Das gilt auch für Nordwest-Afrika – ein Platz der für viele unserer Zugvögel enorm wichtig ist und Gebiete südlich der Sahara.“

Doch wer gibt ihnen das Startzeichen zum Abflug? Lange Zeit galt die Annahme, dass Vogelzug durch Umweltfaktoren oder Schwankungen in den Tageslängen ausgelöst wird. Heute denken Wissenschaftler anders. „Wir wissen, dass viele Zugvogelarten über einen inneren Jahreskalender verfügen, der sie zeitlich richtig in entsprechende Zugwilligkeit bringt“, erklärt der Forscher. So soll die Stärke an Zugunruhe auch die Entfernung angeben, die der jeweilige Vogel zurückzulegen hat. Quasi: Je doller, desto länger.

Diese Vögel bleiben hier

Wintervögel

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Quelle: Foto: Frank Neitz

Der Zeitpunkt zum Abflug ist den Vögeln also schon in die Wiege – oder genauer ins Nest – gelegt worden. Mit diesem angeborenen Programm können erstmals ziehende, noch unerfahrene Jungvögel automatisch ihre Winterquartiere erreichen“, sagt der Professor. Doch über ein Navi verfügen Vögel nicht. Wie setzen die Zugvögel das Richtungswissen in einen aktuellen Flug um?

Sie haben biologische Kompasse. „Für die Nachtzieher, die meisten unserer Vogelarten, sind es die Gestirne. Die Vögel ziehen aber auch, wenn sie die nicht sehen. Sie nutzen das Erdmagnetfeld für die Orientierungsleistung“, erklärt der Professor. Dieser Kompass sitzt im Auge. „Sie haben besondere Moleküle in den Augen, mit denen sie das Erdmagnetfeld wahrnehmen können“, sagt Bairlein.

Die genetische Grunddisposition – die angeborene Flugbereitschaft – steht also. Doch ob der Vogel an einem vorbestimmten Abend dann auch letztendlich abhebt, entscheidet das Tier selbst. Dazu spielen weitere Faktoren eine Rolle: Die Wetterbedingungen und die Gewissheit, dass der „Treibstofftank“ ausreichend gefüllt ist. Den tragen die Vögel unter ihrem Gefieder, sprich auf den Rippen. Für die Langstreckenflieger ist Fett ein leichter, energiereicher Sprit.

Dieses Fettpolster muss angefressen werden. Ein Fitis bringt im Sommer ganze acht bis zehn Gramm Körpergewicht auf die Waage – gerade einmal so viel, wie zehn Büroklammern. Im September frisst sich der Vogel nahezu das gleiche Gewicht an Fettpolster an. Reiseziel dieses kleinen Laubsängers sind Habitate südlich der Sahara. Und die Überquerung der bis zu 3000 Kilometer breiten Sandbarriere ist ohne ausreichende Fettreserven eine fast unüberwindliche Hürde.

Theoretisch sei es bei guten Winden für viele Arten möglich, die Sahara in einem Flug zu überqueren, sagt Prof. Bairlein. Doch die meisten fliegen in Etappen. „Viele Arten fliegen nachts, rasten am Tag. Dann sitzen sie in schattenspendenden Felsspalten bei einer Umgebungstemperatur, die niedriger als ihre Körpertemperatur ist. Oasen besucht nur der, der nicht genügend Fettreserven an Bord hat“, weiß der Ornithologe.

Einige Vögel sind zu Frühbuchern geworden, reisen immer zeitiger zurück in den Norden. „Auffällig ist, dass gerade im Frühjahr einige Vogelarten wesentlich früher zurückkehren. Vögel, die in Südeuropa, aber auch in Afrika überwintern. Bei einigen Arten haben wir Verfrühungen von drei bis vier Wochen festgestellt. Im Schnitt sind es 10 bis 14 Tage. Das lässt sich nur mit dem Global Warming erklären“, berichtet Bairlein.

Vor Jahren kam das noch einem Todesurteil gleich. Heute nicht mehr unbedingt. „Es gibt Arten, die nicht zwingend einen Vorteil daraus haben. Entscheidend ist, wann die Brutzeit ist. Trauerschnäpper brüten viel zeitiger als zuvor. Insekten – ihre Nahrungsquelle – entwickeln sich bedingt durch die milden Frühjahre, noch schneller“, hat der Forscher festgestellt.

Auch dem Kuckuck bereitet die Veränderung in der zeitlichen Abstimmung mit seinen Wirtsvögeln inzwischen Kopfzerbrechen. Bislang hat sich an seinem eigenen Ankunftsverhalten nichts verändert. Doch Vögel wie die Heckenbraunelle, denen er seine Eier unterjubelt, können da längst schon mit dem Brüten fertig sein. Dann bleibt der Kuckuck auf seinen Eiern sitzen. Mismatch nennt Bairlein schlechte Zusammentreffen. „Wenn diese Diskrepanz noch stärker wird, dann nehmen die Arten in Europa weiter ab.“



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