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Internet bietet eigentlich unbegrenzte Möglichkeiten – doch nicht für alle Menschen

Warum Integration im Netz oft schiefläuft

Dass man als geistig behinderter Mensch ziemlich viel Lebensmut und Energie mitbringen muss, um in der Alltagskommunikation Nichtbehinderter mitmischen zu können, das beweist zum Beispiel ein junger Mann aus Rinteln, den mittlerweile fast jeder kennt, weil er seit seiner Jugend ständig in der Stadt unterwegs ist und die Vorübergehenden anspricht.

veröffentlicht am 18.01.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:16 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Früher bekam der heute 34-Jährige oft Ärger und wurde sogar von Teenagern verprügelt, doch er gab nicht auf und mit den Jahren kennt er jede Menge netter Leute, die freundlich mit ihm plaudern und auf seine Behinderung Rücksicht nehmen. Im Sommer hilft er sogar dabei, das Freibadgelände sauber zu halten. In vielen kleinen Städten läuft solch eine Nebenbei-Integration nicht viel anders ab. Wie aber sieht es aus, wenn ein geistig behinderter Mensch im Internet mitreden will?

Es gibt nicht viele Beispiele dafür. Zwar wird in unendlich vielen Internetforen unendlich viel kommuniziert, doch es ist trotzdem gar nicht so leicht, den Weg dorthin zu finden, wo man mit anderen Menschen diskutieren oder plaudern oder von ihnen Hilfe erbitten kann. Bundesweit gibt es durchaus Institutionen, in denen geistig Behinderte ans Internet herangeführt werden und dann wissen, wie sie Filme angucken, Musik hören oder die Seiten ihrer Stars aufrufen können. Doch in einem Forum Fragen zu stellen und sich an den ja immer schriftlich geführten Gesprächen zu beteiligen, mit Menschen, die man nicht sieht und nicht kennt, das ist ein Gebiet voller Stolpersteine.

Der 34-jährige Rintelner, als jemand, der das Lesen und Schreiben kaum beherrscht, hätte da gar keine Chance. Doch auch für Lernbehinderte, die einer einfachen Arbeit nachgehen, einfache Sätze lesen und schreiben können, ist das Mitreden in Internetforen so etwas wie ein Minenfeld und es gehört großer Mut dazu, sich darauf einzulassen. Ihre unbeholfenen Fragen und Antworten werden von den anderen oft als Provokation verstanden, ihre Wortkargheit als Unhöflichkeit, durch die vielen Rechtschreibfehler machen sie sich ebenso angreifbar wie durch offensichtliches Nichtverstehen von komplizierteren Beiträgen.

Und wenn man dann noch annimmt, sie seien nur ein „Troll“, also jemand, der in einem Forum auftaucht, um dort mit Absicht alles durcheinanderzubringen, dann geht ganz schnell das Mobben los.

Eine 43-jährige Frau, nennen wir sie „Pina“, ist eine der wenigen eindeutig geistig Behinderten, die sich in normale Foren trauen und die dann auch sofort, gegen ihren Willen, in all diesen Foren wie aus dem Nichts heraus eine Art Aufruhr anrichtete. Pina meldete sich, wohl mithilfe eines Freundes, zunächst in solchen Foren an, wo erfahrene Leute Anfängern Fragen ums Programmieren beantworten. Pina will die Programmiersprache HTML erlernen, weil sie glaubt, sie brauche das, um eine Maschine, die sie bei ihrer Arbeit benutzt, richtig einzustellen. „Ich brauche Hilfe bei HTML, schnell“, schreibt sie. Wenn die anderen sie fragen, was genau sie denn wissen will, schreibt sie zurück: „Ja, dass ich noch mehr kann.“

So selten ist es, dass lernbehinderte Menschen in solchen Foren auftauchen, dass dort lange niemand auf die Idee kam, es könne jetzt wirklich mal der Fall sein. Man verwies Pina auf Interneteinführungen zum Programmieren und sie antwortete: „Zu schwer.“

Man bot ihr Schritt-für-Schritt-Anleitungen an, doch sie verstand schon die einfachsten Grundzeichen nicht. Jemand produzierte extra ein kleines Video für sie und sie sagte nur, dass sie so etwas nicht will, kein Danke, keine weiteren Erläuterungen, stattdessen wurden ihre Sätze immer kürzer, ihre Rechtschreibung immer chaotischer.

Nicht lange, und erste User wurden wütend und beleidigend, während andere ihr genüsslich zum 50. Mal erläuterten, dass sie viel zu blöd sei, um jemals das Programmieren zu lernen. „Ich wein, bin echt fertig“, schrieb sie dann, und erntete weitere boshafte Bemerkungen. In fast allen Foren, die sie aufsuchte, wurde sie schließlich gesperrt, auch dann, wenn es zunächst Moderatoren gab, die versuchen wollten, sie irgendwie zu integrieren. „Genau solche Dinge würden uns große Sorgen machen“, sagt Heilpädagogin Angela Wehrhahn, die in Hameln eine Lebenshilfe-Wohngruppe betreut. „Theoretisch könnte das Internet eine große Bereicherung sein für Menschen mit einer Lernbehinderung. Die meisten sind ja, ähnlich wie manche alte Menschen, nicht besonders mobil und haben nur eingeschränkte soziale Kontakte. Doch die Gefahr, dass das alles ein deprimierendes Misserfolgserlebnis wird, ist groß. Ohne einen Assistenten an der Seite würde ich keinem Lernbehinderten raten, an Gesprächen in einem Internet-Forum teilzunehmen.“

Einen Bewohner immerhin gibt es, der sich zusammen mit seiner Freundin im sozialen Netzwerk Facebook angemeldet hat. Zu seinen „Freunden“ dort zählen vor allem die Familie und auch Mitarbeiter aus der Lebenshilfe, die ihm außerdem halfen, alles so einzustellen, dass sich niemand, der nicht dazu eingeladen wurde, auf diese Seiten verirrt. „Wir überlegen, ob wir jeweils ein Facebook-Profil für unsere beiden Hamelner Wohngruppen anlegen“, sagt Angela Wehrhahn. „Es wär schon toll, sich dieses Medium zu erobern, aber wir sind noch nicht so weit.“

In der Rintelner Lebenshilfe sind ebenfalls einige Bewohner bei Facebook angemeldet. „Facebook lässt sich allerdings nicht mit einem Forum vergleichen“, so Wohnheimleiter Marco Reinking. „Die allermeisten unserer Mitbewohner wären lebhaften Gesprächen mit all ihren Zwischentönen nicht gewachsen.“ Auf der sozialen Plattform aber spielen sie die kleinen Online-Spiele, geben Statusmeldungen ab wie „schöner Tag heute“ oder „habe schlechte Laune“ und zeigen sich gegenseitig Musik- und Videoclips. Regelrechte Gespräche sind eher selten.

Einzig Michael B. (31) hat keine Scheu, auch andere Kommunikationsformen des Internets zu nutzen. Er ist unter anderem in einem PC-Forum angemeldet und stellt dort Fragen, beantwortet auch die Fragen der anderen und fällt als intelligenter Autist nur manchmal dadurch auf, dass er sich knapp und sehr direkt ausdrückt, „manchmal etwas zu direkt“, sagt er. „Aber ich erkläre den anderen, dass ich eine autistische Störung habe und dass meine Direktheit damit zusammenhängt und nicht unfreundlich sein soll. Also, ich habe eigentlich keine Probleme.“

Die lernbehinderte „Pina“ schrieb ebenfalls in vielen Foren-Beiträgen, dass sie lernbehindert sei, doch meistens nützte ihr das wenig, um besser in die Gemeinschaften aufgenommen zu werden. Wo sie ein Thema eröffnete, tummelten sich viele Neugierige, denen es Spaß machte, sie zu provozieren, bis meistens die Forderung laut wurde, dass man sie aus dem Forum aussperren solle. Dass es allerdings anders gehen kann, wenn sich Menschen finden, die jemanden wie Pina wirklich unterstützen, zeigt das letzte ihrer Foren, wo sie jetzt schon seit Anfang des Jahres dabei ist, ein großes Spieleforum, in dem es so etwas wie eine Plauderecke gibt und wo ihr ermöglicht wurde, ein eigenes Thema zu eröffnen: „Plaudern mit Pina.“ Ständig halten engagierte Moderatoren ein Auge auf sämtliche Beiträge, ermahnen User, die sich danebenbenehmen und erklären Pina, dass nicht alles böse gemeint ist, was bei ihr als Kränkung ankommt.

Es ist erstaunlich, wie man in diesem Forum verfolgen kann, dass die ungewöhnliche Teilnehmerin allmählich akzeptiert wird. Wenn sie schreibt: „hört auf, zu viel Krach“ versteht man inzwischen, dass sie meint, es würden unübersichtlich viele Beiträge in kurzer Zeit geschrieben; wenn sie auf die Frage, was ihr Lieblingssong sei, antwortet: „Sag ich nich, zu privat“, ahnt man, dass jemand sie davor warnte, zu persönliche Dinge zu äußern. Immer mehr User nehmen Rücksicht auf ihre Eigenarten und freuen sich, wenn Pina dann tatsächlich mal schreibt: „Ihr seit nett.“ Inzwischen haben Provokateure längst das Interesse an ihr verloren, während einige andere regelmäßig kleine Bemerkungen in Pinas Thema hinterlassen.

So eine harmonische Fortsetzung des Abenteuers Internet eines geistig behinderten Menschen wird aber wohl die Ausnahme sein und ist einer Forenleitung zu verdanken, die bewusst die Herausforderung eines Integrationsversuches annehmen wollte. „Solange niemand auf die Teilnahme Lernbehinderter an der Internetkommunikation vorbereitet ist, ist es eher gut, wenn unsere Bewohner eine Scheu davor haben“, so Angela Wehrhahn. „Die Ängstlichkeit ist auch ein Schutz davor, sogar in der Anonymität des Internets wieder zu den Ausgegrenzten zu gehören.“

In der Alltagskommunikation klappt es – manchmal nach Anlaufschwierigkeiten – einigermaßen gut: der Kontakt zwischen nichtbehinderten und geistig behinderten Menschen. Im Internet sieht es aber anders aus. Oft kommt es in Chats und Foren zu argen Problemen. Weil einfach das Verständnis fehlt. Ein Erfahrungsbericht.

Integration ist im Forum eine Herausforderung



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