weather-image
21°

Hat Weinen eine Funktion? Die Wissenschaft rätselt bislang – und bei den meisten Menschen passiert es einfach so

Warum die Tränen fließen

Der Schornsteinfeger wird sich gewundert haben. Als ich ihm die Tür öffnete, standen mir Tränen in den Augen. Ich hatte am PC gesessen, online Zeitung gelesen und plötzlich hatte ich weinen müssen, nicht wegen eines bestimmten Artikels, sondern in einem Anfall von Weltschmerz – erfasst von dem, was Dichter Heinrich Kleist als „die gebrechliche Einrichtung der Welt“ umschreibt. Dann klingelte es, und da stand der Schornsteinfeger. Gerade stelle ich mir vor, ich hätte versucht, ihm meine Tränen zu erklären.

veröffentlicht am 27.09.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:13 Uhr

270_008_6629202_hi_traene.jpg
ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Stattdessen – denn so ein unvermuteter Tränenanfall lässt einen ja nicht kalt – machte ich kundig, warum und in welchen Situationen Menschen eigentlich weinen. Tatsache ist schon mal, dass wir Frauen da weit vorn liegen. Vom Babyalter vielleicht abgesehen, wo das Weinen in erster Linie der Ersatz für die noch fehlenden anderen Kommunikationsmöglichkeiten ist. Zwischen 30- und 64-mal im Jahr weinen Frauen, während die Männer durchschnittlich nur auf 6- bis 17-mal pro Jahr kommen.

Wir weinen, so sieht es die Forschung, aus vornehmlich zwei Gründen: Einerseits, um Stress und Spannung abzubauen und starke Emotionen besser zu verarbeiten; andererseits als Ausdruck einer sozialen Interaktion, etwa, um Trost und Unterstützung zu erhalten. Beide wissenschaftliche Grundannahmen rufen allerdings Gegenthesen hervor.

Traurigkeit nach

einem Film hält noch Stunden an

Etwa ein Drittel aller in verschiedenen Studien befragten Probanden gaben an, sich nach dem Weinen keineswegs besser zu fühlen als zuvor. Der amerikanische Forscher William Frey zwar glaubte beweisen zu können, dass der Körper beim Weinen unter anderem schädliche Einweißstoffe ausschwemmt, die bei Gefühlen der Trauer oder Wut entstehen und von denen sich der Körper dann wieder befreit. Andere Untersuchungen aber konnten zeigen, dass das Weinen Menschen auch richtig fertigmachen kann. Kinobesucher, die angesichts eines traurigen Filmes heftig hatten weinen müssen, waren auch Stunden später noch sehr bedrückt, während andere, die nicht zu Tränen gerührt wurden, schon längst wieder gute Laune hatten.

Auch steht zwar wohl außer Frage, dass Weinen bei anderen Menschen das Bedürfnis hervorruft, die Traurigen oder Verzweifelten zu trösten. Doch legen es die wenigsten Menschen darauf an, vor anderen zu weinen, im Gegenteil: Geweint wird in erster Linie dann, wenn man sich unbeobachtet fühlt. Wer dabei überrascht wird, wischt sich meistens ganz schnell die Tränen ab. Wer im Schutz der Kinodunkelheit weinte, wird alles dransetzen, den Abspann zu nutzen, um Nase zu putzen und Augen zu trocknen, bevor das Licht wieder angeht.

Und wie erging es wohl dem sehr alten Mann auf dem reformierten Friedhof in Rinteln, dem ich neulich half, ein Grab zu finden, und dann stand er schließlich davor und die Tränen liefen ihm nur so die Wangen herunter. Ich legte ihm kurz den Arm auf die Schulter, ohne zu wissen, ob es ihn ein wenig tröstete oder ob er wünschte, ich ließ ihn einfach nur in Ruhe.

Als die Wissenschaftlerin Dr. Elisabeth Messmer von der Augenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München sich im Jahr 2009 in einer Forschungsarbeit mit dem Thema „Weinen“ beschäftigte, kam sie zu dem Schluss, dass „emotionale Tränen“ ein Rätsel seien. Es sei wissenschaftlich nicht zu klären, welche evolutionäre Funktion genau das Weinen habe. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Eine Umfrage unter Freunden und Bekannten, wann sie das letzte Mal geweint hätten oder mit welchem Weinen besonders intensive Erinnerungen verbunden seien, bescherte mir eine Reihe von kleinen Tränengeschichten, manche lustig, manche sehr traurig, manche verbunden mit einem tragischen Geschehen.

Eine Mutter erzählt, dass sie nicht in der Lage ist, ihrer Tochter das Buch „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren anders als mit tränenerstickter Stimme vorzulesen. „Ich kenne die Geschichte doch auswendig“, sagt sie. „Und trotzdem muss ich immer wieder heulen, wenn ich lese, wie sich der große Bruder Jonathan für den kleinen, gelähmten ,Krümel‘ opfert, als die Wohnung brennt, und wie er sterbend verspricht, dass sie sich im Land Nangijala wiedersehen werden.“ Ihre achtjährige Tochter aber weine gar nicht. „Sie ist nur genervt, wenn ich das Vorlesen unterbreche und drängelt mich, endlich weiterzulesen.“

Eine andere Mutter schildert, dass sie weint, wenn sie sich mal wieder sehr mit ihrer zehnjährigen Tochter gestritten habe. „Aber eigentlich weine ich dann nicht richtig, ich weine innerlich, aus Verzweiflung darüber, dass wir uns manchmal so anschreien und dass ich nicht weiß, wie ich das ändern soll.“ Sie wolle nicht vor ihrer Tochter in Tränen ausbrechen, ihr damit nicht irgendwelche Schuldgefühle machen. „Eigentlich müsste ich mich zurückziehen und mal so richtig weinen, ich glaube schon, dass mich das trösten würde. Aber in einer Familie ist so wenig Raum dafür.“

„Ich weine selten aus Traurigkeit“, sagt eine Freundin. „Das macht mir nämlich Angst, ich habe Angst, mir so direkt einzugestehen, dass ich manchmal wirklich richtig traurig bin.“ Das letzte Mal heftig geweint habe sie vor Kurzem, in einer Art Wutanfall, als sie nämlich in einer Sparkasse eine Frau davon abhalten wollte, ihr Kind anzuschreien, und diese dann zurückblaffte: „Von so einer fetten Kuh wie dir lasse ich mir gar nichts sagen!“

Ihr mache Streit und Kritik sonst gar nicht viel aus, aber wenn jemand ihr Übergewicht als gegen sie gerichtete Waffe einsetze, dann könne sie nur heulen wie ein kleines Kind. „Und keineswegs fühle ich mich danach besser, nur einfach erschöpft.“

Eine andere Freundin muss direkt weinen, als sie von ihrer Mutter erzählt. „Es war so verrückt, so traurig“, sagt sie. „Meine Mutter und ich schwammen im Meer, in dem Sommer, als meine Schwester gestorben war. Die ganze Zeit war meine Mutter so stark gewesen, sie war es, die uns andere immer irgendwie trösten konnte. Aber als wir beide in den Wellen schwammen, da erzählte sie mir vom letzten Gespräch mit meiner Schwester im Krankenhaus und wie ihr so gar nicht zu helfen gewesen war. Und die ganze Zeit, während wir ziemlich weit draußen im Wasser waren, liefen ihr die Tränen herunter. Immer, wenn ich daran denke, muss ich selbst weinen.“

„Es war ein gutes Weinen, nicht heftig, sondern

still und mitfühlend.“

Wieder eine anderen Freundin fällt ein, wie sie einmal anderthalb Stunden hintereinander weinte, ohne Pause, sie habe sicher einen halben Liter Tränen vergossen, als sie nämlich, ganz allein in der Wohnung, den Film „Irgendwo in Iowa“ sah, mit Johnny Depp, und wie er sich in der öden Gegend um seine chaotische Familie kümmert, um den verrückten kleinen Bruder und die unglaublich dicke Mutter, die nicht mehr aus ihrem breiten Sessel aufstehen kann. „Keine Ahnung, ob das was mit mir und meiner Familie zu tun hatte“, sagt sie. „Oberflächlich gesehen sicher nicht. Aber wie dem auch sei, es war ein gutes Weinen, nicht heftig und schluchzend, sondern still und mitfühlend.“ Sie liebe es überhaupt, bei Filmen zu weinen. „Wer weiß, vielleicht deshalb, weil ich es bei echten Gelegenheiten unbedingt zu unterdrücken versuche?“

Keine der Frauen, die ich befragte, zögerte auch nur einen Moment damit, eine längere Geschichte herauszurücken. Anders die Männer.

„Habe ich überhaupt schon mal geweint“, fragt sich einer meiner Bekannten. „Selbst bei Beerdigungen fließt bei mir keine Träne. Manche nennen mich hartherzig, aber ich weine eben nicht. Basta!“ Ein Freund gesteht endlich, dass er weinen musste, als er seine letzte Arbeitsstelle kündigte. Eine der Kolleginnen habe beim Abschied angefangen zu weinen und da konnte er, der sonst so gut wie nie weine, auch nicht mehr anders. Einer erinnert sich, dass er in seinem ersten Studiensemester manchmal weinte, weil er sich sehr einsam fühlte und das Gefühl hatte, unter den Mitstudenten an der kleinen Fachhochschule niemals wirkliche Freunde finden zu können. Zwei weitere, die ich frage, sagen, sie würden schon ab und zu heulen: „Beim Zwiebelschneiden“.

Diese kleine Umfrage lässt sich natürlich nicht vergleichen mit den Forschungen von Dr. Elisabeth Messmer. Die Wissenschaftlerin kam zu dem Schluss, dass Frauen eher in Konfliktsituationen weinen, wenn sie sich überfordert fühlen oder sich sentimental an die Vergangenheit erinnern. Männer dagegen kämen die Tränen überwiegend aus Mitgefühl oder Liebeskummer. Doch auch das seien keine gesicherten Erkenntnisse, gesteht sie ein. Was sicher ist: Bis etwa zum 13. Lebensjahr weinen Kinder beiderlei Geschlechts etwa gleich oft. Erst dann – vermutlich aus Gründen der Erziehung – entwickeln sich die Zahlen auseinander.

Dem Schornsteinfeger übrigens, dem ich unvermutet leicht verheult gegenüberstand, ihm erklärte ich, mir sei „etwas in die Augen gekommen“ – die beliebteste Ausrede überhaupt, wenn man nicht zugeben will, dass man weinen musste.

Wenn Tränen fließen, ist Traurigkeit oder Wut im Spiel. Weinen hält aber auch die Augen gesund. Die Gründe, warum Menschen weinen, sind vielfältig – gewiss ist: Frauen und Männer schluchzen anders. Bei Kindern hingegen gibt es kaum Unterschiede. Persönliche und wissenschaftliche Erklärungsversuche.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?