weather-image
14°
×

Eine kleine Farbenlehre

Warum der Herbst es bunt treibt

Den Sommer über ist der Baum froh, eine möglichst große Fläche in Form von Blättern ins Sonnenlicht halten zu können, denn dort findet der für sein Wachstum so wichtige Aufbau von Nährstoffen in Form der Fotosynthese statt. Dass eine große Blattfläche auch zu sehr viel Wasserverlust in Form von Verdunstung führt, nimmt er gern in Kauf. Regen gibt es ja bei uns normalerweise genug.

veröffentlicht am 05.11.2015 um 00:00 Uhr

Autor:

Anders sieht das im Winter aus. Wenn der Boden gefroren ist oder Niederschläge eher in Form von Schnee auf der Erdoberfläche liegen bleiben, anstatt bis zur Baumwurzel durchzusickern, dann kämen die Bäume durch hohe Verdunstung in Bedrängnis. Außerdem hat es sich wohl unter den Bäumen in unseren Breitengraden herumgesprochen, dass die saftigen Blätter Frost sowieso nicht besonders vertragen, und deshalb im Laufe des Winters erfrieren und abfallen würden.

Da hat es doch viel mehr Sinn, das Ganze strategisch und möglichst nutzbringend abzuwickeln. Erster wichtiger Punkt für jeden Baum: Der wertvollste Bestandteil der Blätter, die Energiequelle für Wachstum und Entwicklung, nämlich das Chlorophyll, muss rechtzeitig in Richtung Äste, Stamm und Wurzel zurückgeordert werden. Auf keinen Fall darf eine solch kostbare Substanz einfach vom Winde verweht werden. In winterfeste Vorratskammern eingelagert wartet das Chlorophyll dann auf seinen nächsten Einsatz. Ein wenig bekommt es sogar schon im Winter zu tun. Seine Hilfe wird beim Anlegen der Knospen gebraucht.

Für die Menschen wird dieser Rückholvorgang durch die herbstliche Blattfärbung sichtbar. Führte den Sommer über das Chlorophyll mit seinem starken Grünton das Regiment über die farbliche Erscheinung des Baums, werden jetzt auch andere, bisher überdeckte Bestandteile des Blattes sichtbar. Für die orange-gelben Töne ist der Farbstoff Karotin verantwortlich. Reines Gelb wird von Xanthophyl hervorgebracht. Und für das Braun sorgen Gerbstoffe in den Blättern.

Der rote Farbton (Farbstoff Anthocyan) bildet eine Ausnahme. Er wird von den Bäumen erst zum Herbst hin produziert. Das muss einen bestimmten Zweck haben, dachten sich die Botaniker und begannen damit, dieses Phänomen näher zu erforschen. Martin Schäfer von der Universität Freiburg fand in Zusammenarbeit mit seinem Fachkollegen David Wilkinson von der Universität Liverpool zum Beispiel heraus, dass Bäume in zweierlei Hinsicht von ihrer Rotfärbung profitieren. „Der Farbstoff scheint vor typisch herbstlichen Stressfaktoren, wie der frühmorgendlichen Kälte bei gleichzeitig starker Sonneneinwirkung, zu schützen“, stellen die beiden Wissenschaftler fest. Dadurch werde das vermehrte Auftreten von freien Radikalen – sonst eine typische Reaktion auf diese Stresssituation – unterbunden. Freie Radikale seien für die Blattgesundheit gefährlich. Sie würden das pflanzliche Gewebe angreifen.

„Die Wirkungsreihe Rote Blätter – UV-Schutz – weniger freie Radikale – gesunde Blätter macht sich für den Baum bezahlt“, haben die beiden Wissenschaftler herausgefunden. Sie konnten den positiven Effekt sogar messen. Das Energieplus, das der rot beblättere Baum während einer Vegetationsperiode „erwirtschaftet“ betrage zehn Prozent. Das komme dadurch zustande, dass er drei Wochen länger als andere Bäume Fotosynthese betreiben kann. „Fotosynthese findet nämlich, anders als viele glauben, auch noch in bunten Blättern statt“, so Schäfer.

Beim zweiten Faktor, für den die Rotfärbung wichtig sein soll, die Insektenabwehr, gibt es unterschiedliche Vorstellungen, wie diese genau funktioniert. Manche Wissensseiten für Kinder im Internet behaupten, das Rot signalisiere den Insekten: „Dieses Blatt fällt bald ab. Da lohnt es sich nicht mehr, seine Eier dran abzulegen.“ Das ist wissenschaftlich so nicht belegt. Aber dass Rot ein Stoppsignal für Insekten darstellen könnte, wird auch unter Biologen diskutiert. Marco Archetti von der Universität Oxford fand heraus, dass der Rotton des Herbstlaubs eines Baums umso kräftiger ausfällt, je vitaler er ist. Und da Schadinsekten wie Blattläuse sich lieber schwache Opfer suchten, würden sie die leuchtend roten Vertreter eher meiden.

Auch Martin Schäfer, der oben schon als Herbstlaubforscher Erwähnung fand, hat sich mit dem Phänomen der Schädlingsabwehr beschäftigt. „Man findet in den Blättern, proportional zur Menge des roten Farbstoffs, eine Anreicherung von Giften, die gegen Insekten wirken. Sie werden nämlich aus den gleichen chemischen Vorstufen gebildet. Sind die Vorstufen erst vorhanden, nutzt der Baum sie zur Produktion von beiden dieser wichtigen Stoffe“, so die Zusammenhänge aus Schäfers Sicht. Diese Verbindung habe zur Folge, dass Insekten schon von sich aus allzu kräftige Rottöne meiden.

Spaziergänger, die an diesen sonnigen Tagen den Wald aufsuchen, müssen sich mit solchen wissenschaftlichen Haarspaltereien nicht belasten. Sie können sich ganz einfach am jährlich wiederkehrenden Naturschauspiel erfreuen. Und schlicht und ohne große Komplikationen endet auch das Kinderbuch nach seinem Ausflug ins Land der Fantasie und zum Blattmaler Herbst. Da heißt es zum Schluss ganz einfach und treffend: „Sie werden immer bunter, am Ende fall’n sie runter.“ In diesem Sinne: Genießen wir die bunten Blätter, solange sie noch am Baum hängen!

Geht es nach Kinderbuchautor Peter Hacks („Der Herbst steht auf der Leiter“), dann werden die Blätter ab Oktober von „Herrn Herbst“ persönlich angepinselt. Geht es nach der Stimmung der Menschen beim Anblick der herbstlichen Farbenpracht, dann hat Mutter Natur diese Schönheit entwickelt, damit uns der Abschied vom Sommer nicht so schwer fällt. Wissenschaftlich belegt hingegen ist, dass der Blätterverlust für die Bäume gut und nützlich ist.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige