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200 Jahre nach seiner Erfindung

Warum das Fahrrad in eine neue Blütezeit rollt

Zwei Räder, Sattel, Muskelkraft: Am Grundprinzip des Fahrrads hat sich auch zum 200. Geburtstag nicht viel geändert. Und doch scheinen die besten Tage des Gefährts erst zu kommen, auch dank neuer Infrastruktur und Modellvielfalt. Im Weserbergland werden am kommenden Sonntag Zehntausende das zufällig einen Tag später anstehende Jubiläum gebührend feiern: mit dem 16. Felgenfest im Wesertal, dem beliebten Radler-Event auf 55 Kilometern autofreier Straßen längs des Flusses zwischen Bodenwerder und Rinteln.

veröffentlicht am 06.06.2017 um 08:43 Uhr
aktualisiert am 07.06.2017 um 16:28 Uhr

„Epochale Erfindung, für die es keinen Markt gab“: Die historische Darstellung des hölzernen Laufrads Draisine. Foto: dpa

Autor:

Sönke Möhl und Wolfgang Jung

Zwei Jahrhunderte nach der historischen Erstfahrt des badischen Tüftlers Karl Drais scheint das Fahrrad seinen Platz im deutschen Verkehr endgültig zu finden. Die Politik und Kommunalverwaltungen haben das Potenzial für ruhigere, sauberere Städte und den Klimaschutz erkannt – zumindest teilweise. Immer mehr Menschen nutzen das Fahrrad in der Freizeit oder als Alternative zum Auto auf kürzeren Strecken. „Im internationalen Vergleich ist Deutschland sicher ein Fahrradland“, sagt Frederic Rudolph vom Wuppertal-Institut. „Wir haben aber noch viel Luft nach oben.“

Nach einer Prognose im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums könnte sich der Anteil des Fahrrads an der Verkehrsleistung (Personenkilometer) von heute fünf Prozent bis 2030 auf neun Prozent fast verdoppeln. Voraussetzung ist, dass wir ebenso oft auf den Sattel steigen wie die Vorreiter in den Niederlanden oder der Schweiz. Noch ist die Unzufriedenheit etwa beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) über löchrige Radwege und gefährliche Verkehrsführungen groß. „Sobald Städte es schaffen, Radfahrenden ihren eigenen sicheren Raum zu geben, ist der Radverkehr kaum noch zu stoppen“, ist ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork sicher. Nach seinen Angaben sind die Hälfte aller Autofahrten in Städten kürzer als fünf Kilometer. Radfahren sei häufig die schnellste, kostengünstigste und umweltfreundlichste Form der Fortbewegung. „Je mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen, desto weniger lärm- und abgasbelastet, sprich desto lebenswerter werden unsere Städte.“

Bis zu Radstraßen und -schnellwegen, Fahrradparkhäusern, E-Bikes, Lastenrädern und Leihsystemen war es ein 200 Jahre langer Weg. Karl Drais aus Karlsruhe unternahm am 12. Juni 1817 in Mannheim die erste Fahrt mit seinem hölzernen Laufrad. Der Technikpionier hatte zwar keinen wirtschaftlichen Erfolg. Aber die Idee, zwei Räder in einer Spur mit Muskelkraft anzutreiben, eroberte nach und nach die Welt. Mit Erfindungen wie Freilaufnabe, Stahlspeichen, Luftbereifung, Gangschaltung oder Federgabel entwickelte sich das Fahrrad über wunderliche Blüten wie das Hochrad zur aktuellen Formenvielfalt. Inzwischen gibt es zu den bekannten Tourenrädern, Rennrädern und Mountainbikes auch eine Auswahl an Lastenfahrrädern, Liegerädern oder Dreirädern – alles auch mit Elektrounterstützung. Jedes Jahr werden dem Zweirad-Industrie-Verband zufolge mehr als vier Millionen Stück in Deutschland verkauft. Die Fahrradbranche einschließlich Tourismus steht für einen Jahresumsatz von rund 16 Milliarden Euro.

Kostümfahrt durch Karlsruhe – zum Jubiläum „200 Jahre Fahrrad“; der Zweirad-Erfinder Karl Drais stammte von dort. Foto: dpa
  • Kostümfahrt durch Karlsruhe – zum Jubiläum „200 Jahre Fahrrad“; der Zweirad-Erfinder Karl Drais stammte von dort. Foto: dpa

Manche Stadt fährt schon länger als Vorbild voraus, etwa Münster, Karlsruhe oder Freiburg, die vordere Plätze im ADFC-Fahrradklimatest einnehmen. „Entscheidend ist heute, in den Städten gute Bedingungen für das Radfahren zu schaffen“, sagt Städtetagspräsidentin Eva Lohse. Nötig seien etwa die Öffnung von Einbahnstraßen und Fahrradachsen in den Innenstädten. „Radlerinnen und Radler wünschen sich sichere und eigene Fahrwege“, betont die Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen. Im ganzen Land existieren Leuchtturmprojekte, die das Radfahren attraktiver machen sollen. Dazu zählt die Nordbahntrasse in Wuppertal, eine ehemalige Bahnlinie, auf der Radler über 23 Kilometer freie Fahrt haben. Am Bahnhof von Offenburg nimmt ein vollautomatisches Parkhaus den Radbesitzern die Sorge um ihr Gefährt. Auch fern der Städte wird immer mehr geradelt. „Im Freizeitbereich ist Deutschland ganz eindeutig Fahrradland“, sagt Jannik Müller vom Verein Sauerland-Radwelt.

Information

Karl Drais – ein verkanntes Genie

200 Jahre nach Erfindung des Fahrrads bezeichnet der Technikexperte Thomas Kosche den badischen Tüftler Karl Drais (1785-1851) als „verkanntes Genie“. „Er machte mit der Laufmaschine eine epochale Erfindung – für die es aber keinen Markt gab und für die die Zeit nicht reif war“, sagt der Fachmann vom Landesmuseum für Technik und Arbeit (Technoseum) in Mannheim der Deutschen Presse-Agentur.

Die Menschen hatten 1817 demnach andere Sorgen. „Hinter ihnen lagen 20 Jahre Krieg. Der Getreidepreis stieg massiv an, viele Menschen litten Hunger. Sie konnten sich eine Laufmaschine auch nicht leisten. Viele Zeitgenossen hielten Drais wohl für spinnert“, meint Kosche.

Was genau den Tüftler zur Erfindung bewog, ist nicht belegt. „Er hat kein Schreiben mit seinem Motiv hinterlassen“, schildert der Experte. Drais habe aber relativ viel Zeit für Forschung gehabt, weil er bei vollen Bezügen vom Forstdienst befreit gewesen sei. „Er hatte damit Muße für Entwicklungen. Und er hatte mit muskelkraftbetriebenen vierrädrigen Fahrzeugen schon zuvor experimentiert“, sagt Kosche.

Die Theorie, dass die Folgen eines Vulkanausbruchs in Indonesien 1815 mit anschließender Klimakatastrophe die Erfindung vorangetrieben haben könnte, hält er für nicht belegt. „Der Ausbruch des Tambora hatte sicher verheerende Folgen. Aber ob die Maschine wirklich ein Pferde-Ersatz sein sollte, ist strittig“, sagt Kosche.

Das Bundesverkehrsministerium will besondere Fahrradschnellwege für tägliche Fahrten etwa zur Arbeit, Schule oder Uni mit 25 Millionen Euro unterstützen. Etwas unbeholfen von „kleinen Fahrradautobahnen“, also Schnellwegen ohne Ampeln, spricht Staatssekretär Norbert Barthle (CDU). „In Göttingen wird eine solche fünf Kilometer lange Strecke zwischen Universität und Bahnhof von Tausenden gut angenommen“, betont er.

Alles soll besser werden im oft heiklen Miteinander von Autofahrern, Radlern und Fußgängern. Viel öfter Tempo 30 in der Stadt und frühere Verkehrserziehung für Kinder sind Kernforderungen von Experten. Sie sollen im Autoland Deutschland die Lust aufs Radeln weiter erhöhen und auch die Zahl der Verkehrstoten senken - etwa durch eine mögliche Helmpflicht.


Felgenfest 2017: Die Felgenfest-Straßen im Wesertal zwischen Bodenwerder, Emmerthal, Hameln, Fuhlen, Großenwieden und Rinteln sind am Sonntag, 11. Juni, in der Zeit von 10 und 18 Uhr für Radfahrer und Skater freigegeben. Autofahrer müssen Umleitungen nehmen. An der Strecke gibt es ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Musik und Informationen. Es werden Imbisse und Getränke angeboten. Die Teilnahme am Felgenfest ist kostenlos, die Länge und Richtung der Tour ist frei wählbar. Begleitend fahren Schiffe auf der Weser. Die Wesertalbahn verstärkt ihren Takt. In der S-Bahn aus Hannover wird das Fahrrad an diesem Tag gratis befördert.


Infos im Internet unter www.hameln-pyrmont.de.

IM RÜCKBLLICK

Seit Erfindung der Laufmaschine ist das Fahrrad immer ausgeklügelter geworden. Zuweilen liefen Entwicklungen parallel und unabhängig voneinander ab. Ein Rückblick:

  • 1817: Karl Drais (1785-1851) entwickelt die nach ihm benannte Laufmaschine („Draisine“), die Ur-Form des heutigen Fahrrads.
  • 1839: Der Brite Kirkpatrick Macmillan erfindet ein Zweirad, das mit Schwinghebeln am Hinterrad angetrieben wird. Um 1860 entstehen auch Räder mit einer Tretkurbel am Vorderrad.
  • 1867: Die Franzosen Pierre und Ernest Michaux stellen auf der Pariser Weltausstellung ihr vorderradbetriebenes Velociped vor. Der Siegeszug des Fahrrads beginnt.
  • 1869: Der Brite James Moore gewinnt mit dem Fahrrad das erste Langstreckenrennen über 123 Kilometer von Paris nach Rouen.
  • um 1870: Das Hochrad wird entwickelt. Das Vorderrad hat einen großen Durchmesser, um schneller voranzukommen.
  • 1879: Der Brite Henry John Lawson erfindet den Kettenantrieb für das Hinterrad.
  • 1885: Das Niederrad mit gleich großen Reifen und einer Kette für den Hinterrad-Antrieb wird vom Briten John Kemp Starley patentiert. Das Fahrrad wird Massenverkehrsmittel.
  • 1888: Der Schotte John Boyd Dunlop erfindet den Luftreifen fürs Fahrrad.
  • 1913: Mit Einführung der Fließbandproduktion beim US-Autohersteller Ford bekommt das Fahrrad Konkurrenz von Kraftfahrzeugen.
  • 1970er: Durch Gesundheits- und Umweltbewusstsein der Bevölkerung verbessert sich das Image des Fahrrads. In dieser Zeit entstehen neue Formen wie Mountainbikes.
  • 1990er: Zwar wurden bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts elektrisch angetriebene Fahrräder patentiert, doch fassen Pedelecs und E-Bikes mit der Entwicklung von leistungsstarken Batterien Fuß.


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