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Wie ein gerupftes Huhn

Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Obstbaumschnitt?

Obstbäume müssen beschnitten werden, und bald ist schon die Zeit dafür. Aber wie und an welchen Stellen setzt man die Schere an? Der Pomologe Hans-Joachim Bannier weiß da Rat

veröffentlicht am 16.02.2018 um 14:12 Uhr

Wie ein Scherenschnitt zeichnen sich die Umrisse eines auf dem Ausleger seines Traktors stehenden Mannes ab, der einen Baum beschneidet. Der Frühling ist die ideale Zeit, Bäume zu beschneiden. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Acht, zehn, zwölf Jahre Geduld muss man haben, bis ein Obstbaum reichlich Früchte trägt. Bis dahin braucht er Fürsorge und Pflege, fast wie ein Kind, das nur langsam selbstständig wird. Obstbäume sind ja tatsächlich so etwas wie Kinder der Menschen. Ein klassischer Apfelbaum mit seinem hohen Stamm, der breiten Krone und den großen, süßlichen Früchten, die er hervorbringt, er ist Menschenwerk und hat seit weit über 1000 Jahren nur noch wenig zu tun mit seinen wilden Vorfahren und deren winzigen, holzigen Äpfelchen. Das ist der Grund, warum man jüngere Obstbäume nicht gut sich selbst überlassen kann. In ihrem ersten Lebensjahrzehnt müssen sie umsichtig beschnitten werden. Jetzt, in einer Zeit, wo das Frühjahr langsam beginnt, ist die richtige Zeit dafür.

Was das eigentliche Ziel des Obstbaumschnitts ist, erklärt der Bielefelder Pomologe Hans Joachim Bannier, ein bekannter „Obstbaumkundler“, der schon manches Mal auf dem Rintelner Apfelmarkt und auch im „Kirschendorf“ To-denmann zu Gast war. „Viele denken, Obstbäume sollten so schnell wie möglich Früchte tragen, schließlich will man ja was davon haben“, sagt er. „Doch in Wirklichkeit geht es darum, zu verhindern, dass der junge Baum vorschnell seine Kraft in das Hervorbringen von Früchten steckt. Was er zuallererst braucht, sind ein kräftiger Stamm und starke Äste, die dann später eine ausladende Krone bilden.“

Ein Wildapfelbaum braucht keinen Baumschnitt, weil das Verhältnis von Ästen und Früchten perfekt aufeinander abgestimmt ist. Seine Holzäpfel besitzen keine vier Zentimeter Durchmesser und sind so leicht, dass ein Baum unzählige Früchte tragen kann. Ein Kulturapfel aber wiegt bis zu 250 Gramm. „Man kann sich vorstellen, was die Äste an Apfelgewicht aushalten müssen“, so Bannier. „An einem einzigen Ast können 20 bis 40 Kilogramm Äpfel hängen.“

Der regelmäßige jährliche „Erziehungsschnitt“ eines jungen Baumes soll also einerseits das Höhenwachstum fördern und andererseits dafür sorgen, dass sich ein stabiles Kronengerüst aufbaut, das schließlich zu einer breiten, gut belichteten und durchlüfteten und einfach beerntbaren Baumkrone führt.

Schon ganz zu Beginn entscheidet man über die Zukunft eines Baumes.

Hans Joachim Bannier, Pomologe

Der erste Schritt besteht darin, drei oder vier um den Stamm verteilte „Leitäste“ auszuwählen und alle anderen Äste zu entfernen. Zusammen mit der Stammverlängerung werden die Leitäste dann eine Pyramidenform bilden. „Leitäste bleiben das ganze Baumleben über die Leitäste“, so Bannier. Deshalb sollte man sie so auswählen, dass sie nicht alle auf derselben Höhe am Stamm wachsen. Bräche nämlich einer von ihnen ab, wären auch alle anderen gefährdet. „Ja, schon ganz zu Beginn entscheidet man über die Zukunft eines Baumes“, so Bannier.

Im Hinblick auf eine erfreuliche Zukunft sollen die Leitäste in einem schrägen Winkel nach oben stehen, nicht zu steil, damit sie sich später nicht gegenseitig behindern, und nicht zu flach, weil sie dann bald nicht mehr weiterwachsen und störende senkrechte Seitentriebe bilden. Zu steil wachsende Leitäste kann man mit Spreizhölzern nach außen richten, zu flach wachsende Äste oberhalb der Leitäste an die Stammverlängerung anbinden. Jedes Jahr werden Stammverlängerung und Leitäste des Jungbaumes um ein bis zwei Drittel zurückgeschnitten.

Dabei schneidet man die zu kürzenden Äste nicht einfach irgendwo ab, sondern kurz über einer nach unten stehenden Knospe („Auge“). Diejenigen Knospen, die auf dem Ast nach oben weisen, werden alle entfernt, weil sie ins Innere der Krone wachsen würden. Die Leitäste sollen alle etwa gleich lang sein, damit sie von der Wurzel auch gleichmäßig mit Nährstoffen versorgt werden und nicht der am höchsten gewachsene Ast noch mehr in die Höhe schießt. Nur der Austrieb an der Stammverlängerung darf die Leitäste etwas überragen.

„Man darf der Stammverlängerung allerdings nicht zu viel Vorsprung einräumen“, betont Bannier. „Dann passiert nämlich, was auf vielen Streuobstwiesen zu beobachten ist: Die ursprünglich vorgesehenen Leitäste bleiben sofort im Wachstum zurück, weil sich über ihnen an der Stammmitte neue, zu kräftige Seitentriebe entwickeln. Die Krone würde nach oben wandern und eine spätere Pflege und Beerntung wäre erschwert.“

Nach und nach bilden sich Seitentriebe an den Leitästen. Auch diese müssen beschnitten werden. „Das sieht dann erst mal gar nicht schön aus“, sagt der Pomologe und zitiert dann seinen aus Rinteln stammenden Freund Michael Grolm, der gerade an einem Lehrbuch über den Obstbaumschnitt arbeitet: „Der junge Obstbaum wirkt wie ein gerupftes Huhn, und das muss sein, damit er später ausladend wie ein Vogel Pfau aussieht.“

Also kappt man direkt am Ast mutig alle diejenigen Seitentriebe der Leitäste, die senkrecht in die Höhe oder zur Mitte hin wachsen. Nur nach außen stehende Seitentriebe, die an der Unterseite des Leitastes wachsen, dürfen – eingekürzt – stehenbleiben, wobei man an ihnen wieder alle nach oben stehenden Knospen entfernt. Insgesamt kann die Maxime gelten: Seitentriebe, die waagerecht stehen, dürfen auch stehenbleiben. An ihnen werden später die Früchte heranwachsen. Das gilt sogar für die Seitentriebe an der Stammverlängerung oberhalb der Leitäste. Sie müssen nur weggeschnitten werden, wenn sie die Tendenz zeigen, sich zu Konkurrenten der bestehenden Leitäste zu entwickeln.

Das alles mag für einen Obstbaumschnitt-Laien ziemlich kompliziert klingen. Zehn, zwölf Jahre lang muss man beobachten, dass wirklich alle Aufbaukraft in Leitäste und Stammverlängerung fließt und beherzt zuschneiden, wenn andere Äste sehr starken Austrieb zeigen oder dicker werden wollen als diejenigen, die die Krone bilden sollen.

Was aber, wenn man etwas falsch macht, zu viel wegschneidet oder zu ängstlich zum Beschneiden ist? Bannier kann da zum Glück etwas erstaunlich Beruhigendes sagen: „Besser zu viel schneiden als gar nicht“, empfiehlt er und: „Der Apfel verzeiht so gut wie alles.“ Auch Bäume, die lange nicht gepflegt wurden, lassen sich durch Verjüngungsschnitte oft noch retten.

Bei Kirschbäumen allerdings muss man mit dem Baumschnitt besonders vorsichtig sein. Anders als bei Apfel- oder Birnbäumen darf man Kirschbaumäste niemals direkt am Stamm absägen, weil sonst Wunden entstehen, die nur schwer verheilen.

Wallnussbäume sollte man einfach in Ruhe lassen. Ihnen macht es nichts aus, mehrere Kronen zu besitzen, zumal sie ja nur kleine, leichte Früchte bilden. Bevor man zum falschen Zeitpunkt an ihnen herumschneidet und ihnen „blutende“ Wunden zufügt, vertraut man lieber auf die Natur als Gärtner. Den Standort einer Wallnuss allerdings sollte man nicht dem Zufall überlassen. Mindestens zehn Meter Fläche braucht sie ringsum, um zu einem Prachtbaum heranzuwachsen.

Auch wer Apfelbäume pflanzen will, muss daran denken, dass sie ebenfalls etwa zehn Meter Abstand zum nächsten Baum benötigen, wenn sich die Baumkronen nicht gegenseitig stören sollen. „Leider wird das Abstandsgebot beim Anlegen neuer Obstwiesen oftmals nicht beachtet“, sagt Bannier. Es sei doch ein Jammer, wenn man so viel Arbeit in seine Bäume stecke und dann fällt die Ernte schlecht aus, weil die Baumkronen sich gegenseitig Licht, Luft und Raum rauben. „Obstbäume und Streuobstwiesen, die sich schlecht beernten lassen, gehen dann zugrunde, weil sich niemand mehr um sie kümmern mag.“

Tipp: Viele örtliche Obst- und Gartenbauvereine bieten im Frühjahr Obstschnittkurse an.



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