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Wann geht’s lohoos – WM ohne Euphorie

Es will nicht so recht einschlagen. Die Erfolge der Elf sind nicht aus dem Effeff abrufbar, die Namen der Stars vielen unbekannt, die Frage „wo guckst Du“ wird längst noch nicht gestellt. Was ist nur los mit der Öffentlichkeit? Da startet am 26. Juni eine Meisterschaft im eigenen Land, bei der die Besten der Welt antreten, doch wer nach Euphorie lechzt, wird nicht bedient. Die Frage, die sich Medien, Veranstalter oder Fan-Artikelanbieter stellen: „Wie gehen wir damit um?“, mit einem Thema, das nicht interessiert – oder täuscht der Eindruck?

veröffentlicht am 21.06.2011 um 00:00 Uhr

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Ein Blick zurück ins Jahr 2010: Der Biergarten am Rintelner Weseranger ist voll, die Blicke aus bunt bemalten Gesichtern sind auch in und vor zahlreichen Kneipen und Scheunen auf überdimensionale Leinwand gerichtet, es wird kollektiv getrunken, gefeiert und gejubelt. Über Tausende Besucher haben die sieben Spiele der deutschen Nationalmannschaft in diesem Ambiente verfolgt. Die der Männer. In diesem Jahr sind die Frauen dran, und vieles ist anders.

Klappert man die Einrichtungen ab, die zu EM und WM der Männer Public Viewing veranstaltet haben, wird klar, dass an vielen Orten gleich ganz auf die öffentliche Übertragung der Spiele auf Großbildleinwänden, die ja auch mit einiger organisatorischer Arbeit einhergeht, verzichtet wird.

Eine Ausnahme ist da zum Beispiel die „Fußballscheune“ im Rintelner Ortsteil Exten, die alle Spiele in deutscher Beteiligung groß zeigen wird, dazu gibt es einen Biergarten und Imbiss, das dazugehörige „Bierhaus 100“ in Rinteln zeigt die Spiele ebenfalls, einen Spielplan kann man sich auf der dazugehörigen Internetseite ausdrucken.

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Hans-Dieter Bettermann, Engern: „Das elegante Spiel der Frauen gucke ich mir selbstverständlich mit großer Euphorie und WM-Dekoration an.“

„Ja natürlich zeigen wir die Deutschlandspiele auf Leinwänden“, lässt auch Micky von Platen, Zapfer im Bückeburger „Minchen“, so etwas wie WM-Stimmung aufkommen. Um gleich darauf einzuräumen: „Ich glaube aber nicht, dass dieselbe Begeisterung wie beim Männerfußball aufkommen wird.“

Und das, obwohl die Erfolge der deutschen Fußballdamen der vergangenen Jahre beachtlich sind: der Durchbruch mit dem Sieg der Europameisterschaft 1989, Platz vier der EM 1991, Weltmeister 2003 und 2007.

Gaby Wedemeier, die die Fußballerinnen des SC Auetal trainiert, weiß, wem sie den Zulauf bei ihrer Mannschaft jedenfalls nicht zu verdanken hat: „Vom Deutschen Fußballbund werden wir kaum mehr angesprochen wegen Werbemaßnahmen.“ Wenn es Neuaufnahmen in die Mannschaft gebe, dann wegen eigener Bemühungen des Vereins.

Bei den Mädchen des SC hat Wedemeier bislang kaum Begeisterung für die Fußball-WM der Frauen festgestellt: „Die begeistern sich eher für die Bundesliga der Männer.“ Allerdings hat sie die Hoffnung, dass mehr Mädchen nach der WM, zum Herbst, sich fürs Fußballspielen interessieren werden.

Kaum größeres Interesse an Frauenfußball verzeichnet Dagmar Kentsch vom TSV Krankenhagen: „Allerdings sind derzeit wegen der Sommerpause auch die Plätze gesperrt, mit Schnuppertraining ist da nichts.“ Zudem findet sie: „Von den deutschen Medien kommt nicht viel, jetzt fängt’s gerade mal so ein bisschen an. Da hätte ich mir mehr vorgestellt.“

„Bei uns ist Mädchen- und Frauenfußball absolut anerkannt“, sagt Uwe Kranz, der den Frauenfußball beim TSV Eintracht Bückeberge leitet. Die Fußballerinnen seien gegenüber den Männern „absolut gleichrangig“ – beziehungsweise sogar höherrangig, spielten sie doch zwei Klassen höher als die Herren. Schließlich sei die Frauen-Fußballmannschaft mit ihren mehr als 25 Jahren auch eine der ältesten im Landkreis Schaumburg.

Die „WM-Euphorie“, sagt Kranz, sei gestiegen – was vor allem daran liege, dass die WM in Deutschland stattfindet. Viele der Spielerinnen aus dem TSV sehen sich das Eröffnungsspiel in Berlin am kommenden Sonntag sogar persönlich an.

Die Euphorie ist also oftmals verhalten – spielt da der Unterschied zwischen Fußball-Mann und -Frau eine Rolle? Die Koordinationsfähigkeit der Frauen ist eine andere als bei Männern, das Spiel ist langsamer und weniger athletisch, dafür mit mehr Technik und mehreren Spielzügen versehen. Die einen werten: „Nicht so attraktiv.“ Die anderen sagen: „Anders.“

„Die steigende Akzeptanz und zunehmende Beliebtheit des Frauenfußballs in Deutschland schlägt sich auch statistisch nieder“, hat auch Theo Zwanziger vom DFB gesagt, nachdem bekannt war, dass die WM in Deutschland ausgetragen wird. Der DFB habe inzwischen rund eine Million weibliche Mitglieder, von denen 700 000 Fußball spielen. Aber die Fans – wo sind die?

Kaufen jedenfalls wollen die Fans, die es gibt, offenbar (noch) nichts. Die Filiale der Drogerie-Kette „Rossmann“ in Rinteln zum Beispiel verkauft Fanartikel überschaubarer Anzahl, wie Marion Schubert erzählt. „Bei der WM der Männer hatten wir ein weitaus größeres Angebot“, so Schubert. Großer Umsatz werde außerdem auch nicht gemacht: „Wie Sie sehen, ist noch alles im Regal.“ Dieselbe Erfahrung wird auch bei „Mäc Geiz“ gemacht, zwar würden hier einige Fanartikel verkauft, vor allem Ketten und Fahnen.

Lediglich Dirk Laue aus Rinteln, der Erfinder der Überzieher für Auto-Seitenspiegel in Länderfarben, zeigt sich recht zufrieden: „Jetzt zur Frauenfußball-WM haben wir eine recht gute Stückzahl im Markt platzieren können.“

Schwarz-rot-goldene Wimpern, Schminke in denselben Farben, Wimpel, Brotdosen oder Käppies – es gibt sie sehr wohl, die Fanartikel. Und wenn die Bevölkerung endlich merkt, was die Studien bereits verkünden, müssen diese Artikel auch keine Ladenhüter bleiben. Danach steigt nämlich das Interesse an der Fifa Frauenweltmeisterschaft 2011.

So veröffentlicht die Deutsche Post (offizieller Premiumpartner der Nationalmannschaft) gerade, 46 Prozent der der Deutschen interessieren sich stark oder sehr stark für die Frauenfußball-WM. Dabei ist die Begeisterung der Männer mit 53 Prozent sogar größer als die der Frauen mit 40 Prozent. Keinerlei Interesse an der WM signalisieren lediglich 16 Prozent der Befragten.

Bei einer anderen Untersuchung der „Innofact AG“ im April kam etwas ganz anderes heraus: Danach gaben 41 Prozent an, sich überhaupt nicht für Frauenfußball zu interessieren.

Sepp Blatter, Fifa-Präsident, ist ganz zuversichtlich: „Die Zukunft des Fußballs ist weiblich“, sagt er. Und unsere Umfrage unter Passanten in der Fußgängerzone zeigt auch, dass durchaus Interesse an der Frauen-WM besteht. Dann fehlt eigentlich nur noch der Anpfiff für die Euphorie…



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