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Vor allem richtig Deutsch wollen sie lernen

Im „Sprachcafé“ des Familieninformationszentrums (FiZ) in der Osterstraße in Hameln herrscht konzentrierte Anspannung. Menschen ganz verschiedenen Alters und ganz verschiedener ethnischer Herkunft bilden aus mit Buchstaben bedruckten Kärtchen viele verschiedene Worte, die wie beim Scrabble oder einem Kreuzworträtsel miteinander harmonieren müssen. Was sich so einfach anhört, ist für die Teilnehmer dieses Sprachkurses, der zum Projekt „Perspektive Arbeit Hameln-Pyrmont“ der Impuls gGmbH gehört, eine schwierige Sache, denn Deutsch ist für die Frauen und Männer eine Fremdsprache, die sie lernen wollen, um sich fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen. „Wenn du kein Deutsch kannst, hast du bei den Arbeitgebern keine Chance, einen Job zu bekommen“, erklärt der Kurde Mehmet Izci in gebrochenem Deutsch. Elf Jahre hat er in Hameln in einem Asylheim zubringen müssen und nur in wenigen Arbeitsstationen Geld als Küchenhelfer verdienen können. Jetzt lebt er als Langzeitarbeitsloser, ebenso wie die anderen rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, von Hartz IV und hofft auf eine bessere Zukunft.

veröffentlicht am 14.12.2011 um 00:00 Uhr

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Geleitet wird das Projekt „Perspektive Arbeit Hameln-Pyrmont“ von der DiplomPsychologin und gelernten Kauffrau Sabine Lukaschewsky, die auch den Sprachkurs im FiZ leitet und erklärt: „Das machen wir sehr alltagsorientiert. Die Teilnehmer sollen vor allem viel sprechen und so die deutsche Sprache einüben. Aber wir haben auch Lehrer, die für den Unterricht ,Deutsch als Fremdsprache‘ zertifiziert sind. Und wir führen in dem Projekt einen Alphabetisierungskurs durch, denn manche unserer Teilnehmer haben noch nie eine Schule besucht und können weder lesen noch schreiben.“

Über 20 Nationalitäten sind in dem Impuls-Projekt vertreten, das seit Mitte des Jahres läuft und Ende 2012 abgeschlossen werden soll. Deshalb kann Ulrike Dobner-Schaefer, die Abteilungsleiterin berufliche Qualifizierung bei Impuls, auch noch keine Aussage darüber treffen, wie nachhaltig das Projekt für die Teilnehmer sein wird. „Es ist das erste Projekt dieser Art, das wir durchführen und auch das erste in dieser Form in Niedersachsen“, erklärt sie. Das habe ihr der zuständige Referent der NBank in Hannover bestätigt, die mittelbar an der Finanzierung der vielfältigen Maßnahme beteiligt ist, denn 50 Prozent der Gesamtkosten in Höhe von rund 360 000 Euro werden vom Europäischen Sozialfonds (ESF) in Brüssel getragen. Die erforderliche 50-prozentige Gegenfinanzierung hat das Job-Center übernommen. Dabei legt Ulrike Dobner-Schaefer Wert auf die Feststellung, dass in dieser Kofinanzierung allein 130 000 Euro an ohnehin fälligen Unterhaltsgeldern für die Projekt-Teilnehmer enthalten sind und weitere 52 000 Euro aus dem Etat des Job-Centers für aktive Arbeitsmarktförderung stammen und beispielsweise in Form von Bildungsgutscheinen im Rahmen der bestehenden Bildungszielplanung, wie dies im sperrigen Amtsdeutsch des Job-Centers heißt, ausgegeben werden. Die Gelder des ESF seien genehmigt für Personal- und Sachkosten bei Impuls, für Organisation und Seminare, im Einzelfall aber auch für den Erwerb verschiedener technischer Führerscheine, erklärt Ulrike Dobner-Schaefer. So könnten Männer beispielsweise einen Gabelfahrerschein erwerben oder auch einen Schweißerschein beim Deutschen Verband für Schweißtechnik, der eine Ausbildungswerkstatt in Hameln hat.

„Im Projekt ,Perspektive Arbeit Hameln-Pyrmont’ sollen langzeitarbeitslose MigrantInnen, überwiegend mit Erziehungsverantwortung, hinsichtlich ihrer beruflichen Qualifizierung beraten, sozialpädagogisch begleitet und – je nach beruflicher Neigung – in Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen in unterschiedlichen Berufsfeldern vermittelt werden“, heißt es im Antrag zur Genehmigung des Projekts. Ziel sei dabei die gesellschaftliche und arbeitsmarktliche Integration der Teilnehmer selbst. Mit „marktgerechten Qualifizierungsbausteinen“ könnten Zertifikate der verschiedenen Kammern und Verbände erworben werden. Berufspraktische Erprobungen im ersten Arbeitsmarkt bei der heimischen Wirtschaft würden ebenso unterstützt wie ein intensives Bewerbungscoaching. Und eine individuelle Nachbetreuung nach Vermittlung in einer Arbeitsstelle werde im Modul 4 des Projekts den Verbleib im Betrieb sichern und im Sinne der Nachhaltigkeit wirken, heißt es weiter im Förderantrag zu den Zielen des Projekts.

Der Libanese Ali Sweidun, die aus Thailand stammende Doungjai Steinbrink, die aus Montenegro kommende Sirka Dédeic und der Kurde Mehmet Izci (v. l.) versuchen im Sprachkurs deutsche Wörter zu bilden, die wie beim Scrabble miteinander harmonieren müssen.

Dass es dabei nicht nur um die arbeitsmarktliche sondern auch um die gesellschaftliche Integration geht, zeigen die Elternseminare in Modul 3, in denen vor allem den meist alleinerziehenden Müttern Einblick in die Bildungsprozesse an deutschen Schulen, Verständnis für die schulischen Anforderungen an die Kinder sowie die Abläufe im Schulalltag erläutert werden, damit die Kinder künftig besser zu Hause unterstützt werden können. Damit verfolge das Projekt auch einen generationenübergreifenden Ansatz, betont Dobner-Schaefer.

Vier Module beinhaltet das 18 Monate dauernde Projekt. Im Ersten ging es in den vergangenen Monaten vor allem um eine qualifizierte Erstberatung mit vielen Einzelgesprächen, einer Kompetenzfeststellung und der Planung künftiger Berufswege. Mit unterschiedlichen Verfahren wurden dabei Sprachkenntnisse getestet, handlungsorientierte Tests durchgeführt, Allgemeinwissen abgefragt, Team-Fähigkeit erprobt, Kommunikationsfähigkeit und logisches Denken trainiert. Im Modul 2 geht es vor allem um berufspraktische Erfahrungen. Christabel Mbong aus Kamerun etwa arbeitet derzeit an drei Tagen in der Woche jeweils fünf Stunden als Kellnerin in einem Café, um sich im Service zu erproben, denn sie kann sich gut vorstellen, künftig als Kellnerin zu arbeiten. Die aus Indien stammende Savitha Delius absolviert derzeit ein Praktikum im Altenheim Akazienhof, wo sie die Spülmaschine füllt oder ausräumt und Essen verteilt. Priorität aber hat bei ihr, die nie eine Schule besucht hat, als Vorbereitung auf eine Berufstätigkeit, das Lesen und Schreiben zu lernen. „Ich will gerne arbeiten“, erklärt die Mutter von drei Kindern, „aber ich kriege keine Stelle, weil die Arbeitgeber nur Leute brauchen können, die keine Analphabeten sind.“

Auch Nure Tarak aus der Türkei, die sechs Kinder großgezogen hat, hat nie eine Schule besucht und ist Analphabetin, wie sie unumwunden einräumt. „Ich habe schon einen anderen Kurs gemacht“, erzählt sie, „aber der hat nicht viel gebracht. Hier ist das besser und richtig abwechslungsreich.“ Allerdings wünscht sich Nure Tarak noch mehr Unterrichtsstunden. „Für mich wäre es besser, wenn ich mehr Deutsch lernen würde und mehr und besser schreiben könnte.“ Jetzt ist sie wieder auf Arbeitssuche. Ihre Vorstellung: Ein Job in einem Hotel oder einem Altenheim.

Zu den wenigen Deutschen, denen das Job-Center die Teilnahme an dem Projekt empfohlen hat, gehört die 25-jährige Jennifer Szameitat, Mutter von zwei Kindern, die zwar einen Hauptschulabschluss hat und an der Elisabeth-Selbert-Schule war, aber wegen einer Schwangerschaft eine berufliche Ausbildung zur Restaurantfachfrau abgebrochen hat. Sie ist hier, „weil ich im Leben noch etwas erreichen will“. Das Projekt bei Impuls sei vor allem gut für alleinerziehende Mütter, meint sie. Denn die Termine hier passten gut zu den Öffnungszeiten der Kitas oder den Unterrichtszeiten der Schulen. Nein, Pünktlichkeit und frühes Aufstehen müsse sie hier nicht lernen. „Dafür sorgen schon meine beiden Kinder an jedem Morgen.“

Und so ernst es allen ist, sich für die Arbeitswelt fit zu machen, so haben sie offenbar in ihren Teams auch viel Spaß, denn sowohl bei der Arbeit in der Küche oder beim anschließenden Schwatz wird viel gelacht.

Ohne qualifizierte Ausbildung und ohne gute Deutschkenntnisse haben es Menschen aus anderen Ländern schwer, hier beruflich Fuß zu fassen. Bei der Impuls gGmbH in Hameln hat in diesem Jahr ein bisher in ganz Niedersachsen einmaliges Projekt begonnen, bei dem es um die Integration solcher Menschen geht.



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