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Von ihrem Hirntumor weiß Karolina nichts

Gerade feierte sie ihren elften Geburtstag, Karolina Korotenko aus der Ukraine, und eine Reihe von Menschen kämpfen dafür, dass sie auch ihren zwölften Geburtstag noch erleben kann.

veröffentlicht am 13.10.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 16:02 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Das Mädchen weiß nicht, wie lebensgefährlich es erkrankt ist, an einem Tumor im Hirnstamm nämlich, der bereits so groß ist, dass dringend etwas geschehen muss. In ihrer Heimat kann ihr nicht geholfen werden. Deshalb ist sie jetzt bei deutschen Freunden der Familie in Rinteln, die eine Spendenaktion organisierten. 30 000 Euro werden mindestens benötigt, um die Behandlung zu bezahlen. 10 000 Euro fehlen noch.

Ein Hirnstammtumor befällt nicht selten gerade Kinder. Das „pilozytische Astrozytom“, eine sternförmige Geschwulst, wie sie bei Karolina festgestellt wurde, gehört zu den häufigsten Tumorerkrankungen im Kindesalter. Es wächst schnell heran und bedroht dabei wichtige Hirnfunktionen. Im Juli dieses Jahres wurde Karolinas Eltern endgültig klar, dass ihr Kind schwer krank ist. Karolina stürzte beim Spielen ohnmächtig zu Boden. Sie hat Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen. Sie, die gerne liest und malt und kleine Geschichten schreibt, kann schon nicht mehr zu Schule gehen. Wenn der Tumor nicht schnellstens verkleinert wird, hat sie keine Überlebenschance.

„Ohne deutsche Ärzte wartet auf mein einziges Kind ein qualvoller Tod.“ Mit diesen Worten flehte Karolinas Mutter ihre beiden Freundinnen in Deutschland um Hilfe an, Alla Toricina aus Berlin und Iryna Rasche aus Rinteln. Beide Frauen stammen ebenfalls aus der Ukraine und wissen nur zu gut, wie schlecht es um das dortige Gesundheitssystem bestellt ist. Es gibt keine allgemeine Krankenversicherung, sondern ein noch aus der Sowjetunion stammendes System von zentralen Polikliniken. Die Untersuchungen dort kosten nichts. „Das ist aber reine Theorie“, meint Julia Korotenko. „Jedes Medikament, jede weitergehende Behandlung und Diagnose ist so teuer, dass es sich nur wenige Menschen leisten können.“

Julia Korotenko ist Dolmetscherin, ihr Mann Sergej selbstständiger Kleinunternehmer. All ihre Ersparnisse mussten für die Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt werden, eine Kernspinnuntersuchung des Gehirns ihrer Tochter, bei der das etwa vier Zentimeter große Astrozytom festgestellt wurde. Zunächst wurde ihnen gesagt, das Kind solle mit mindestens acht Chemotherapien behandelt werden, jede einzelne würde 5000 Euro kosten, eine vollkommen unbezahlbare Summe. Zudem erfuhren die Eltern, dass die Chemotherapie in ihrem Fall eine höchst ungewisse Behandlungsmethode sei.

„Man kann den Ärzten bei uns nicht vertrauen“, so die Mutter. „Sie verdienen selbst nur so wenig Geld, dass sie bestechlich werden. Jeder, der eine Chemotherapie vermittelt, bekommt dafür eine Provision. Wie soll man unter diesen Umständen Vertrauen haben?“ In Wirklichkeit ist es so, dass der Hirntumor ihrer Tochter in der Ukraine gar nicht behandelt werden kann. Weder für Chemo- noch Strahlentherapie, noch für eine komplizierte Operation stehen die medizinischen Möglichkeiten zur Verfügung. Selbst in Deutschland sind nur wenige Experten in der Lage, mit einem Tumor am Hirnstamm angemessen umzugehen.

Das Problem besteht unter anderem darin, den Tumor so speziell zu untersuchen, dass man erkennt, wo er mit lebenswichtigen Strukturen und Nerven im Gehirn verwachsen ist. Ganz herausoperieren lässt er sich sowieso nicht, man kann ihn nur verkleinern und damit seine Bedrohung in Schach halten. Schnell stand fest: Wenn Karolina gerettet werden soll, dann muss sie nach Deutschland kommen, zu einer Untersuchung im INI von Hannover, dem International Neuroscience Institute, einer Spezialklinik und Forschungseinrichtung unter anderem für Erkrankungen des Gehirns. Professor Helmut Bertalanffy ist dort eine Koryphäe, erfahren in komplizierten Operationen, ein Ansprechpartner in der Not.

Doch kann ein Kind aus der Ukraine, wie todkrank es auch sein mag, nicht einfach kostenlos in Deutschland behandelt werden. So sprachen die Eltern mithilfe ihrer hiesigen Freunde die AWD-Stiftung Kinderhilfe an, wo man sich bereit erklärte, 5000 Euro zu spenden und bei weiteren Verhandlungen zur Seite zu stehen. Die Bildzeitung sprang mit ihrer Aktion „Ein Herz für Kinder“ ein und gab 10 000 Euro. Professor Bertalanffy und weitere Spezialisten in Freiburg, Kiel und Berlin erklärten sich vorab bereit, auf ihr Behandlungshonorar zu verzichten, und über private Spendenaktionen, unter anderem auf einem Blog im Internet, kam jetzt so viel Geld zusammen, dass „nur“ noch etwa 10 000 Euro fehlen.

So wagte es Karolinas Mutter, sich zusammen mit ihrem Kind nach Rinteln zu begeben, um in den nächsten Wochen bei der Familie Rasche zu wohnen. Dem stillen Mädchen, das kein Deutsch spricht, ist gar nicht so recht klar, wie sehr hier alle um sie besorgt sind. Sie weiß, dass irgendetwas „mit ihren Nerven“ nicht stimmt, und hat schon selbst im Internet nach Informationen gesucht. Dass es dabei um ihr Leben geht, versucht man vor ihr zu verheimlichen. Doch die Mutter bekommt Tränen in den Augen, wenn über das weitere Vorgehen gesprochen wird. Man merkt ihr an, wie sehr sie die Geschichte quält, wie viel Kraft es kostet, an einen guten Ausgang zu glauben. Sie setzt alle Hoffnung auf den Termin in der INI und darauf, dass der Professor grünes Licht für die Operation geben kann.

Doch dann, beim Untersuchungstermin, stellte sich heraus, dass der Tumor wirklich kompliziert ist. Er kann nicht einfach so operiert werden, möglicherweise kommen die Alternativen einer Chemo- oder einer Strahlentherapie infrage. In den nächsten Tagen reist Karolina zu anderen Experten, wahrscheinlich muss demnächst eine Biopsie gemacht werden, eine kleinere Operation, bei der Gewebeproben entnommen werden, um genauere Diagnosen zu ermöglichen. All das ist teuer. Ein kleiner Trost: Seit vor drei Monaten in der Ukraine die MRT-Bilder des Tumors gemacht wurden, ist das Astrozytom offensichtlich nicht mehr gewachsen.

Wenn Mutter Julia vom Leben in ihrer ukrainischen Stadt Saporoshje erzählt, dann entsteht ein ziemliches bedrückendes Bild einer Industriestadt voller Fabrikschlote, in der sich die Krebsrate – wie auch sonst in der Ukraine – in den letzten Jahren deutlich gesteigert hat. Etwa 780 000 Menschen leben in Saporoshje, die Mehrheit davon ist in der Stahl- und Schwermetallindustrie beschäftigt, in riesigen Fabrikanlagen, die noch aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stammen. Die Umwelt ist erheblich belastet, die Arbeitsbedingungen sind hart, das Gesundheitssystem liegt am Boden, die Lebenserwartung der Männer beträgt kaum 60 Jahre. Julia Korotenko kennt mehrere krebskranke Kinder, ein 13-jähriger Junge ist vor Kurzem gestorben.

„Wer bei uns eine ernste Krankheit hat, muss sterben“, sagt sie. Es habe gar keinen Sinn, eine private Krankenversicherung abzuschließen, weil man nie wissen könne, ob die im Fall des Falles überhaupt zahlen kann. Die jeweils benötigten Medikamente sind für die meisten unerschwinglich, von den Kosten für Operationen ganz zu schweigen. Wer ins Krankenhaus muss, hat sein Essen und sogar das Bettzeug selbst mitzubringen. Selbst Chefärzte verdienen umgerechnet nicht mehr als 200 bis 250 Euro pro Monat, die Krankenschwestern etwa 80 Euro. „Man dürfte eigentlich niemals krank werden – aber gerade hier werden so viele Leute krank.“

Die kleine Karolina hat also Glück im Unglück, dass ihre Familie eine Chance darin sehen konnte, die Freunde aus Deutschland anzusprechen. „Sie ist nur ein krankes Kind unter vielen, sicher“, sagt Iryna Rasche. „Aber zufällig ist es die Tochter meiner Freundin aus Kindheitstagen, wir kennen sie und wollen nicht wegsehen, wir wollen ihr helfen! Hoffentlich können wir auch noch andere Menschen mit ihrem Schicksal bewegen.“

Damit die bevorstehende Behandlung bezahlt und damit das Leben von Karolina gerettet werden kann, wurde ein Spendenkonto eingerichtet: Kontoinhaber: cura hominum e.V., Kontonummer: 156 709 7010, BLZ: 3506 0190 (Bank für Kirche und Diakonie), Verwendungszweck: „Karolina“.

Informationen finden Interessierte im Internet auf dem Spendenblog: karolina-retten.blogspot.com

Karolina ist elf Jahre alt und hat einen lebensgefährlichen Hirn-Tumor. In ihrem Heimatland, der Ukraine, ist die medizinische Behandlung nicht möglich. „Den Ärzten kann man nicht trauen“, sagt ihre Mutter. Von Freunden aus Rinteln und deutschen Ärzten erhält das Mädchen jetzt Unterstützung. Doch trotz aller Bemühungen fehlen noch 10 000 Euro für eine Operation. Eine Operation, ohne die Karolina keine Chance hat.



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