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Von Hameln nach Rinteln – und das zu Fuß

Neunzehn schöne kleinere Wanderrouten führen durchs Weserbergland, die längste davon ist etwa 15 Kilometer lang. Alle führen als Rundwege im Kreis herum, sodass man am Ende wieder am Parkplatz mit dem abgestellten Auto landet. Wie aber würde es wohl sein, mal so richtig von Stadt zu Stadt zu wandern. Über Berg und Tal von Hameln zurück in die Heimatstadt Rinteln? „Na, viel Spaß!“, kommentiert das eine Gruppe wanderfreudiger älterer Herren, die sich regelmäßig oben am Klippenturm bei Rinteln treffen. „35 Kilometer, bergauf, bergab. Das schafft ihr nie!“ Je mehr sie sich über uns ungeübte Wanderer amüsieren, desto mehr reift unser Entschluss, die Herausforderung anzunehmen. Insgeheim nahmen wir uns vor, im Notfall einen Freund anzurufen, damit er uns unterwegs abholen würde. Am letzten Sonntag machten wir uns auf den Weg.

veröffentlicht am 17.08.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.01.2019 um 09:04 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Damit wir nicht Gefahr liefen, den letzten Zug, der sonntags bereits um 19 Uhr 30 aus Hameln zurück nach Rinteln fährt, zu verpassen, starten wir von Rinteln aus und können sogar noch in Ruhe frühstücken, denn der erste Sonntagszug fährt erst um 9 Uhr 10. 17 Minuten braucht er für die Strecke. Was für eine verrückte Vorstellung, dass wir für den Rückweg einen ganzen Tag benötigen sollen.

Wir hatten uns statt für den beliebteren, perfekt ausgearbeiteten Weserbergland-Wanderweg auf der von Hameln aus betrachtet rechten Weserseite für den „Deutschen Fernwanderweg X10“ entschieden, der links der Weser entlangführt, vorbei am Hamelner Klütturm über Friedrichshagen und dann über den 340 Meter hohen Taubenberg. Schaum- und Paschenburg würden wir da leider nur aus der Ferne erblicken. Der Vorteil: Man muss nicht erst lange durchs Hamelner Stadtgebiet und die Dörfer wandern, sondern erreicht schon schnell den Wanderweg hoch zum Klütturm. Ein kleines Picknick eingepackt, Bonbons und Schokolade auch, und dazu die Wanderkarte aus dem Touristikbüro. Allzu schwer sollte es ja nicht sein, die richtigen Abzweigungen zu finden. Man muss ja nur nach den X10-Zeichen an den Bäumen suchen.

Es ist bedeckt, als wir losfahren, und es regnet in Strömen, als wir Hameln erreichen. So viele Wolken hängen am Himmel, dass man eigentlich nur hätte umkehren sollen. Aber sollten wir etwa scheitern wie die Ameisen im Ringelnatz-Gedicht, die nach Australien reisen wollten, doch: „In Altona auf der Chaussee, da taten ihnen die Füße weh“. Nein!

Stattdessen kaufen wir uns jeder einen kleinen Regenschirm am Bahnhof. Uns wird klar, dass wir nicht gerade wie professionelle Wanderer unterwegs sind, aber die gute Laune und die Abenteuerlust wiegen das auf – vorerst jedenfalls. Trotz des Regens und des Nebels am Hang können wir von der Stadt aus den Klütturm gut erkennen. Anderthalb Kilometer durch die sonntagsleere Stadt gegangen, da kommt auch schon der Stichweg, der unter Bäumen nach oben führt.

Schon jetzt ist das Hemd meines Wanderfreundes ziemlich nass. Der Bahnhofsschirm, der einer kleinen Person wie mir gerade eben Schutz bietet, lässt bei ihm das herablaufende Wasser immer wieder auf seinen Rücken rinnen. Und dann geht es bergauf, steil bergauf – so steil, dass von der Romantik dieses kleinen, holprigen Weges nicht sehr viel zur Geltung kommt. Durchaus außer Atem erreichen wir die Anhöhe. Dort oben ist es – still. Kein Mensch ist zu sehen und gegen halb elf Uhr ist das Restaurant auch noch nicht geöffnet. Aber da – der kleine Kiosk direkt vor dem Klütturm (auf dessen Besteigung wir gerne verzichten). Drinnen sitzt einsam aber gemütlich ein Mann, den viele Hamelner kennen, Horst Henri Cynta, der allerlei Gesteine verkauft und uns freundlich aufmuntert: „Regen ist immer noch besser als zu viel Sonne. Da müssen Sie wenigstens keinen Staub schlucken.“

80 Jahre alt wird der wackere Mann demnächst, der schon seit Jahrzehnten dort oben die Stellung hält und früher ein Seebär war, den dann seine Frau nach Hameln lockte. Er liebt es, überall in Deutschland nach schönem Gestein zu suchen, und zeigt uns ein paar „Schaumburger Diamanten“, Kristalle, eingebettet in unscheinbare Gesteinsbrocken, die man nur mit erfahrenem Auge entdecken kann. Manchmal wirft er kleine Steinchen aufs Gelände, damit die Kinder beim Suchen ihre Erfolgserlebnisse haben. Auch seine selbst geschriebenen Erinnerungen verkauft er dort oben. Wir nehmen ein Bändchen mit.

Über eine Stunde sind wir nun schon unterwegs und haben gerade mal die ersten zweieinhalb Kilometer hinter uns gebracht. Sollten die unkenden Herren vom Klippenturm mit ihrem: „Das schafft ihr nie“ etwa recht behalten? „Das Schwierigste haben Sie immerhin gemeistert“, meinte Horst Henri Cynta. „Wenn Sie später noch den Taubenberg überstehen, sind Sie doch schon fast zu Hause!“ Er sei allerdings nur selten Wanderern begegnet, die an einem Tag die ganze Strecke Hameln-Rinteln erobern wollten.

Wer den X10 zum Wandern auswählt, wird hauptsächlich durch den Wald stapfen. Um so schöner, wenn sich hinter dem Schullandheim Riepenburg plötzlich der Blick öffnet auf die liebliche Landschaft des Weserberglandes, die heute durch Nebel- und Regenschleier einen zusätzlichen, ungewohnten Reiz gewinnt. Mein Wanderfreund ist vollkommen durchnässt, auch wenn er wacker seinen Schirm in die Höhe hält. Es ist aber ganz windstill und beim Gehen wird einem warm. Schwierig wird es nur, mit den nassen Händen die Wanderkarte zu entfalten, die sich nach und nach in ihre Einzelteile auflöst. Schließlich reißen wir alles ab, was wir schon hinter uns gelassen haben.

Die Karte brauchen wir auf jeden Fall. Der Deutsche Fernwanderweg ist wohl schon lange nicht mehr von einem Kontrolleur abgeschritten worden. An vielen Waldwegekreuzungen sehen wir zwar die Ausschilderungen der örtlichen Rundwege – von unserem X ist aber oftmals keine Spur zu sehen. So stellen wir in dem hübschen Dörfchen Dehrenberg nicht ohne Schrecken fest, dass wir einen Umweg von ungefähr vier Kilometern gemacht haben. Eine freundliche Bauernfamilie, die unter schützendem Hofdach einen Kaffee trinkt, rät uns, an der Landstraße entlang bis nach Dehmkerbrock zu gehen, dann würden wir wieder auf den richtigen Weg stoßen.

Bushaltestellenhäuschen, was für ein Segen im Regen! Wir sind jetzt mit Umweg etwa 18 Kilometer gegangen, Zeit für das Picknick! Oh – wie köstlich schmecken Schwarzbrot, Käse und Apfel. Wie gut tut der heiße Kaffee. Mit wie wenigen Mitteln kann man einfach glücklich sein. Seltsamerweise haben wir gar keinen großen Hunger, so, als wenn der Körper nur genau so viel aufnimmt, wie er problemlos bei einer Anstrengung verdauen kann. Man muss auch nicht viele Getränke mitschleppen. Mehrmals auf der Strecke treffen wir auf Quellen, deren Wasser besser schmeckt als jede Apfelschorle.

Wohlgemut ziehen wir weiter und endlich hat auch der Regen aufgehört. Wir haben keine Ahnung, wie spät es ist, wir schätzen es ist etwa früher Nachmittag, so viel kann man von der manchmal am Himmel zu erahnenden Sonne ablesen. An der Warnung, dass eine Wanderung über mehr als 30 Kilometer ungeübten Wanderern nicht gerade zu empfehlen sei, ist eindeutig etwas dran. Nicht umsonst umfasst nur eine einzige beschriebene Teilstrecke des Deutschen Fernwanderwegs mehr als diese Länge. Als wir uns beinahe heimatlichen Gefilden nähern, Friedrichsburg und damit dem Fuß des Taubenbergs, spüre ich schmerzlich, dass sich in meinen eigentlich sehr guten Schuhen doch eine Blase zwischen zwei Zehen gebildet hat. Pflaster – warum nur haben wir keine Pflaster ins Reisegepäck getan? Es geht wieder bergauf, lange, lange bergauf, immer weiter, über etwa drei Kilometer. Wald ringsum, mal märchenhaft, mal eher für die Forstwirtschaft angelegt. Unser Blick ist jetzt meistens nach unten gerichtet, erstmals verstummen unsere Gespräche und wir ahnen, dass wir uns wohl wirklich etwas zu viel zugemutet haben. Es ist ja faszinierend, stundenlang in gutem Rhythmus vorwärts zu gehen und wie die Menschen in alten Zeiten zu erfahren, was es bedeutet, ohne Fahrzeug von einem Ort zum anderen zu gelangen. Aber als wir endlich den Taubenberg wieder herabgestiegen sind und dann in Strücken anlanden, noch etwa sechs Kilometer von Rinteln entfernt, beginnt, das müssen wir uns eingestehen, eine Qual.

Alles tut weh, die Schulter, die den Rucksack trägt, ebenso wie die Kniegelenke und vor allem die geschundenen Füße. Sollen wir uns abholen lassen? So kurz vorm Ziel? Niemals!

Exten – noch zweieinhalb Kilometer zum Rintelner Marktplatz. Wie spät es wohl sein mag? Irgendwie verging die Zeit wie im Flug. Fast 40 Kilometer haben wir hinter uns. Aus Rinteln schallt uns die Musik des Altstadtfestes entgegen. Es ist gerade mal 19 Uhr 30! Wir sind humpelnde Helden! Bestimmt machen wir bald mal eine richtige Pilgerreise, wenn, ja, wenn der Muskelkater jemals vorbeigehen sollte…

Der Wanderwege gibt es viele im schönen Weserbergland. Die meisten sind innerhalb weniger Stunden zu bewältigen. Etwas Übung braucht es schon, die rund 35 Kilometer Wanderweg von Hameln nach Rinteln auf Schusters Rappen zu meistern. Unsere Mitarbeiterin Cornelia Kurth wollte es wissen und ist den Weg – ungeübt! – abgegangen.

Ohne Karte hätten unsere Mitarbeiterin Cornelia Kurth und ihr Begleiter Karl Thenhart Rinteln bestimmt nicht erreicht – zumindest nicht an einem Tag.

Irgendwann war Cornelia Kurth klar: Der Regen auf einer besonders langen Wanderung ist ab einer gewissen Zeit das kleinere Problem.



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