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Das deutsche Erbe im „echten“ Jamaika: Lost in Seaford

Von der Weser in die Karibik - Geschichte einer Auswanderung

Im 19. Jahrhundert verschlug es einige hundert Menschen von der Weser nach Jamaika – die einzige „echte“ Verbindung zwischen der Karibikinsel und Deutschland, jenseits einer Jamaika-Koalition. Seaford Town heißt die einstige deutsche Kolonie, wo Träume zur Illusion wurden.

veröffentlicht am 27.11.2017 um 18:16 Uhr
aktualisiert am 27.11.2017 um 19:00 Uhr

Blick auf einige Häuser der von deutschen Einwanderern gegründeten jamaikanischen Gemeinde Seaford Town. Foto: Georg Ismar/dpa

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Georg Ismar

Dies soll der Ort der Verheißung gewesen sein? Ende 1834 marschieren deutsche Einwanderer vom Hafen in Montego Bay tagelang bis zu dieser Stelle im Westen Jamaikas. Es ist heiß, schnell bekommen die ersten Malaria. Die Familien sind verarmt, sie kommen in der Hoffnung auf ein neues Leben als Landwirte mitten in der Karibik. „Welcome to Seaford Town – The German Township, founded 1835“, steht heute auf einem rosafarbenen Stein am Dorfeingang.

Der Weg nach Seaford ist immer noch beschwerlich. Bergauf, bergab durch grünen Tropenwald, ohne Navigationsgerät ist das isolierte Nest nicht zu finden. Die Straße ein Albtraum, Schlaglöcher so groß, dass Autos darin verschwinden können. Auf der Suche nach Verbindungen zwischen Deutschland und Jamaika, jenseits der farblichen Parallelen schwarz-gelb-grün zur geplatzten Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen, ist das ein ungewöhnlicher Ort.

Er erzählt die Geschichte einer vergessenen Kolonie, der einzigen direkten Verbindung zwischen Jamaika und Deutschland, von einem Kampf, den weiße Einwanderer gemeinsam mit früheren Sklaven aus Afrika führten. Inmitten von Bananenfeldern und Kokosplantagen liegt der 350-Seelen-Ort, rund 160 Kilometer westlich der Hauptstadt Kingston im Westmoreland.

Ein vergilbtes Schild wirbt für Touren auf den Spuren der deutschen Einwanderer. Die Gemeinde wurde 1835 gegründet. Foto: Georg Ismar/dpa
  • Ein vergilbtes Schild wirbt für Touren auf den Spuren der deutschen Einwanderer. Die Gemeinde wurde 1835 gegründet. Foto: Georg Ismar/dpa
Der Nachfahrer deutscher Einwanderer, Martin Hacker, zeigt das von seinem Urgroßvater erbaute Haus. Zum Schutz vor Überschwemmungen wurde es wie in der deutschen Heimat mit einem Steinfundament gebaut. Foto: Georg Ismar/dpa
  • Der Nachfahrer deutscher Einwanderer, Martin Hacker, zeigt das von seinem Urgroßvater erbaute Haus. Zum Schutz vor Überschwemmungen wurde es wie in der deutschen Heimat mit einem Steinfundament gebaut. Foto: Georg Ismar/dpa
Eine Jamaikanerin steht mit einem Bikini in den Landesfarben bekleidet in „Rick·s Cafe“, einer der beliebtesten Bars des Landes, im Küstenort Negril. Foto: Georg Ismar/dpa
  • Eine Jamaikanerin steht mit einem Bikini in den Landesfarben bekleidet in „Rick·s Cafe“, einer der beliebtesten Bars des Landes, im Küstenort Negril. Foto: Georg Ismar/dpa

Die Häuser mit festem Steinfundament und Spitzdächern zeugen von den deutschen Einwanderern. Es waren der Überlieferung nach zunächst 17 Familien aus dem Weserbergland, vor allem aus der Region um Uslar.

Auf dem Friedhof finden sich Namen wie Hacker, Groskopf, Wedemire und Eldemire - das ursprüngliche „meier“ am Ende der Familiennamen wurde interessanterweise im Laufe der Zeit in „mire“ amerikanisiert. Über den Friedhof führt Fritzroy Chambers, der frühere Polizist ist so etwas wie der Dorfchronist. Er ist auch ein Nachfahre der ersten Einwanderer, auch wenn man es ihm nicht ansieht – viele Männer und Frauen heirateten später Jamaikaner. Anders als in anderen deutschen Kolonien kam es statt Abschottung zu Assimilation. Die Sklaverei war gerade abgeschafft, man brauchte neue engagierte Arbeitskräfte, in Europa herrschten Krise und Armut. Emissäre wurden geschickt, um Auswanderer für Jamaika anzuwerben – mit allerlei Versprechungen.

Lord Seaford stellte 500 Morgen Land zu Verfügung. Mit der Aussicht auf Goldfunde und fertige Häuser machten sich die Auswanderer auf. Und wurden bitter enttäuscht. Die Häuser mussten sie erst noch bauen. „Es gab eine Fülle von Lügen“, sagt Fritzroy Chambers. Warum warb man ausgerechnet in der Weserregion um Arbeitskräfte? „Das war damals das Königreich Hannover“, erzählt Chambers. Und der König von Hannover war im Rahmen der damaligen Personalunion zugleich auch König von Großbritannien – und Jamaika war britische Kolonie. Aber viele Rätsel sind ungelöst. Ein kleines Museum musste wegen Geldmangels schließen – auch sind Listen mit den Namen der Ankömmlinge verschüttgegangen. Dutzende Einwanderer bekamen rasch Malaria, Typhus, Cholera, starben bereits in der Anfangszeit. „Essen war das andere Problem. Es gab kaum etwas.“ Der Deal sah vor, dass sie mindestens fünf Jahre das Land hier bearbeiten mussten – die Reise führte sie laut Chambers per Schiff über Weser, Nordsee und Atlantik bis Montego Bay. Die meisten hatten kein Geld, um zurückzufahren. Schrittweise etablierten sie sich, bauten Bananen an, züchteten Schweine, um Wurst zu machen.

Essen war das andere Problem. Es gab kaum etwas.

Fritzroy Chambers, Dorfchronist

Es ist Sonntag in Seaford. Während in Berlin über die Freigabe von Cannabis noch gestritten wird, ist Jamaika in dieser Hinsicht ein liberales Land. Als sich eine ältere Frau im violetten Kleid mit Schirm zum Schutz gegen die Sonne die Treppen zur Kirche hochgequält hat, meint Pfarrer Lukasz Szweda zu ihr: „Na, zu viel Ganja geraucht, was?“ Ganja steht für Marihuana. Szweda kommt aus dem südpolnischen Czechowice-Dziedzice, er meldete sich für die Missionsarbeit und ist neben einigen deutschen Nachfahren einer der wenigen Weißen hier.

Seaford ist heute Spiegelbild des Jamaika 2017. Viele junge Leute wollen weg – die Jugendarbeitslosigkeit liegt in dem Land, das 2,9 Millionen Einwohner hat, bei den 20- bis 24-Jährigen bei 26 Prozent. Viele treibt es auch aus dem landwirtschaftlich geprägten Seaford weg, einige träumen vom Ausland – oder wollen im Tourismusparadies Montego Bay Geld machen. Oder in Kingston, dort gibt es mehr Jobs.

Die Globalisierung führt dazu, dass plötzlich in Jamaika Call-Center für Tausende Mitarbeiter entstehen. Um zu verhindern, dass Seaford Town immer älter wird, gibt es ein neues Ausbildungszentrum oben im Ort, wo junge Leute handwerkliche Fähigkeiten und Management lernen.

Auf einer Mauer am Eingang zur Kirche wartet auch Curtis Hacker auf den Beginn des Gottesdienstes. Mit 56 Jahren ist er Frührentner, er zählt zur vierten Generation nach der Einwanderung der deutschen Vorfahren. Als weißer Mann ist er an diesem Morgen klar in der Minderheit. Vor allem in den 1950er Jahren gingen über 500 der Einwanderernachfahren nach Kanada. Ein kleiner Exodus, weg aus Seaford, quasi die zweite Auswanderung der Deutschstämmigen. Kanada hatte um weiße Arbeitskräfte geworben. Der Anfang vom Ende der deutschen Kolonie in Jamaika.

1,2,3,4,5. Mit den Fingern zählt Hacker die verbliebenen Nachfahren auf und zeigt auf die umliegenden Hügel. Kann er noch Deutsch? „Nein, nichts. Nur mein Cousin war mal in Deutschland, aber dem hat das Meer da, diese North Sea, gar nicht gefallen.“ Curtis Hacker sagt: „Ich bin zu 100 Prozent Jamaikaner.“ Sein Bruder Martin Hacker – er ist Computer-Experte – zeigt später das alte Haus des Urgroßvaters am Fluss, dazu läuft von irgendwoher Reggae im Hintergrund. Woher sie genau kamen? „Wir wissen es nicht.“ Sie lebten hier so isoliert und inmitten unter Schwarzen, dass die Vorfahren das Deutsche nicht weiter den Kindern lehrten, deutsche Bräuche gingen völlig verloren. Aber er würde gerne mal ein Oktoberfest besuchen, sagt Martin Hacker.

In anderen Ländern, etwa in Venezuela (Colonia Tovar) und Brasilien (Blumenau), sind deutsche Kolonien mit selbst gemachter Wurst, Marmelade, Bier und Wirtshäusern Touristenmagneten, die Geld mit der besonderen Geschichte verdienen. Seaford Town hat nichts davon. Treffpunkt der Jugendlichen ist die Tankstelle am Ortseingang.

In der Kirche beginnt die Messe. Priester Luke alias Lukasz sagt: „Welcome, my friends“. Es ist eine der wenigen katholischen Enklaven, nur drei Prozent der Jamaikaner sind katholisch. Wegen der Briten wurde das Land protestantisch geprägt, zudem weiten sich die Sekten aus. Kaum ein Land hat so eine Kirchendichte pro Einwohner. Heute sind kaum noch Deutschstämmige in der Messe. Eine der wenigen deutschen Traditionen, die geblieben sind, ist das Rösten von Spanferkeln im Ofen. Jeden Samstag gibt es ein Spanferkelessen, zu dem Leute aus ganz Jamaika kommen. Das Kuriose: Viele der nach Kanada ausgewanderten Nachfahren der deutschen Einwanderer sind nun auch im hohen Alter und kommen jedes Jahr zurück – um in Seaford den Winter zu verbringen, der Kälte Kanadas zu entfliehen.

Nach der Messe blättert Pfarrer Lukasz Szweda in einer Kirchenchronik. Ein undatiertes Bild aus den 40er oder 50er Jahren zeigt glücklich lächelnde weiße und schwarze Schulkinder, es gibt noch ein altes Taufverzeichnis mit vielen deutschen Namen. Er ist humorvoll, entspannt – und hat es geschafft, den Katholizismus hier wieder zu stärken. Im Wohnzimmer hängt ein Bild von Papst Johannes Paul II. „Für die Sekten ist der Papst ein Teufel, ein Antichrist“, sagt er. Mit Blick auf das vergessene deutsche Erbe hat der Priester viele Ideen: Multimediaausstellungen mit Zeitzeugenberichten, Aufarbeiten der Familiengeschichten, Führungen zu den ersten Häusern.

Als sich der Dorfchronist Chambers das mit der „Jamaica Coalition“ in Berlin erklären lässt, fragt er, warum Deutschland nicht helfe, das Erbe zu retten, die Geschichte aufzuarbeiten. Der Gedanke kommt auf, das könnte ja – im Zusammenspiel mit der Deutschen Botschaft – ein symbolisches Solidaritätszeichen einer „Jamaica-Coalition“ sein.

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