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Vom Mythos zum Menschen mit Makel

Die abstrakten Begriffe Patientenrecht und Arzthaftung täuschen darüber hinweg, was hinter ihnen steckt: Emotionen, Tränen Schmerzen, oft ein langer Leidensweg und Mut auf beiden Seiten. Mut des Patienten, sich für sein Recht einzusetzen und auch Mut des Arztes, einen Fehler, welcher Kategorie auch immer, einzugestehen. Beides ist nicht an der Tagesordnung, doch die Anzahl der Patienten, die versuchen, nach einer Behandlung mit unerwünschten Folgen für sich einzustehen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Jetzt soll ihre Position gestärkt werden mittels eines neuen Gesetzes, das im Mai 2013 in Kraft treten soll.

veröffentlicht am 19.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:50 Uhr

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Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Für Hilde Vogt aus Hameln hat nicht auf die Rückendeckung durch den Gesetzgeber gewartet. Sie und ihr Mann haben sich durch die Patientenakte gewühlt, eine Anwältin gesucht, sind vor das Landgericht gezogen, in der Hoffnung, irgendwann einmal „Gerechtigkeit“ zu erfahren, wie Vogt sagt. Nach zwei Operationen an der Schilddrüse trägt sie ein Tracheostoma, eine direkte Verbindung durch den Hals zur Luftröhre. Sie glaubt, das hätte ihr erspart bleiben können, wenn die Ärzte anders gehandelt hätten. Über ihren Fall und ihre Klage gegen das Sana Klinikum Hameln-Pyrmont hat unsere Zeitung berichtet; andere Patienten haben sich seither bei ihr gemeldet, um Unterstützung anzubieten oder Anregungen für eigene Beschwerden gegen behandelnde Ärzte zu erhalten. Jährlich sind etwa zwei bis vier Prozent (340 000 bis 680 000) der Patienten in deutschen Kliniken von Fehlern des medizinischen Personals betroffen, heißt es beim Aktionsbündnis Patientensicherheit, das sich das Thema auf die Fahnen geschrieben hat; darunter angeblich 17 500 fehlerbedingte Todesfälle pro Jahr. Zum Vergleich: 2011 kamen auf Deutschlands Straßen 3910 Verkehrsteilnehmer ums Leben. Bei den Schlichtungsstellen der Ärztekammern wird von 130 000 „therapiebedingten Gesundheitsschäden“ im Jahr 2007 gesprochen.

Unbestritten: Ärzte machen Fehler, auch hier. In Praxen, im Sana Klinikum Hameln-Pyrmont, im Evangelischen Bathildis-Krankenhaus in Bad Pyrmont, im Schaumburger Kreiskrankenhaus in Rinteln. Zum Beispiel. Nicht jedes Krankenhaus möchte überhaupt zu dem Thema Stellung nehmen, und wenn es um die tatsächliche Anzahl der Fälle geht, in denen sich ein Arzt verantworten musste und in denen die Haftpflichtversicherung des Hauses einsprang, wird der weiße Kittel zum Mantel des Schweigens. „Fehler lassen sich zwar minimieren, aber nie ganz vermeiden“, sagt Chefarzt Dr. Joachim Hertel vom Bathildiskrankenhaus. Und: Für ein Krankenhaus berge jeder Einzelfall, der an die Öffentlichkeit gelangt, das Risiko einer verallgemeinernden Fehlbeurteilung, könne für ein Haus betriebswirtschaftliche Folgen haben und „damit sehr gefährlich sein“. Zudem ließen absolute Zahlen ohne genaue Betrachtung der Spezifika einer Abteilung und ohne Vergleich zu einer ebenso gearteten Abteilung keine Rückschlüsse auf die Qualität eines Hauses zu, sagt sinngemäß Friedrich Nolte, Verwaltungsleiter am Kreiskrankenhaus in Rinteln.

Laut Chefarzt Hertel hat es in der Vergangenheit am Pyrmonter Haus nur sehr wenige Klagen, mit abnehmender Tendenz, gegeben, „die in der weit überwiegenden Mehrzahl als unbegründet abgewiesen wurden. Ähnlich sieht es im gesamten Bundesgebiet aus. Nach Auskunft der Bundesärztekammer werden in nur rund einem Viertel aller Fälle tatsächlich Behandlungsfehler als Ursachen für gesundheitliche Schäden festgestellt, die eine Entschädigung begründen. Häufig sei es so gut wie unmöglich, einen direkten Zusammenhang zwischen Gesundheitsbeeinträchtigung und Therapie herzustellen, beschreibt Professor Christian T. Hegelmaier vom Kreiskrankenhaus Schaumburg in Rinteln, die Lage, in der er sich als Gutachter und Chirurg häufig wiederfindet. Es gebe Fälle, in denen lasse sich nicht 100-prozentig sagen, ob dem Patienten dasselbe Schicksal nicht auch ohne Behandlung widerfahren wäre.

„Die Verfahren sind sehr aufwendig“, sagt Richter Patrick Gerberding vom Landgericht Hannover, wo jährlich etwa 150 Patientenklagen verhandelt werden. Dass bis zu einem richterlichen Urteil fünf Jahre vergehen, ist keine Seltenheit. Doch längst nicht alle Patientenbeschwerden landen sofort am Gericht. Das Interesse aller Beteiligten ist groß, zunächst einen anderen, außergerichtlichen Weg einzuschlagen, nicht zuletzt, um allen Seiten Kosten zu ersparen. Den Schlichtungsstellen der Ärztekammern kommt bei Patientenbeschwerden eine besondere Bedeutung zu. Für Niedersachsen ist die norddeutsche Schlichtungsstelle in Hannover zuständig. Findet sie keine für beide Seiten akzeptable Lösung, werden Anwälte eingeschaltet und klagen. Vor allem aber, so die Empfehlung, steht das Gespräch mit dem behandelnden Arzt selbst. Der Arzt ist dazu verpflichtet, einen Fehler, der eine andere als die bisherige oder eine erneute Behandlung notwendig macht, dem Patienten von sich aus zu melden. „Das Gespräch zu suchen, ist das Wichtigste“, sagt Professor Matthias Schrappe vom Aktionsbündnis Patientensicherheit. Ganz unproblematisch ist dieses Gespräch für den Arzt aber nicht: Sie würden von den eigenen Haftpflichtversicherungen dazu angehalten, mit allzu offenherzigen Bekenntnissen dem Patienten gegenüber zurückhaltend zu sein, wie auch Hegelmaier erzählt. Wird dieser Rat befolgt, läuft das den Versuchen zuwider, einer anderen Kultur im Umgang mit Fehlern und Beinahe-Fehlern Raum zu geben.

Zwar ist laut Hegelmaier eine Veränderung spürbar, doch von einer Revolution scheint die Branche weit entfernt. Er selbst – „vom alten Schlag“, wie Hegelmaier von sich sagt – macht die Entwicklung mit vom einst streng hierarchischen System in einer Klinik und autoritären Führungsstil zu einer neuen Offenheit. „Früher gab es eine hohe Intoleranz gegenüber persönlichen Fehlern“ in der Ärzteschaft. Aus dieser Schule kommend, war Hegelmaier am Anfang skeptisch, als sich der Wandel anbahnte. Heute ist der Chirurg davon überzeugt, dass die einstige Mystifizierung des Arztes und die jahrzehntelange Tabuisierung von Fehlern zulasten des Arztes persönlich gingen. Um die eigene Fehlbarkeit wissend, ohne dazu stehen zu dürfen, hat immensen Druck zur Folge. Vor allem in der oft als Königsdisziplin eingestuften Chirurgie „werden alle damit fertig“, beschreibt Hegelmaier eine häufig anzutreffende Selbstüberschätzung der so hart gesottenen Chirurgen. „Bis sie am Schnaps hängen“.

Vor gerade einmal vier Jahren wagten 17 Ärzte und Pfleger einen Schritt, der für Aufsehen sorgte. In einer Broschüre des Aktionsbündnisses Patientensicherheit „Aus Fehlern lernen“ outeten sie sich und berichteten von Fehlern, die sie gemacht haben oder um ein Haar gemacht hätten. „Ich finde es gut, dass damit offen umgegangen wird“, sagt Markus Hedemann, Sprecher der Ärzte in Hameln-Pyrmont, über die Enttabuisierung des unbequemen Themas. Das Schweigen zu brechen, ist der eine Schritt, der den Beruf menschlicher machen kann, doch er hilft nicht, die Sicherheit der Patienten dauerhaft zu erhöhen. Seit einigen Jahren erst werden in Krankenhäusern und Arztpraxen Risikomanagementsysteme implementiert, die langfristig zu weniger Fehlern führen sollen. Auch am Kreiskrankenhaus Rinteln wird zurzeit das Berichtssystem CIRS (Critical Incident Reporting System) eingeführt. Nicht ohne Widerstand der Angestellten. Als „Angst vorm Petzen“ ließe sich die Sorge bezeichnen, wie Claudia Zehrer erzählt. Sie ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und kennt die Vorbehalte der Kollegen gegenüber dem vermeintlichen „Denunziantentum“. Ziel war es, eine Plattform anzubieten, auf der die Mitarbeiter anonym Fehler und Beinahe-Fehler melden sollen. Aussagen zur Akzeptanz ließen sich nach der Kürze der Zeit noch nicht treffen. Die Medizin tritt somit in die Fußstapfen der Luftfahrt. „Jeder Fehler soll nur einmal gemacht werden – danach ist zu gucken, wie er vermieden werden kann“, erklärt Hedemann das Prinzip, das der anderen Hochrisikobranche entlehnt wurde. Was in der Medizin in der Konsequenz bedeutet: Einen Patienten trifft es irgendwann, bevor einem Fehler im System oder einem persönlichen beizukommen ist. Rund 40 000 Patienten nehmen jährlich den Streit mit Medizinern auf, wenn sie sich falsch behandelt wähnen. Etwa 10 000 davon werden von den Schiedsstellen der Ärztekammern bearbeitet; im vergangenen Jahr waren es 11 016. Dass es stets Ärzte sind, die die Gutachten erstellen, dürfe die Patienten nicht mutmaßen lassen, dass eine Krähe der anderen kein Auge auskratzt, betont Hegelmaier, der selber unzählige Gutachten geschrieben hat. Er hält die Schlichtungsstellen für „einen Segen“ und für „vertrauenswürdig“. Für die Patienten ist sie die einzige Anlaufstelle, die anders als beauftragte Anwälte für den Patienten unentgeltlich sind.

Der Bundesärztekammer zufolge beziehen sich die meisten Vorwürfe auf Operationen, zum Beispiel auf die Amputation gesunder Gliedmaßen durch Seitenverwechslung oder Patientenverwechslung. Laut einer Untersuchung des AOK-Bundesverbandes passieren 35 Prozent der festgestellten Behandlungsfehler in der Chirurgie; mit 18 Prozent an zweiter Stelle stehen Pflegefehler. Seit einigen Jahren soll das sogenannte „Team-Time-Out“ unmittelbar vor der Operation den Verwechslungen vorbeugen. Einige Häuser sind auch dazu übergegangen, die OP-Stelle am Vorabend gemeinsam mit dem Patienten zu markieren. Außerdem werde der Patient nicht mehr gefragt, ob er Heinz Mustermann ist, sondern er müsse von sich aus seinen Namen nennen, erklärt Claudia Zehrer vom Rintelner Klinikum.

Nicht nur die Patienten haben ein hohes Interesse daran, bei Behandlungsfehlern Schmerzensgeld oder Schadenersatz zu erhalten. Auch die Krankenkassen, die ihren Mitgliedern im Beschwerdefall helfen, möchten nur Leistungen bezahlen, in denen dem Versicherten kein Schaden durch das Personal entstanden ist. Fast 1,9 Millionen Euro hat die AOK Niedersachsen im Jahr 2010 als Einnahmen verzeichnet, die aus Regressansprüchen entstanden sind. 740 Fälle wurden bearbeitet, von denen 31 Prozent vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen bestätigt wurden.

Der jetzt diskutierte Gesetzesentwurf der Koalition zur Stärkung der Patientenrechte wird in Rinteln mit Verwunderung zur Kenntnis genommen – Anforderungen wie die Einsicht der Akten durch den Patienten würden bereits erfüllt, heißt es. Ob dann Patientenbeschwerden wie die der Hamelner Hilde Vogt schneller zum Abschluss kommen?

Wenn beim Ikeaschrank eine Schraube fehlt – ärgerlich. Wenn Hersteller Autos zurückrufen – erschreckend, doch meist geht es glimpflich aus. Wenn aber Ärzte oder Pfleger Fehler machen, wird es kritisch bis lebensbedrohlich. Einen Arzt zur Verantwortung zu ziehen, ist ein Kraftakt und aus Sicht des Patienten selten von Erfolg gekrönt. Und auch aus Sicht des Arztes und der Krankenhäuser geht es um viel, wenn Behandlungen nicht den gewünschten Verlauf nehmen.



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