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Die Welt des Ehrenamtes ist groß und bunt

„Vom Gefühl der Freude getragen“

Oft ist beim Thema „Ehrenamt“ von dessen unglaublicher Wichtigkeit für die Gesellschaft, die ohne solche Hilfe gar nicht funktionieren würde, die Rede, und an Lob für die freiwilligen, selbstlosen Helfer wird auch nicht gespart. Doch vielleicht geht eine solche Sichtweise, die den ehrenamtlich Tätigen so einen Anstrich von „sich für andere aufopfern“ verleiht, ja an der Wirklichkeit komplett vorbei?

veröffentlicht am 16.01.2017 um 18:31 Uhr

Annette Wallenstein
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Autor

Claudia Masthoff Reporterin
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Könnte es nicht sein, dass die, die sich freiwillig für das Allgemeinwohl engagieren, sogar selbst am meisten von ihrem Einsatz profitieren?

Unterschiedliche Studien zu diesem Thema lassen jedenfalls derartige Gedanken durchaus zu. Bei manchen Untersuchungen kann man rein wissenschaftlich betrachtet noch über die tatsächliche statistische Aussagefähigkeit streiten. In den USA beispielsweise haben Forscher 423 ältere Paare über mehrere Jahre begleitet, und nach Zusammenhängen zwischen Gesundheit, Langlebigkeit, Zufriedenheit und ehrenamtlichen Aktivitäten gesucht. Sie wurden fündig. Gesellschaftliches Engagement schien wirklich positive Auswirkungen auf körperliches und seelisches Wohlbefinden zu haben. Allerdings stellt sich bei derartigen Statistiken auch die Frage, ob es nicht einfach gerade andersherum sein könnte, nämlich, dass eher gesunde und leistungsfähige Menschen ein Ehrenamt übernehmen. Bei einer anderen Studie scheint ein solcher Umkehrschluss jedoch ausgeschlossen zu sein. Kanadische Wissenschaftler der University of British Columbia testeten den Einfluss von ehrenamtlichem Tun auf eine Gruppe von Gymnasiasten. 53 Jugendliche verpflichteten sich, einmal pro Woche mit Grundschülern in ihrer Nachbarschaft zu arbeiten. Eine ebenfalls 53 Köpfe starke Gruppe, die noch auf der Warteliste zum Projekt stand, diente als Kontrollgruppe. Bei allen Schülern wurden zu Beginn der Studie Body-Mass-Index, Cholesterinspiegel, Entzündungswerte und ähnliche Gesundheitsanzeiger gemessen. Nach zehn Wochen sozialen Einsatzes erfolgte eine erneute Untersuchung. Dabei stellte sich heraus, dass, im Gegensatz zur Kontrollgruppe, all diejenigen, die mit den kleineren Kindern gearbeitet hatten, deutlich bessere Ergebnisse erzielten, als beim ersten Test. Der Fettanteil beim Körpergewicht war geringer geworden, der Cholesterinspiegel gesunken und so weiter. Man konnte sogar nachweisen, dass die positive Entwicklung im körperlichen Bereich im gleichen Maße zunahm, wie sich Empathie und Nächstenliebe bei jungen Leuten entwickelte. Wer hier eine besondere Steigerung empfand, hatte auch die besten körperlichen Werte.

So ermutigend solche Ergebnisse von Studien auf fernen Kontinenten auch sein mögen, noch schöner wäre es doch, von Menschen aus unserer direkten Umgebung zu hören, die genau solche positiven Erfahrungen gemacht haben. Die zu finden, so stellt sich heraus, ist überhaupt nicht schwer. „Ehrenamtliche Arbeit dient der Persönlichkeitsbildung“ ist beispielsweise von Friedrich Meier zu erfahren, der mit seinem vielfältigen lebenslangen Einsatz für den Sport im Kreis Schaumburg ja sozusagen selbst das personifizierte Ehrenamt darstellt. „Man kann seine Fähigkeiten im ehrenamtlichen Bereich erproben, und Tugenden, wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Durchhaltekraft und so weiter entwickeln, die man überall im Leben gut brauchen kann.“ Wenn man den schieren zeitlichen Umfang von Meiers eigenem Engagement vor Augen hat, ist man direkt ein bisschen verwundert, zu erfahren, wie hoch er den Faktor „Freude an der Arbeit“ als wesentliches Kennzeichen vom Ehrenamt schätzt. „Ehrenamt muss vom Gefühl der Freiwilligkeit und der Freude getragen werden. Das ist doch das Besondere daran“, fasst er zusammen, und da seien die Grenzen, was Menschen noch freudig leisten würden, eben sehr individuell. Diese Aussage würde auch Albrecht Schäffer, der die Ehrenamtlichen beim Patenprojekt des Kinderschutzbundes ausbildet und betreut, jederzeit unterschreiben. „Eben weil die Menschen so unterschiedlich sind, ist es sehr wichtig, gute Vorgespräche mit unseren zukünftigen Familienpaten zu führen“, erklärt der Pädagoge. Die meisten kämen (anders als solche Ausnahme-Vollblut-Ehrenamtler wie Friedrich Meier) mit der Bereitschaft, sich für vier bis sechs Stunden pro Woche einzubringen, so Schäffers Erfahrung. Auch andere Dinge sollten unbedingt im Vorfeld besprochen werden. „Da gibt es Helfer, die möchten sich um Säuglinge und ganz kleine Kinder kümmern. Andere finden eher Zugang, wenn Kinder sich schon sprachlich ausdrücken können. Und wieder andere würden es vorziehen, mit Schulkindern zu tun zu haben. Die sehen ihre Fähigkeiten möglicherweise besonders im Bereich der Hausaufgabenhilfe“, macht Schäffer die Unterschiede anschaulich. Damit eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Zusammenarbeit entstehen kann, sei gerade im sensiblen Bereich der Familienpatenschaften – „Sie agieren als Pate ja direkt im ganz privaten und geschützten Raum der Menschen“ – auch ein realistischer Blick auf die eigene Persönlichkeit vonnöten. Schnell entdeckt man bei Schäffers Schilderungen die Parallelen zur Einschätzung von Friedrich Meier: Es geht ganz klar auch um Persönlichkeitsentwicklung. „Man muss sich ehrlich mit den eigenen Werten auseinandersetzen. Steht bei mir Ordnung und Disziplin ganz weit oben auf der Werteskala, dann kann ich möglicherweise Schwierigkeiten in einer Familie bekommen, wo es eher etwas chaotisch zugeht“, greift der Diplom-Kulturpädagoge ein Beispiel heraus. Solche Themen würden beim Kinderschutzbund im Rahmen der Schulung für die ehrenamtlichen Familienpaten angesprochen. „Auch um die eigene Biografie kommt man nicht herum. Im engen Miteinander mit einer fremden Familie können leicht ‚Knöpfe‘ gedrückt und starke Emotionen ausgelöst werden, weil man an eigenes Erleben in der Kindheit erinnert wird.“ Je besser man sich selbst kenne, desto gelassener könne man mit den unterschiedlichen Verhaltensweisen anderer Menschen umgehen“, so die Erfahrung von Schäffer. „Wir bemühen uns sehr, unsere Ehrenamtlichen gut vorzubereiten und für jeden das passende Aufgabenfeld zu finden“, fasst der Mitarbeiter des Kinderschutzbundes zusammen. „Und ja, unter diesen Voraussetzungen erlebe ich, dass das soziale Engagement bei unseren Helfern zu größerer Zufriedenheit, zum Gefühl, ein sinnvolles Leben zu führen, und auch zur als positiv erlebten Erweiterung des Horizontes führt.“

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Albrecht Schäffer

Die Bedingungen müssen also stimmen. Und es muss möglich sein, sie dem sich ständig verändernden eigenen Leben anzupassen. „Ich bin von vornherein mit einer zeitlichen Begrenzung an meine Aufgabe herangegangen“, berichtet in diesem Zusammenhang Annette Wallenstein, Mitbegründerin der Kinderfeuerwehr Uchtdorf. „Aus den zwei Jahren, für die ich anfangs fest zugesagt hatte, sind jetzt zwar doch dreieinhalb geworden, aber meine persönliche Planung kann ich trotzdem einhalten: mit dem Eintritt meines Mannes ins Rentenalter bin ich jetzt bei der Kinderfeuerwehr in die zweite Reihe gerückt. Denn das war meinem Mann und mir wichtig, dass wir uns einen Gestaltungsspielraum für die Jahre nach der Berufstätigkeit freihalten wollten.“ So leicht, wie anfangs gedacht, sei ihr der Abschied jedoch nicht gefallen. Und das merkt man auch sofort. Beim Blick auf ihr erfolgreich gegründetes Projekt bekommt die Feuerwehrfrau so leuchtende Augen, dass man sie sofort als ein Paradebeispiel für den glücksbringenden Aspekt des Ehrenamtes engagieren möchte. „Das war eine Erfahrung, die sich richtig, richtig gut anfühlt“, schwärmt Wallenstein. Sie habe so viel gelernt. Zum einen in den Kursen, die die Feuerwehren für ihre Betreuer anbieten, aber vor allem in der Zusammenarbeit mit den Kindern und deren Eltern. „Das größte Geschenk für mich war das Vertrauen, das uns vonseiten der Eltern entgegengebracht worden ist. Wir haben Fahrten und Zeltlager mit den Kindern gemacht, und auch die Allerkleinsten, bei denen die Eltern doch noch ganz besorgt sind, durften jedes Mal mitkommen.“ Ganz viel habe sie auch von den Kindern selbst gelernt. „17 Kinder. Das sind 17 ganz unterschiedliche Charaktere“, so die Ehrenamtliche. „Besonders erstaunt hat mich, dass ich die Kinder als Betreuerin so ganz anders wahrnehme als zum Beispiel meine eigenen Kinder oder auch die Enkel. Der Blickwinkel ist irgendwie weiter und ich schaue sehr genau hin.“ Gewachsen sei sie zudem an einer außergewöhnlichen Erfahrung. „Eines der Kinder in unserer Gruppe litt an einem schweren Herzfehler und ist schließlich gestorben“, schaut sie zurück. „Wir haben uns dann mit Unterstützung durch eine Mitarbeiterin des Hospizvereins richtig gründlich mit dem Thema auseinandergesetzt, und so den Mut gefunden, mit den Kindern darüber offen und ausführlich zu sprechen.“ Sogar ein schönes Abschiedsritual hätten sie damals entwickelt. „ Alle Kinder haben Steine bemalt und dann aufs Grab gelegt.“ Wallenstein jedenfalls möchte keinen Moment missen, den sie mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit verbracht hat.

Für alle, die jetzt nach so vielen guten Argumenten und lebendigen Berichten urplötzlich Lust auf ein Ehrenamt verspüren, soll es auch noch einen Tipp zum möglichen weiteren Vorgehen geben. Im Landkreis Schaumburg ist es die Kontaktstelle Ehrenamt in Stadthagen mit Cordula Spillmann und Manuela Babatz, an die man sich bei der Suche wenden kann. Ähnlich wie beim Patenprojekt wird hier als erster Schritt ein ausführliches Beratungsgespräch angeboten, in dem sich die Interessierten klarer darüber werden können, welcher ehrenamtliche Bereich ihren persönlichen Neigungen und Fähigkeiten am ehesten entspricht. Und im zweiten Schritt profitieren die Besucher vom Netzwerk der Beratungsstelle. Dort weiß man, welche Vereine und Organisationen noch Mithelfer benötigen.

In Hameln und Umgebung laufen die Fäden für das ehrenamtliche Engagement bei der Freiwilligen Agentur der Paritätischen Hameln-Pyrmont zusammen. Seit 20 Jahren bemüht man sich dort, Einsatzwillige und Organisationen mit Unterstützungsbedarf zusammenzubringen. „Wir stehen im Kontakt mit 112 sozialen Einrichtungen“, erklärt Nadja Kunzmann, die die Agentur leitet. „Das Spektrum reicht von Seniorenheimen, Kindergärten, Behinderteneinrichtungen über die Hamelner Tafeln und Flüchtlingshilfe bis hin zum Naturschutz und unseren eigenen Projekten wie Besuchshundedienst und Leihgroßeltern.“

Sollten auch Sie zu den Menschen, die sich wie viele Bewerber im Erstgespräch bei Albrecht Schäffer gelegentlich die folgende Frage stellen: „Die Wohnung ist geputzt, die Kreuzworträtsel gelöst. Soll ich mich denn jetzt vor den Fernseher setzen?“, dann kennen Sie jetzt die Antwort: Auf keinen Fall!



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