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Vom Erfinden der Märchenbilder

Es bedeutete den Verlust des mündlichen Erzählens: Als am 20. Dezember 1812 die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zum ersten Mal in gedruckter Form erschienen, endete für diese Märchen die Jahrtausende alte Tradition der mündlichen Überlieferung. Die bis dahin in vielen Kulturen zumeist von Frauen erzählten Geschichten waren plötzlich in ihrer textlichen Gestalt und ihrem symbolischen Gehalt schriftlich fixiert. Das Medium einer leibhaftigen Erzählerin, die mitten zwischen ihren Zuhörern anwesend war und die das Märchengeschehen nach ihrer eigenen Mentalität nuancieren, aufgrund eigener Lebenserfahrung reflektieren oder für ihre individuelle Zuhörerschaft kommentieren konnte, entfiel und der Leser war mit dem Text und dessen Symbolik allein gelassen.

veröffentlicht am 19.12.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Hans Witte

Während es der Erzählerin in vielen Erzählsituationen möglich war, mit der anschaulichen Bildlichkeit des Märchengeschehens das ganze Spektrum des Alltagslebens, der kulturellen Verhaltens- und Denkweisen, Moral und Psychologie zu vermitteln und auch als „Gewährsmann“ zu fungieren, reduzierte nun das bloße Lesen den Gewinn für den Leser auf das Kennenlernen eines Geschehens, das sich auf der Grenze zwischen Wunder und Wirklichkeit abspielte.

Die symbolischen Bedeutungen vieler Märchendetails, zum Beispiel Orte wie Brücke, Weg, Kreuzweg und Wald, Pflanzen wie Bäume und Kräuter, Tiere wie Vogel, Reh und Wolf, Dinge wie Schlüssel, Stein und Tür oder Farben entzogen sich immer mehr dem Verstehen der Märchenhandlung und damit der Rezeption durch den Leser.

Eine andere Form der Mitteilung trat stattdessen wenige Jahre nach der Erstveröffentlichung an die Seite der Texte und sorgte für eine bis dahin nicht gekannte Akzeptanz und Verbreitung der Märchensammlung: die Illustrationen. Zunächst erschien 1825 eine „Kleine Ausgabe“ mit 50 von Wilhelm Grimm ausgewählten Märchen und sieben Radierungen. Steigende Auflagenzahlen weckten natürlich das geschäftliche Interesse der Verlage, aber auch die Motivation einer wachsenden Zahl hochrangiger wie auch laienhafter Künstler.

2 Bilder

Der Illustrator eines Textes kann grundsätzlich zwei unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen. Entweder er strebt eine nur beschreibende Abbildung des Märchengeschehens an, bleibt also der Textrealität eng verhaftet, oder aber seine Bilder interpretieren den Text. Diese Interpretation kann sich mehr oder weniger weit von den Details des Textes entfernen. Dabei sind die Gestaltungsideen oft bestimmt von ästhetischen Vorlieben und Regeln einer künstlerischen Epoche wie der Romantik, dem Historismus, Jugendstil oder der Moderne, die dann in Form- und Farbgebung umgesetzt werden. Aber auch ganz subjektive Auffassungen der Künstler können die Darstellung bestimmen, indem die Märchenfiguren oder Szenen zum Beispiel mithilfe farbiger geometrischer Figuren oder typografischer Elemente verschlüsselt werden.

Vergleicht man unter diesen Gesichtspunkten drei künstlerische Darstellungen von Szenen des Rotkäppchen-Märchens, eines der bekanntesten Grimm-Märchen, so lassen sich die Wirkung der hinzugefügten Bilder und der Weg der Märchen bis hin zum reinen Bilderbuch gut erkennen. Zu einer frühen reich illustrierten Ausgabe schuf Ludwig Richter um 1850 eine Vielzahl von Holzschnitten. Eines der Rotkäppchen-Bilder zeigt das Mädchen vor einer urwüchsigen Wald-Szenerie beim Blumenpflücken. Kaum sichtbar eingefügt ist der Wolf, den der Betrachter wie in einem Suchspiel aufspüren muss. Ein Quellbach und winzige Vögel sind weitere Attribute. Außer durch eine schmale Öffnung in das Dunkel des Waldes hinein vermittelt uns der Künstler keinerlei Bedrohung. Im Gegenteil: Rotkäppchen kniet an einem lichthellen Waldrand vor einem starken Baum. Ein Bild, das Idylle und Geborgenheit vermittelt, wie es für die romantische Naturdarstellung typisch ist.

Eine ganz andere Sichtweise zeigt die mehrfarbige Jugendstil-Darstellung von J. F. Elßner, die um 1905 entstand. In sechs Teilbildern – zusätzlich gibt es noch drei kleinere Abbildungen mit Tieren des Waldes, die aber lediglich als Zierrat in der geschwungenen Rahmen-Ornamentik dienen – bietet uns der Künstler die synoptische Darstellung der wichtigsten Szenen in einer eher realistischen Auffassung, ohne dem Geschehen eine eigene Deutung zu geben. Allerdings, und darin liegt dann doch seine Gewichtung, zieht der Künstler den Blick auf das wichtigste und größte Mittelbild, auf das Zusammentreffen Rotkäppchens mit dem Wolf. Einen markanten Anteil an der Darstellung haben die kräftigen dunkelbraunen Jugendstil-Rahmen. Sie deuten auf den Zeitbezug dieser Illustrationen, während die Bilder selbst keine Merkmale jener Epoche erkennen lassen. Jugendstil dient hier als Dekor – im wahren Wortsinne „am Rande“, leistet aber nichts für eine sinnhaltige Mitteilung.

Eine dritte Variante des Rotkäppchen-Motivs, von Hans Witte 2009 als Leporello gestaltet, vermeidet alle Details im Haus der Mutter und der Großmutter. Sie lenkt zwar auch den Blick auf das Geschehen im Wald; denn hier beginnt der Konflikt zwischen „unschuldig“ und „böse“; aber das undurchdringliche Labyrinth von dunklem Wald und lichtem Sonnenschein – aus verwinkelten geometrischen Flächen komponiert – symbolisiert einerseits diesen Gegensatz und spiegelt andererseits die Verstrickung, in die Rotkäppchen gerät. Einziger offenkundiger Bezug zur Realität sind die typografischen Anfangslettern der beiden beteiligten Figuren und die dazu passenden Farben. Die Bildwerte werden hier fast völlig durch Symbolwerte ersetzt. Erzählbar ist dieses Bild nur noch von einem Erzähler, der den traditionellen Text kennt.

Viele weitere Beispiele ließen sich heranziehen, um zu zeigen, dass Märchen-Illustrationen immer nachträgliche Erfindungen der Künstler sind, die unserer Vorstellungskraft helfen und die Illusion vermitteln sollen, das Märchen habe sich wirklich so abgespielt. Und das schaffen sie oft in so starkem Maße, dass Erwachsene selbst in hohem Alter die Märchenbücher ihrer Kindheit mithilfe eines einzigen Bildes identifizieren können. Aber im Hinblick auf die Mitteilungsabsicht des Märchentextes sind Illustrationen oft wenig authentisch. Sie beziehen ihre Bedeutung vielmehr aus ihrem jeweiligen kultur- und kunstgeschichtlichen Kontext. Hier hat im Laufe von 200 Jahren auch eine Verschiebung der Zielsetzung stattgefunden; denn der ursprüngliche Sinn und Zweck des Märchenerzählens war ja weder süßliche Prinzessinnen oder botanische Waldlehrpfade darzubieten, noch war es der Sinn, menschenfressende Tiere abstrakt zu designen, sondern ihre Funktion war, Lebenserfahrung, Sozialisierung und menschliche Werte wie Moral und Gerechtigkeit zu vermitteln. Sicher machte es die Mischung aus Vergnügen und Belehrung, die die Bilderbücher und Textausgaben zu den weltweit am häufigsten gelesenen deutschen Büchern werden ließ.

Lesen Sie morgen Teil 4: Interview mit dem Märchenforscher Prof. Uther.

Ob Rotkäppchen, Schneewittchen, Aschenputtel oder Hänsel und Gretel – die Märchen der Brüder Grimm sind um die Welt gegangen. Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien die Erstausgabe ihrer „Kinder- und Hausmärchen“. In dieser Woche ehren wir Jacob und Wilhelm Grimm. Eine märchenhafte Serie, heute Teil drei.

Da schien die Welt noch in Ordnung zu sein: „Rotkäppchen pflückt Blumen“ (um 1850) von

Ludwig Richter.



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