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Nichts als die Wahrheit

Vom Ereignis zur Nachricht – so arbeitet die Deutsche Presseagentur

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) will nur über Ereignisse berichten, die sie mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hat. Nicht immer geht das, aber dank einer deutschlandweiten Präsenz und eines weltweiten Netzes aus Hunderten Korrespondenten immerhin fast. Und sie wollen durch ein System von Checks und Prüfungen sicherstellen, dass es sich tatsächlich so ereignet hat, wie sie es berichten. Aber wie wird eigentlich aus einem Ereignis eine Nachricht? Hier ist ein Beispiel – fiktiv, aber ganz nah an ihrer täglichen Arbeit. Wie würde dpa berichten, wenn … (oben links geht es los)

veröffentlicht am 15.05.2017 um 08:08 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:32 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Ressortleiterin zur Autorenseite

1. Die Kollegin in San Francisco sieht es zuerst auf Twitter: „Cessna down in #GrandCanyon some German tourists in the plane, maybe fatalities.“ Getwittert hat das ein Tourist, der sogar ein unscharfes Foto mitliefert, auf dem so etwas wie ein Flugzeugwrack zu erkennen ist. Ein guter Anhaltspunkt – aber nicht annähernd genug für eine Meldung.

2. Die Kollegin ruft die Polizei in Flagstaff, Arizona, in der Nähe des Grand Canyon, an. Während sie in der Warteschleife hängt, guckt sie schon nach Flügen von San Francisco nach Flag-staff. Dann meldet sich die Polizei – und die weiß von nichts.

3. Zweiter Anruf beim Nationalparkamt. Ja, es hat ein Unglück gegeben. Cessna, Deutsche, Opfer? Wissen wir nicht, aber wir können einen Flugzeugabsturz bestätigen. Die Reporterin macht eine sogenannte Achtungsnotiz, die nur unsere Kunden, noch nicht die Leser, sehen können: dpa ist dran, noch haben wir aber nicht genug für eine zuverlässige Meldung.

4. Das ändert der nächste Anruf: Der Sheriff bestätigt, dass eine Cessna abgestürzt ist, an Bord der Pilot und vier deutsche Touristen. „Einer hat ein gebrochenes Bein, eine Frau üble Prellungen. Aber alle haben überlebt, und es geht ihnen einigermaßen gut. Laut Reisepass kommen sie aus einer Stadt namens Darmstadt.“

5. Die Kollegin in San Francisco schreibt eine Meldung und schickt sie nach Berlin. In der Redaktion „Panorama“ hat der zuständige Redakteur bereits die Kollegen der dpa-infografik gefragt, ob sie eine Grafik mit der Absturzstelle im Grand Canyon vorbereiten können. Jetzt wird die Meldung noch einmal gelesen, und der Kollege greift zum Telefonhörer: „Du hast bei zwei der Touristen das Alter drin, bei den anderen beiden nicht. Ach so, wusste der Sheriff auch nicht. Und was ist North Rim, das müssen wir erklären. Aha, okay, dann schreibe ich ,am nördlichen Rand der Schlucht, die das Ziel von jährlich fünf Millionen Touristen ist’.“

6. Die Meldung geht in den Basisdienst. Vorher hatte der Berliner Redakteur die Bild-Kollegen angesprochen. Haben wir einen Fotografen in der Nähe? Gibt es ein Handout-Foto vom Sheriff oder vom Nationalpark? Könnt ihr erst einmal ein Archivbild vom Grand Canyon auflegen, damit Online-Meldungen bebildert werden können? Die zweite Nachricht geht nach Frankfurt/Main. Weil die verletzten Touristen aus Darmstadt sind, gibt es eine eigene Meldung im Landesdienst. Aus den „deutschen Touristen“ in der Überschrift werden „hessische Touristen“, und dass sie aus Darmstadt sind, steht weiter oben als in der Basisdienstmeldung, die in ganz Deutschland verbreitet wurde.

7. Die Kollegin in San Francisco sucht nicht weiter nach Flügen. Die Geschichte ist wichtig genug für dpa, aber nicht so wichtig, dass sie den Flug und die lange Autofahrt auf sich nehmen müsste. Sie setzt sich aber ihren Kopfhörer auf und spricht noch ein Hörfunkstück, das Minuten später von Berlin aus an die dpa-Kunden geht. Zur gleichen Zeit steht ihre Meldung schon auf Dutzenden Websites deutscher Zeitungen, verbreitet und bebildert erst einmal mit einem Archivbild von der dpa-infocom. Dann macht sie sich an die nächste Geschichte, denn die Meldung war nur ein Stückchen des Alltags in San Francisco und bei der dpa.



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