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Älteren Menschen können Hunde willkommene Begleiter sein – aber funktioniert das Konzept „Haustier auf Zeit“?

Vierbeiner zu vermieten

Hunde, die man mieten kann? Katrin Rösemeier (46) aus Hameln muss immer wieder erklären, wie das gemeint ist mit ihrem jungen Unternehmen. „Es geht nicht darum, dass Hunde ständig den Besitzer wechseln oder auf Anfrage nur für ein paar Wochen ausgeliehen werden“, sagt sie. Der Ansatz ihres Unternehmens „Bluebello – Miethunde für ältere Menschen“ ist ein anderer. „Wir bieten einen Betreuungs-Service für Senioren, die einen Hund halten wollen, aber besorgt darüber sind, was aus dem Tier wird, wenn sie krank werden, ins Seniorenheim gehen oder sterben.“

veröffentlicht am 23.01.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:46 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Die gelernte Werbefachfrau lebt seit ihrer Kindheit mit eigenen Hunden zusammen, macht auch Besuchsdienste mit Hunden in Altersheimen und lernte bei ihrer Arbeit als „Dog-Walker“, also als jemand, der die Hunde anderer Menschen spazieren führt, eine 83-jährige Frau kennen, deren Hund gerade eingeschläfert werden musste.

Die alte Dame war todunglücklich, nicht nur über den Verlust ihres Lieblings, sondern auch darüber, dass sie nun wohl ganz allein würde leben müssen. Sie wolle ein neues Tier ja nicht in ein paar Jahren ins Tierheim geben müssen, habe sie gesagt. Und so entstand bei Katrin Rösemeier die Idee zu einem Konzept, dass alten Menschen erlauben könnte, ohne schlechtes Gewissen einen Hund anzuschaffen.

Das jeweilige Tier – es könnte einer der sechs lustigen Chihuahuas oder einer der beiden Mischlinge aus dem aktuellen Bestand von „Bluebello“ sein oder ein Hund, den Katrin Rösemeier zusammen mit den Kunden besorgt – wäre rechtlich gesehen Eigentum von „Bluebello“. Tatsächlich aber würde es mit dem Kunden zusammenleben, als hätte dieser es gekauft.

Ist der Hundemieter

krank, zieht das Tier zurück ins alte Zuhause

Die Hunde, die Katrin Rösemeier direkt zur Verfügung stellt, sind besonders geschult: Sie begleiten ihre „Mieter“ anstandslos zu Friseur und Kaffeeklatsch, gehen auch neben einem Rollator her, fahren mit im Auto oder Bus und sind freundlich zu Mensch und Tier.

Gegen eine einmalige Zahlung von 500 Euro und eine Gebühr von 100 Euro pro Monat übernimmt Katrin Rösemeier Versicherungen und jährliche Tierarztuntersuchungen, sie liefert regelmäßig Futter an und kommt allein schon dadurch mindestens einmal monatlich vorbei, um Fragen zu beantworten und bei Problemen zu helfen. Ist der Hundemieter krank, zieht der „Miethund“ zurück in sein altes Zuhause, ebenso, wenn der Mieter stirbt oder sich aus anderen Gründen nicht mehr um das Tier kümmern kann. Danach kann der Hund dann wieder neu vermittelt werden.

Dass besonders alte Menschen an Lebensqualität gewinnen, wenn sie mit einem lieben Hund zusammenleben, daran besteht wohl kein Zweifel. Nicht nur haben sie ein geneigtes Gegenüber, mit dem sie schmusen und plaudern, das sie lieb haben können. Der Hund fordert ihnen auch Verantwortung ab, will er ja mehrmals täglich ausgeführt werden und bringt die sonst vielleicht eher einsamen Menschen dadurch automatisch unter die Leute. Einen Hund zu besitzen, kann ein Segen für Körper und Seele sein. Wie aber sieht es bei so einem Miethund-Konzept für die Tiere aus? Viele Tierheime etwa sind skeptisch, wenn alte Menschen einen ihrer Hunde übernehmen wollen.

„Nun, ganz so ist es nicht“, meint dazu Monika Hachmeister, Chefin des Tierheims in Bückeburg. „Es kommt dabei ganz auf die jeweilige Verfassung des Menschen und des Hundes an.“ Wovon sie radikal abrät, ist, dass körperlich bereits geschwächte Menschen sich einen Welpen aussuchen. „Junge Hunde sind lebhaft, neugierig, sehr bewegungsbedürftig“, sagt sie. „Jungtiere müssen außerdem gut erzogen werden, eine Hundeschule durchlaufen und sie brauchen ein Gegenüber mit sicherem Auftreten und Autorität, sonst kann alles schnell ins Chaos münden.“ Prinzipiell spräche aber auch aus ihrer Sicht nichts gegen ein Zusammenleben von Hunden und Senioren.

Was man allerdings bedenken solle: Gerade die kleineren Hunde, die für Senioren am ehesten in Frage kämen, hätten eine Lebenserwartung von durchschnittlich 15 Jahren. „Ich habe schon so oft erlebt, wie sehr Hunde leiden können, wenn sie ihren Besitzer verlieren und sich dann an eine ganz neue Umgebung anpassen müssen.“ Das Alter der Hunde und der Besitzer sollten also zusammenpassen, damit der schmerzliche Verlust des Herrchens oder Frauchens für das Tier nicht programmiert sei. „Wir haben bei uns ältere Hunde, die dringend ein neues Zuhause suchen. Natürlich würden wir die, wenn sonst alles stimmt, auch an alte Menschen weitergeben.“

Die 83-jährige, noch rüstige Dame, die ihren süßen kleinen Yorkshire-Mischling bei Katrin Rösemeier gemietet hat, hätte vermutlich aus keinem Tierheim einen Hund erhalten. „Ich aber sehe auch bei Menschen in so hohem Alter kein Problem“, meint die Hundevermieterin. „Selbst wenn der Hund nach relativ kurzer Zeit in unser Rudel zurückkommen sollte, so kann er selbstverständlich neue Beziehungen eingehen.“ Anzunehmen, Hunde seien auf eine einzige Bezugsperson geprägt, entspreche einer unangemessenen Vermenschlichung. „Hunde leben in der Gegenwart. Sie fühlen sich da wohl, wo es ihnen gut geht.“ Das sähe man ja bereits daran, dass die allermeisten Hunde problemlos auch mal in eine Hundepension oder bei Freunden abgegeben werden könnten.

In gewisser Weise stimmt Monika Hachmeister da zu. Auch Tierheime wie dasjenige in Bückeburg nehmen für eine befristete Zeit Hunde auf, etwa wenn ihre Besitzer in den Urlaub fahren wollen. „Und denen geht es gut“, sagt sie. „Einige scheinen sich sogar richtig darauf zu freuen, wenn sie sich hier unter die anderen Hunde mischen dürfen.“ Wirklich kritisch werde es eben immer dann, wenn Menschen sich mit einem Hund zusammentun, mit dem sie nicht umzugehen wissen. „Das ist bei jungen Leuten leider auch oft der Fall – und dann kommen hier total kaputte, durchgedrehte Tiere an oder solche, die niemals in ihrem Leben Gelegenheit bekamen, zu spielen und sich auszutoben.“

Fragt man Tierärzte, ob und wie Hunde einen Besitzerwechsel verkraften, scheint es da eher Entwarnung zu geben. „Der Charakter des Hundes spielt dabei die Hauptrolle“, erklärt Veterinärin Isabell Ringelstein aus Hessisch-Oldendorf. „Eher ängstliche Hunde, die bereits Verlassenheitserfahrungen machen mussten, leiden durchaus, wenn man sie in andere Hände gibt. Doch wo Hunde liebevoll gehalten wurden und dann erneut in eine gute Umgebung kommen, ist ein Wechsel durchaus machbar. Ich hätte da keine Bedenken.“ Oft täten sich Katzen mit einer Veränderung ihrer Umgebung viel schwerer.

Für manche Menschen

ist der Hund der letzte Freund

In ihrer Praxis kommt es so manches Mal vor, dass ältere Menschen ihren Hund einschläfern lassen müssen und dann deprimiert feststellen, dies sei wohl der letzte Hund ihres Lebens gewesen. „Aber wer immer Hunde besessen hat, der findet oftmals einen Weg, doch wieder ein Tier zu versorgen. Ich bin dann sehr froh, denn es ist meistens sehr traurig, zu sehen, dass der Hund bei manchen Menschen der letzte Freund ist, der nun auch stirbt.“

Tierärztin Claudia Daum aus Krainhagen sieht das genauso: „Psychisch gesunde Hunde kommen in den allermeisten Fällen mit einem, ja mehren Besitzerwechseln klar“, sagt sie. Auch sie befürwortet das Zusammenspiel von Hunden und Senioren und erinnert sich an einen Fall, wo eine an Altersdemenz erkrankte Frau ihren geliebten Hund behalten konnte, weil eine Frau aus dem Dorf mit der Tagespflege für die Hundebesitzerin zugleich auch die Sorge für den Hund übernahm. „Das hat der alten Frau so gut getan – und dem Hund übrigens auch. Alte Menschen haben ja meistens viel mehr Zeit für ihr Tier, als das in Familien mit Berufstätigen der Fall ist.“

Das Azurit-Seniorenzentrum in Friedrichshöhe ist eines der wenigen Seniorenheime, die es ihren Bewohnern ermöglichen, ihre Haustiere ohne Zusatzkosten zu behalten, darunter auch den Hund. „Wir haben ein Konzept entwickelt, dass die gute Pflege der Tiere garantiert“, sagt Pflegedienstleiter Florian Poiree.

„Ich bin sicher, dass die Freundschaft zu einem Hund oft besser wirkt als jedes Medikament.“ Allerdings: Bis jetzt kam es noch nie dazu, dass ein neuer Bewohner wirklich seinen Hund mitgebracht hätte. Die ehemaligen Hundebesitzer hatten sich schon vor dem Umzug ins Heim von ihrem Tier verabschiedet.

Vielleicht aber kann ein Service wie derjenige von Katrin Rösemeier oder auch eine Kontaktaufnahme mit einem guten Tierheim dazu beitragen, dass alte Menschen nicht auf ihren Hundebegleiter verzichten müssen. Auch die Internetplattform „Omihund-Netzwerk“ hilft dabei, Hunde von verstorbenen Senioren weiterzuvermitteln. Bei ihnen lässt sich außerdem ein Vorsorge-Formular anfordern, das verbindlich regelt, was mit einem verwaisten Hund geschehen soll.

Ein Hund, den man mieten kann – auf den ersten Blick scheint das eine vollkommen abwegige Idee zu sein. Aber warum sollte das, was mit Autos, Möbeln oder Kunstwerken funktioniert, nicht auch mit Hunden klappen? Das Miethund-Konzept wird jedenfalls angenommen – jedoch nicht ohne Bedingungen.



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