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Vier Wochen ohne die „schwarze Hand“

Es gab diese gewaltige Explosion, damals vor 25 Jahren im Kernkraftwerk Tschernobyl. Das Dach des Reaktors hob sich, als die tausend Tonnen schwere Deckplatte über den Brennstäben empor geschleudert wurde, der Brennkern war zerfetzt, radioaktives Material schoss in die Atmosphäre – ein wahnsinniges Feuerwerk mitten in der Nacht zum 26. April 1986. Die neun Kinder aus dem weißrussischen Ort Krasniza, die so fröhlich im Garten der Familie Ehlert in Steinbergen spielen, sie haben diesen Super-Gau nicht miterlebt. Doch ihr Leben ist geprägt von dem, was eine Helferin vor Ort in der besonders betroffenen Gegend rund um die Stadt Gomel, in der auch Krasniza liegt, das „graue Notgesicht“ nennt und „die schwarze Hand von Tschernobyl“.

veröffentlicht am 22.06.2011 um 13:17 Uhr

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Die radioaktive Strahlung, diese unheimliche, unsichtbare, tödliche Macht, sie hat die Menschen dort immer noch im Griff. Gomel ist mit 500 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Weißrussland. Hier landete die radioaktive Wolke aus der nahen Ukraine, hier litten und leiden die Menschen von jeher am stärksten unter den Folgen: Fehlgeburten und missgebildete Kinder, Immunschwäche und Krebserkrankungen, dazu der Zusammenbruch einer Wirtschaft, die auf Landwirtschaft und dem Abbau von Gestein und Erde beruhte. Für Angelina, Kurill, Iwan und die anderen kleinen Gäste der „Arbeitsgemeinschaft Krasniza“, die gerade vier Wochen Ferien bei Rintelner Gasteltern erleben, bedeutet das eine um 50 Prozent und mehr erhöhte Wahrscheinlichkeit, an Leukämie oder Schilddrüsenkrebs zu erkranken.

„Du immer mit deinen Russen! Jetzt muss es doch mal vorbei sein!“ – solche Äußerungen hört Hiltraud Mumme (65) aus Exten immer wieder. Zum 21. Mal organisierte sie zusammen mit anderen ehrenamtlichen Helfern im Rahmen der kurz nach dem Unglück gegründeten „Arbeitsgemeinschaft Krasniza“ ein Ferienprogramm mit hiesigen Gasteltern, damit es gesundheitlich geschwächten Kindern möglich sein sollte, wieder Kräfte zu sammeln, ihr Immunsystem zu stärken und der „schwarzen Hand von Tschernobyl“ nicht hilflos ausgesetzt zu sein. Überall in Deutschland entstanden damals solche Aktionsgruppen. Die meisten von ihnen aber schrumpften zusammen, viele lösten sich ganz auf. „Die Leute verstehen nicht, dass sich an der Situation in Weißrussland gar nicht viel geändert hat“, so Mumme.

Unmittelbar nach dem Reaktorunglück war die Hilfsbereitschaft groß. Es gab Zeiten, da konnten über 30 Kinder allein in Rinteln und Umgebung aufgenommen werden, und das, obwohl es nur begrenzt Zuschüsse von den Landeskirchen gab. Ganze Konvois mit unbelasteten Lebensmitteln und Medikamenten machten sich nach Gomel auf, Menschen wie Hiltraut Mumme sammelten Spenden ein und schafften es nach und nach, die anfangs oft noch chaotisch organisierten Ferienprogramme zu optimieren. Etwa zehn Jahre lang war es relativ einfach, genug Unterstützer unter den Bürgern zu finden. Und dann begann dieses Nachhaken: „Es muss doch nun mal gut sein!“ Ist es aber nicht.

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Nadja Hilkewitsch (v.l.), Miguela Ehlert und Hiltraut Mumme setzen sich seit Jahren für das Wohl der Kinder aus Krasniza ein. Fotos: cok

Immer noch essen die Menschen in Weißrussland – auch die neun quirligen Rintelner Gastkinder – regelmäßig strahlenverseuchte Lebensmittel. „Wo sollten wir anderes herbekommen“, so die Dolmetscherin Nadja Hilkewitsch (46). „Sollen wir verhungern?“ Sie sagt, dass viele junge Frauen, die selbst noch Kinder waren, als der Reaktor zerbarst, Angst haben, eigene Kinder in die Welt zu setzen. „Acht von zehn Kindern bleiben nicht gesund, so sind die Zahlen“, meint sie. „Manchmal ist der Vater schon an Krebs gestorben und nun auch das Kind schwer krank. Meine eigene Nichte wurde schon dreimal operiert. Tschernobyl – es ist unmöglich zu vergessen.“

Dabei wirkt sie selbst durchaus gemütlich und fröhlich, als sie zusammen mit ihren kleinen Schützlingen während eines Grillnachmittags bei Miguela und Hartmut Ehlert im Sommergarten sitzt. Bereits zum 13. Mal begleitet sie eine Kindergruppe nach Rinteln, sie ist es, die von Krasniza aus dafür sorgt, dass die große Reise ins ferne Deutschland reibungslos verläuft. Eine fast schon fatalistisch wirkende Gelassenheit geht von der Grundschullehrerin aus: „Wir können nicht fliehen“, sagt sie. „Alle Menschen haben eine Heimat – auch wir. Wir bleiben unserem Land verbunden, selbst wenn es krank ist. Die Wenigsten ziehen weg. Wohin auch sollten wir gehen?“

Auch die neun Kinder aus Krasniza sind guter Laune. Sie alle können schon ein paar Worte deutsch: „Käse“, „Butter“, „Brot“, „bitte“, „danke“, „Eis“ und „Cola“. Der elfjährige Kurill, ein kecker Rotschopf, und sein neunjähriger Freund Iwan kennen sich bei der Familie Ehlert schon gut aus und benehmen sich, als seien sie bei lieben Verwandten zu Besuch. Sie waren hier schon im letzten Jahr zu Gast – alle Kinder dürfen zweimal kommen – und wissen bereits, dass es in der Stadt ein tolles Schwimmbad gibt und köstliches Eis in so vielen Sorten. Kaum kamen sie an, flitzten sie in ihr Zimmer und durch das ganze Haus, um zu sehen, ob alles noch so schön ist wie beim letzten Mal.

„Vier Wochen sind genau die richtige Zeit, um zusammenzuwachsen“, sagt Hartmut Ehlers, der zusammen mit seiner Frau seit sieben Jahren „Tschernobylkinder“ einlädt. Mit allen weißrussischen Familien ist das Paar noch in Kontakt. Kurills Vater, ein Lehrer, besitzt sogar die Möglichkeit, E-Mails zu versenden, eine Seltenheit in einem Land, in dem die meisten Menschen von der Hand in den Mund leben müssen und kaum jemand sich den Luxus eines PCs leisten kann. „Meine Kinder“ – das ist ein typischer Ausspruch von Gasteltern, die sich oft noch jahrelang um ihre ehemaligen Besucher kümmern, Pakete und auch mal Geld schicken oder sogar eine erneute Einladung aussprechen, deren Kosten sie dann privat übernehmen müssen.

„In den ersten Jahren war es ziemlich schwierig“, erzählt Nadja Hilkewitsch. „Wir wussten noch nicht, was für ein Programm für die Kinder gut sein würde. Auch das Übersetzen fiel mir nicht leicht: Wie sollte man mit den deutschen Leuten reden, was wollten sie hören oder wissen? Sollte man gleich von allen Problemen erzählen? Oder ganz höflich und zurückhaltend sein?“ Die Welten sind so unterschiedlich: Hier ein Luxus, der den Kindern fast unglaublich erscheint, dort Verhältnisse, in denen es in den Familien oft keine Arbeit gib, dafür aber kranke Familienmitglieder, in denen das Badezimmer aus einem Plumpsklo besteht und sechs, sieben, acht Menschen in winzigen Wohnungen leben.

„Was mich immer so überrascht hat“, sagt Hiltraud Mumme: „Dass selbst Kinder, die zu Hause gar kein richtiges Essbesteck besaßen, hier doch unbefangen mit Messer und Gabel aßen und sich insgesamt überhaupt so schnell anpassen konnten.“ Sie kann sich noch gut erinnern, wie die kleinen Mädchen im Rock und mit Schleifchen im geflochtenen Haar anreisten und auf dem Rückweg stolz T-Shirts und Jeans trugen, die sie dann noch im Bus gegen ihre gewohnte Kleidung austauschten, damit sie nicht von ihren Vätern ausgeschimpft würden. Allmählich, über die Jahre, hatten die weißrussischen Eltern eine genauere Vorstellung davon, was ihre Kinder in Deutschland erwartet, und die Gasteltern wurden geradezu Profis darin, sich zu vernetzen, gegenseitige Einladungen auszusprechen und Ausflüge zu organisieren.

„Aber ach“, so Hiltraud Mumme, „ich fürchte, dieses Jahr war es das letzte Mal, dass unsere Gasteltern-Aktion zustande kam. Ich habe keine Hoffnung mehr!“ Diejenigen, die vor 21 Jahren und weiterhin weißrussische Kinder aufnahmen, sie sind inzwischen alt geworden und können oft nicht mehr. Von Jahr zu Jahr nahm die Zahl der Gasteltern ab. Diesmal waren es nur noch fünf Familien, die sich zu einer Gastelternschaft entschlossen. Das liegt nicht nur am Lauf der Zeit, der den Super-Gau in Tschernobyl – trotz des Unglücks in Fukushima – wie ein weit entferntes historisches Ereignis erscheinen lässt, sondern auch daran, dass junge Familien, in denen häufig beide Eltern arbeiten, einfach keine Zeit und Energie mehr für solche Aktionen finden.

Trotzdem wird die „Arbeitsgemeinschaft Krasniza“ mit ihren Mitarbeitern in den Kirchengemeinden Exten, Hohenrode und Krankenhagen sich weiterhin um ein Ferienprogramm für gefährdete Kinder bemühen. Aussichtsreicher sieht es bei der Unterstützung des Vereines „Hoffnung den Kindern in Not“ aus, der in Gomel krebskranke Kinder betreut. Für 89 Kinder wurden von hier aus bereits Patenschaften übernommen. Es sind aber insgesamt 406 Kinder, die dringend Hilfe brauchen. Wer dabei sein will und helfen möchte, die größte Not der Kinder ein wenig zu lindern, kann sich unter (0 57 51) 95 71 21 an Hiltraut Mumme wenden. Die Kontonummer für Spenden auf das Konto des Kirchenkreises Schaumburg bei der Sparkasse Schaumburg lautet: 510 346 166, Stichwort: „Kinder in Not, Gomel“.

Kurills ganzes Leben wird von der Katastrophe von Tschernobyl beeinflusst. Er wächst in der Region auf, die am meisten mit den Strahlen belastet wurde. Nur acht von zehn Kindern bleiben hier gesund. Doch vier Wochen lang kann der Elfjährige seine Probleme vergessen. Diese Zeit geben ihm Gasteltern in Rinteln ein zu Hause – Noch. Immer weniger Menschen stellen sich als Gastfamilien zur Verfügung, dabei ist Hilfe auch heute noch wichtig.



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