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Der Rattenfänger soll immaterielles Kulturerbe werden – Unesco-Vizechef Wulf erklärt, was hinter dem Siegel steckt

„Vielfalt sichtbar machen“

Vor knapp elf Monaten hat das Bundeskabinett den Beitritt Deutschlands zum Unesco-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes beschlossen. Damit können nun nicht nur Bauwerke und Naturdenkmäler zum Kulturerbe der Menschheit erklärt werden, sondern auch Bräuche und Traditionen. Im Interview erläutert der Vizepräsident der deutschen Unesco-Kommission Christoph Wulf, warum das immaterielle Kulturerbe besonders schützenswert ist. Er ist Professor für Anthropologie und Erziehung an der Freien Universität Berlin.

veröffentlicht am 06.11.2013 um 00:00 Uhr

Herr Wulf, welche Bedeutung hat der Beitritt Deutschlands?

Es ist eine aktive Wertschätzung der internationalen Zusammenarbeit in der Kulturpolitik. 148 Staaten haben die Konvention bereits ratifiziert. Wir können jetzt gemeinsam darüber nachdenken, was es an vielfältigen Ausdrucksformen bei uns gibt, wie sie die Menschen landesweit zusammenführen und wie sie unsere kulturelle Identität prägen. Passionsspiele, Reformationsbräuche, Chöre – um nur einige Beispiele zu nennen – spiegeln die Bandbreite unseres gelebten Kulturerbes wider. Es ist eine Chance zu erfahren, wie vielfältig das immaterielle Erbe in Deutschland tatsächlich ist. Bislang ist bei uns das Spektrum der kulturellen Ausdrucksformen weitgehend undokumentiert.

Die Auswahl in Deutschland dürfte allerdings nicht einfach werden. Die deutsche Kulturgeschichte prägen besondere Brüche. Wie können hier Berührungsängste überwunden werden?

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In der Tat haben historische Ereignisse bis heute einen starken Nachhall – die Kolonialzeit, der Nationalsozialismus, der Holocaust, die deutsche Teilung. Dies kann und sollte weder relativiert noch verdrängt werden. Denn Begriffe wie „Volkskultur“ und „Folklore“ wurden im Nationalsozialismus und in der DDR instrumentalisiert. Bei vielen Deutschen löst der Gedanke daran immer noch Unbehagen aus. Deshalb müssen diese Brüche in der deutschen Kulturgeschichte auch in die Diskussion einbezogen werden. Hier liegt aber auch eine Chance. Deutschland kann im Rahmen der internationalen Debatte seine vielfältigen Formen des kulturellen Erbes neu entdecken. „Volkskultur“ in Deutschland wurde wiederholt aus demokratischen Ansätzen heraus neu gestaltet.

Kultur ist Sache der Länder. 16 Bundesländer mussten sich auf ein Verfahren einigen. Wie wird das bundesweite Verzeichnis nun erstellt?

Von unten nach oben. Zunächst bewerben sich Vereine, Organisationen und Gemeinschaften bei den Kultusministerien in ihrem Bundesland, das dann einmal im Jahr maximal zwei Vorschläge an die Kultusministerkonferenz übermittelt. Ein Expertenkomitee der deutschen Unesco-Kommission wird auf Basis der Dossiers eine fachliche Auswahl treffen. Das bundesweite Verzeichnis soll dann von Jahr zu Jahr wachsen und langfristig die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen. Das ist aber kein Wettbewerb um die schönste Tradition. Es geht auch nicht darum, Bräuche museal zu konservieren. Es geht um Wertschätzung, Respekt und Können. Die Aufmerksamkeit soll dazu führen, dass gelebte Traditionen erhalten, fortgeführt und dynamisch weiterentwickelt werden. Wir rechnen damit, dass frühestens 2015 die ersten deutschen Vorschläge zur Nominierung für die drei Listen an die Unesco eingereicht werden.

Wann sind Bräuche und Rituale so besonders, dass sie der Konvention zufolge schützenswert sind?

Die Ausdrucksform muss von einer Gemeinschaft aktuell praktiziert werden und sie muss ein Gefühl von Identität und Kontinuität vermitteln. Die Menschen als Träger des Erbes müssen ihr Wissen und Können von Generation zu Generation weitergeben, nach dem Meister-Schüler-Prinzip. Bildung und Lernen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Ein Beispiel: Die Tradition des Kalkbrennens in Andalusien ist mit der Industrialisierung in Vergessenheit geraten. Nur eine Kalkbrenner-Familie hat das traditionelle Handwerk fortgeführt. Heute ist Morón de la Frontera der einzige Ort in Spanien, in dem die alte Methode der Kalkherstellung in Brennöfen noch praktiziert wird. Die Bewohner der Gegend und Touristen schätzen den Erhalt dieses Handwerks ausdrücklich. Diese Tradition wurde deshalb 2011 von der Unesco in das Register guter Praxisbeispiele aufgenommen.

Der Begriff Kultur ist bei uns stark durch Volks- und Hochkultur geprägt. Haben auch urbane und popkulturelle Ausdrucksformen eine Chance, in das bundesweite Verzeichnis zu kommen?

Durchaus. Die Unesco definiert das immaterielle Kulturerbe aufgrund der globalen und lokalen Vielfalt bewusst weit. Es können und sollen bisher völlig unterschiedliche Ausdruckformen gleichwertig nebeneinander stehen. Im besten Fall entsteht ein neues Verständnis für den kulturellen Reichtum in unserer Gesellschaft. In Österreich zum Beispiel stehen traditionelle Heilmethoden, das Wissen der Lipizzaner-Bereiter und die Bergbautradition gemeinsam auf dem nationalen Verzeichnis. Das hat dort nicht nur das Selbstbewusstsein der jeweiligen Gruppe gestärkt. Es werden auch die regionalen Grenzen in den Köpfen der Menschen überwunden.

Eine Auszeichnung ist immer auch mit Prestige und Hoffnungen verbunden. Wie können Instrumentalisierung und Missbrauch verhindert werden?

Grundsätzlich kann Folklore, die rein kommerziellen Zwecken dient, nicht als immaterielles Kulturerbe vorgeschlagen werden. Wie bei kulturellen Ausdruckformen generell gibt es aber eine Doppelnatur von kulturellen und wirtschaftlichen Interessen. Denken Sie nur an traditionsreiche Bräuche wie den Karneval und den Weihnachtsmarkt. Ein kluger Umgang mit den wirtschaftlichen, politischen und touristischen Interessen bleibt daher auf lange Sicht eine ständige Aufgabe. Damit muss das Expertengremium dann geschickt umgehen, wenn es Traditionen und Bräuche auf das bundesweite Verzeichnis setzt. Natürlich sind Prestige, Geld und Tourismus ein Antrieb. Man darf so etwas nicht unterschätzen. Im Kern geht es aber darum, dass wir uns weltweit der kulturellen Vielfalt bewusst werden und der Traditionen, deren Wissen und Können vom Verschwinden bedroht sind.

Kulturelle Traditionen machen vor Grenzen nicht halt. Sind gemeinsame Nominierungen möglich?

Die Unesco hat in der Vergangenheit einige länderübergreifende Traditionen aufgenommen. Die Falknerei ist heute in 13 Staaten, unter anderem in Frankreich, Katar, Südkorea und Syrien ein anerkanntes immaterielles Kulturerbe. Deutschland könnte sich zum Beispiel mit den baltischen und skandinavischen Staaten für die Tradition der Reetdachdeckerei gemeinsam bewerben. Die alemannische Fastnacht wiederum wird im südwestdeutschen Raum und Teilen der Schweiz praktiziert. Das Jodeln ist ebenfalls im europäischen Alpenraum eine vielseitige Tradition. Die Bandbreite ist sehr groß.

Die Unesco schützt seit 1972 mit der Konvention zum Weltkulturerbe Bauwerke und Naturdenkmäler. Warum wurde das immaterielle Kulturerbe nicht bereits damals integriert?

Interessanterweise gab es diese Überlegungen. Im Gegensatz zum Schutz von Kultur- und Naturdenkmälern waren damals aber die Methoden und Konzepte für den Erhalt des immateriellen Kulturerbes noch nicht gut entwickelt. Weil jedoch in asiatischen und afrikanischen Ländern das menschliche Wissen und Können stärker im Vordergrund steht, haben die Länder des Südens durch den unglaublichen Erfolg der Welterbeliste ein internationales Instrument gefordert, das diesen anderen Blick auf das Kulturerbe berücksichtigt. Hinzu kamen die Prozesse der Globalisierung, sie haben den Verlust von Bräuchen, Sprachen und Traditionen beschleunigt. Diese Entwicklung hat weltweit ein neues Bewusstsein für lokale Traditionen und Bräuche geschaffen.

Wie können sich die beiden Konventionen ergänzen?

Das Immaterielle und das Materielle sind ja zwei Seiten einer Medaille. Die ägyptischen Pyramiden, die Kulturlandschaft des oberen Mittelrheintals oder das Opernhaus Sydney wären ohne Bräuche, Künste und Handwerk gar nicht möglich gewesen.

Auch der Kölner Dom ist letzten Endes ein zu Stein gewordener Glaube. Weil die Monumente der Architektur jedoch aus haltbarem Material hergestellt sind, lassen sie sich leichter identifizieren und besser schützen. Sprache, Feste, Rituale oder Heilpraktiken unterliegen stärker dem zeitlichen Wandel.

In diesem überlieferten Erbe befinden sich jedoch wichtige Ressourcen unserer Kultur – Kreativität und Erfindergeist. Sich darüber bewusst zu werden, dazu kann die Konvention zum immateriellen Kulturerbe auch in Deutschland einen wichtigen Beitrag leisten.

Interview: Farid Gardizi für unesco heute online

Es geht in die heiße Phase: Bis Ende des Monats wird Hameln seine Bewerbung einreichen. Die Rattenfänger-Sage soll von der Unesco als immaterielles Kulturerbe anerkannt werden. Doch was bedeutet dieses Siegel? Christoph Wulf, Vizepräsident der deutschen Unesco-Kommission, gibt Antworten.

Bald gemeinsam immaterielles Kulturerbe der Unesco? Oben: der Rattenfänger von Hameln (Darsteller Michael Boyer). Beispiele für bereits anerkannte Bräuche (unten, v.l.): der argentinische Tango, der bolivianische Karneval von Oruro und die chinesische Kunqu-Oper.Wal/Unesco



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