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Vernetzt – verletzt

Benjamins Botschaft ist eigentlich ganz einfach: Jeder Mensch, egal wie er aussieht oder wie er lebt, hat das Recht, mit Respekt behandelt zu werden. Dass das nicht selbstverständlich ist, hat der 19-Jährige aus der ostfriesischen Kleinstadt Weener am eigenen Leib erfahren. Benjamin wurde jahrelang gemobbt, in der Schule und im Internet. Und kämpft nun mit einem Video gegen Cyber-Mobbing.

veröffentlicht am 16.04.2015 um 00:00 Uhr

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Autor:

Katharina Grimpe

Niemand ist weniger wert, weil er eine Behinderung oder nicht die beste Figur hat, steht da auf weißen Zetteln, die der Jugendliche in seine Handykamera hält. Sein Film, den er im Februar auf Facebook veröffentlichte, wurde mehr als drei Millionen Mal angeklickt, eine Welle der Solidarität schlug ihm entgegen. Und, so erzählt Benjamin in einem Youtube-Interview, zahlreiche Mobbing-Betroffene hätten durch das Video den Mut gefunden, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Fertigmachen an der Tagesordnung

Benjamin ist einer von mehr als einer Million Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die im Internet beleidigt und bedroht worden sind. Jeder Siebte im Alter zwischen zehn und 18 Jahren ist laut Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom schon einmal Opfer von Cybermobbing geworden. Eine Untersuchung der Uni Münster geht von noch drastischeren Zahlen aus. Aus der Erhebung der Wissenschaftler geht hervor, dass sogar ein Drittel der mehr als 5600 befragten Schüler Erfahrungen mit Mobbing im Netz gemacht hat.

Auch an den Schulen im Schaumburger Land spielt das Fertigmachen im WorldWideWeb eine Rolle. „Cybermobbing ist ein wirklich aktuelles Thema“, bestätigt Rainer Neumann-Buchmeier, Mitglied der Schulleitung des Ratsgymnasiums in Stadthagen. Mobbing, also das systematische Beleidigen und Bloßstellen über einen längeren Zeitraum hinweg, habe es zwar schon immer gegeben, aber durch das Internet eine neue Qualität bekommen.

Der Gipfel: Hass-Seiten und Sexting

Das Spektrum der Gehässigkeiten im Netz reicht von subtilen Formen wie dem Ausschluss aus bestimmten Chat-Gruppen bis zur Gründung sogenannter Hass-Websites, die nur dem Ziel dienen, eine Person schlecht zu machen. Auch Sexting, also das Verbreiten von Bildern, die Jugendliche leicht bekleidet zeigen, gehört dazu. Selbst vor Morddrohungen machen die Täter nicht halt, wie ein Fall am Stadthäger Wilhelm-Busch-Gymnasium Mitte März zeigt. Damals hatte ein Unbekannter in einem Facebook-Chat angekündigt, zwei 15-Jährige im Unterricht umbringen zu wollen. Die Polizei ermittelt.

In der Forschung ist es umstritten, ob man das Phänomen Cyber-Mobbing von Mobbing abgrenzen kann oder ob Mobbing im Netz die Fortsetzung von Hänseleien auf dem Schulhof ist. Fakt ist: Durch die technischen Möglichkeiten, die Smartphones und das Internet bieten, können sich die gezielten Lästerattacken gegen einzelne Schüler verschärfen. Denn Mobbing im Netz ist nicht allein auf den Klassenraum oder die Pausenhalle beschränkt, sondern verfolgt den Betroffenen bis ins eigene Kinderzimmer. Opfer haben keinen Rückzugsraum, Täter können rund um die Uhr angreifen, heißt es auf der Plattform Klicksafe, einer EU-Initiative für mehr Sicherheit im Internet. Weitere Besonderheiten von Cyber-Mobbing sind die Tatsache, dass sich im Web gestreute Gerüchte und Beleidigungen schnell verbreiten – das Publikum, das die Hass-Posts liest, ist unüberschaubar groß. Und die Täter können anonym agieren, was die Hemmschwelle für Angriffe senkt.

Was also tun, um Kinder vor den Gefahren im Netz zu schützen? Ist es sinnvoll, Anwendungen wie WhatsApp und YouNow oder soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram (siehe Kasten) zu verbieten? Nein, betont Moritz Becker mit Nachdruck. Der Sozialarbeiter ist Teil des Pädagogen-Teams im hannoverschen Verein Smiley, der Schüler, Lehrer und Eltern über die Aspekte der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen informiert und auch an Schulen in Schaumburg Workshops anbietet. Das Internet und das Handy seien aus der Lebenswelt junger Leute nicht wegzudenken. „Das Internet ist Leitmedium Nummer eins“, sagt der Sozialpädagoge. Kommuniziert und konsumiert wird über das Smartphone.

Statt also das Handy zu verbieten, sollten Schule und Elternhaus sich der Aufgabe stellen, Teenagern die konstruktive Nutzung des Smartphones beizubringen. Denn Kommunikation im Internet will gelernt sein. „Es gibt Dinge, die man im Netz können muss“, erklärt Becker und meint damit zum Beispiel den Schutz der Privatsphäre. Und was schon für Erwachsene nicht leicht ist, falle vielen jungen Usern besonders schwer.

„Jugendliche sind grundsätzlich extrovertiert. Und das Internet bietet viele Möglichkeiten, sich selbst darzustellen.“ Partybilder posten, über nervende Lehrer und Hausaufgaben chatten oder das Kinderzimmer per Handykamera filmen und bei Youtube zeigen – sich auf diese Weise medial darzustellen entspricht laut Becker dem „ganz normalen Verhalten von Jugendlichen“. Was die Teenager aber häufig nicht überblicken können, ist die Tatsache, dass sie mit jedem Bild ein Detail ihres Privatlebens offenlegen und damit Angriffsfläche bieten. Nicht alle Fotos oder Videos aus dem Privatleben sind dazu geeignet, sie mit der ganzen Welt zu teilen. „Klar braucht man ein cooles Profilfoto in sozialen Netzwerken. Aber man muss vorher wissen, wie groß die Angriffsfläche ist, die man damit bietet“, sagt Becker. Sein Ziel: junge Leute dafür zu sensibilisieren, mit ihren persönlichen Daten sorgfältig umzugehen.

Was können Eltern, was kann Schule dazu beitragen? Eltern sollen ihre Kinder begleiten und neugierig sein auf das, was das Kind mit seinem Handy macht, was das Smartphone als „faszinierendes Werkzeug“ bietet, sagt Becker. Die Angebote seien ja nicht per se schlecht oder gefährlich, sondern würden fantastische Möglichkeiten bieten – wenn die Nutzer wissen, konstruktiv mit ihnen umzugehen. Der Pädagoge empfiehlt: Statt mit Verboten zu drohen, sollten Eltern mit ihren Kindern darüber sprechen, wie sie mit der Öffentlichkeit im Netz umgehen können.

Schulen setzen auf Vorbeugung

Auch die Schulen setzen verstärkt auf Prävention in Sachen Cybermobbing. Ob in Tablet-Klassen wie an der IGS Helpsen oder in Projektwochen oder Workshops wie an den beiden Gymnasien in der Kreisstadt: Die Lehrer bemühen sich, ihren Schülern den sicheren Umgang mit privaten Daten zu vermitteln und mögliche Gefahren im Netz aufzuzeigen. Dabei sollen immer auch die Eltern ins Boot geholt werden.

Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Internet und seinen technischen Möglichkeiten ist dabei aber nur eine Seite. „Grundlegendes Thema ist ja vielmehr die Frage: Wie gehen wir respektvoll miteinander um?“, sagt Holger Wirtz, Schulleiter des Wilhelm-Busch-Gymnasiums. Und auch Moritz Becker betont: Ziel von Medienerziehung sei immer auch Zivilcourage. „Wenn eine Person beschimpft, beleidigt und angegriffen wird, sollte man hinschauen, eingreifen, Hilfe holen. Was für den Schulhof oder die Fußgängerzone gilt, sollte auch für Facebook und Co. gelten.“

Mehr Informationen dazu im Netz unter klicksafe.de, smiley-ev.de und juuuport.de.

Kinder und Jugendliche nutzen das Internet vorzugsweise, um sich darzustellen. Ihr Leben wird damit zum offenen Buch, sie geben nicht selten alles von sich preis. Die ganze Welt liest mit, auch wenn im Netz gepöbelt, gelästert und getratscht wird. Fast jeder dritte Schüler hat bereits Erfahrung mit Cybermobbing gemacht.



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