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Von aufgeräumten Zimmern, romantischen Gefühlen und mutigen Bekenntnissen

Verliebte Jungs

Eines Tages kommt dieser bizarre Moment: Die Eltern sitzen nichts ahnend im Wohnzimmer, vielleicht hantieren sie auch gerade in der Küche. Plötzlich dringt Staubsaugerlärm zu ihnen. Aus dem Kinderzimmer! Aus der Höhle ihres pubertären Jungen!! Von dort, wo seit Jahren Staub und Mief überdeutlich signalisieren: „Dies ist mein Revier. Hier will niemand anderes herein!“ Für die überraschende Putzattacke nach ungezählten Bitten und ungehörten Befehlen kann es nur eine Erklärung geben, realisieren erfahrene Erziehungsberechtigte sofort: „Unser Junge ist verliebt!“ Und er bekommt offensichtlich in Kürze Damenbesuch!

veröffentlicht am 20.06.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Marc Fisser und Annika Braumann

Auf einmal ist es da, fast sowas wie ein Hochgefühl, sangen Purple Schulz schon 1989 über „Verliebte Jungs“. Das Blut pulsiert. Das Herz macht BUMM. Und dann wird ihnen schwül. Dieses Lied wird seit Jahrzehnten gern gehört. Was darauf hindeutet, dass sich beim Verlieben eigentlich nichts geändert hat. Amors Pfeil kommt nach wie vor aus heiterem Himmel. Ein Kribbeln in den Beinen zieht sich rauf bis ins Genick. Dann kriecht es noch was höher und im Hirn da macht es KLICK. Der getroffene Junge weiß sich nicht zu wehren, und er ergibt sich bereitwillig. Er schaut – von sich selbst überrascht – auf die Dinge, die ab nun „passieren“. Und hat es erst mal KLICK gemacht, dann hält sie keiner auf. Sie laufen vor Laternen. Doch sie stehen wieder auf. Von einem Tag auf den anderen wird der alte Freundeskreis uninteressant. Die Augen, die ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf die Angebetete. Sinnlos sich zu wehren. Niemand kommt dagegen an. Sie sprengen alle Ketten. Geh’n, wenn’s sein muss, durch die Wand.

Eine bis dahin nie gestellte Frage rückt für den jungen Liebhaber in den Fokus: Wie kann ich „sie“ für mich interessieren? Es ist oft die Begegnung mit den eigenen Grenzen. Da gibt es Antworten auf Fragen, die ein Mensch in diesem Alter eigentlich gar nicht stellen wollte: „Was traue ich mich? Was kann ich aushalten?“ Denn irgendwann muss das Gefühl offenbart werden. Das erfordert viel Mut. Denn es kann durchaus so laufen wie bei dem jungverliebten Manuel (alle Namen geändert), der kürzlich in Hameln in „ihre“ Schule kam, mitten im Unterricht den Klassenraum betrat und ausrief: „Jenny, ich liebe dich!“ Anders als in amerikanischen Filmen folgte danach keine Kussszene und kein Happy End. Jenny konnte jetzt zwar sicher sein, dass er sie unheimlich gern hat – denn warum sonst würde er einen solch peinlichen Auftritt wagen. Aber deshalb war er trotzdem nicht ihr Traumprinz.

Ein Mädchen in einer so intimen Angelegenheit so öffentlich anzusprechen, vermeiden die meisten Jungen instinktiv. Und die klare Botschaft steckt zunächst oft nicht in Worten, sondern in der Beobachtung, dass „er“ freundlich zu „ihr“ ist, sich ordentlich kleidet und angenehm riecht. Manchmal geht es aber auch schief: Dann passen die Klamotten nicht zu seinem Typ und die Rasierwasserfahne wirkt wie ein Abstandhalter.

Rückgriff auf

Rezepte der Eltern und Großeltern

„Die Jungs haben es nicht einfach“, zeigt der Hamelner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Dr. Lars Kuntzag Verständnis. Die Emanzipation und der Bildungsschub in den vergangenen drei Jahrzehnten hätten dazu geführt, dass heute viele junge Frauen die Partnersuche mit großem Selbstbewusstsein betreiben. „Sie machen aber andererseits das Spiel mit, sich anwerben zu lassen“, sagt Kuntzag. Da müssen sich die Möchtegern-Lover etwas einfallen lassen. Und die greifen überraschenderweise auf die Rezepte ihrer Eltern und Großeltern zurück: rote Rosen, das Herz aus Teelichten, das süße Geschenk – sei es Praline, Teddy oder Tierposter –, das Schmuckstück, die Einladung ins Restaurant und – klassischer geht’s kaum – der Liebesbrief, je länger, desto lieber. Lars Kuntzag wagt einen Erklärungsversuch, den die Fast-Erwachsenen, die sich soeben durch Daueropposition daheim abnabeln, besser nicht lesen sollten: „Bei der ersten Liebe fruchtet, was die Eltern den Kindern beigebracht haben. Am Beispiel der Eltern lernen die Kinder, wie man liebt.“

Offenbar gibt es also trotz der hohen Scheidungsquote und vieler Dornenkriege genügend positive Vorbilder. „Wir machten ein Picknick auf einem Hügel“, erzählt die 16-jährige Franziska von dem unvergesslichen Moment mit ihrem ersten Freund. „Abends guckten wir in den Sternenhimmel, als er mir seine Liebe gestand.“ Romantik wie im Kitschklassiker – und kein Einzelfall, wenn man herumfragt: „Wir waren in Hamburg abends auf dem Michel. Da sagte er mir, dass er mit mir zusammensein will“, verrät Vanessa (20). Und Marcel hatte vor kurzem noch nicht gedacht, dass er sein Zimmer umräumen, eine Matratze in die Mitte legen, Rosenblätter und Kerzen drum herum verteilen wird. Eine einsame Entscheidung, die bei der Besucherin gut ankam. Seinen Freunden hat Marcel davon aber lieber nichts erzählt. Kuntzag bestätigt: „Mädchen reden meist mit anderen über ihre Bedürfnisse, Lust und Ängste. Jungen machen es mehr still für sich ab.“

Denn „unter Männern“ ist es eher uncool, sich als softer Frauenversteher zu gebärden. In der Freundesgruppe gilt es vielmehr, Stärke zu zeigen. Mancher Junge versucht, den Spagat zumindest in der Öffentlichkeit zu vermeiden, indem er weiterhin beim Männersport brilliert und durch seine Leistungen durchaus die Frauenwelt beeindruckt.

Verliebtsein –

mitunter geht es mächtig schief

Sportlich ist es auch, das Regenfallrohr bis zur dritten Etage hochzuklettern und ans Fenster der Verehrten zu klopfen. Doch sobald sie ihn hereingelassen hat, geht es wieder herzallerliebst zu. Tim hat seinem Schwarm einen ganz besonderen Film zusammengeschnitten, Florian seiner Freundin ein eigenes Lied geschrieben, Jens eine Handtasche mitgebracht und – „mach doch mal auf!“ – mit Rosen gefüllt.

„Verliebtsein ist ein irrsinniger emotionaler Schub“, sagt Kuntzag. Und so schön die damit verbundenen Gefühle sind, so weiß der Therapeut aus seiner Praxis doch auch, dass es mitunter mächtig schief geht. „Manche binden sich zu stark an den anderen, sodass sie ihre ganze Energie dort lassen.“ Wenn die Beziehung dann doch in die Brüche geht, droht der Enttäuschte in ein tiefes Loch zu fallen. Mädchen reagieren auf solche Verletzungen teilweise mit Essstörungen, Jungen mit Aggressionen. Wie der erste Liebesschiffbruch überstanden wird, hängt von den eigenen seelischen Kräften und dem Eingebundensein in den Freundeskreis ab. „Die Familie kann da in der Regel nicht mehr viel auffangen“, ist Kuntzags Erfahrung.

Natalie (15) erzählt von einer gescheiterten Liebe: „Mein Ex-Freund baute vor meiner Haustür Kerzen und Rosen auf. Doch ich wollte ihn nicht zurück. Später saß er vor meiner Tür und weinte.“ Verliebte Jungs sind irgendwie wie Kinder: je verliebter – je blinder.

Aber es gibt auch welche, die sehr genau hinschauen. Jannick (17) zum Beispiel, der glücklich erzählt: „Wir haben uns bei Facebook kennengelernt. Durch Zufall trafen wir uns in der Stadt und verabredeten uns einen Tag später. Es lief gut, und ich mochte sie sehr. Nach einer Woche brachte ich ihr Blumen mit. An ihrem Geburtstag bin ich spontan vorbeigekommen und habe ihr ein Armband mit Gravur geschenkt.“ Verliebte Jungs sind einfach nicht zu fassen.

Plötzlich macht das Herz „BUMM“ – und die Welt sieht ganz anders aus. Eine magische Kraft lässt ungenießbare junge Kerle zu fantasievollen netten Romantikern werden. Sie selbst sind davon wahrscheinlich am meisten überrascht. Verliebte Jungs sind ein Phänomen. Die Angebeteten sollten es zu würdigen wissen – selbst wenn sie die Liebe nicht

erwidern möchten.

Das Herz macht einen Sprung – und das Leben erstrahlt in einem ganz neuen Licht. Wenn sich Jungs verlieben, zeigen sie sich oft von einer ganz neuen Seite. Bilderbox



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