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Warum der Begriff der Sünde im alltäglichen Leben und auch im Glauben kaum noch eine Rolle spielt

Vergessene Sünden

Er ist ein Steuersünder und sie eine Diatsünderin. Er begeht lässliche Sünden im Straßenverkehr, und sie gesteht, auf einer Party mit einem anderen Mann kleine Sünden begangen zu haben.

veröffentlicht am 18.09.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:13 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Einst war der Begriff der „Sünde“ beinahe allumfassend, er bezeichnete das Dasein des Menschen als zwangsläufig der Sünde verfallen – so extrem, dass Gottes Sohn geopfert werden musste, um die Sünde der Menschen zu sühnen. Das ist für die meisten Menschen heute ein völlig unverständlicher Gedanke. „Was sündige ich denn schon groß, dass sich darauf eine ganze Religion gründet?“ – so denken viele. „Meinetwegen hätte Christus nicht an das Kreuz geschlagen werden müssen.“

Friederike Grote, Pastorin an der Hamelner Marktkirche, hat in seelsorgenden Gesprächen oft mit belasteten Menschen zu tun, die bei ihr Trost suchen. Auch dabei spielt das bedrückende Gefühl, ein Sünder zu sein und sühnen zu wollen so gut wie keine Rolle. „Eine andere Fragestellung ist viel wichtiger, nämlich die: ,Warum geschieht etwas Schlimmes ausgerechnet mir? Was habe ich denn Böses getan, was falsch gemacht?‘“, sagt sie.

Ganz selten mal würden sehr alte Menschen auf dem Totenbett in ihrem letzten Abendmahl explizit um Vergebung ihrer Sünden bitten. „Aber im alltäglichen Leben und Glauben spielt dieser Begriff eigentlich keine Rolle mehr.“

Wenn Stefan Keil, Gemeindereferent in der katholischen Augustinusgemeinde Hameln, die Kinder auf ihre erste Beichte vorbereitet, dann vermeidet er mit Bedacht, von der „Sünde“ zu sprechen. „Ganze Generationen waren so belastet von dem Gedanken, in der Sünde gefangen zu sein und jede Alltagsregung daraufhin untersuchen zu sollen, ob sie sündig sei“, meint er. „Dabei geht es doch gar nicht darum, den Menschen ein ständiges schlechtes Gewissen oder Angst vor Strafe zu machen.“

Viel wichtiger sei es, den Kindern einen Weg zur Selbstreflexion zu öffnen, vor allem in Bezug auf ihren Umgang mit anderen. „Unsere Frage vor der Beichte ist die, ob und wie wir, vielleicht ohne es zu merken, andere kränken, verletzen, übergehen oder traurig machen.“

„Schuld“, eher noch „Fehlverhalten“ seien die Worte, die er benutzen würde. „Für die persönliche Entwicklung ist es so wichtig, die eigenen Schattenseiten wahrzunehmen“, sagt er. „Und wir lassen die Kinder und auch Erwachsenen damit ja nicht einfach stehen. Die Erkenntnis, dass man sich schuldig machen kann oder schuldig gemacht hat, die steht dann nicht einfach im luftleeren Raum. Das alles geschieht ja unter den liebenden Augen Gottes, der jeden Menschen grundsätzlich angenommen hat. Vielleicht kann man überhaupt nur auf einer Basis der Liebe Mut und Kraft dafür entwickeln, hinzusehen, wo man anderen schadet – und das dann zu ändern versuchen.“

Was er sagt, passt gut zu den Erfahrungen, die der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Joachim Gsella aus Rinteln täglich in seiner Praxis macht. „Ich selbst bin sehr katholisch erzogen worden, mir ist die ,Sünde‘ und das Gefühl, ein Sünder zu sein und Buße zu tun, sehr vertraut gewesen“, sagt er. „In den Therapiestunden allerdings kommt so etwas gar nicht vor.“ Er habe es überwiegend mit einem geradezu gegenteiligen Problem bei seinen Patienten zu tun, einem Narzissmus, der es vielen fast unmöglich mache, sich in andere einzufühlen. „Viele der Kinder leiden darunter, dass sie keine Freunde haben, dass sie sich nicht geliebt fühlen und einsam sind. Dabei blicken sie nicht auf ihre eigene Person, und darauf, was es anderen erschwert, mit ihnen in Beziehung zu treten, sondern sie suchen die Schuld in ihrer Umgebung.“

Die jungen Patienten würden ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche schon sehr deutlich erkennen. Was sie nicht sehen, seien die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. „Ich will alles und zwar sofort“, mit diesem hedonistischen Wunsch scheiterten sie, ohne begreifen zu können, wo die Ursachen liegen. „Und hier könnte man fast mit der Bibel sagen, dass die Sünde der Väter sich rächt bis ins dritte und vierte Glied“ so der Psychotherapeut. „Diese innerlich vereinsamten, depressiven Kinder stammen oft aus Familien, in denen auch die Eltern sehr stark mit sich selbst beschäftigt sind. Da ist oft kein Umfeld, in dem man sich sicher genug fühlen kann, um auch die eigenen Schwächen zu sehen und dabei zu wissen, dass man trotzdem geliebt wird.“

Die eigentliche Bedeutung

der Sünde kennt fast niemand mehr

So erzählt er von einer Mutter, die ihr Kind in die Praxis begleitete, mit einem langen selbst geschriebenen Lebenslauf in der Hand, nicht dem Lebenslauf ihrer Tochter, sondern mit ihrem eigenen. Oder von dem Mädchen, das sich unter Tränen so sehr wünscht, von der Mutter umarmt zu werden. Doch die kann das nicht tun, weil sie selbst von ihren Eltern niemals umarmt wurde. „Solche beschädigenden Beziehungserfahrungen werden immer weitergegeben, wenn es nicht gelingt, sie aufzubrechen, und, ja, dem anderen zu zeigen, dass man bereut.“

Dass die „Sünde“, unter deren Allgegenwart ganze Generationen litten, und die als das Erklärungsmodell für das eigene Leiden und Unglücklichsein diente, nun so ganz aus dem Alltagsleben verschwunden zu sein scheint, es liegt möglicherweise auch daran, dass die eigentliche theologische Bedeutung des Sünden-Begriffs fast niemand mehr kennt.

„Sünde“, das ist nur in zweiter Linie die böse Tat im Kleinen oder Größeren. „Sünde – das ist, theologisch gesehen, ein Zustand“, so erklärt es Pastorin Friederike Grote. „Es bezeichnet den Zustand des Getrenntseins von Gott, und der begann damit, dass der Mensch sich seine Freiheit des Handelns nahm, als er im Garten Eden die Frucht vom Baum der Erkenntnis aß.“

Der Katholik Stefan Keil weiß das selbstverständlich auch. „Die Absonderung von Gott, das Verlassen der harmonischen Einheit mit dem Schöpfer und der paradiesischen Schöpfung, darin liegt der Ausgangspunkt dafür, dass der Mensch überhaupt sündigen kann, und kaum anders kann, als zu sündigen.“

Im ersten Moment wundert es nicht, dass dieses Denken vielen Menschen fremd ist. Dass die Kirchen es als „Sünde“ bezeichnen, wenn man nicht an Gott glaubt oder jedenfalls ein eher gottfernes Leben führt – das gehört nun einmal zu den Grundsätzen fast aller Religionen und es geht einen scheinbar nichts an, wenn man kein religiöser Mensch ist. Doch liest man dazu die Gedanken des Apostels Paulus, so eröffnet sich durchaus ein neuer Blick. Die Sünde sei, so umschreibt das Internetlexikon Wikipedia Paulus’ Ansatz, „eine unheimliche Macht, die das Leben sowie das Zusammenleben bestimmt und die Menschen zu Sklaven ihrer Leidenschaften macht, denen sie entsprechend ausgeliefert sind.

„Eine unheimliche Macht, die das Leben und Zusammenleben der Menschen bestimmt“, so könnte man auch den vereinsamenden Narzissmus charakterisieren, mit dem so viele der Patienten von Psychotherapeut Joachim Gsella zu kämpfen haben. Auch die große Frage der in der Seelsorge Trostsuchenden, dieses „Warum leide ich, was habe ich denn Falsches getan“, fände in der „unheimlichen Macht“ eine Antwort. Nicht in dem Sinne, wie es Pastorin Grote auch sofort zurückweisen würde, dass es einen direkten, ursächlichen, Straf-Zusammenhang gäbe zwischen Schuld und persönlichem Leid. Aber in einem symbolischen, auch auf das nicht religiös geführte Leben übertragbaren Sinn.

Der Philosoph Theodor Adorno schrieb in seiner „Minima Moralia“ diesen berühmten Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Das klingt ähnlich fatalistisch und hoffnungslos in Bezug auf ein gelingendes Leben wie die biblische Annahme, dass die Menschen, aus dem Paradies vertrieben, zwangsläufig „in Sünde“ leben und dafür leiden müssen. Doch verbreiten weder die Bibel noch Adorno eine Weltauffassung des Zynismus, innerhalb derer es egal wäre, wie wir uns verhalten, und wo, da eh alles Sünde ist, die Vorstellung dieser „unheimlichen Macht“ keine Relevanz mehr hat für den Einzelnen.

Im Gegenteil, und so sagt es auch Psychotherapeut Joachim Gsella: „Meine Patienten müssen oft erst lernen, dass es Regeln für das Zusammenleben gibt, durch welche etwas wie ein echtes Zusammenleben allererst ermöglicht wird. Dazu gehört es, nicht sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern zu begreifen, dass andere Menschen ganz ähnliche Wünsche und Bedürfnisse haben wie man selbst. Wir alle sind bedürftig und brauchen die Liebe der anderen, ebenso, wie die anderen unsere Liebe brauchen.“

Auch Adorno gibt das „richtige Leben“ nicht einfach auf. Man müsse versuchen, ein für das richtige Leben „stellvertretendes“ zu führen, aus einem „Trotzdem“ heraus und nach einem Modell, wie „das Leben von befreiten, friedlichen und miteinander solidarischen Menschen beschaffen sein müsste“.

Und Jesus Christus, er starb nicht am Kreuz, um mit seinem Opfer für unsere konkreten Sünden zu büßen – was heute so unnachvollziehbar erscheint – sondern er kam als der Gott, der sich auf ein Menschenleben einließ, um Gott und die Menschen auf diese Weise wieder miteinander in Verbindung zu bringen.

So gesehen kann der nicht verloren gegebene Begriff der Sünde dazu beitragen, das Streben nach einem Leben ohne Sünde nicht aufzugeben.

„Kleine Sünden“ kommen im Alltag häufiger vor. Nur spricht man dann eher von „Schuld“ oder „Fehlverhalten“. Mit Adam, Eva und dem biblischen Sündenfall hat der heute verwendete Begriff der Sünde nicht mehr viel zu tun. Die christlich geprägte Auffassung der Sünde wird heute sogar von Theologen gemieden.



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