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Täglich ist Günter Löschner den Schädlingen in Hameln auf der Spur

Unterwegs mit dem Rattenfänger

Hameln. Günter Löschner weiß fast alles über Ratten: über ihr Verhalten, ihre Fressgewohnheiten, ihre Lieblingsplätze. Das muss er auch, denn der 60-Jährige ist der offizielle Rattenfänger von Hameln. Anders als sein weltberühmter Vorfahr, der die Stadt im Jahr 1284 von den Ratten befreite, hat Löschner allerdings keine Flöte und trägt kein buntes Gewand. Seine Waffe gegen die ungeliebten Nager ist Gift. Täglich ist er unterwegs, um den Ratten in Häusern, Scheunen und öffentlichen Gebäuden den Garaus zu machen. Bis zu zwei Tonnen Gift legt er jährlich aus.

veröffentlicht am 16.08.2015 um 14:38 Uhr
aktualisiert am 07.09.2015 um 10:41 Uhr

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„Überall, wo die Ratten sind, bin ich auch“, sagt Löschner, der ein schwarzes Basecap mit Rattenmotiv und ein oranges T-Shirt mit dem Aufdruck „Rattenfänger von Hameln“ trägt. „Ratten sind Schädlinge, die an Lebensmittel gehen und an der Elektrik knabbern“, erklärt er. Er klärt vor allem aber auch die Menschen auf. „Nur gezielt Gift auszulegen bringt nichts, das Umfeld ist wichtig“, betont Löschner, der seit 2004 in Hameln auf Rattenjagd geht. Leute, die Essensreste falsch entsorgen oder gelbe Säcke im Freien deponieren, locken die Nager erst an. „Ratten brauchen Wasser, etwas zu fressen und einen Unterschlupf“, sagt der 60-Jährige. Wenn diese drei Dinge stimmen, dann bliebe jede Ratte.

An diesem Tag fährt er in ein Dorf direkt an der Weser. Eine Einwohnerin hat im Schuppen eine mumifizierte Ratte gefunden. „Ein tolles Exemplar, bestens erhalten und sogar die Zähne sind noch alle drin“, sagt Löschner mit Kennerblick. Zwei Arten von Ratten gibt es in Deutschland, erklärt er: Wanderratten, die bis zu 40 Zentimeter lang und bis zu 500 Gramm schwer werden sowie die unter Artenschutz stehende schwarze Hausratte, die kleiner und leichter ist. Ratten sind sehr intelligent und anpassungsfähig.

In dem Schuppen, in dem Gerümpel, Werkzeug, Stroh und Spielsachen herumliegen, hat Löschner Rattenkot entdeckt. „Ich kann sie auch riechen, es stinkt nach Ammoniak“, sagt er. Der Rattenfänger befüllt eine schwarze Box mit einem pinkfarbenen Granulat, dem Gift. Dieses muss langsam wirken, denn: „Ratten schicken Vorkoster voran. Wenn die dann gleich tot umfallen würden, frisst das keine andere mehr“, schildert der gelernte Kanalmaurer. Er kennt alle Kanäle der Stadt und weiß, wo sich seine „Kunden“ gern aufhalten.

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Farbenfroh, aber das war es dann auch schon. Der ausgebildete Rattenfänger Günter Löschner befüllt eine Box mit Rattengift. Peter Steffen/dpa (5)

Als nächstes fährt Löschner in eine Lagerhalle für Getreide. Mit einer Taschenlampe in der Hand krabbelt er in die dunkelsten Ecken. Da wo Rattenkot liegt, sind die Laufwege, hier muss das Gift hin. Der 60-Jährige hängt grüne, gepresste Giftköder an einen Nagel. „Wenn der Köder baumelt, ist das für die Ratten besonders reizvoll“, weiß er. In der Landwirtschaft ist die Bekämpfung ein Fass ohne Boden: „Eine ausgewachsene Ratte kann sich durch einen nur zwei Zentimeter breiten Riss quetschen, deshalb sind Scheunen stark betroffen.“ Ein Rattenbefall wird dem Ordnungsamt gemeldet, was dann Löschner informiert.

Für den 60-Jährigen undenkbar, ist die Ratte auch ein beliebtes Haustier. „Farbratten, die von der Haus- und Wanderratte abstammen, werden sehr zahm und sind fixiert auf ihren Besitzer“, sagt Saskia Köstlinger, Tierärztin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Ratten seien sehr soziale Tiere und sollten nur in Gruppen gehalten werden. „Die Farbratten sind sehr niedlich und haben ein ausgeprägtes Spielverhalten“, erklärt sie.

Die Städte rechnen pro Einwohner mit ein bis zwei Ratten, das sind also rund eine Million Nager in der Landeshauptstadt Hannover. “Durch das Wassersparen werden Fäkalien nicht mehr richtig weggespült und bleiben in den Kanälen hängen – das zieht Ratten an“, sagt Helmut Lemke, Sprecher der Stadtentwässerung Hannover. Rund 200 000 Euro investiert die Stadt jährlich in die Bekämpfung.

Natürliche Feinde der Ratten sind Greifvögel, Marder, Füchse und Katzen. „Der größte Feind aber bin ich“, sagt Rattenfänger Löschner mit einem Grinsen und greift zum Gift.

Hameln ist die Stadt des Rattenfängers. Jedes Jahr lockt die Sage viele Touristen in die Stadt. Fern ab davon geht Günter Löschner tagtäglich seiner Arbeit nach. Zwar hat er keine Flöte dabei und trägt kein buntes Gewand, dafür ist er den Schädlingen bis in jede Ecke mit Ködern gefüllt mit Rattengift auf der Spur.



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