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Ein Blick in die alten Bergwerke im Deister – früher Orte harter Arbeit, heute touristische Attraktionen

Unter Tage

Deisterkohle – der Begriff des Bodenschatzes, der sich tief unter den Baumwurzeln befand, lockte die Menschen schon vor fast 400 Jahren. Die erste „Kohlengräberei“ soll zum Ende des 16. Jahrhunderts erfolgt sein. Urkundlich belegt ist eine Grube für das Jahr 1639 nahe dem heutigen Annaturm oberhalb von Bad Münder. Doch erst ab 1695 kam es dank angeworbener Harzer Bergleute zu einem geregelten Bergwerksbetrieb. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sorgte der Energiebedarf für Schmieden, Glashütten, Ziegeleien, Kalköfen und Salinen für steigende Nachfrage mit der Folge, dass rund um den Deister kleine Stollen mit nur wenigen Beschäftigten angelegt wurden, um auf möglichst kurzem Wege die Kohlevorkommen zu nutzen.

veröffentlicht am 27.08.2014 um 00:00 Uhr

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Die Flöze in einer Stärke zwischen 20 und 50 Zentimetern zwischen anderem tauben Gestein galten als wirtschaftlich abbaubar, verlangten aber vom Bergmann unsägliche Anstrengungen. „Auf dem Rücken liegend, mit den Schultern sich fortarbeitend, den flachen gefüllten Kasten nach sich ziehend“, notierte der hannoversche Journalist Hermann Löns bei einem Besuch unter Tage.

Damals, in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, erlebte der staatliche Bergbau mit einer jährlichen Förderung von weit über 500 000 Tonnen seine größte Blütezeit. Nach 1918 lebte dieser Industriezweig noch einmal kurz auf. Doch schon 1934 bezeichnet eine von der Preussag erstellte Karte die meisten der insgesamt 39 Stollen als „außer Betrieb“. Einige sollten jedoch nach Kriegsende 1945 noch einmal als Notbergbau vorübergehend eine wichtige Rolle für die Versorgung der Bevölkerung spielen.

Nur der sogenannte Klosterstollen bei Barsinghausen behielt in der gesamten Zeit seine Bedeutung. 1856 hatte die hannoversche Klosterkammer mit einem ersten Vortrieb die Voraussetzungen geschaffen. Zwar war das erschlossene Stollenfeld schon wenige Jahrzehnte später ausgebeutet, doch 1888 begann der Tiefbau, der auf bis zu acht Sohlen (Stockwerke) reichen Ertrag versprach. 1910 wurden rund eine halbe Million Tonnen mit einer Belegschaft von 2300 Mann gefördert. Hauptabnehmer waren die aufstrebenden Industriebetriebe vor den Toren Hannovers. Der Transport erfolgte durch die „Überlandstraßenbahn“ (Üstra), die von 1894 bis 1952 gleichermaßen dem Personen- und Güterverkehr diente.

Doch der Kohlebedarf während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ließ rapide nach. 1954, vor 60 Jahren, traten große Zweifel auf, ob der Steinkohlebergbau im Bergwerksgebiet Obernkirchen/Barsinghausen gegenüber den weitaus ergiebigeren Förderstätten des Ruhrgebietes überhaupt noch wirtschaftlich war.

Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten allein in Barsinghausen knapp 2250 Menschen, darunter 1602 unter Tage. Zwar lagen die hiesigen Löhne im Vergleich zum Ruhrgebiet deutlich niedriger, doch schrieben die hiesigen Zechen Verluste – in Barsinghausen mehr als in Obernkirchen. Während der Betrieb in Lüdersfeld schon zum 1. April 1954 komplett geschlossen wurde, kam es in Barsinghausen zu ersten Kündigungen: 300 der über Tage Beschäftigten mussten gehen. Heute sind sich Experten sicher, dass schon damals die Stilllegung in Barsinghausen unabänderlich war, auch wenn sie nicht formal ausgesprochen wurde. Dieser Beschluss folgte erst am 28. November 1955.

Die Kumpels wie auch die Bevölkerung traf dies als harter Schlag. Es war ja nicht nur der Verlust des Arbeitsplatzes. Gerade erst hatten sich etliche ein Familienheim errichtet. Manche Häuser standen noch im Rohbau, als die Schließungsdiskussion über die Region hereinbrach. „Dunkle Gewitterwolken über Barsinghausen“ titelte sinngemäß die Barsinghäuser Tageszeitung. Eine Anzahl von Bergleuten wechselte zu den verbliebenen Zechen im Schaumburger Land – um dort nur wenige Jahre später ebenfalls von deren Schließung enttäuscht zu werden. Nur wenige folgten dem Ruf ins Ruhrgebiet oder in das Revier bei Ibbenbüren. Viele setzten ihre Hoffnungen in die angekündigte Ersatzindustrie. Vom Volkswagen-werk war die Rede, das aber auch andere Standorte erwog und sich am Ende wegen der besseren Verkehrslage und der Nähe zum Mittellandkanal für ein neues Werk in Stöcken entschied. Dafür aber konnten die hannoversche Keksfabrik Bahlsen und vor allem die Alfred Teves Maschinen- und Armaturenfabrik gewonnen werden. Beide errichteten neue Hallen vor der Stadt. Das Bergwerksgelände verfiel in weiten Teilen.

Das gleiche Schicksal hatten längst die Kleinzechen erlebt. Nach Kriegsende waren noch neun Stollen in Betrieb. Der Abbau endete zuletzt im „Alte Taufe“-Stollen unterhalb des Nordmannsturms 1957 und im Hoffmannstollen zwischen Egestorf und dem Deisterkamm im darauffolgenden Jahr. Bald überwucherte die Natur Stolleneingänge und Wetterröschen, Gleise und Fundamente.

Der Deisterbergbau schien vergessen, wenn nicht in den achtziger Jahren der Stadt Barsinghausen und einer Handvoll Interessierter dem Klosterstollen eine museale Zukunft vorgeschwebt hätte. Noch hatten sich einige Einrichtungen erhalten. Auch Sachverstand war vorhanden: Manche Mitglieder der Initiative hatten selbst noch unter Tage gearbeitet. Seit 1999 können Besucher wieder mit der Grubenbahn 1400 Meter weit in den Deister fahren, um dort etliche Erläuterungen und Vorführungen zu erleben. Doch auch über Tage bieten Waschkaue und ein Freigelände viele Einblicke in den untergegangenen Industriezweig.

Keinesfalls als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zum industriellen Großbetrieb in Barsinghausen sieht sich der „Feggendorfer Stolln“. Er ist das einzige, inzwischen wieder begehbare, Beispiel für die einst vielen Kleinzechen im Deister. Als der Lauenauer Heimat- und Museumsverein sich 1990 der Ruine besann, wollte er mit einigen Feggendorfern zumindest den Eingang als Kulturdenkmal wiederherstellen. 13 Jahre vergingen, bis – eigentlich nur aus einer Laune heraus – ein paar Idealisten um den Lauenauer Florian Garbe mit „bergmännischen Arbeiten“ begannen. Zehn in mühevoller Handarbeit freigelegten Metern binnen weniger Monate folgte in den sich anschließenden Jahren die Aufwältigung des historischen Stollens, eine neue Verbindung zur quer durch den Bergzug führenden Grundstrecke sowie deren teilweise Sanierung. Heute können Besucher bei Führungen auf rund 200 Metern das Innere des Deisters erleben und so eine kleine Vorstellung vom mühsamen Alltag der Kumpel in Nässe und Dunkelheit gewinnen.

Der jetzt zehnjährige Eifer der „Stolln“-Betriebsgruppe ist vom Flecken Lauenau und sogar von der EU honoriert worden: Auf den Fundamenten des alten Betriebsgebäudes steht ein neues Zechenhaus, das den historischen Gegebenheiten angepasst worden ist.

Dass es einst auch im Weserbergland Kohlebergbau gab, ist hinlänglich bekannt. Ein Schwerpunkt war das Schaumburger Land. Auf ähnliche Weise hat auch der Deister den Menschen Arbeit und Brennstoff gegeben. Zumeist in kleinen Zechen mit nur wenigen Beschäftigten, jedoch auch in einem großen Betrieb mit bis zu 2500 Arbeitern. Vor rund 60 Jahren kam das Ende unter Tage ziemlich abrupt.



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