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Hohe Pachtpreise: Sind Bioprodukte ein Auslaufmodell?

Unter Druck

Auf dem Podium des BioFachkongresses in Nürnberg diskutieren Experten über eine brisante Frage: „Wem gehört die Landwirtschaft?“ Mitten unter den Akteuren des Ökolandbaus steht Henning Niemann vom KÖN, dem Kompetenzzentrum Ökologischer Landbau Niedersachsen, und vertritt eine These, die ihre Auswirkungen auch in Niedersachsen hat, dem Agrarland schlechthin. Niemann wirft die Frage auf, ob regionale Bioprodukte nicht ein Auslaufmodell sind, denn die hohen Pachtpreise wirken dem Ökolandbau entgegen.

veröffentlicht am 19.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 19:06 Uhr

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Das verwundert auf den ersten Blick, denn wenn etwas boomt, dann sind es die ökologischen Produkte (siehe Kasten). Aber es sind zwei Konkurrenzprodukte, die dem Ökolandbau das Leben schwer machen: die steigende Zahl der geförderten Biogasanlagen und der damit verbundene Bedarf an Mais sowie die konventionelle Tierhaltung. Niedersachsen ist Bundesspitzenreiter bei der Tierhaltung.

Die Folge: Die Pachtpreise für das Land steigen und steigen und steigen und bleiben selbst auf Spitzenniveau für Landwirte noch immer rentabel und gewinnbringend: Weil der Mais mehrfach genutzt werden kann – für die Biogasanlage und zum Aufbringen als Gülle auf das Land. „Und irgendwann“, sagt Niemann, „kann der Ökolandwirt bei den Pachtpreisen nicht mehr mithalten.“ Es sind Flächen, die der ökologischen Landwirtschaft verloren gehen.

Die KÖN-Studie „Bioflächen-Pachtpreis-Ländervergleich 2012“ macht deutlich: Durch den intensiven Ausbau der Biogasanlagen musste in Niedersachsen in 2011 und 2012 eine rückläufige Ökofläche von rund 1000 Hektar verzeichnet werden. In der Folge wird in einigen Landstrichen die Versorgung der ökologischen Ernährungswirtschaft mit regionalen Bio-Rohstoffen bei einem stabil wachsenden Biomarkt immer schwieriger, sagt KÖN.

Öko-Verarbeiter und -Händler schlagen daher Alarm, wie die Ergebnisse der aktuell vom KÖN durchgeführten Studie bei 1350 öko-zertifizierten Unternehmen in Niedersachsen und Bremen zeigen. Sie wünschen regionale Rohware aus ihrem Einzugsgebiet, handeln jedoch immer globaler. Natürlich setzt Niemann auf den neuen Landwirtschaftsminister, der Christian Meyer heißt und von den Grünen kommt: „Wir liefern der Politik die Grundlagen für einen Wandel.“

Niemann steht mit seinen Forderungen nicht allein. Auch die Landesmitgliederversammlung des Bioland Landesverbandes Niedersachsen/Bremen fordert die neue Landesregierung zu einer Neuausrichtung der Agrarpolitik auf. Denn die Chancen des Biolandbaus, mit hoher Verbraucherakzeptanz und anerkannten Umweltleistungen würden in der niedersächsischen Agrarpolitik „unzureichend genutzt und systematisch unterbewertet“, sagt Harald Gabriel, Geschäftsführer von Bioland in Niedersachsen. Stattdessen stehe die Landwirtschaft mit Tierschutzproblemen, Grundwasserbelastung, Artenschwund und Mais-Monokulturen verstärkt in der Kritik und verliere im Agrarland Nummer eins zunehmend an Akzeptanz.

Während am Markt und in der europäischen Agrarpolitik der Biolandbau als besonders nachhaltige Form der Landwirtschaft zunehmende Bedeutung bekomme, so Gabriel, habe in Niedersachsen die ökologische Lebensmittelwirtschaft mit Wettbewerbsnachteilen und Flächenverlust zu kämpfen. Zwischen Intensivtierhaltung und Bioenergieerzeugung gerate der Biolandbau verstärkt unter Druck. Die biologisch bewirtschaftete Fläche sei trotz positiver Marktentwicklung seit zwei Jahren rückläufig.

„Diese kritische Entwicklung ist über den Ökolandbau hinaus ein Indikator dafür, dass eine intensive Landwirtschaft mit hohem Ressourcenverbrauch sich in Niedersachsen mehr lohnt, als vielfältige und ökologische Formen der Landwirtschaft, wie sie Verbraucher und Steuerzahler zu Recht für ihr Geld erwarten“, erklärt Geschäftsführer Gabriel. Vor diesem Hintergrund fordere die Landesmitgliederversammlung die Landesregierung zu einer Kurskorrektur für eine ökologische Ausrichtung der Landwirtschaft und für eine gezielte Förderung des Biolandbaus auf.

Derjenige, der dies alles liefern soll, ist nun Christian Meyer, Landtagsabgeordneter der Grünen in Hannover, Sprecher für Landwirtschaftspolitik, Verbraucherschutz, Natur- und Tierschutz – und der neue Landwirtschaftsminister Niedersachsens.

Natürlich, sagt Meyer gegenüber der Redaktion, werde sich einiges ändern, aber vieles gehe eben nicht allein auf der Landesebene, sondern nur zusammen mit dem Bund. Meyer verweist hier beispielhaft auf den „NawaRo-Bonus“ des EEG, „der reduziert werden soll, wenn nicht gar ganz abgeschafft.“ Über eine Initiative im Bundesrat werde man versuchen, die Überförderung von Mais bei Biogasanlagen abzubauen. Die Bauern generell in Niedersachsen würden um ihr Land fürchten, hatte Meyer schon im Herbst ausgeführt und einen anderen, nicht weniger bedenklichen Prozess angesprochen: Investoren würden immer mehr land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen aufkaufen, um daraus Profit zu schlagen – auch ein Grund, dass die Kauf- und Pachtpreise für die Landwirte steigen. Meyer hatte im Landtag eine Rede zu diesem „Landgrabbing“ genannten Verfahren gehalten, bei dem immer mehr fremde Investoren, Aktiengesellschaften und Fonds Grund und Boden auch in Niedersachsen kaufen. Mittlerweile, so Meyer damals, „geht die Mehrheit der verkauften Grundstücke landwirtschaftlicher Art nicht mehr an landwirtschaftliche Betriebe, sondern an Aktiengesellschaften oder Fonds.“

Meyer bezog sich auf Zahlen des Landesamtes für Statistik: Zwischen 2008 und 2011 stiegen die Ackerlandpreise in Niedersachsen um knapp ein Viertel, rund zwei Drittel der Flächen würden nicht vom Eigentümer, sondern von einem Pächter bewirtschaftet. Die Folge, so Meyer: Die Bauern würden immer mehr zu Leibeigenen in ihrem eigenen Betrieb und nur noch für die Banken arbeiten, denen der Grund und Boden oder auch der Betrieb gehört, auf den sie einen Kredit aufgenommen hätten. Meyers hübsch formulierte plakative Forderung: „Bauernland und nicht Bankenland in Niedersachsen.“ Meyer, in diesen Tagen ein gefragter Gesprächspartner, unterstrich gestern im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass man „das Agrarumweltprogramm ausbauen und den ökologischen Landbau stützen, deren bewirtschaftete Fläche bislang in Niedersachsen schrumpft und ein Schlusslicht in Deutschland ist“.

Enorme Konkurrenz durch Kauf, Verkauf und Verpachtung

Auch Henning Niemann erzählt von einer großen Gesellschaft, „die gerade 35 000 Hektar freundlich eingesammelt hat, um es mal so zu sagen.“ Und in Teilen werde hier sogar ökologisch gearbeitet, aber ein Trost ist das nicht, sagt Niemann: „Ökolandbau in den falschen Händen, wo mit falschen Strukturen gearbeitet wird, ist immer noch ein Problem.“

Friedhelm Stock ist Geschäftsführer des Landvolk-Kreisverbandes Weserbergland und bestätigt die Tendenz. „Die landwirtschaftliche Fläche ist knapp, und es herrscht durch Kauf, Verkauf und Verpachtung eine enorme Konkurrenz.“ Natürlich habe es da der Ökolandbau nicht leicht, aber der Landwirtschaft fehle heute generell Fläche, sagt Stock und verweist exemplarisch auf die Ausweisung von Baugebieten: „Geknabbert wird am Land an allen Ecken und Enden.“ Aber in Deutschland sei dieser Druck nicht so signifikant wie weltweit, wo sich mit Käufen oder Pachtverträgen Staaten, global tätige Unternehmen und private Investoren aus Industrie- und Schwellenländern große Agrarflächen vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika sichern. Aber die Tendenz zu einer hohen Industrialisierung, wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern, sagt Stock, diese Tendenz sei durchaus erkennbar, auch wenn er dies regional gesehen nicht bestätigen könne. Es klingt wie: Noch nicht.

Übrigens: Die ökologische Erzeugung hat in Niedersachsen eine lange Tradition, schon 1932 wurde der Bauckhof in Klein Süstedt bei Uelzen als erster Betrieb auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt. Heute wirtschaften laut dem Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium rund 1300 landwirtschaftliche Betriebe in Niedersachsen nach den strengen Richtlinien der EU-Öko-Verordnung oder den etwas weitergehenden Richtlinien der Anbauverbände des ökologischen Landbaus.

Noch vor gar nicht langer Zeit waren Bio-Lebensmittel ein Nischenprodukt für Körnerliebhaber – heute sind sie aus deutschen Kühlschränken nicht mehr wegzudenken. Doch der Biolandbau gerät unter Druck: Schuld sind die steigenden Pachtpreise für die Äcker, immer mehr Biolandwirte können gegenüber der konventionellen Landwirtschaft nicht mehr mithalten. Das hat Gründe.



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