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Eine etwas ekelige Tiergeschichte

Unheimlicher Rattenkönig

WESERBERGLAND. Gibt es wirklich Rattenkönige? – Im Musical „Rats“, das jeden Sommer auf der Hochzeitshausterrasse aufgeführt wird, taucht einer auf, im Ballett „Der Rattenfänger und der schwarze Tod“, das 2009 zum „Tag der Niedersachsen“ aufgeführt wurde, erschien die dunkel-mystische Gestalt als Gegenspieler des Rattenfängers, hier als Rattenkönigin ins Weibliche transponiert. Der unheimliche Rattenkönig diente auch als Vorlage für viele andere künstlerisch-literarische Verarbeitungen. Ein Überblick.

veröffentlicht am 15.11.2016 um 11:03 Uhr
aktualisiert am 15.11.2016 um 11:35 Uhr

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So spielt in Tschaikowskys Ballett „Der Nussknacker“ (Uraufführung am 18. Dezember 1892) ein nicht minder unheimlicher Mäusekönig als dämonischer Gegenspieler eine Rolle; dem Ballett lag eine 1816 in Berlin erschienene Erzählung von E.T.A. Hoffmann zugrunde, in der ein Rattenkönig auftrat, den Tschaikowsky zum Mäusekönig machte.

Der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt (1769–1860) erzählt in seinem Märchen „Der Rattenkönig Birlibi“ die Geschichte eines Mannes, der zunächst durch diesen mächtigen Beherrscher des Waldes reich wird, dann aber, da er sich zu sehr mit den dunklen Mächten eingelassen hat, alles wieder verliert.

Auch der Hamelner Ehrenbürger und Schriftsteller Julius Wolff nutzt die unheimliche Gestalt und vermerkt dazu in seinem Epos „Der Rattenfänger von Hameln“ Folgendes: „… In des Bürgermeisters Keller sitzt der Satan in Gestalt eines ries´gen Rattenknäuels mit unendlich vielen Beinen, hundert Köpfen, tausend Schwänzen …“

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Von jeher galt der Rattenkönig als ein Angst und Schrecken verbreitendes Vorzeichen von Unheil, Pest und Tod.

Aber was ist nun tatsächlich dran an der Existenz des Rattenkönigs? All diese eingangs erwähnten Wesen entstammen der menschlichen Fantasie, es gibt jedoch Rattenkönige, die real existieren.

Der unheimliche Anblick mag jeden im ersten Augenblick erschrecken: ein fiependes, pfeifendes, sich windendes Bündel, die einzelnen Ratten sternförmig mit den Schwänzen verknotetet, die kreischend auseinanderstreben, sich aber nicht voneinander trennen können.

Wie aber ist es überhaupt möglich, dass solche Gebilde entstehen? Dazu betrachten wir uns zunächst einmal die Lebens- und Wohnsituation in einer frühneuzeitlichen Stadt.

Die Städte waren damals kaum romantisch zu nennen. In den Straßen, vor allem in den ärmeren Bezirken, wechselten kleine, enge Fachwerkhäuser mit Verkaufs- und Werkstattbuden ab, die meisten Straßen und Marktplätze waren ungepflastert. Viele Bürger betrieben zudem noch nebenberuflich Landwirtschaft und hielten in den Häusern Vieh, das man täglich durch die Stadt hinaus auf die Weiden vor den Toren trieb, aber besonders die überall in der Stadt frei herumlaufenden und im Unrat wühlenden Schweine wurden zur wahren Plage, desgleichen die vielen streunenden Hunde. Regelmäßige Straßenreinigung und Abwasserbeseitigung gab es kaum. Man warf die Abfälle einfach auf die Straße oder in den Graben hinter dem Haus, wo sie von Hunden und Schweinen durchwühlt und gefressen wurden.

Vor den engen Häusern türmten sich neben den Schweineställen Mist- und Abfallhaufen sowie Vorräte an Brennholz. Dazu boten Fachwerkhäuser mit ihren vielen Ecken und Winkeln den Ratten und Ungeziefer wie Läusen, Wanzen und Flöhen ideale Lebensbedingungen und in den Kornspeichern reichlich Nahrung.

Von jeher galt der Rattenkönig als ein Angst und Schrecken verbreitendes Vorzeichen von Unheil, Pest und Tod. Seit Jahrhunderten ranken sich unheimliche Geschichten darum. Aus Furcht wagte man nur zu flüstern, dass ein solches Rattenbündel der Thron einer riesigen unheimlichen Ratte mit einer goldenen Krone und Zepter sei, die auf diesem wirbelnden, kreischenden Knäuel durch die Welt reitet, um Tod und Verderben zu verbreiten. Oft soll nach dem Fund eines solchen Rattenkönigs tatsächlich in der Umgebung die Pest ausgebrochen sein.

Die Menschen betrachteten den Fund eines solchen Rattenkönigs (eigentlich nur des Thrones) stets als böses Omen für nahende Katastrophen. Häufig traf ein solches Ereignis dann auch ein, da diese Gebilde immer dann auftauchten, wenn die Populationen überhandnahmen und damit drangvolle Enge im „Rattenland“ herrschte.

Seit dem 18. Jahrhundert ist die Anzahl der Funde zwar zurückgegangen, was mit der Verdrängung der schwarzen Hausratte durch die robuste Wanderratte zusammenhängt, dafür sind die späteren Funde aber besser dokumentiert und blieben teilweise der Nachwelt erhalten.

Die Verknotungen sind bislang ausschließlich bei Hausratten (Rattus rattus) beobachtet worden. Diese Tiere leben in ihrer ursprünglichen Heimat in Südindien auf Bäumen und können ganz ausgezeichnet klettern, wobei sie ihre Schwänze zu Hilfe nehmen, die sich bei Berührung mit einem Fremdkörper reflexartig um diesen herumwickeln. Dieser thigmotaktische Reflex bei gleichzeitig zu engen Nestern infolge von Überpopulationen könnte die Ursache für die Entstehung der Verknotungen sein; eine Reihe von Wissenschaftlern lehnt allerdings Rattenkönige als biologische Phänomene ab.

Die Bildung erfolgt meist in der dritten bis vierten Lebenswoche, wenn die Schwänze noch weich und biegsam sind. Röntgenbilder beweisen, dass die Schwänze tatsächlich miteinander verknotet sind. An den entsprechenden Stellen sind sie häufig gebrochen, wohl weil die Tiere verzweifelt versucht haben, zu entkommen.

Rattenkönige scheinen noch eine ganze Zeit lang lebensfähig zu sein, da die untrennbar miteinander verbundenen Individuen von ihren Artgenossen gepflegt und mit Nahrung versorgt werden.

Im Mai 1828 ließ der Müller Steinbrück in Buchheim seinen Kamin abbrechen und fand dabei im Schutt einen mumifizierten Rattenkönig, den er am 26. Mai der naturforschenden Gesellschaft zu Altenburg schenkte, wo er heute noch besichtigt werden kann.

Die noch jungen Ratten sind gänzlich ohne Fell und verrußt. Die Rattenkönig-Mumie besteht aus 32 Ratten, die mit den Schwänzen aneinandergeknotet sind, teilweise aber auch mit den Hinterbeinen in den Knoten stecken. Der Altenburger Rattenkönig ist der größte der Welt und gleichzeitig der einzige als Mumie erhalten gebliebene. Anhand der Schädelmerkmale wird er der Hausratte (Rattus rattus) zugeordnet.

Ein weiterer in Deutschland existierender Rattenkönig befindet sich im Johann- Friedrich-Blumbach-Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen. Im Gegensatz zum Altenburger Exemplar handelt es sich hier um ein in Alkohol konserviertes Präparat.

Am 27. Januar 1907 hörte der Holzhändler Degenhard aus Rüdershausen am Harz in seiner Scheune etwas rascheln, sah eine Ratte aus einem Loch schauen und „gab ihr eins“. Kurz darauf erschien eine zweite, die ebenfalls „eins auf die Nase bekam“ und dann eine dritte und vierte. Dem Mann kam das nun eigenartig vor und als er in dem Loch nachsah, entdeckte er insgesamt 10 an den Schwänzen verknotete junge Hausratten. Da der Fund ihm doch zu seltsam vorkam, übergab er ihn anschließend dem Zoologischen Institut der Universität in Göttingen.

In Hameln sind mindestens zweimal

Rattenkönige „gesichtet“ worden

Von den ursprünglich zehn Tieren sind heute noch sieben vorhanden, eines davon ist zerrissen. Von zwei Tieren, die wohl gewaltsam abgerissen wurden, finden sich im Bereich des Schwanzknotens noch Haut- und Fellreste, das letzte ist spurlos verschwunden.

Rattenkönige sind sehr seltene Erscheinungen. Insgesamt können im deutschen Raum bis jetzt 31 Exemplare durch schriftliche Quellen belegt werden, erhalten haben sich aber nur noch Präparate in Altenburg, Stuttgart, Göttingen und Hamburg.

Die folgende kleine Fundliste soll nur einen Überblick geben und ist nicht vollständig:
1610: Schriftliche Erwähnung eines Rattenkönigs.
1683: Straßburg, 6 Individuen im Keller eines Hauses.
1748: „In Johann Heinrich Jägers Mühle“, 18 lebende Individuen.
1822, Dezember: Döllstädt/ Thüringen, 2 Rattenkönige mit 14 und 28 Individuen.
1828, Mai: Buchheim / Thüringen, 32 Individuen im Kamin einer Mühle.
1849: Berlin, 3 Individuen.
1895: Dellfeld / Pfalz, 10 Individuen.
1899: Châteaudun / Frankreich, 7 Individuen.
1907, 27. Januar: Rüdershausen / Harz, 10 lebende Individuen.
1963, Februar: Rucphen/Niederlande, 7 Individuen.
1986, 10. April: Maché/ Frankreich, 9 Individuen.
2005, 16. Januar: Võrumaa/ Estland, 16 Individuen, davon einige noch lebend.

In Hameln sind mindestens zweimal Rattenkönige „gesichtet“ worden; einmal 1984 in einer Ausstellung im Museum Hameln anlässlich der 700-Jahr-Feier der Rattenfängersage und ein weiteres Mal 2009 in einer Ausstellung in der Pfortmühle zur 725-Jahr-Feier der Sage und beide Male „reiste“ der Göttinger Rattenkönig an.

Am 1. Mai 1883 berichtet die Deister- und Weserzeitung von einer Rattenplage unter einem Fußboden in einem Haus in der Osterstraße. Damals wurden 107 Exemplare „erlegt“. Ein Rattenkönig wurde dabei nicht gefunden.

Ob aber jemals ein „richtiger“ Rattenkönig in Hameln existiert haben mag, darüber geben die alten Quellen keine Auskunft.


Quellen: Mündliche: Naturkundliches Museum „Maurtianum“, Altenburg/Thüringen; Johann-Friedrich-Blumbach-Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen; Prof. Dr. Wilfried Meier, TiHo Hannover. Schriftliche: Viktor Meissner: „Rattenfänger, Pest und Ratten“, Ausstellungskatalog Stadtarchiv Hameln 2009.



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