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Auch Kinder und Jugendliche leiden an Depressionen – oft werden sie aber gar nicht als solche erkannt

Unentdeckt traurig

Hallo, ich brauche Hilfe. Ich bin 14 Jahre alt und denke, dass ich Depressionen habe.“ So schreibt ein Junge in einem Internet-Selbsthilfe-Forum, das sich speziell an Jugendliche wendet, die unter Depressionen leiden. Die meisten jungen Leute, die dort ihre Lebenssituation schildern, erwähnen das Wort „Depression“ gar nicht. Sie ahnen, dass sie krank sind, sie haben das Forum ja unter dem entsprechenden Suchmaschinen Stichwort entdeckt. Aber was in ihnen vorgeht, ist so schwer zu fassen. „Es war im letzten Jahr, wo ich angefangen habe, zu weinen und den Grund nicht finden konnte“, schreibt der Junge weiter.

veröffentlicht am 29.04.2016 um 19:16 Uhr
aktualisiert am 30.04.2016 um 19:02 Uhr

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Autor:

von Cornelia Kurth

Dem Kinder- und Jugend-Psychiater Franz-Josef Güster, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Landkreis Schaumburg, sind solche Äußerungen nicht fremd: „Zu oft wird die Depression bei Jugendlichen nicht als solche erkannt und nicht behandelt. Das ist schlimm, denn in 50 Prozent der Fälle setzt sich die Erkrankung dann ins Erwachsenenalter fort“, sagt er. Nicht umsonst ist er eine treibende Kraft im „Schaumburger Bündnis gegen Depression“, das sich zu einem umfassenden Netzwerk entwickeln soll, um nicht nur Erwachsenen, sondern auch depressiven Kindern und Jugendlichen rechtzeitig helfen zu können.

Stimme aus dem Forum:

„Ich fühle mich wie ein großer Muskelkrampf. Ich würde am Liebsten für immer in meinem Bett bleiben. Es kostet so viel Kraft aufzustehen, durchzuhalten, stark zu sein“.

Es ist noch gar nicht so lange her, da ging man davon aus, dass Kinder gar nicht an „echten“ Depressionen erkranken können. Und noch immer sehen Eltern, Lehrer, und auch die Hausärzte eher die typischen Entwicklungskrisen eines jungen Menschen vor sich, wenn dieser häufig traurig, sehr zurückgezogen, chronisch müde oder auch unberechenbar aggressiv wirkt. „Dabei wissen wir inzwischen, dass etwa zwei Prozent aller Kinder im Grundschulalter von Depressionen betroffen sind, und bis zu zehn Prozent aller Jugendlichen in der Pubertät“, so Güster. „Je früher die Erkrankungen beginnen, desto schlechter ist die Prognose“, sagt er. „Deshalb müssen wir alle hellwach sein, die Symptome wahrnehmen und etwas dagegen tun.“

Stimme aus dem Forum: „Sie sagen, ich sei ein Hypochonder, würde es übertreiben und solle mich nicht so anstellen, anderen geht es schlechter als mir. Außerdem solle ich nicht so tun, als ob ich plötzlich krank sei, ich war ja schon immer ein Weichei, warum sollte es denn nun anders sein ...“

Viele Menschen mit Depressionen hätten große Berührungsängste in Hinblick auf eine psychologische oder psychiatrische, sagt Prof. Dr. Detlef. E. Dietrich, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet die entsprechende Abteilung in der Rintelner Burghof-Klinik, ist dort der Ärztliche Direktor und war lange der Ärztliche Direktor des Ameos-Klinikums Hildesheim, das mit seiner Kinder- und Jugendpsychiatrie auch in Hameln präsent ist. „Diese Berührungsängste haben unter anderem mit der Angst vor einer leider immer noch vorhandenen gesellschaftlichen Stigmatisierung zu tun. Und nicht nur das: Es ist auch sehr viel Geduld bei der Behandlung gefragt, Geduld, die gerade depressive Menschen und auch ihre Angehörigen oft nur schwer aufbringen.“

Eine Behandlung könne Wochen, Monate, manchmal bis zu einem halben Jahr dauern.

Stimme aus dem Forum: „Ich bin am Ende, weine jeden Tag stundenlang und weiß nicht mehr, was ich noch tun soll. Ich will mich nur noch verstecken und fühle mich wie eine schreckliche Last für jeden.“

Es gehe so viel wertvolle Zeit verloren, wenn eine Depression nicht frühzeitig erkannt werde, das betonen beide Ärzte. „Depressive Symptome können unterschiedliche Ursachen haben“, sagt Dietrich. „Das erschwert die Diagnose.“ Manchmal seien organische Krankheiten verantwortlich. Auch aktuelle Konflikte in Schule und Familie können zu Depressionen führen. Komme dann zum Beispiel eine genetische Komponente hinzu, bestehe eine erhöhte Gefahr, dass eine akute Krise zur chronischen Krankheit wird. „Ja, leider ist es mit der Früherkennung leichter gesagt als getan“, so Dietrich. Auch er engagiert sich in dem „Bündnis gegen Depression“. „Wir müssen Strategien zur Früherkennung entwickeln, damit bereits vorhandene Konzepte innerhalb eines breiten Netzwerkes auch umgesetzt werden. Denn wenn man die Depression frühzeitig erkennt und mit Geduld die Behandlungsmöglichkeiten nutzt, dann bestehen tatsächlich sehr gute Aussichten auf eine erfolgreiche Genesung.“

Stimme aus dem Forum: „Ich empfinde eine tiefe ungerichtete Traurigkeit und gleichzeitig so etwas wie endlose Leere, habe kaum noch Interesse, geschweige denn Freude an irgendwelchen Tätigkeiten, empfinde meine Existenz als sinnlos und habe eigentlich keine Lust mehr auf mein Leben - so etwas wie eine Sehnsucht nach Nicht-Existenz.“

Depressionen sind sehr häufig gekoppelt mit dem Gedanken an den Suizid. Aus den Zahlen des Bundesamtes für Statistik geht hervor, dass die Selbsttötung zu den häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen zählt. Insgesamt besteht bei der Depression ein bis zu 20-fach erhöhtes Risiko eines Suizides. Franz-Josef Güster kann immerhin berichten, dass die Zusammenarbeit zwischen Schule, Jugendamt und Sozialpsychiatrischem Dienst durchaus schon Früchte trägt. Er kennt Fälle, wo Mitschüler ihre Lehrer oder Sozialarbeiter auf die Suizid-Gedanken eines Klassenkameraden aufmerksam machten, diese dann das Jugendamt ansprachen und das wiederum mit ihm in Kontakt trat.

Stimme aus dem Forum: „Ich habe gute Freunde und eine super Familie, aber ich kann und will mit denen nicht über meine Gedanken sprechen, sie verstehen es nicht. Das sollen sie auch gar nicht.“

In der Psychiatrie arbeitet man, wenn es sein muss, auch mit Medikamenten, die für Jugendliche in der Entwicklungsphase geeignet sind. „Viele haben große Angst davor, Antidepressiva einzunehmen“, sagt Güster. „Gerade Jugendliche in der Selbstfindungsphase fühlen sich dann oftmals so, als wolle man ihre Persönlichkeit auslöschen.“ Tatsächlich aber gehören entsprechende Medikamente oftmals zu den Säulen der Behandlung.

Um dazu beizutragen, dass Jugendliche und ihre Umgebung die Depression nicht als eine Art Stigma betrachten, will das „Bündnis gegen Depression“ nicht nur die Erwachsene sondern auch Schüler für ihre eigenen Probleme und diejenigen ihrer Mitschüler durch schulische Veranstaltungen sensibilisieren. „Ohne Hilfe überstehen viele Kinder und Jugendliche die depressive Erkrankung nicht gut – oder sogar gar nicht“, sagt Güster. „Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen man sich selbstverständlich professionelle Hilfe sucht, genau, wie bei anderen Erkrankungen auch.“

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen werden oft gar nicht als solche erkannt und als bloße Entwicklungskrisen abgetan. Dabei kommt es bei Depressionen im Jugendalter darauf an, sie so früh wie möglich zu behandeln. Unbehandelt kann die Depression zu einem Schicksal fürs ganze Leben werden.



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