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Und nachher ein Bierchen mit den Stars

Als eine Handvoll Jazzbegeisterter 1953 in Minden einen Klub gründete, konnte niemand von ihnen ahnen, dass sie den Startschuss für eine musikalische Erfolgsgeschichte gaben, die den Jazz Club heute in der ersten Reihe der deutschen Klubs sieht. Dank einem Jazz-Programm, das seinesgleichen sucht, erreicht der Jazz Club jährlich mehrere Tausend Besucher aus ganz Deutschland. Aber es gab auch dunkle Stunden, die zu überwinden waren – zweimal stand der Klub knapp vor dem Aus.

veröffentlicht am 30.05.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 10:51 Uhr

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Wenn Hans Joachim Rickert nach der Bedeutung des Jazz Clubs Minden gefragt wird, antwortet der Vereinsvorsitzende des Fördervereins gern mit einer Anekdote. Die ist gut abgehangen, hat Weltklasseformat und geht so: Er war 1997 beruflich in New York, abends wollte er sich im Blue Note-Club ein Jazzkonzert anschauen, wurde nach dem Kauf der Karte an seinen Platz geführt und stellte etwas überrascht fest, das seine Sitznachbarn auch aus Deutschland kamen, aus Frankfurt. Man kam ins Gespräch, und als er selbst erzählte, wo er zu Hause ist, da wurde zurückgefragt: „Minden? Die Stadt mit dem berühmten Jazz Club?“

Rickert erzählt die Schnurre gern, aber sie stimmt ja auch: Der Jazz Club spielt in Deutschland in der ersten Liga, nur fünf, sechs andere Klubs sieht er auf Augenhöhe, etwa die Fabrik in Hamburg.

Das hat natürlich etwas mit der Bühne zu tun, denn die ist Legende. Im Jazz Club Minden sitzt die erste Reihe direkt vor den Musikern, wer die Hand ausstreckt, kann auch mal einen Weltstar berühren. Diese Enge ist Programm: Wer hier spielt, hat keine Berührungsängste, wer hier auftritt, setzt sich nach dem Konzert an einen Tisch, signiert CDs oder trinkt mit den Fans ein Bier.

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Das Talent liegt in der Familie: Candy Dulfer, die niederländische Saxofonistin, die stilistisch eher im Funk angesiedelt ist. Fotos: Kerstin Rickert

Das kostet Geld, 92 Euro zahlen die Mitglieder des Jazz Clubs, es sind rund 230, im Jahr. Zum Januar wird es teurer, dann kostet die Mitgliedschaft 120 Euro. „Das ist ein Bier im Monat weniger“, rechnet Rickert vor. Und dafür wird den Mitgliedern auch einiges geboten: Nicht nur, dass die Eintrittskarten für sie um die Hälfte billiger sind, nein, es kommt die Weltklasse des Jazz nach Ostwestfalen: Charlie Mariano war hier, Al Grey, Scott Hamilton, Randy Brecker, James „Blood“ Ulmner, Flora Purim, Candy Dulfer, Brian Auger, von den deutschen Szenenstars ganz zu schweigen: Klaus Doldinger war mehrfach zu Gast, Paul Kuhn, Gitte Henning, Uwe Ochsenknecht. Helmut Zerlett. Und Trompeter Dizzy Gillespie, der neben Thelonious Monk und Charlie Parker zu den Wegbereitern des Bebop zählt, hat hier sein letztes Konzert gegeben, bevor er viel zu früh starb. „Das war am 9. November 1991“, sagt Rickert, das damalige Plakat mit dem Porträt des Musikers hängt heute gerahmt im Club.

Sie sind gern gekommen, die Musiker, die in Minden spielen, weil hier natürlich auch die Gage stimmt: Die gesamten Mitgliedereinnahmen werden für die Konzerte verwendet, alle anderen fixen Kosten müssen durch gastronomische Angebote gedeckt werden. Rickert nennt Zahlen: Beim nächsten Summer Jam der Stadt Minden werden „Blood, Sweat & Tears“ auftreten und bei kostenlosem Eintritt (nicht nur) ihr „Spinning Wheel“ schmettern. 20 000 Euro kosten sie, sagt Rickert, aber jeden Cent wert: „Die sind heute besser denn je.“

Es ist heute kein Problem mehr, die Stars zu buchen, der Club wird mit Anfragen überhäuft. Wer als Jazzmusiker eine neuen CD vorstellen möchte und dabei in Deutschlands auftritt, kommt an Minden nicht mehr vorbei. Es ist ein Status, den sich Rickert mit seinen Team hart erarbeitet hat. Diese Erfolgsgeschichte beginnt mit einem kleinen Kreis von Schülern, die sich langsam an Jazz und Artverwandtes herantasten, mit einer infizierten Mindener Jugend, die schnell vor den Radiogeräten saß und die britischen und amerikanischen Soldatensender mit dem neuen Sound hörte: Duke Ellington und Louis Armstrong statt muffigem Musikstillstand und den Caprifischern: „Niggermusik“ sei das doch, mussten sich die Jazzfans lange Jahre offen ins Gesicht sagen lassen. Die Jazzfans umgingen die öffentlichen Fallen: Disziplinlosigkeit, lockere Sitten und den Hang zur kritiklosen Verehrung alles Neumodischen – all das wollten sich die Mitglieder des 1953 gegründeten Jazz Clubs nun wirklich nicht nachsagen lassen. Drei Jahre später, nach vielen engagierten Vorträgen, fand im Stadttheater, dem Museentempel der Bürgerlichen mitten im Herzen der Stadt, begleitet vom Argwohn der Spießer, das erste öffentliche Jazzkonzert des Clubs statt. Immerhin, ganz so stark waren die Berührungsängste nicht überall; im Programmheft prangten neben den Fotografien korrekt gekleideter Jazzmusiker Werbeanzeigen für die Errungenschaften des Wirtschaftswunders: Statt ruchlosem Laster gab es eine anspruchsvolle musikalische Ausdrucksform, die der Jazz Club schon drei Jahre früher in eine Clubsatzung hatte schreiben lassen: Man wollte „den Geist des echten, unverfälschten Jazz pflegen“. Jazz sollte auf eine Stufe mit der Klassik gestellt werden, abgelehnt wurden von Beginn an „betont kommerzielle und rein arrangierte Tanzmusik“.

Natürlich gab es auch Täler, die seit 1953 durchschritten werden mussten. Etwa Ende der sechziger Jahre, als man nach internen Vereinsquerelen organisatorisch am Boden ist und die Pleite gerade mal so abgewendet hat, als eine neue Mannschaft den Jazz Club neu aufbaute, da half Harry Palaitis mit seiner „Old Harry‘s Jazzband“: Eine Gruppe kongenialer Musiker, die lange Zeit ohne Gage im Club vor einem immer größer werdenden Publikum spielt und so zum Rückgrat, zur Stütze des Wiederaufschwungs wird. Ein echter Höhepunkt ist 1982 in der Vereinsgeschichte: Die „Jazz Summer Night“ wird aus der Taufe gehoben – ein jährlich stattfindendes Open-Air-Festival mit freiem Eintritt. Es ist heute ein Erfolg: Jahr für Jahr kommen bis zu 10 000 Gäste.

30 bis 40 Stunden kostet ihn das ehrenamtliche Engagement, sagt Vereinsvorsitzender Rickert. Na ja, denkt man, eine Stunde am Tag, das geht ja noch, dann schiebt der Mindener die Pointe nach: „Pro Woche.“ Natürlich hilft seine Selbstständigkeit, aber noch besser passt, dass er ein Konzertbüro besitzt, da sind die Grenzen zwischen Beruf und Engagement bisweilen fließend.

Das Programm ist ebenso anspruchsvoll wie dicht: Ein bis zwei Jazztermine gibt es pro Woche; eine Jazz Session an jedem dritten Freitag im Monat; wenn es wirklich voll ist, also meistens, passen über 250 Besucher in den alten Brauereikeller, der seit 1987 moderne Elemente mit historischer Bausubstanz verbindet und einfach nur eins abstrahlt: Klasse. Eleganz. Und das alles auf vier verschiedenen Ebenen.

Recht pfiffig sind die Verträge, die Rickert und seine Mannen den Musiker vorzulegen pflegen: Zwei Sets müssen gespielt werden, richtig lang müssen beide sein, jeweils mindestens 60 Minuten. Denn das bindet die Zuhörer den ganzen Abend an den Club und lässt sie nicht nach zwei Konzertstunden fragen: Wohin gehen wir jetzt? Davon profitiert auch die Stadt, denn viele Jazzfreunde bleiben über Nacht. Nicht nur, aber vor allem wenn die ganz großen Namen auftreten, kommen die Zuhörer aus der ganzen Bundesrepublik. Die lokale Zuhörerschaft, sagt Rickert, die ist nicht unbedingt ausschlaggebend. Und klar, manchmal haben sie auch daneben gelegen, haben die falschen Leute engagiert, aber mit den Jahren wurde es weniger. Richtig bitter war dagegen 1988 das erste Jazz Open zum 1200. Geburtstag der Stadt: Steve Winwood und Al Jarreau bewiesen zwar ihre Klasse, aber der Wettergott machte einen fetten Strich durch die Rechnung. An dem anschließenden Rekord-Defizit hatte der Verein lange Jahre zu schlucken, kurzzeitig drohte erneut die Pleite, ehe zahlreiche Spenden und Bürgschaften das drohende Aus abwendeten.

Lachen muss Rickert bei der Frage, ob unter den Topstars auch echte Zicken sind. Nein, sagt er, nur Diana Krall, die kanadische Jazzpianistin und Sängerin, war ein bisschen, Rickert sucht nach dem richtigen Wort und findet: anstrengend. Aber vielleicht liegt es ja im Jazz selbst, dass seine Liebhaber das Leben und die Musik etwas entspannter und ruhiger angehen, vermutet er mal. Sicher ist dagegen, dass der Jazz Erlebnisse schafft, die man nicht vergisst, schöne und aufregende Momente: „Die begleiten einen das ganze Leben, die nimmt man mit ins Grab.“

Man möchte sie natürlich weitergeben, diese Momente, daher gibt es eine Kooperation mit dem Ratsgymnasium, das für sich selbst einen Schwerpunkt im Bereich der musisch-ästhetischen Erziehung setzt. Daher dürfen die Schüler des Leistungskurses gerne beim Soundcheck zusehen, wenn abends Konzert ist, oder es wird über Workshops kooperiert. „So nehmen wir sie an die Hand und führen sie zur Musik“, sagt Rickert, und wenn er das sagt, klingt das völlig uneitel, völlig selbstverständlich, so machen wir das, das ist ja schließlich auch unsere Zukunft.

Die 30. Jazz Summer Night beginnt am Samstag, 9. Juli, um 18 Uhr auf dem Marktplatz Minden, der Eintritt ist frei. Spielen werden die RatsBigBand, Mo` Blow feat. Torsten Goods & Nils Wülker, die Northern Soul Nights feat. Leroy Emmanuel`s LMT Connection, Melvin Davis & Joel Parisien und eben die Klassiker von Blood, Sweat & Tears.



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