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Twitter: 140 Zeichen, die die Welt bewegen

„Was machst du gerade?“ Wer das seiner Umwelt mitteilen will, twittert. Aber nicht nur Blogger in Zeitnot benutzen den Kurznachrichtendienst. Auch Zeitungen und Zeitschriften nutzen das soziale Netzwerk. Twitter ist mehr als nur eine Plattform, auf der man mit anderen kommunizieren und stets in Kontakt bleiben kann. Aus dem „seichten Plauderkanal“ ist ein eigenes Medium geworden, vor dem sich auch Regierungen fürchten.

veröffentlicht am 25.03.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:50 Uhr

Tomas Krause

Autor

Projektleiter digitale Transformation / Schwerpunkt Redaktion zur Autorenseite

Als Anfang Februar die ägyptische Metropole Kairo von den Massenprotesten gegen das Regime des Präsidenten Husni Mubarak erschüttert wurde, stammten viele Nachrichten aus einem neuen Informationsmedium, das bis dahin nur wenige kannten: Twitter. Schneller als die klassischen Medien wie Fernsehen, Radio oder Zeitung gelangten kurze Augenzeugenberichte an die Öffentlichkeit. „Auf dem Al-Tahrir-Platz sind Schüsse gefallen“, meldet ein Twitter-User am 2. Februar um 20.25 Uhr Ortszeit.

Auch einige Nachrichtendienste verfolgen solche Meldungen aufmerksam, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Tagtäglich verschicken Demonstranten Hunderte Kurznachrichten und Fotos aus Kairo, Suez und Alexandria. Für ein paar Tage dreht das Regime Mubarak dem Internet daher den Saft ab und blockiert den Zugang zum Kurzmitteilungsdienst Twitter. Offenbar will man nicht, dass Bilder und Meldungen die Weltöffentlichkeit erreichen.

Die Schnelligkeit, mit der sich Nachrichten durch soziale Netzwerke verbreiten, haben nicht nur Aktivisten und Blogger erkannt.

Das Tempo von Twitter (was im Englischen so viel wie „Gezwitscher“ oder „Geschnatter“ heißt) ist möglich durch die Eingabegeräte. Die Nachrichten, die mit 140 Zeichen noch kürzer als eine SMS sind, können vom Handy oder Computer versendet werden. Solche Text-Häppchen nennt man Tweets. Die Nutzer, die sogenannten Follower, verfolgen die Meldungen auf ihrer Twitter-Website oder bekommen sie automatisch auf ihr Handy geschickt. Twitter funktioniert wie ein Abosystem. Wer sich für die Meldungen eines anderen Twitterers interessiert, kann diese abonnieren. Nutzer, die besonders interessante Inhalte veröffentlichen, können in kurzer Zeit viele Abonnenten gewinnen.

Die meisten Follower – neun Millionen – hat allerdings ein Popstar: Lady Gaga. Teenie-Idol Justin Bieber kommt auf 8,1 Millionen Follower, US-Präsident Barack Obama liegt mit sieben Millionen auf Platz vier.

In dieser Woche feierte Twitter seinen fünften Geburtstag. Anfangs als „Klowand des Internets“ geschmäht, hat sich Twitter in jüngster Zeit zum wichtigen Informationsinstrument gemausert. Seit zwei Jahren gewinnt der Kurznachrichtendienst deutlich an Popularität und Bedeutung – auch als ernst zu nehmendes Medium. Eine Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LFM) bestätigt: Kaum eine (Online-)Redaktion verzichtet noch auf den Einsatz des Kurznachrichtenkanals. Selbst die NASA und viele Politiker (jenseits des „großen Teichs“ und auch hier) haben ein Profil. Denn im Vergleich mit anderen „Social-Web“-Diensten wird Twitter sogar häufiger genutzt als Webblogs, Facebook, YouTube und ähnliche Dienste, belegt die Erhebung.

Insgesamt sollen das in Deutschland laut dem Institut für Demoskopie Allensbach rund 2,5 Millionen Nutzer zwischen 14 und 64 Jahren sein. Der durchschnittliche Twitterer ist 32 Jahre alt, männlich, hat Abitur und ist in der Medien- oder Marketingbranche tätig.

Wer den Kurznachrichtendienst in 140 Zeichen häufig nutzt, der weiß: Seine wirkliche Stärke entwickelt Twitter als schneller Informationskanal bei überraschenden Ereignissen wie Unfällen, Katastrophen und großen Sportveranstaltungen. Als die Nachrichtenagenturen die ersten Meldungen über das verheerende Erdbeben in Japan schickten, gingen die Nachrichten auch sofort über Twitter raus.

Wie in fast allen Medienbereichen, wird auch das Zeitungmachen immer schneller und schafft sich mehrere Kanäle. Redakteure werden mehr und mehr mobil. Noch am Einsatzort twittern sie die ersten Rechercheergebnisse per Handy. So bleiben die Nutzer ständig über den aktuellen Stand der Ereignisse im Bild. Auch bei den anstehenden Kommunalwahlen im September kann Twitter seine Stärke beweisen. Ohne Zeitverzögerung ist es möglich, aus den verschiedenen Wahllokalen zu berichten und erste Hochrechnungs-Ergebnisse mitzuteilen.

Schreiben, Bloggen, Twittern – ist das die Zukunft der Zeitung? Eingefleischte Branchen-Kenner wie der Verleger Hubert Burda sagen „ja“, denn Medien und Journalismus müssten sich auf eine beschleunigte Digitalisierung einstellen. Die Verleger hätten ihr einstiges Monopol der Veröffentlichung eingebüßt, sagte Burda. Zwar gebe es immer noch viele, die in gedruckten Zeitungen blätterten, die junge Generation wachse aber mit neuen elektronischen Geräten auf und sei es gewohnt, diese auch für ihren Medienkonsum zu nutzen. Das traditionelle Mediengeschäft werde vom Geschäft mit den neuen Medien überholt.

Ist das der Abgesang auf die Zeitung? Nein, einen Grund, das gedruckte Wort in die ewigen Jagdgründe zu verabschieden, gibt es nicht. Soziale Medien können und wollen den klassischen Journalismus nicht ersetzen.

Vielmehr entdecken Zeitungen den Microblogging-Dienst Twitter als ergänzendes Kommunikationsinstrument, weniger als ein Konkurrenzmedium. Denn Twitter liefert nur „rohes Fleisch“, die Plattform ist keine organisierte Agentur.

„Wir müssen da sein, wo die Leute uns haben wollen, und das ist auch das Zeitungspapier“, sagte Arthur Sulzenberger, Vorstandschef der New York Times, zum Auftakt der Medien- und Internet-Konferenz in München Anfang dieses Jahres.

Die Mitwirkung Sozialer Netzwerke würde zwar immer größere Bedeutung im „Gesamtgeschäft der Zeitung“ bekommen, Qualitätsjournalismus werde aber auch künftig eine entscheidende Rolle spielen, um Lüge und Wahrheit auseinanderzuhalten. Das gilt für überregionale Zeitungen ebenso wie für lokale Tageszeitungen.

Sulzenberger spielt damit auch auf einen großen Nachteil von Twitter und Co. an: Weil die Nachrichten von Privatpersonen versendet werden, ist es weder möglich, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen, noch die Person oder die Ortsangabe zu verifizieren. Aber Journalisten werden seit jeher mit ungeprüften Informationen überschüttet. Wer käme da auf die Idee, deshalb die technischen Vertriebswege selbst, etwa Telefon oder E-Mail infrage zu stellen? Es ist das täglich Brot eines jeden Journalisten, vor Veröffentlichung Nachrichten und Meldungen zu prüfen und zu hinterfragen

Und dann gibt es noch einen Vorwurf gegen das neue Medium, der viele davon abhält, den Kurznachrichtendienst zu nutzen: Twitter würde nur Banalitäten transportieren. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Einwand nicht, aber es sind die feinen Unterschiede, auf die es ankommt. Wer twittert, was es heute zu Mittag gab, will allenfalls Freunde und Bekannte daran teilhaben lassen. Der Demonstrant, der über die Ereignisse auf dem Al-Tharir-Platz schreibt, hat eine ganz andere Absicht.

Auf Sicht wird sich auch im Netz Qualität gegen Quantität durchsetzen. Wer in Zukunft erfolgreich kommunizieren will, kommt am Internet nicht vorbei – genauer gesagt am „Social Web“, prognostiziert die Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen.

Für die Zeitung und den Leser ist Twitter ein Glücksfall: Die Redaktion hat ein neues Rechercheinstrument, der Leser ist immer auf dem neuesten Stand, was um ihn herum passiert.

Zur Sache:

Twitterer: So heißt der Autor einer Kurznachricht bei Twitter.

Tweet: Eine Kurznachricht in 140 Zeichen. Diese kann vom Computer oder Handy verschickt werden. Sie wird allen Nutzern, die dem Absender „folgen“, angezeigt.

Follower: Twitterer, der die Beiträge eines anderen Nutzers abonniert hat. Ihre Häufigkeit gibt an, wie beliebt ein Twitter-Mitglied ist.

Retweet: Man spricht von einem Retweet, wenn ein Twitterer den Beitrag eines anderen Twitterers wörtlich wiederholt; gekennzeichnet mit dem Zusatz „RT“.

Hashtags: Schlagwörter, die mit einem Doppelkreuz „#“ markiert und in einen Tweet eingefügt werden (etwa: #Japan oder #Knut). Kommen solche Hashtags besonders häufig vor, werden sie von Twitter auf der Startseite in einer Trendliste angezeigt.

Timeline: Das ist die persönliche Startseite bei Twitter, auf der chronologisch alle Nachrichten der Nutzer aufgeführt werden, denen man folgt.



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