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„Tupperkulose“ ist keine Krankheit…

Neue Ersatzklingen, der Oldie-Chef kann bleiben. Und wenn doch das Nachfolgemodell her sollte – wie auch immer, so schnell kommt frau von dem Tupper-Teil nicht los. Nicht nur, dass ein neuer, mit einer Dreier-Klinge ausgestatteter „Quick-Chef“ für 57 Euro zu kaufen ist. Auch der gute alte Vorgänger lässt sich wieder schön scharfmachen: „Umrüsten ist möglich“, sagt Yvonne Passenheim und kurbelt los. Nicht ohne dabei die Leichtigkeit der Handhabung dieser Küchenhilfe zu demonstrieren. Ein paarmal lässt die Tupper-Beraterin den Griff des feuerroten Wunderwerkes schwungvoll rotieren, welches im blitzschnellen Schnippeln und – „wegen des tollen Schlageinsatzes“ – auch in Sachen Vermengen den Wow-Effekt unter den Tupperparty-Gästen auslöst. Yvonne Passenheim öffnet den „Quick-Chef“ und zeigt das dufte Ergebnis: einen Dip aus frischem Gemüse und Kräutern. „Und die Frühlingszwiebeln werden durch das Schneiden nicht fasrig“, macht sie den Mund wässrig. Und ja, man solle nur selber kosten!

veröffentlicht am 31.05.2012 um 00:00 Uhr

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So läuft es heutzutage auf den Tupperpartys: Anders als zu den Zeiten ihrer Mütter, so die Strategie des modernen Tupperware-Heimvorführsystems, soll die Frau von heute nicht nur die Produkte mit Augen und Händen unter die Lupe nehmen. Sondern es soll eben auch gekocht, gerührt, geschüttelt und gebacken und letztlich probiert werden, was sich kulinarisch aus dem Kunststoffdeckel zaubern lässt.

Im Wohnzimmer von Gastgeberin Sabine Poppe aus Hastenbeck herrscht gute Laune, bei Sekt und Knabberzeug wird gelacht und geplaudert, und während der „Quick-Chef“ weiter mühelos Paprika und Lauch klein macht, die Beraterin neue Produkte vorstellt, wird aus der Damenrunde auch schon die nächste Gastgeberin für eine weitere Party erkoren… „Was den Männern der Stammtisch, ist uns die Tupperparty“, vergleicht Tupper-Fan Liane Kühn. Rezepte und nützliche Küchentipps gibt es zum knusprigen Ciabatta-Brot – selbstverständlich in der „Ultra“ gebacken – an diesem Abend gratis dazu. Das alles hätte man nicht, würde man einfach in ein Geschäft marschieren und mit der Ware vom Regal zur Kasse gehen, heißt es einstimmig. Schlichtweg langweilig wäre es – und man möchte hinzufügen: entsprechend lau möglicherweise auch die Verkaufserfolge. Es wundert nicht, wenn in dieser lustigen Atmosphäre des Stuben-Shoppings der kritische Blick im Allgemeinen und der ins Portemonnaie insbesondere mal ausfallen würde. Unter dem Einfluss einer guten Präsentation durch die Beraterin steigt offenbar das Interesse für die Kunststoffartikel – und die Kaufbereitschaft erst recht. „Wir werden im Umgang mit den Kunden speziell geschult, das ist richtig“, erläutert Yvonne Passenheim. Aber eine Tupperparty sei keine Butterfahrt, wo Kaufzwang herrsche. „Jeder Gast entscheidet selbst, ob er etwas kauft oder nicht. Und, obwohl ich dieses Extrem persönlich noch nie erlebt habe: Wenn der Abend mit null Euro Umsatz endet, dann ist das ist es eben so.“ Im Übrigen sei sie keine Verkäuferin, sondern eine Beraterin. Ein Argument, Tupperpartys zu besuchen: Es locken die Präsente. Für die Gastgeberin gibt es ein nach Umsatz gestaffeltes Verabredungsgeschenk, für die Gäste einen kleinen Willkommensgruß aus Kunststoff. Erreicht der Umsatz 400 Euro, darf Sabine Poppe die begehrte Thermo-Kanne ihr Eigen nennen. „Ich kaufe nur, was mich wirklich überzeugt“, sagt Liane Kühn, gibt aber gleichzeitig zu, Tupper in Massen zu besitzen, „und es ist auch viel unnützes Zeug dabei“.

Vielleicht richte es Tupper ja mal ein, dass man es gegen etwas Sinnvolles umtauschen könne? Rein rational ist das Phänomen Tupper wohl nicht zu beschreiben. „Es ist vielleicht wie eine Sucht, man muss es haben.“ Für allerlei rund ums Kochen, Backen und Bewahren gibt es tausend Töpfchen mit passenden Deckelchen, alles nicht mehr in verwaschenen Farben wie in den Anfängen, sondern quietschbunt. Und mit Namen, die anziehend klingen. Die Produkte entwickeln sich stetig weiter, gehen mit der Zeit, werden perfektioniert, erläutert Yvonne Passenheim und hat Beispiele parat.

Die „Hitparade“, stapelbare Aufbewahrungsdöschen, der „Wichtel“, der Soße vom Salat trennt und Letzteren vor dem Matschigwerden bewahrt, die „Prima-Klima-Dose“, die für Frische sorgt, die kleine „Ergonomica“, die sich ganz easy per Daumendruck öffnen lässt. Die Damen sind aus dem Häuschen. Schließlich sind sie ja nicht nur dieser schnellen Schneide-Schüssel schon jahrelang dicken Dank schuldig. Mit Tupper werde so manche mühselige Tätigkeit im Handumdrehen zum zeit- und arbeitssparenden Vergnügen. Das lasse man sich doch gerne etwas kosten. „Tupper ist teuer, aber das Zeug ist einfach saugut. Und es hält, was es verspricht“, sagt Liane Kühn. Tupperware kennt die 41-Jährige aus Mecklenburg-Vorpommern erst, seitdem sie vor 19 Jahren in den Westen kam. Nicht vorstellbar, eine Küche ohne Tupper! Indes: „Im Osten hatten wir kein Tupper und kamen auch gut aus“, sagt sie. „Was man nicht kennt, das vermisst man auch nicht.“

Andere hingegen sind mit den Kunststoff-Behältern groß geworden: „Tupper gehörte einfach immer dazu. Meine Mutter hatte Tupperdosen; als ich meinen ersten eigenen Haushalt gründete, gab sie mir welche mit und dann legte ich mir im Laufe der Zeit halt auch selber welche zu“, sagt Martina Eickstädt. Tupperware begeistert Generationen, vor allem Frauen sind verrückt nach dem nicht gerade preisgünstigen Kunststoffkram, von dem sie meinen, er habe etwas, was herkömmliche „08/15-Dosen“ nicht haben. „Die Produkte sind praktisch. Man kann sie vielseitig einsetzen. Neulich habe ich das Wasser für das Wald-Grab in einer Tupperflasche transportiert“, erzählt Martina Eickstädt. In diesem Fall weniger der Haltbarkeit und der Frische wegen, versteht sich. „Wenn man einen guten Behälter braucht, egal wofür, dann muss halt Tupper her.“ Supergut geeignet seien die bunten Dosen, Becher und Schüsseln übrigens auch für das sehr beliebte Spiel „Aus-dem-Schrank-und-wieder-in-den Schrank-packen“ – weil Kind und Küchengeräte dabei heil bleiben.

Auch wenn an diesem Abend gleich zwei defekte Artikel umgetauscht werden, in puncto Qualität sei Tupperware unschlagbar, sind sich die Frauen einig. „Tupper ist Kult“, beschreiben sie das Faszinosum, das vor 50 Jahren von Amerika aus Einzug in Deutschland hielt und seitdem seinen festen Platz in deutschen Küchen gefunden hat. Erfunden hat die stapelbaren Kunststoffbehälter der Chemiker Earl Silas Tupper, der 1944 die Firma Tupper Plastic Company gründete. Eine der vielen simplen Formeln, auf die das Phänomen Tupper gebracht werden könnte: Ausgeklügelt, funktionell, langlebig. Besser als billig und oft kaufen, lieber einmal teuer und gut – dann hat man mehr davon, weil’s am Ende günstiger kommt, findet Anke Quezada.

Tupperware verschenkt sie sogar bei Besuchen in Chile. Nicht zu vergessen: „Man hat 30 Jahre Garantie, wenn trotz sachgerechten Gebrauchs doch mal etwas kaputtgehen sollte“, ruft Yvonne Passenheim in Erinnerung. Und von wegen Plastikmüll und Umweltbelastung: Es werde sogar weniger produziert, weil die Artikel doch ewig halten, glaubt Anke Quezada. Viele würden sich beispielsweise beim Metzger den Aufschnitt direkt in die Tupper-Frischhaltedose packen lassen, anstatt sie in Plastik-Wegwerf-Folie zu kaufen. Aber zugegeben: All die Tuppertanten und den ganzen Dosen-Hype würde man schon belächeln, sagt Liane Kühn. Hält dann aber dagegen, dass oftmals selbst jene, die gern lästern, übersichtlich geordnet mit Mehl und Zucker gefüllte Tupperdöschen besitzen.

Nicht nur, dass Tupper freiwillig vererbt wird: „Meine Tupper haben manchmal Beine.“ Wenn sie jemandem etwas in Tupper verpackt mitgebe, käme der Behälter selten wieder zurück... Ja, Tupper sei begehrt, jeder wolle es haben. Welche Gründe auch immer diese „Tupperkulose“ auslösen, Argumente scheint es jedenfalls immer welche zu geben, denn laut einer GfK-Studie kennen nicht nur über 90 Prozent der Deutschen die Marke Tupperware: In vier von fünf Haushalten kommt mindestens ein Produkt zum Einsatz. 2,7 Millionen Beraterinnen verbreiten in fast 100 Ländern auf allen fünf Kontinenten in mehreren Direktvertrieben die Kunststoffprodukte aus dem Hause Tupperware.

Das Unternehmen Tupperware Brands Corporation erzielte nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,58 Milliarden US-Dollar. Hiervon wurden 848,9 Millionen US-Dollar in den europäischen Märkten erwirtschaftet. „Tupper ist kein Larifari-Laden, sondern ein Weltunternehmen, dessen Qualitätsprodukte sich auf dem deutschen Markt seit nunmehr 50 Jahren behaupten“, wirbt Yvonne Passenheim. Für sie selbst lohne sich der Berater-Job: 24 Prozent des Vorführumsatzes gehen an die Beraterin. Wie hoch dabei Umsatzdruck und der zeitliche Aufwand seien? „Das hängt davon ab, wie gut die Beraterin ihren Job organisiert.“ Passenheim, hauptberuflich im Hotelfachgewerbe tätig und seit fast neun Jahren nebenberufliche Tupperberaterin, hat es offensichtlich drauf: „100 Euro für rund zwei Stunden Arbeitseinsatz – das ist doch ein gutes Einkommen, oder?“ Gut geht es auch für die Gastgeberin Sabine Poppe aus: 400 Euro Umsatz werden erreicht – und der „Thermo-Wächter“ gehört ihr.

Nein, Kaufzwang herrscht natürlich nicht. Aber hinter der Methode „Tupperparty“ steckt System. Heute wie einst. Während sich schon die Mütter-Generation durch die besondere Heimvorführung bezirzen ließ, wird heute sogar verkostet. Bio- und Ökobewegung konnten nicht verhindern, dass heute wie einst Frauen in Scharen den nicht gerade günstigen Plastiktöpfen erliegen.

„Tupper gehörte einfach immer dazu“



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