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Trotz Demenz am Miteinander teilhaben

Demenz und Alzheimer sind Krankheiten, die das Leben verändern – allein weil sie in unserer Gesellschaft oft dazu führen, dass Menschen kaum mehr am Alltag teilhaben. Gudrun Pomplun von der Selbsthilfegruppe für Alzheimer-Erkrankte kämpft dagegen an. Hier der vierte Teil unserer Serie zum Thema „Leben im Alter“.

veröffentlicht am 05.07.2011 um 00:00 Uhr

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Altersschwach zu werden und die körperlichen Kräfte schwinden zu sehen, ist gewiss keine leichte Sache. Die wohl größte Angst aber haben ältere Menschen davor, dass sie nicht mehr Herr ihrer geistigen Kräfte sein könnten. Diese Sorge ist berechtigt. Etwa 1,3 Millionen Menschen in Deutschland sind von Krankheiten wie Alzheimer und allgemeiner Demenz betroffen. Fast jeder Vierte, der über 80 Jahre alt wird, muss damit rechnen, an einer solchen Geistesverwirrtheit zu erkranken. Die Anzeichen dafür zeigen sich meistens schon viel früher.

Gudrun Pomplun von der Schaumburger Selbsthilfegruppe für Alzheimer-Erkrankte und ihre Angehörigen vertritt ein großes Anliegen: dass Menschen mit Demenz nicht aus dem sozialen Miteinander ausgeschlossen werden.

Nach einer umfangreichen Ausbildung als Alltagsbegleiterin für demenzkranke Menschen übernahm sie die Organisation der Selbsthilfegruppe, die einen Treffpunkt im Stadthäger Mehrgenerationenhaus in der „Alten Polizei“ besitzt, und arbeitet außerdem im Kreisaltenzentrum, im Wohnbereich für die dementen Senioren.

„Die Demenz, sie wird meistens beschreiben als ein unaufhaltsames Auslöschen der Persönlichkeit“, sagt Gudrun Pomplun von der Schaumburger Selbsthilfegruppe für Alzheimer-Erkrankte: „Wir stellen uns dagegen.“

„Ich wünschte mir eines“, sagt sie, „nämlich dass bei uns möglich wäre, was in Schottland schon der Fall ist.“ Dort besitzen demenzkranke Menschen ein kleines Scheckkärtchen, das sie immer dann vorzeigen, wenn sie in einer Alltagssituation nicht mehr weiterwissen. Auf der Karte steht: „Ich habe Demenz – bitte helfen Sie mir!“ Dahinter steht die Idee, dass geistesverwirrte Menschen sich in die Welt hinaus wagen dürfen sollen, ohne dort auf bloßes Unverständnis zu stoßen.

„Bei uns werden Alzheimerkranke ähnlich wahrgenommen, wie es vor wenigen Jahrzehnten insgesamt noch mit behinderten Menschen der Fall war – als die ganz anderen“, so Pomplun. „Die Scham in Bezug auf diese Krankheit ist auf allen Seiten so groß, dass es oft viel zu lange dauert, bis sich Betroffene und Angehörige Rat und Unterstützung suchen. Es werden so viele fantasievolle Masken erfunden, um zu verschleiern, dass es nun mal Alzheimer oder Altersdemenz ist, und nicht nur eine vorübergehende Schwäche. Dabei handelt es sich doch um eine Krankheit, nicht um eine Bestrafung für ein Vergehen.“

Eine Bestrafung – viele Menschen sehen diese Erkrankung allerdings genau in diesem Sinne. Gudrun Pomplun und ihre Kolleginnen in der Beratungsstelle des Schaumburger Fachdienstes für Altenpflege Stadthagen wissen das nur zu gut.

„Das geht niemanden was an, das muss in der Familie bleiben“, diese Grundhaltung prägt bei den meisten den Umgang mit der Demenz – bis zu dem Zeitpunkt, wo alle Beteiligten am Ende ihrer Kräfte angekommen sind und es scheinbar nur noch eine Lösung gibt: Den alten Menschen in einem Heim unterzubringen in einer Phase, wo er auf oft tragische Weise gar nicht mehr begreift, was nun mit ihm geschieht.

„Die Demenz, sie wird meistens beschreiben als ein unaufhaltsames Auslöschen der Persönlichkeit“, sagt die Alltagsbegleiterin. „Wir aber stellen uns dagegen: Nein! So ist es nicht! So soll und darf man es nicht sehen!“

Dabei ist unbestreitbar, dass die Leistungsfähigkeit des Gehirns auf eine dramatische Weise nachlässt. Wo zunächst nur eine gewisse Tüdeligkeit auffällt, die man oft nachsichtig belächelt, nimmt die Vergesslichkeit immer mehr zu, neue Situationen können nicht mehr angemessen erfasst werden, die sprachliche Ausdrucksfähigkeit geht verloren und schließlich fällt es den Erkrankten schwer, selbst nahe Freunde und Verwandte zu erkennen.

Was eine Hose ist und wozu sie gut sein soll, warum dieses Brötchen da auf dem Teller liegt, oder dass man auf die Toilette gehen muss, statt einfach ins Bett zu machen – im mittleren und späten Stadium wissen Alzheimerkranke mit solchen Selbstverständlichkeiten oft wenig anzufangen. Nicht gerade leicht, dem etwas Positives abzugewinnen.

„Man darf die Krankheit nicht einfach unvorbereitet auf sich zukommen lassen“, so Pomplun. „Dann wird sie einen nämlich überrollen und zu diesem Fluch, der einen nur niederschmettern kann.“ Wer aber die ersten Anzeichen erkenne und sich ihnen mutig stelle – zum Beispiel auch durch einen Arztbesuch mit Tests, die die Wahrscheinlichkeit einer Demenz überprüfen – der habe die Chance, einen anderen Blick auf die Erkrankung zu werfen. Schon lange setzen sich Ärzte, Pflegedienste, Pflegeheimmitarbeiter, Berater und der Medizinische Dienst dezidiert mit der Altersdemenz auseinander und haben Konzepte entworfen, in denen es darum geht, die Persönlichkeit der Betroffenen weiterhin zu achten, statt sie als zerstört zu betrachten.

„Das Gedächtnis für die Fakten geht immer mehr verloren, daran kann kein Zweifel bestehen“, so Pomplun. „In der Fachliteratur aber spricht man vom sogenannten ,Leibgedächtnis‘. Es ist die Gefühlsebene, auf der man die Persönlichkeit des Kranken erreicht.“ Eins ihrer vielen Beispiele, die sie aus ihrer Arbeit im Kreiskrankenzentrum anbringt: Da bezeichnet ein alter Mensch eine Gabel als Kamm und es hat auch wenig Zweck, ihm nun zu erklären, was man mit Besteck und Geschirr anstellt. Deckt man aber in seiner Gegenwart und mit seiner Hilfe den Tisch schön ein, mit weißer Tischdecke und dem Goldrandgeschirr, steigen im Gedächtnis plötzlich Situationen wieder auf an Feste, das frühere Sonntagsessen und das Zusammensein in der Familie. Wie von selbst wird dem Erkrankten klar, dass man sich mit einer Gabel nicht die Haare kämmt, sondern damit isst.

Für Angehörige ist das Wissen um die Art, wie man Demenzkranke erreichen kann, eine große Erleichterung. Wie oft, so Pomplun, erzählen Betroffene von schrecklichen Streitigkeiten mit den Kranken. Diese entstehen vor allem dann, wenn rationale Erklärungsweisen, Nachfragen oder auch Vorwürfe auf die veränderte Wahrnehmung der alten Menschen treffen. „Es hat einfach keinen Sinn, nach dem Wer, Was, Wann, Wieso, Weshalb, Warum zu fragen“, erklärt sie. „Die dementen Menschen können solche Fragen nicht mehr beantworten, sie verzweifeln daran, genau so, wie die Angehörigen verzweifeln, wenn sie keine ,vernünftige‘ Reaktion erhalten.“

Man dürfe einen Dementen nicht zurechtweisen, ihn nicht mit Argumenten unter Druck setzen. Man solle vielmehr erspüren, was für Gefühle ihn jeweils bewegen. Will etwa eine alte Dame unbedingt das Haus verlassen, um „nach Hause“ zu gehen – obwohl sie doch bereits zu Hause ist – dann sei das oft ein Zeichen dafür, dass sie sich unglücklich und verloren fühle. Statt sie mit Gewalt zurückzuhalten, sei es dann besser, sie am Arm zu nehmen und sie auf das Gefühl anzusprechen. Nicht sagen: „Versteh doch, du kannst hier nicht weggehen.“ Sondern etwa: „Du hast bestimmt Heimweh nach deinem Mann, der war ja auch ein Guter.“

Deshalb sei es ja auch in Pflegeheimen und für die Pflegedienste so wichtig, möglichst viel über die Biografie der Senioren zu wissen.

„Wir alle, die mit demenzkranken Menschen arbeiten, wollen die Krankheit nicht verharmlosen“, sagt sie. „Ich gebe zu, dass ich nicht selten von Angehörigen höre: ,Ja Sie, Sie müssen das ja auch nicht den ganzen Tag aushalten!‘ Nein, ich will die Traurigkeit, die mit Demenz und Alzheimer verbunden ist, nicht wegdiskutieren.“ Sie sei aber, zusammen mit all den anderen Mitarbeitern in der Altenpflege, dafür da, Mut zu machen und die Angehörigen zu entlasten. „Gerade, weil man Hilfe von außen braucht, um sich nicht zu verfangen in den Herausforderungen der Krankheit, ist es unser Bestreben, auf all die vorhandenen Unterstützungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen.“

Eine erste Anlaufstelle für alle, die mit den Problemen von Alterserkrankungen zu tun haben, ist der Fachdienst Altenpflege in Stadthagen, der auch in den Städten des Landkreises seine Niederlassungen besitzt und kostenlos und neutral kompetente Beratungen anbietet. Die Angebote der Selbsthilfegruppe im Mehr-Generationenhaus. Dort werden Vorträge gehalten, Filme gezeigt, auch gemeinsame Ausflüge unternommen und Gesprächsrunden angeboten – sie sollen ebenfalls dazu beitragen, dass Alzheimer und Demenz kein Tabuthema sind. „Je mehr Wissen man über diese Erkrankungen hat, desto eher begreift man auch, dass man seinen Angehörigen trotz allem noch nahe sein kann.“

Pflegedienste, Alltagsbegleiter, Kurzzeitpflege, diese Hilfen sollte man unbedingt in Anspruch nehmen, wenn man sich dafür entscheidet, einen geliebten kranken Angehörigen zu Hause zu betreuen. Doch helfen einem die Beratungsstellen auch, persönliche Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren, dass ein Pflegeheim manchmal die beste Lösung sein kann.

„Nicht nur die alten Menschen, auch die jüngeren haben ein Recht darauf, ihr eigenes Leben zu leben“, so Gudrun Pomplun.

„Alleine und im Abseits ist die Chance, dass das gelingt, eher gering.“



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