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Wie viel Wertschätzung bringen wir Feiertagen noch entgegen?

Traditionen, Rituale, Bräuche: Mehr freier Tag als Feiertag?

Der Mai ist in diesem Jahr der König unter den Monaten – zumindest hinsichtlich der Anzahl gesetzlicher Feiertage. Ein regelrechter Feiertags-Marathon steht auf dem Programm der kommenden 31 Tage. Den Auftakt bildet direkt zum Monatsanfang der „Tag der Arbeit“ am 1. Mai. Schon zehn Tage hält der Kalender mit „Christi Himmelfahrt“ das nächste Fest parat, ehe das Pfingstwochenende am 20. und 21. Mai das Ende der Serie einläutet. In Nordrhein-Westfalen, Bayern und vier weiteren Bundesländern setzt gar „Fronleichnam“ am 31. Mai erst den Schlussakkord. Aber wie werden Feiertage begangen - und welche Rolle spielt der christliche Charakter mancher freien Tage?

veröffentlicht am 01.05.2018 um 07:30 Uhr
aktualisiert am 05.05.2018 um 13:31 Uhr

Hauptsache raus und mit Freunden chillen: Die Feiertage und besonders die Brückentage sind beliebt für Freizeitvergnügen. Foto: dpa

Autor:

Niklas Könner

Je nach Wohnort sind in Deutschland bis zu 14 gesetzliche Feiertage in diesem Kalenderjahr möglich. In Niedersachsen muss man sich mit der Mindestanzahl von neun Feiertagen begnügen, während im katholischen Bayern aus dem Vollen geschöpft wird. Doch selbst in Norddeutschland springen mit geschickter Urlaubsplanung an den Brückentagen so einige verlängerte Wochenenden heraus. Nur dass die Urlaubsplanungen bereits im Herbst gelaufen waren …

Viele Arbeitnehmer werden die Vielzahl der Maifeiertage mit Kusshand begrüßt haben. Ausschlafen, durch die Stadt bummeln oder gemütlich auf dem Sofa ein Buch lesen – die verlängerten Wochenenden oder gar Kurzurlaube sind für viele ein gern genommenes Geschenk. Oftmals werden auch kleinere Arbeiten im und am eigenen Haus vorgenommen oder der Garten auf Vordermann gebracht. Der Feiertag als solcher wird dabei oft gänzlich außer Acht gelassen.

Im Vordergrund steht vielmehr die Tatsache, dass ein Feiertag gleichbedeutend mit einem arbeitsfreien Tag ist. „Kirchliche Feste und Traditionen werden nicht mehr in gleicher Weise beachtet und gefeiert, wie das zu früheren Zeiten üblich war“, behauptet Dr. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover. Verschwinden Feiertage also immer mehr vom Radar der gesellschaftlichen Wahrnehmung?

Pastor Heiko Buitkamp kann diesen Trend in gewisser Weise bestätigen: „An kleineren Feiertagen wie Himmelfahrt oder Pfingsten wird es schwieriger, einen Gottesdienst zu veranstalten, da an diesen Tagen immer weniger Leute die Kirche aufsuchen.“ Das hänge sicherlich auch mit der frühen Uhrzeit zusammen. Viele würden eben den Feiertag zum Ausschlafen nutzen, gibt Buitkamp zu bedenken. Kernfeiertage wie Ostern und Weihnachten seien dagegen „Familientage, denen noch eine stärkere Wertschätzung entgegengebracht wird“, so Buitkamp weiter. Dies spiegele sich in der größeren Besuchermenge wider.

Kirchliche Feste werden nicht mehr gefeiert, wie das früher üblich war.

Dr. Thies Gundlach, Evangelische Kirche Deutschland

Der Grund dafür, dass Pfingsten oder Himmelfahrt den Stempel als Randfeiertage aufgedrückt bekommen, ist so einfach wie problematisch. Es falle vielen Menschen schlichtweg schwer, diesen Tagen einen tiefgründigeren Sinn zu verleihen, analysiert Buitkamp. Dass eine intensive Auseinandersetzung mit der Herkunft und Sinnhaftigkeit des Ehrentages fehle, bemängelt auch Professor Dr. Gunther Hirschfelder, Professor für vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg: „Der Pfingstmontag ist kaum mehr im Bewusstsein und die Sache mit den Feuerzungen ist der Mehrheit sowieso suspekt“, schreibt er in „Beste Grüße aus dem Kirchenjahr 2017“, einem Themenheft der EKD aus Hannover.

Vielen Menschen scheinen also die Hintergründe für den Anlass des Feiertages gar nicht mehr bekannt zu sein. Erzählungen wie die Weihnachtsgeschichte bieten dagegen einen Ansatz, sich über die Herkunft und Bedeutung des heiligen Tages Gedanken machen zu können. Entsprechend steigt auch die Wertschätzung demgegenüber.

Dieses Phänomen kann Pastor Buitkamp auch bei dem Kar- respektive Osterwochenende beobachten. Wenngleich in vielen Familien weltliche Sinngeber wie der Osterhase das Fest begleiten würden, habe die Einhaltung von Traditionen am Osterwochenende „immer noch einen sehr hohen Stellenwert“. Der Karfreitag als höchster kirchlicher Feiertag werde „als ruhiger und stiller Feiertag nach wie vor hoch angesehen“. Verhaltensweisen wie Tanzverbote oder der Verzicht auf Fleisch seien am Karfreitag „ein unverändert wichtiges Ritual für viele Leute“, sagt Buitkamp.

Den Kontrast dazu bilden die als „bedeutungsloser“ angesehenen kleinen Feiertage. Als optimales Anschauungsbeispiel dient dabei das Himmelfahrtswochenende. Eigentlich als kirchlicher Feiertag in die Liste der Ehrentage aufgenommen, wurde er im Volksmund Anfang des 20. Jahrhunderts zum sogenannten „Vatertag“ umgemünzt. Ursprünglich stammt dieser Brauch aus den USA, wo er 1910 als Pendant zum Muttertag eingeführt wurde. In Deutschland sieht der Ablauf heutzutage eine gemeinsame Wanderung zu Ausflugspunkten oder Gaststätten vor. Der übermäßige Alkoholkonsum hat sich dabei zu einem festen rituellen Bestandteil der Fußmärsche entwickelt. Statt Andacht und Amen also Bollerwagen und Bier.

An kleineren Feiertagen wie Himmelfahrt wird es schwieriger, einen Gottesdienst zu veranstalten.

Heiko Buitkamp, Pastor

Buitkamp sieht die Wandlung vom kirchlichen Ehren- zum allgemeinen Partytag jedoch gelassen: „Viele Kirchengemeinden nutzen den Tag doch auch für Outdoor-Veranstaltungen wie beispielsweise Waldgottesdienste“, wendet er ein. Allerdings verweist er darauf, dass eine sinnbildliche Übertragung von Himmelfahrt zum „Vatertag“ in Form der Auffahrt Jesu Christi zum Vater in den Himmel dann doch „sehr weit hergeholt“ sei.

Doch selbst wer keine Ahnung vom Sinn der Feiertage habe, weiß, „dass es eben nicht ganz normale Werktage sind“, sagt EKD-Vizepräsident Gundlach. Selbst wenn sich der Umgang mit Feiertagen gewandelt habe, seien sie fortwährend „kultureller Reichtum, die auch im weltlichen Gewand prägende Kräfte besitzen“, führt Gundlach aus. Heißt: Wer Himmelfahrt gemeinsam mit Freunden bei einer Wandertour zelebriert, bringt dem Feiertag genauso Wertschätzung entgegen – eben mehr in weltlicher und weniger in kirchlicher Form. Ungeachtet dessen dürfe der kirchliche Ursprung von Feiertagen nicht aus den Köpfen der Menschen verschwinden. Insofern müsse man „Strategien entwickeln, die das aktive Bewusstsein für den Feiertag stärken“, schlägt Buitkamp vor. Seine Idee: „Grundsätzlich könnten alle kleineren Feiertage als reine arbeitsfreie Wochentage anerkannt werden.“ Die kirchlichen Feierlichkeiten würden dann einfach am darauffolgenden Sonntag im wöchentlichen Gottesdienst nachgeholt werden. Diesen Vorschlag habe immerhin schon der Reformator Johannes Calvin im Spätmittelalter unterbreitet. Der ersichtliche Vorteil sei, „dass jeder den Tag guten Gewissens zu eigenen Zwecken nutzen könnte“, ist Buitkamp überzeugt. Denn über einen arbeitsfreien Tag freue sich doch schließlich jeder. „Auch ein Pastor genießt freie Tage“, gibt er schmunzelnd zu.



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