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Falsche Piloten, Priester und Psychologen – der Fall am Hamelner Sana-Klinikum hat viele „Vorbilder“

Top 10 der Hochstapler

Mehr Schein als Sein, einmal in eine andere Rolle schlüpfen, auch ohne Studium und Lernaufwand als Arzt praktizieren? Das scheint unvorstellbar. Nur die Wenigsten riskieren es, solche Traumvorstellungen wahr werden zu lassen: Hochstapler.

veröffentlicht am 17.07.2015 um 16:38 Uhr
aktualisiert am 30.07.2015 um 19:45 Uhr

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Stefan B. soll einmal als Diakon gearbeitet haben. Was ihn dazu veranlasst hat, seinen Namen mit dem akademischen Titel Diplom-Psychologe zu schmücken und sich als „Psychologischer Psychotherapeut“ zu versuchen, ist derzeit noch unklar. Vermutlich fühlte er sich zu Höherem berufen. Vielleicht wollte er auch nur mehr Geld verdienen. Der 47-Jährige muss seine Rolle gut gespielt haben. Jahrelang ging alles gut. Im Februar ist er allerdings aufgeflogen. Vor wenigen Tagen hat er sich in psychiatrische Behandlung begeben – wenige Stunden, bevor der Gerichtsprozess gegen ihn eröffnet wurde. Der Mann soll ein schauspielerisches Talent haben. Ansonsten wäre es ihm wohl auch nicht gelungen, so viele Menschen zu täuschen. Stefan B. soll sogar das Sana-Klinikum in Hameln genarrt, mit dem Krankenhaus einen Kooperationsvertrag geschlossen und als externer „Fachmann“ 179 Patienten untersucht oder begutachtet haben. Der mutmaßliche Hochstapler soll neben seiner Gutachter-Tätigkeit auch eine Praxis für Psychotherapie betrieben und in 20 Fällen Patienten psychologisch weiterbehandelt haben. Sogar Ausbildungskurse habe er angeboten, heißt es. Als Teilnehmer jedoch merkten, dass ihre neu erworbene Qualifikation nichts wert ist, zeigten sie den Mann an. Das Gericht, die sich derzeit mit dem Fall beschäftigen muss, hat jüngst veranlasst, dass der angebliche „Psychologische Psychotherapeut“ von einem echten Spezialisten untersucht wird. Das Gericht will wissen, ob Stefan B. verhandlungsfähig ist oder nicht. Neben dem Hamelner Hochstaplerfall haben wir im Folgenden zehn der bekanntesten Hochstapler-Fälle aus dem Archiv gekramt:

Friedrich Wilhelm Voigt: Viel besser bekannt unter dem Namen „Der Hauptmann von Köpenick“. Als gelernter Schuhmacher verkleidete er sich am 16. Oktober 1906 als Hauptmann, unterstellte eine Schar von Soldaten seinem Kommando und besetzte mit ihnen das Rathaus von Köpenick. Er verhaftete den Bürgermeister und raubte die Stadtkasse mit einem Barbestand von 3557,45 Goldmark. Ganz Deutschland lachte darüber.

Gert Postel: Als Hauptschulabsolvent und gelernter Postbote wurde er in mehreren deutschen Krankenhäusern als Arzt angestellt. Er war sogar leitender Oberarzt in einem psychiatrischen Krankenhaus bei Leipzig. Der Hochstapler schaffte es dann auch noch 1991 zu einer Privataudienz beim damaligen Papst Johannes Paul II. 1999 wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt, im Jahr 2001 vorzeitig entlassen. Er hat ein Buch („Doktorspiele“) verfasst, seine Geschichte wurde verfilmt und es gibt eine eigene Fan-Website.

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Gert Postel

Felix Krull: Titelheld des Romans „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann. Felix Krull spielt immer die Rolle, welche die Gesellschaft, zu der er Kontakt finden will, von ihm fordert. Durch die hochgestochene Sprache, seinen Charme und sein Äußeres durchbricht Krull die gesellschaftliche Hierachie, indem er vom Liftboy zum Oberkellner aufsteigt und vertretungsweise die Rolle des Adligen Marquis einnimmt.

Frank William Abagnale jr.: Die Geschichte des im Jahr 1948 geborenen US-amerikanischen Hochstaplers und Scheckbetrügers wurde 2002 von Steven Spielberg als „Catch me if you can“ verfilmt. Mit Hilfe von gefälschten Qualifikationen wurde er in den 1960er und 1970er Jahren Co-Pilot von Pan Am, Arzt und Rechtsanwalt. Er hat seine Schwindelei zum Beruf gemacht: Sein Unternehmen Abagnale & Associates arbeitet heute in Sachen Scheckbetrug und Dokumentenfälschung als Berater für Banken, Fluglinien, Hotels und andere Unternehmen.

Walter Serner: Einer der Vorreiter der Hochstapler-Idee und ein typischer Unterwelt-Dandy. Der 1889 in Böhmen geborene Schriftsteller und Lebenskünstler galt als Meister der Täuschung und hat bereits 1927 mit „Letzte Lockerung“ ein „Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“, so der Untertitel, verfasst.

Christian Ehret: Der damals 29-jährige Deutsche arbeitete 14 Monate als Arzt in einer Klinik. Der Bankkaufmann fälschte Universitätsurkunden und assistierte bei 196 Operationen. 2008 flog der Schwindel auf, er wurde zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. In seinem Buch „Wahnsinn in Weiß“ erzählt er seine Geschichte.

Thomas Salme: Der Schwede flog ohne Lizenz mehr als 13 Jahre für einen Billigflieger in Europa. Mitte April 2010 wurde er zu 2000 Euro Geldstrafe und einem Jahr Flugverbot verurteilt. Sein unfallfreies fliegerisches Können galt als mildernd für das Urteil. Das Fliegen auf großen Boeing-Passagiermaschinen habe er sich selbst beigebracht, sagte Salme. Ein Techniker des Ausbildungszentrums der schwedischen Fluggesellschaft Scandinavian Airlines habe ihn nachts verbotenerweise im Simulator trainieren lassen. Fliegerische Vorkenntnisse hatte er durch den Abschluss eines Flugscheins für einmotorige Maschinen.

Christian Gerhartsreiter: Er gab sich rund drei Jahrzehnte lang als J. Clark Rockefeller aus und lebte als angeblicher Spross des Milliardärsclans in Saus und Braus. Selbst seine Ehefrau täuschte er 13 Jahre lang. Im Jahr 2008 entführte er seine siebenjährige Tochter, das FBI fasste den gebürtigen Bayern. Er wurde 2009 zu vier Jahren Haft verurteilt.

Padre Roberto: 17 Jahre lang war Roberto Coppola als selbst ernannter Priester in der Gemeinde Alliste in Apulien tätig. Bis zum Jahr 2000 hielt er nicht nur Messen, sondern zelebrierte auch Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen. Sein unchristlicher Lebensstil – er war häufig in der Disko anzutreffen – verriet ihn.

Andrea P.: Der berühmte Hochstapler Frank William Abagnale war sein Vorbild. „Ich wollte wie Frank Abagnale sein“, sagt Andrea P. Tatsächlich ist es ihm gelungen, sein Idol nachzuahmen, er hielt monatelang Passagiere und Flugpersonal zum Narren. Der Italiener war im April im Cockpit einer Maschine der Air-Dolomiti, einer Tochter der Lufthansa, von München nach Turin geflogen – als „dritter Pilot“ auf dem sogenannten Jump Seat hinter den richtigen Flugkapitänen. Er fälschte einen Pilotenausweis, ein Air-Dolomiti-Namensschild und besorgte sich eine Uniform. Vom Fliegen verstand P. wenig. Ermittler fanden in seiner Wohnung ein kleines Handbuch für Piloten. Das war alles.



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