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Heckeschneiden gegen Hemdenbügeln: Was aus den Tauschringen in der Region geworden ist

Tauschen statt kaufen

Immer samstags möchte eine 80-jährige Seniorin zum Markt, damit sie Gemüse einkaufen kann, danach geht es weiter zum Getränkemarkt. Thomas Jahnz fährt und schleppt die Einkaufstüten und die Getränkekisten. Er räumt auf dem Grundstück der Seniorin auf und mäht den Rasen. Der gelernte Industriekaufmann ist keineswegs Sozialarbeiter oder Hausmeister, sondern Mitglied des Tauschringes Schaumburg.

veröffentlicht am 06.03.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

Hans Weimann

Er selbst erhält dafür wieder vergleichbare Gegenleistungen. So nehme er als alleinerziehender Vater einer minderjährigen Tochter gerne Babysitterdienste an, lasse sich die Haare schneiden oder Socken stricken.

Abgerechnet werden diese Leistungen in einer Parallelwährung zum Euro, in „Talenten“, wobei als grobe Richtlinie gilt: eine Stunde gleich 15 Talente – letztlich, verrät Jahnz ist es aber Verhandlungssache.

Von 1995 bis 2000 wurden mit viel Enthusiasmus im ganzen Land Tauschringe ins Leben gerufen, so auch in Hameln, Holzminden, in Obernkirchen und Bückeburg.

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Den Tauschring Schaumburg gibt es seit 2002 und der hat zurzeit, verriet Jahnz um die 60 Mitglieder. Wobei Zahlen wie Mitglieder wechseln und man wissen muss, dass zu mancher Mitgliedsnummer eine ganze Familie gehört. Jahnz hat schon deshalb die Zahlen im Blick, weil er die „Talente“ abrechnet. Er ist die Buchungsstelle der Interessengemeinschaft und betreibt dafür eine regelrechte Buchführung mit Gutschriften und Abbuchungen und Kontoauszügen, die den Mitgliedern des Tauschringes zugeschickt werden.

Ware gegen Ware:

Getauscht wird nicht nur Arbeit

Es gibt allerdings bei anderen Tauschringen auch andere Modelle, wonach eine Stunde Arbeit immer gleich viel wert ist, unabhängig von der dazu notwendigen Vorbildung.

Getauscht wird dabei nicht nur Arbeit, sondern auch Ware gegen Ware oder Ware gegen Arbeit: Gretel Tersteegen aus Hohenrode strickt beispielsweise Strümpfe und ist bekannt für ihren ausgezeichneten Senf und Likör. Als Gegenleistung bekommt sie Hilfe im Garten oder beim Fensterputzen. Frei nach dem Motto, wie das ein Tauschringmitglied einmal humorvoll formuliert hat: „Wer anderen eine Grube gräbt, bekommt Klavierunterricht.“

Im Grunde sagen Jahnz und Tersteegen ist ein Tauschring nicht anderes als eine gut durchorganisierte erweiterte Nachbarschaftshilfe.

Das Kunststück dabei ist, Angebot und Nachfrage zusammen zu bekommen. Darum kümert sich Cornelia Künzel, Sozialpädagogin aus Obernkirchen, mit aktuellen Listen und dem monatlichen Heft „Dauerbrenner“. Hier werden vor allem längerfristige Projekte mitgeteilt.

Die Bandbreite ist überraschend groß: Tapezieren gegen Hilfe am Computer, Äpfelpflücken gegen Kuchen backen, Hemden bügeln gegen Abfluss in der Küche reinigen, Fußpflege gegen Coaching im Job.

Cornelia Künzel ist bekannt und hat viele Kontakte über ihre Tätigkeit bei der Volkshochschule und im Eine-Welt-Laden in Stadthagen.

Eine weitere Möglichkeit sich auszutauschen sind die regelmäßigen monatlichen Treffen der Tauschringmitglieder, die abwechselnd in Obernkirchen, Bad Nenndorf und Bückeburg stattfinden.

Im Schaumburger Tauschring gibt es viele Senioren, verständlich, denn die haben am meisten Zeit, aber auch junge Leute wie Menschen ohne Arbeit, die den Tauschring als Chance entdeckt haben, um etwas hinzuzuverdienen, nicht Bargeld, sondern eine Leistung, die nicht von Amts wegen auf ihre Unterstützung angerechnet werden kann.

Im Internet ist der Schaumburger Tauschring noch nicht angekommen. Wer im Netz unter dem Stichwort nach einem Kontakt fahndet, wird auf seltsame Seiten gelenkt, die entweder als Domain zu verkaufen sind oder für Katzenschutznetze werben. Noch ein Handicap: Es gibt keine verbindliche telefonische Kontaktnummer für mögliche Interessenten, geschweige denn eine Handynummer.

Hier kommt wieder die Tageszeitung ins Spiel, die bisher immer die Termine der regelmäßigen Treffen der Tauschringmitglieder veröffentlicht hat. Das nächste Treffen findet übrigens am Freitag, 14. März, ab 19.30 Uhr in Obernkirchen im Gymnastikraum des Sonnenbrinkbades statt.

In Hameln gibt es den Verein „SeeLe e.V.“ Im Rahmen dieses Vereins hatte Dr. Ralf Boehncke die Initiative für einen Tauschring ergriffen. Etwa zwei Jahre lang erlebte der Tauschring seine beste Zeit, inzwischen sei er „eingeschlafen“, wie Diana Reichenbach, stellvertretende Vorsitzende von „SeeLe“ das ausdrückte. Dr. Boehncke ist aus Hameln weggezogen.

„So ein Tauschring“, sagt Reichenbach, „muss gelebt werden, das hängt eben auch von den handelnden Personen ab.“ Man würde den Tauschring gerne wiederbeleben, sie sieht die Chancen dafür aber eher skeptisch.

In Schaumburg, beteuert Jahnz funktioniere der Tauschring noch ganz gut, auch wegen der regelmäßigen Treffen. Für Jahnz hat die Sache auch noch einen anderen Aspekt, den viele Mitglieder neben der Leistung, die man einkaufen kann, besonders schätzen würden: „Man lernt nette Leute kennen, man vernetzt sich, jemand kennt jemand, der etwas zu bieten hat oder etwas braucht.“

Der Tauschring Schaumburg ist nicht als Verein organisiert und das hat seinen Grund. Ein eingetragener Verein unterliegt Statuten, die er einhalten muss, beispielsweise einen Vorstand wählen, eine Tagesordnung für eine Sitzung aufstellen, ein Protokoll führen. Das sei für einen Tauschring, bei dem doch relativ häufig Mitglieder wechseln, ein zu enges Korsett findet Jahnz. Deshalb ist der Schaumburger Ring schlicht eine Interessengemeinschaft.

Ob Tauschbörse oder Internet, die Selbsthilfe außerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems, ist kein juristisches Niemandsland. Da wäre einmal die Rechnungseinheit „Talente“. Hier ist es die Notenbank, die darauf achtet, dass da keine regelrechte Zweitwährung entsteht.

Dann hat auch das Finanzamt ein Wörtchen mitzureden. Das heißt, die Tätigkeit muss geringfügig und gelegentlich sein, darf ein gewisses Maß nicht übersteigen, muss auf gewisser Gegenseitigkeit beruhen, was bei Nachbarschaftshilfe gegeben wäre, darf kein Kleingewerbe, keine Schwarzarbeit sein.

Die Idee, einen Wirtschaftskreislauf lokal zu organisieren, weg von der Geldwirtschaft, hatte der Finanztheoretiker und Ökonom Silvio Gesell schon im Jahr 1911. Doch der Mann hatte mit seiner Freihandelslehre weniger eine gut organisierte Nachbarschaftshilfe im Sinn, wie sie heute praktiziert wird, sondern eher politische Motive. Motto: Geld dürfe nur Tauschmittel sein und sei keinesfalls dazu da, es zu horten und zu vermehren.

1929 in der Wirtschaftskrise rief die Stadt Gera in Thüringen eine eigene Währung ins Leben. Arbeiter eröffneten wieder ihr Bergwerk und erhielten ihren Lohn in der Stadtwährung. Eine Währung, die bald auch örtliche Geschäfte akzeptierten. Den funktionierenden Wirtschaftskreislauf stoppte dann, wie nicht anders zu erwarten die Reichsbank im Jahr 1931 und stellte Notgeld her.

Tauschringe vermitteln den Charme von heiler Welt, doch völlig konfliktfrei ist auch diese Spielart der Ökonomie nicht, wie könnte es anders sein. Worüber niemand gerne redet, was man nur unter vorgehaltener Hand von Tauschringmitgliedern hört, sind Streitigkeiten über erbrachte Leistungen. Da gibt es Ärger, weil Absprachen nicht eingehalten werden. Und bei handwerklichen Arbeiten kommt auch manchmal die Frage der Haftung ins Spiel – die eigentlich das Bürgerliche Gesetzbuch regelt, doch welches Tauschringmitglied geht schon gegen ein anderes Tauschringmitglied vor Gericht? Auch über ideologischen Zwist findet man im Internet Debatten zwischen Realos und Ökos. In Hameln ist sogar zeitweise der Verdacht geäußert worden, Tauschringe könnten für politische Aktivitäten von rechts missbraucht werden.

Der Hamelner Tauschring existiert praktisch nicht mehr, der Schaumburger Tauschring konnte die magische Grenze von 100 Mitgliedern nie überschreiten und das bei einer Bevölkerung von rund 160 000 Bürgern im Landkreis Schaumburg.

Tauschringe fristen auch wegen des Internets

Dasein in der Nische

Warum Tauschringe trotz ihrer faszinierenden Idee heute gesellschaftlich eher ein Nischendasein führen, dafür gibt es mehrere Gründe: zum einen alternative Möglichkeiten außerhalb des regulären Wirtschaftskreislaufs, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen, wie den Klassiker „Kleinanzeige“ in der Zeitung: Schneide ihre Hecke, mähe ihren Rasen. Dann gibt es Flohmärkte und Basare, meist von Vereinen organisiert. In Supermärkten bieten an Anschlagsbrettern am Eingang Kunden nicht nur gebrauchte Möbel, Kinderwagen und Fahrräder, sondern auch Dienstleistungen an.

Doch der wichtigste Grund, warum Tauschringe keinen Boom erleben, ist das Internet mit seinen sozialen Netzwerken, die völlig andere Kommunikationsformen erlauben. Es ist das Medium der jungen Leute und die Mehrzahl der Tauschringmitglieder gehören der Generation 50 plus an.

Durch das Internet hat die grundlegende Idee, die hinter allem steht, eigene Talente auch außerhalb des Berufes zu vermarkten, eine neue Dynamik bekommen. Es lag ja auch nahe, denn im Internet wird ohnehin geteilt: Fotos, Infos, Texte, Musik. Das gilt auch für Gegenstände und ihre Anwendung: Man muss bestimme Dinge nicht mehr direkt besitzen, um sie nutzen zu können.

Und soziale Netzwerke beschleunigen die Kommunikation, jeder hat immer Zugriff auf jede Information. Die Breitenwirkung ist enorm, die Plattformen sind professionell. Da entwickeln sich immer weiter neue Ideen: Man bearbeitet und erntet gemeinsam auf einer Gartenparzelle, man mistet den Kleiderschrank aus organisiert über das Internet eine „swap-Party“ (swap gleich tauschen). Statt im Hotel oder der Jugendherberge nächtigt man über das Wochenende auf einer privaten Couch, die man ebenfalls im Internet findet (nur ein Beispiel: „Airbnb“). Und es gibt längst private Tauschringe für Werkzeug wie für Autos, Tauschringe, die weiter greifen, als es regionale Tauschringe herkömmlicher Art könnten.

Noch ein Aspekt: Die etablierte Wirtschaft schaut dem Treiben nicht immer mit Begeisterung zu und entwickelt inzwischen eigene Initiativen.

Tapezieren gegen Hilfe am Computer, Äpfelpflücken gegen Kuchenbacken – ein Tauschring ist Selbsthilfe außerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems. Vor vielen Jahren wurden in der Region etliche Tauschbörsen ins Leben gerufen. Ein Boom ist jedoch nie entstanden. Warum nicht?



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