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Wie aus dem „Paradiesbaum“ der „Weihnachtsbaum“ wurde

Tannenbaum-Religion

Es gab eine Zeit, da hieß der Weihnachtsbaum, der am 24. Dezember in der Kirche stand, noch „Paradiesbaum“. Auch damals war er eine Tanne oder ein anderes immergrünes Gewächs, geschmückt mit roten Äpfeln. Doch warum hing an seiner Spitze eine Dornenkrone? Und was hatte ein Schwämmchen zwischen den Zweigen zu bedeuten?

veröffentlicht am 22.12.2017 um 15:18 Uhr

Die Marktkirchen-Gemeinde in Hameln hat ihren Altar mit zwei Bäumen geschmückt. Foto: Dana
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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„Nun, der Paradiesbaum war sicher ein Vorläufer des späteren Weihnachtsbaumes“, sagt dazu der katholische Theologe Hans-Georg Spangenberger aus Hameln. „Aber er spielte eine ganz andere Rolle, von der man in evangelischen Gegenden kaum etwas weiß.“ Der Paradiesbaum, so schön sein Name auch klingt, wurde im Mittelalter nicht zur Freude der Kirchenbesucher aufgestellt, im Gegenteil. Er sollte sie demütig machen und daran erinnern, warum Christus in die Welt kam und schließlich am Kreuz sterben musste: Wegen der allerersten Sünde nämlich, die den Menschen von Gott entfremdete und zur Vertreibung aus dem Paradies führte, dem Naschen von den verbotenen Früchten am „Baum der Erkenntnis“.

Deshalb also die Äpfel am Paradiesbaum, deshalb die Dornenkrone, mit der Christus am Kreuz gemartert wurde, und das Schwämmchen, als Anspielung auf den mit Essig getränkten Schwamm, den die römischen Soldaten höhnisch dem Durstigen reichten. Am 24. Dezember trug man den Baum in die Kirche, zu einem „Paradiesspiel“, im Laufe dessen eine „verbotene Frucht“ gepflückt wurde. Das führte den Gläubigen vor Augen, wie sündig und wie erlösungsbedürftig sie sind. Erst danach folgte das traditionelle Krippenspiel, erst auf dieser Grundlage durfte man sich freuen über die Geburt des Kindes, das dieser Erlöser werden sollte.

Schon damals allerdings deutete sich an, dass aus dem „Paradiesbaum“ mal ein „Gabenbaum“ werden würde. „Im Laufe der Zeit wurde der Baum immer hübscher mit ‚paradiesischen‘ Früchten geschmückt“, so Spangenberger, „auch mit Nüssen, die man in Silber- und Goldpapier einwickelte und aus denen sich später die Christbaumkugeln entwickelten.“ Diese guten Gaben sollten natürlich nicht einfach verschwendet werden, und so durften die Kinder schließlich den Baum „abblümeln“, allerdings erst am 6. Januar, dem Ende der kirchlichen Weihnachtszeit.

Nach der Reformation aber war überall da, wo sich die Lutheraner durchgesetzt hatten, Schluss mit Paradies- und Krippenspiel. Im Elsass und in Hessen ging man soweit, den einstigen Paradiesbaum aus dem kirchlichen Umfeld herauszulösen, und ihn zum Mittelpunkt der Weihnachtsfeier von Zünften und Gilden zu machen. Die Zunftmeister beschenkten dabei die Kinder der Zunftgenossen mit Süßigkeiten, die, ganz und gar nicht verboten, am Baum hingen. Diese Idee kam so gut an, dass sie sich immer weiter verbreitete, und um 1600 angeblich sogar ein Weihnachtsbaum im evangelischen Straßburger Münster aufgestellt wurde.

Die Katholiken fanden das ganz und gar nicht gut. Diese Entweihung des Paradiesbaumes führte dazu, dass sie sich verstärkt auf das Krippenspiel konzentrierten, das nun als Ausweis des Katholischen galt, während sie den Protestantismus noch bis Ende des 19. Jahrhunderts verächtlich als „Tannenbaum-Religion“ abtaten. Spangenberger schreibt darüber in seinem Buch „So fern und doch so nah“. Die Lutheraner dagegen hielten sich zunächst bei Krippenspiel und dem Aufbau von Krippen in ihren Wohnzimmern zurück, um nur nichts mit der katholischen Heiligenverehrung zu tun zu haben.

Nun sind aber beide, die Krippe mit ihren geschnitzten Figuren und der fröhliche Weihnachtsbaum, etwas so Verführerisches, dass sie allmählich wieder zusammenfanden, sowohl bei den Lutheranern, als auch bei den Katholiken. Bei Letzteren dauerte das zwar etwas länger. „Zuhause mit der Familie Weihnachten unterm Tannenbaum zu feiern und dabei eine Krippe aufzustellen, das lag den Lutheranern ja allein schon deshalb, weil Martin Luther von jeher Hausandachten befürwortet hatte“, so Spangenberger. Die Katholiken mussten da über ihren eigenen Schatten springen, spielte doch bei allen kirchlichen Dingen die Kirche als heiliger Ort, und der Priester als Vermittler zwischen Gott und Mensch eine entscheidende Rolle.

Noch wieder anders sieht es in der „evangelisch-reformierten“ Kirche aus, die sich auf den gestrengen Johannes Calvin bezieht. In ihren grundsätzlich schmucklosen Kirchenräumen, in denen es weder Bilder, noch Blumen oder Kerzen geben sollte, hatte ein bunter Weihnachtsbaum gar nichts zu suchen. „Weihnachtsbäume wurden in den reformierten Hochburgen, etwa Ostfriesland, bis in die 1980er Jahre komplett abgelehnt“, sagt Präses Heiko Buitkamp von der Rintelner reformierten Jakobi-Kirche. Und danach erlaubte man ihn auf Drängen der Gemeinde zwar für den frühen Kinderweihnachtsgottesdienst, nur um ihn dann vor dem Erwachsenengottesdienst eilig wieder rauszutragen.

Eigentlich könne man sich wundern, dass der Weihnachtsbaum so schnell von den Lutheranern akzeptiert wurde, meint dazu Andreas Kühne-Glaser, Superintendent im evangelischen Kirchenkreis Grafschaft Schaumburg. „Dass immergrüne Bäume die Menschen so faszinieren, entstammt einem magischen Denken“, sagt er. „Tannenbäume, auch die Misteln, sollten böse Geister und dunkle Mächte abhalten, die die lichtlose Jahreszeit nutzen, um die Menschen zu bedrohen.“

Man hätte den Weihnachtsbaum als heidnisches Beiwerk verurteilen können. Aber zur Volksfrömmigkeit gehöre eben immer auch ein bisschen Aberglaube, so Kühne-Glaser. Selbst die in dieser Hinsicht noch strengeren Katholiken kamen nicht dagegen an und stellten im Jahr 1982 erstmals einen Weihnachtsbaum auf dem Petersplatz in Rom auf. „Der Tannenbaum als Zeichen der Hoffnung auf das wiederkehrende Licht war nie totzukriegen“, sagt Kühne-Glaser.

Auch der Hildesheimer Theologe und Leiter des „Instituts für Liturgie und Alltagskultur“ Guido Fuchs schreibt in seinem gerade erschienenen Buch „Heiligabend“ davon, wie sich die beiden christlichen Kirchen mit der Feier des Weihnachtsfestes nach und nach aufeinander zu bewegten. Nicht nur gäbe es hinsichtlich der Liebe zu Krippe und Baum kaum noch Unterschiede, auch die Art der Gottesdienste hätte sich angeglichen.

So feiern die Katholiken längst nicht mehr erst am 25. Dezember, dem eigentlichen Geburtstag des Christus-Kindes, das Weihnachten, sondern ebenfalls bereits am 24. Dezember. Die evangelischen Kirchen haben im Gegenzug schon lange Freude an nächtlichen Weihnachtsgottesdiensten, die ursprünglich stattfanden, um quasi in den Christus-Geburtstag hineinzufeiern. In diesem Sinne sind beide Kirchen zur „Tannenbaum-Religion“ geworden.

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