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Tango ist wie ein Kuss – oder Schuhekaufen

Tango ist nicht gleich Tango. Das Klischee vom Hut tragenden Mann mit Rose im Mund und den ruckartigen Kopfbewegungen trifft vielleicht noch auf den Standardtango zu. Nicht aber auf den Tango Argentino, der im 19. Jahrhundert in Argentinien entstand und zunehmend auch in deutschen Tanzschulen angeboten wird. Beim Tango Argentino geht es vor allem um Improvisation – bei der der Mann den Ton angibt.

veröffentlicht am 28.09.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:27 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Samstagabend in der Hamelner Tanzschule Ionela Petre im Ostertorwall 43. Das Licht ist gedämmt, aus den Lautsprechern dringt melancholische Tangomusik. Laut genug, um dazu zu tanzen, leise genug, um sich noch unterhalten zu können. Die Musik, die tanzenden Paare, die auf der Tanzfläche ihre Kreise ziehen, die einzelnen Schritte, die über den Boden streifenden Schuhe, ergeben eine anmutige Geräuschkulisse. Die ursprünglich von Ulrich Leveke ins Leben gerufene Hamelner Interessengemeinschaft „Tango Argentino in Hameln“ hat zur Milonga geladen.

Milonga – so heißen die Tanzabende, an denen ausschließlich Tango Argentino getanzt wird. Normalerweise. Die Hamelner Tangueros sehen das etwas lockerer, zumindest heute Abend. Getanzt wird nicht nur Tango, sondern auch Salsa, Rumba und Cha-Cha.

Und wenn Tango getanzt wird – dann ganz sicher ohne die klischeehaften ruckartigen Kopfbewegungen samt Rose im Mund. Im Unterschied zum weitverbreiteten Standardtango wird hier eben Tango Argentino getanzt, die ursprüngliche Form des Tango Argentiniens und Uruguays – und die hat wenig mit dem Standardtango gemein. Der Tango Argentino ist weit weniger stark reglementiert, es gibt ein paar Grundfiguren, an die man sich halten muss – der Rest wird improvisiert. Der Mann führt, die Frau folgt.

Milonga in der Tanzschule Ionela Petre in Hameln.

Zwar hält auch der Tango Argentino seit einigen Jahren immer stärker Einzug in den Tanzschulen, doch die Tanzgelegenheiten für Tangueros sind noch verhältnismäßig rar. Für eine Milonga nehmen die Tänzer teilweise weite Strecken auf sich – was sich auf eine Milonga durchaus positiv auswirken kann: „Unsere Gäste heute Abend kommen aus Hamburg, Hannover, Wolfsburg, Braunschweig, Stadthagen, Minden und natürlich Hameln“, sagt Andreas Semmler von „Tango Argentino in Hameln“.

Wenn man einmal mit Tango anfängt, kann man nicht mehr aufhören – das sagen alle nach ihrer Begeisterung befragten Tangueros. „Die Musik, der Tanz mit immer anderen Schrittfolgen… Das sieht toll aus und fühlt sich gut an“, sagt Renate Frank aus Minden. Und ihr Tanzpartner Volker Loeber: „Wir tanzen erst seit zehn Monaten Tango Argentino. Wir haben zwar schon vorher Standardtänze getanzt, aber beim Tango Argentino ist eben kein Schritt wie der andere. Man kann ihn nicht mit anderen Tänzen vergleichen. Man braucht erst mal eine gewisse Würde, ein gewisses Können, anders als beim Foxtrott.“

Birgit Guse aus Emmerthal hat im Herbst letzten Jahres im Urlaub auf Kreta zum ersten Mal an einem Tangokurs teilgenommen – „und seitdem bin ich völlig infiziert“. In der Zwischenzeit hat sie in Hannover Unterricht genommen und versucht mindestens alle 14 Tage eine Milonga zu besuchen. Leider ohne ihren Mann, den sie bislang nicht zum Tango-Tanz habe bewegen können.

Heute Abend ist sie mit einem Bekannten aus Hannover, der selbst Tango unterrichtet, im Ostertorwall. Ulrich Ochmann tanzt seit zwölf Jahren den Tango Argentino. Während der Expo lernte er die Argentinier Germán Cassano und Liliana Espinosa kennen – durch sie kam er zum Tango.

Espinosa und Cassano sind Profitänzer, ausgebildet im Casa del Tango im argentinischen La Plata, eine Tango-Akademie. Im Jahr 2000 waren sie von der argentinischen Regierung nach Hannover gesandt worden, um auf der Expo den argentinischen Tango, den Tango Argentino, zu repräsentieren. Es gefiel ihnen in Hannover, sie beantragten ein Visum, um ein Jahr als Tangotänzer in Deutschland zu arbeiten. Inzwischen haben sich die beiden in Deutschland als professionelle Tangotänzer und -lehrer etabliert, geben Tanzkurse und tanzen Shows – so wie heute Abend im Ostertorwall.

Unter Applaus betreten Cassano und Espinosa die Tanzfläche. Er ernst, streng blickend, in einem weiten schwarzem Anzug, sie, lächelnd, in hautengem blauen Kleid. Die Stimme des berühmten Tangosängers und -Komponisten Carlos Gardel (1887-1935) erklingt, los geht’s. Die Gäste sehen staunend zu, quittieren einen Sprung sowie eine „volcada“ mit zusätzlichem Beifall.

Einmal rutscht Espinosa aus. Sie lächelt den Patzer verlegen weg, während sich Cassanos Gesicht geradezu leidend verzieht. „Der Boden ist leider sehr glatt“, entschuldigt er nach dem Tanz. Die beiden führen einen weiteren Tanz vor, für den sich Espinosa extra die Schuhe auszieht, um rutschfest zu sein. Sie verlassen die Tanzfläche, wie sie sie betreten haben: mit lang anhaltendem Applaus.

Am darauf folgenden Abend – Espinosa und Cassano haben im Breckehof in Hameln gerade die Hamelner Tangueros unterrichtet – beschreibt Espinosa, wie sie die Tänze am Abend zuvor empfand. „Ich habe noch ganz lange etwas davon gehabt“, schwärmt sie. „Die Verbindung zu meinem Mann war so stark, ich habe mich gefühlt wie im Himmel. Das war wie ein schöner Kuss oder Schokolade…“ – „Oder Schuhe kaufen“, ergänzt Cassano scherzhaft. Und wie war es für ihn? „Mein Mann hat etwas anderes empfunden“, sagt Espinosa lachend.

„Tango ist für mich etwas sehr Wertvolles, und wenn etwas nicht klappt, dann bin ich nicht zufrieden. Ich tanze nie nur für die Zuschauer, sondern immer auch für mich“, erklärt Cassano.

Tango – „das ist eine Philosophie, eine Lebensform, ein Ausdruck des argentinischen Volkes“, meint Espinosa. Außerdem sei es gut für das Herz, merkt Cassano an. „Das haben Ärzte herausgefunden“, sagt er. „Tango ist ein Gefühl. Wir spielen dabei keine Rolle, sondern uns selbst.“ Konkret bedeute das: Männer und Frauen müssen den konventionellen Geschlechterrollen entsprechen. „Die Frau muss die Rolle der Frau spielen. Und in dieser Rolle ist es nicht ihre Aufgabe, Entscheidungen zu treffen.“

Das seien zwar auch Klischees, räumt er ein. „In Deutschland sind die Frauen stärker als in Argentinien…“ Espinosa protestiert: „Hey, wir haben eine Präsidentin in Argentinien!“ Aber im Tango gelte eben: Der Mann führt, gibt die Impulse, die Frau muss folgen. „Beim Tango kann die Frau nicht machen, was sie will, sonst kann der Mann nicht improvisieren“, sagt Cassano – und seine Frau wendet lachend ein: „Dann muss der Mann eben lernen, der Frau zu folgen!“

Tatsächlich gibt es inzwischen auch Queer-Tango, in dem die traditionellen Geschlechterrollen ignoriert werden und auch gleichgeschlechtliche Tanzpaare möglich sind.

Wer Tango Argentino lernen will, der müsse sich von den Standardtänzen, den durchgezählten Schritten verabschieden. Die in Deutschland vorherrschenden Standardtänze führten dazu, dass den Schülern diese Grundschritte erst einmal abgewöhnt werden müssen, bevor sie Tango Argentino lernen können.

Aber am Ende soll Tango einfach Spaß machen. „Es geht um Spaß und Kommunikation“, sagt Cassano. Gleichzeitig ist es eben „mehr als nur auf der Tanzfläche zurechtzukommen“, wirft Andreas Semmler ein.

Auch Tanguero Guido Ronge aus Stadthagen hält nicht viel von starren Schrittfolgen. „Standardtänze kann ich zum Beispiel gar nicht“, sagt er. Der Schaumburger hat vor fünf Jahren gemeinsam mit seiner Frau mit Tango Argentino angefangen. „Das Schöne ist, das Tango im Grunde zu jeder Musik tanzbar ist.“ Inzwischen lädt er gemeinsam mit einem Freund einmal monatlich zur Milonga in die Alte Polizei in Stadthagen.

Das Ziel von Espinosa und Cassano ist es, den Tango Argentino in Deutschland noch bekannter zu machen und mehr Menschen für das Tangotanzen zu begeistern. Daran ist freilich auch Andreas Semmler von „Tango Argentino in Hameln“ und Guido Ronge aus Stadthagen gelegen: „Wir freuen uns immer über neue Gesichter!“

Kontakt: www.tango-hameln.de und www.altepolizei.de.



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