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Jeder kennt es – keiner gibt zu, es anzusenden: „Roundup“ / Auch Wissenschaft nicht einig über Schädlichkeit

Tabu – aber Verkaufsschlager

Dieses Bild gibt es kaum noch zu sehen: Kinder und Erwachsene gehen mit einer Hacke bewaffnet nebeneinander über die Felder, um Unkraut zu hacken, zum Beispiel zwischen den Zuckerrüben. Das war eine mühevolle Arbeit, zu der einst die ganze Landwirtsfamilie und möglichst auch noch Freunde und Bekannte herangezogen wurden, denen abends dann Rücken und Hände wehtaten.

veröffentlicht am 30.04.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:27 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Seit im Jahr 1970 aber das amerikanische Unternehmen Monsanto das Unkrautvernichtungsmittel Roundup patentieren ließ, haben Unkraut, aber auch Wildkräuter auf den Äckern kaum noch eine Chance. Noch vor der eigentlichen Aussaat vernichtet das Mittel alles störende Grün – eine ungeheure Arbeitserleichterung, könnte man meinen.

Hinzu kommt, dass Roundup ein zugelassenes Mittel ist, das vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit als toxikologisch weitgehend unbedenklich eingestuft wird. Auch viele Hobbygärtner lieben Roundup bis heute. Ein Sprühstoß auf den Löwenzahn, und die Pflanze vertrocknet innerhalb kürzester Zeit, ebenso wie aller andere Bewuchs, der mit dem Gift in Berührung kommt.

Gerade wurde eine neue Variante des Mittels auf den Markt gebracht, mit dem man sogar dem eigentlich fast unverwüstlichen Giersch, Plage aller Gartenbeete, zu Leibe rücken kann. In jedem Baumarkt findet man Roundup und verwandte Pflanzengifte handlich portioniert in den Regalen. Sollte es tatsächlich eine Unkrautvernichtung ohne böse Nebenwirkungen geben?

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  • Ein Gärtner versprüht ein Herbizid: Im Falle von Roundup vertrocknet die Pflanze innerhalb kürzester Zeit. Fotolia

Zunächst: Die Wirkungsweise von Roundup ist faszinierend. Der Wirkstoff Glyphosat, den es enthält, blockiert ein für das pflanzliche Überleben unverzichtbares Enzym. Glyphosat wird nur von den bereits grünenden Pflanzenteilen aufgenommen, die es dann in die Wurzel transportieren, sodass die Pflanze verdorren muss. Samen, der im Boden liegt, wird nicht geschädigt, das Mittel wird relativ schnell abgebaut und es gilt als ungefährlich für Mensch und Tier (einige Amphibien ausgenommen), da das zu blockierende Enzym in ihren Körpern nicht existiert.

Weltweit werden pro Jahr über eine Million Tonnen Glyphosat versprüht, auch in Deutschland ist Roundup das meistverkaufte Mittel zur Vernichtung von Unkraut.

„Tatsächlich ist unsere Landwirtschaft ohne den Einsatz von Glyphosat kaum vorstellbar“, sagt auch Uwe Baumert, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen im Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und zuständig vor allem für die Problematiken des flächendeckenden Maisanbaus. „Das bedeutet aber leider nicht, Roundup und Konsorten einzusetzen, wäre unproblematisch.“

Hieß es zunächst jahrelang, von Roundup ginge keinerlei Umweltschädigung aus, gab Monsanto später selbst das Ergebnis einer Studie bekannt, aus der hervorging, dass das Mittel nicht in Gewässer gelangen darf, da es lebensgefährlich ist für Kaulquappen und andere Amphibien. Weitere neue Studien, die allerdings kontrovers diskutiert werden, warnen davor, dass auch Menschen durch die Aufnahme von Glyphosat geschädigt werden können.

Da die Nutzungserlaubnis aller Pestizide zeitlich befristet ist, steht im nächsten Jahr für Roundup ein Sicherheitscheck an. Dabei sind Deutschland und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sowie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) federführend. Über 900 wissenschaftliche Artikel und Datensätze bilden die Grundlage für diese Neubewertung. „Die Ergebnisse sind aber widersprüchlich“, betont Uwe Baumert. „Außerdem stammen 90 Prozent aller Studien von Monsanto selbst. Viele Institute übernehmen keine Aufträge, durch die sie sich mit dem weltgrößten Konzern rund um Saatgut und Pflanzenschutz anlegen müssten.“

In Amerika machte Anfang April eine unabhängige Studie darauf aufmerksam, dass sich Glyphosat in der Muttermilch amerikanischer Frauen nachweisen lässt, in einer Dosis, die vieltausendfach höher liegt als die für das Trinkwasser vorgeschriebene Höchstdosis. Ob das schädliche Auswirkungen auf den Nachwuchs hat, lässt sich nicht sagen. Bedenklich allerdings ist in den Augen von Roundup-Kritikern, dass man bisher davon ausging, Glyphosat würde sich gar nicht im menschlichen Körper anreichern. „Wir wissen zu wenig über die Konsequenzen des Einsatzes von Roundup“, so Uwe Baumert. „Was heute noch harmlos erscheinen mag, kann morgen schon eine echte Gefährdung bedeuten.“

Als der heutige Landwirtschaftsminister Niedersachsens, Christian Meyer, als Abgeordneter im Landtag vor zwei Jahren in einer kleinen Anfrage die Gefahren von Glyphosat speziell in Niedersachsen zur Sprache brachte, lautete die Antwort aus dem Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, dass die Verwendung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat in Niedersachsen keinen Grund zur Besorgnis abgäbe. „Glyphosat wird bei der Beurteilung der-

zeitig als wenig wassergefährdend und als umweltverträglich eingestuft“, heißt es dort. Die Verwendung in nicht-europäischen Ländern, zumal dort, wo es im Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Pflanzen eingesetzt werde, lasse sich nicht mit derjenigen in Deutschland vergleichen. Hier gäbe es strenge Auflagen und regelmäßige Untersuchungen von Gewässern, Futter- und Lebensmitteln.

Allerdings wurden an Messstellungen von Oberflächenwasser und Grundwasser durchaus Glyphosat und andere Zusatzstoffe von Roundup festgestellt, in den allermeisten Fällen zwar unterhalb der zugelassenen Höchstwerte, doch so, dass Niedersachsen zusammen mit Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz nicht nur die in der Landwirtschaft häufig übliche Praxis, vor der Ernte die nicht nutzbaren Pflanzenblätter durch Glyphosat zum Absterben zu bringen, verbieten, sondern auch ein bundesweites Anwendungsverbot von Glyphosat im Haus- und Kleingarten in der Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung verankern lassen wollen.

Anders als so mancher Hobbygärtner und Hausbesitzer meint, ist der Einsatz des allseits beliebten Roundup auch jetzt schon großenteils verboten. Bürgersteige, Gehwege, Hofflächen und Zufahrten dürfen keinesfalls mit Herbizid-Hilfe von Unkraut befreit werden, so unschön das Grün zwischen Steinen und Beton erscheinen mag.

Der Einsatz von Glyphosat ist überall da streng untersagt, wo diese Mittel nicht im Boden versickern und biologisch abgebaut werden können und stattdessen in der Kanalisation landen. Einzig Kommunen und Firmen könnten in gut begründeten Ausnahmefällen eine Sondererlaubnis erhalten, die bei der Landwirtschaftskammer beantragt werden muss.

Kleingärtner, die ihr Hobby wirklich ernst nehmen, würden sowieso keine Unkrautvernichtungsmittel einsetzen. Das sagt die Hamelnerin Renate Eccles vom Bezirksverband der Kleingärtner und selbst aktiv im Kleingartenverein Ohrberg. „Nicht nur wir, die meisten Kleingartenvereine untersagen das in ihren Satzungen: Roundup ist bei uns tabu!“ Trotzdem wird sie nicht müde, in allerlei Vorträgen zum Thema für Aufklärung unter Hobbygärtnern zu sorgen. „Natürlich guckt man bei gewissen schwarzen Schafen über den Zaun und fragt sich, mit welchen Mittelchen wohl gearbeitet wurde, dass so gar keine Wildkräuter im Garten zu sehen sind. Direkt verhindern kann man nicht, dass die Gartenordnung hier und da umgangen wird. Aber je mehr die Leute über die problematischen Folgen vom Roundup-Einsatz bescheid wissen, desto größer sind die Chancen, dass sie darauf verzichten.

Und was wären die Alternativen? Bei dieser Frage kann Renate Eccles nur lachen. „Nun, auf die Knie gehen und zupfen“, sagt sie. „So ist das nun mal, wenn man einen geordneten, ökologisch ausgerichteten Garten und unkrautfreie Wege haben will.“

Ein paar gute Tipps, wie man sich die Arbeit erleichtern kann, weiß sie selbstverständlich auch: Löwenzahn gleich mit der Wurzel ausstechen („aber erst nach der Blüte, damit die Insekten noch was davon haben“); Terrassenflächen mit einem harten Besen reinigen, der junges Gras gleich mit herausreißt; auch siedendes Wasser, wenn es nebenbei beim Kochen anfällt, eignet sich, um den Pflanzen zwischen Steinfugen den Garaus zu machen. „Alles in allem aber: Was wär denn der Kleingarten ohne die Gartenarbeit? Die Freude entsteht doch auch dadurch, dass etwas durch mich und meine Fürsorge so richtig schön und gut geworden ist.“

Wo nun „Unkraut“ – Renate Eccles spricht immer von „Wildkräutern“ – sich doch seinen Raum erobert hat, gibt es einen Trost: „Bienen, Hummeln, Schwebwespen, sie alle brauchen und lieben auch Gärten, in denen es nicht allzu aufgeräumt zugeht.“

„Da kippst du einfach ein bisschen Roundup drauf“ – welcher Hobbygärtner hat das nicht schon einmal gehört? In Deutschland ist Roundup das meistverkaufte Mittel zur Vernichtung von Unkraut. Dass das Herbizid auch die Natur, Tiere und Menschen stark schädigt, ist heiß umstritten. Auch wissenschaftliche Studien liegen im Widerspruch.



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